Disputation über den Menschen (Disputatio de homine, 14.1.1536)
Von Martin Luther
- Die Philosophie, [das ist] die menschliche Weisheit, definiert den Menschen als vernunftbegabtes, mit Sinnen und Körperlichkeit ausgestattetes Lebewesen (animal rationale, sensitivum, corporeum).
- Nun bedarf es jetzt nicht der Erörterung, ob der Mensch im eigentlichen oder uneigentlichen Sinne als »Lebewesen« (animal) bezeichnet wird.
- Aber man muss wissen: Diese Definition bestimmt nur den sterblichen und irdischen Menschen (mortalis et huius vitae homo).
- Und in der Tat ist es wahr, dass die Vernunft (ratio) die Hauptsache von allem ist, das Beste im Vergleich mit den übrigen Dingen dieses Lebens und (geradezu) etwas Göttliches.
- Sie ist Erfinderin und Lenkerin aller [freien] Künste, der medizinischen Wissenschaft, der Jurisprudenz und all dessen, was in diesem Leben an Weisheit, Macht, Tüchtigkeit und Herrlichkeit von Menschen besessen wird.
- So muss sie mit Recht als Wesensunterschied bezeichnet werden, durch den der Mensch [als Mensch] im Unterschied zu den Tieren und den sonstigen Dingen bestimmt wird.
- Auch die Heilige Schrift hat sie zu solcher Herrin über die Erde, über Vögel, Fische und Vieh eingesetzt mit dem Gebot: »Herrschet usw.!« [Gen 1,28].
- Das heißt, sie soll eine Sonne und eine Art göttliche Macht sein, in diesem Leben dazu eingesetzt, [all] diese Dinge zu verwalten.
- Und selbst nach Adams Fall hat Gott der Vernunft diese Hoheit nicht genommen, sondern vielmehr bekräftigt (confirmavit).
- Gleichwohl, dass sie solche Majestät sei ist, weiß doch eben diese Vernunft selbst nicht durch Kenntnis der Ursache (a priore), sondern nur durch Rückschluss aus den Wirkungen (a posteriore).
- Vergleicht man deshalb die Philosophie oder die Vernunft selbst mit der Theologie, so wird sich zeigen, dass wir über den Menschen nahezu nichts wissen.
- Scheinen wir doch kaum seine stoffliche Ursache (materialis causa) hinreichend wahrzunehmen.
- Kennt doch die Philosophie ohne Zweifel nicht die wirkende Ursache (causa efficiens) und entsprechend auch nicht die Zweckursache (causa finalis).
- Als Zweckursache setzt sie nämlich nichts anderes als irdische Wohlfahrt (pax huius vitae); und sie weiß nicht, dass die wirkende Ursache Gott der Schöpfer ist.
- Über die gestaltende Ursache (formalis causa) aber, als welche man die Seele bezeichnet, wurde nie und wird nie unter Philosophen Einigkeit erzielt.
- Denn damit, dass Aristoteles sie als erste Betätigung (actus primus) eines Körpers, der das Vermögen zu leben hat [als Prinzip des lebendigen Körpers] definiert, wollte er ja Dozenten und Studenten zum Besten haben (illudere voluit).
- Es besteht auch keine Aussicht, dass der Mensch vornehmlich in diesem Teil sich seinem Wesen nach erkennen könne, solange er sich nicht in der Quelle selbst, welche Gott ist, wahrgenommen hat.
- Und was jämmerlich ist: Nicht einmal über seinen Entschluss (suum consilium) oder seine Gedanken kann er voll und zuverlässig verfügen, sondern ist darin dem Zufall und der Nichtigkeit unterworfen.
- Jedoch wie dieses Leben ist, so sind sowohl die Definitionen als auch die Erkenntnisse der Menschen, nämlich dürftig, schlüpfrig und allzu sehr an der Stofflichkeit orientiert (nimio materialis).
- Die Theologie hingegen definiert aus der Fülle ihrer Weisheit den ganzen und vollkommenen Menschen.
- Nämlich: Der Mensch ist Gottes Geschöpf aus Fleisch und lebendiger Seele (anima spirans) bestehend, von Anbeginn zum Bilde (ad imaginem) Gottes gemacht [Gen 1,27] ohne Sünde, mit der Bestimmung, Nachkommenschaft zu zeugen und über die Dinge zu herrschen und niemals zu sterben;
- das aber nach Adams Fall der Macht des Teufels unterworfen ist, nämlich der Sünde und dem Tode – beides Übel, die durch seine Kräfte nicht zu überwinden und ewig sind;
- und das nur durch den Sohn Gottes Jesus Christus zu befreien ist (sofern es an ihn glaubt) und mit der Ewigkeit des Lebens zu beschenken.
- Unter diesen Umständen befindet sich jene allerschönste und allerheiligste Sache, welche [in voller Größe] die Vernunft [auch] nach dem Sündenfall geblieben ist, dennoch – so ergibt sich schlüssig – unter der Macht des Teufels.
- Folglich ist und bleibt der Mensch dennoch ganz und ausnahmslos – er sei König, Herr, Knecht, weise, gerecht und durch welche Güter dieses Lebens [auch immer] er sich hervortun kann – der Sünde und dem Tod verhaftet, weil unter der Herrschaft des Teufels.
- Wer darum sagt, die natürlichen Kräfte [des Menschen] seien nach dem Fall unversehrt geblieben, philosophiert gottlos wider die Theologie.
- Ebenso wer sagt, der Mensch könne sich dadurch, dass er tut, was in seinen Kräften ist (faciendo quod in se est), Gottes Gnade und das Leben verdienen.
- Desgleichen wer Aristoteles (der vom Menschen in theologischer Hinsicht [de homine theologico] keine Ahnung hat) anführt, nämlich [dahingehend] dass die Vernunft ihr Sehnen auf das Beste richte.
- Desgleichen dass im Menschen »das über uns als Prägezeichen gesetzte Licht von Gottes Angesicht« [Ps 4,7b] sei, das heißt, freies Entscheidungsvermögen (liberum arbitrium) zur Hervorbringung der rechten Weisung und des guten Willens.
- Desgleichen, dass es in der Verfügung des Menschen stehe, zwischen Gut und Böse oder Leben und Tod usw. zu wählen.
- Alle, die solches behaupten, verstehen nicht, was der Mensch ist, noch wissen sie, wovon sie reden.
- Paulus fasst in Röm 3[,24]: »Wir erachten, dass der Mensch durch Glauben unter Absehen von den Werken gerechtfertigt wird« in Kürze die Definition des Menschen dahin zusammen, dass der Mensch durch Glauben gerechtfertigt werde.
- Wer [vom Menschen] sagt, er müsse gerechtfertigt werden, der behauptet gewiss, dass er Sünder und Ungerechter sei und deshalb vor Gott (coram Deo) schuldig, jedoch durch Gnade zu retten.
- Und [dabei] versteht er [Paulus] »Mensch« unbegrenzt, das heißt, allgemein, um die ganze Welt, oder was immer »Mensch« genannt wird, unter der Sünde zusammenzufassen.
- So ist denn der Mensch dieses [irdischen] Lebens Gottes bloßer Stoff zum Leben in seiner künftigen Gestalt (pura materia Dei ad futurae formae suae vitam).
- Wie auch die Kreatur überhaupt, die jetzt der Nichtigkeit unterworfen ist, für Gott der Stoff zu ihrer herrlichen künftigen Gestalt ist.
- Und wie sich Erde und Himmel im Anfang (in principio) zu der nach sechs Tagen vollendeten Gestalt verhielten, nämlich als deren Stoff,
- so verhält sich der Mensch in diesem Leben zu seiner zukünftigen Gestalt, wenn er als Ebenbild Gottes wiederhergestellt und vollendet sein wird.
- Bis dahin befindet sich der Mensch in Sünden und wird tagtäglich entweder gerechtfertigt oder [immer] mehr verunstaltet.
- Deshalb hält Paulus diese Reiche der Vernunft nicht einmal für wert, sie »Welt« zu nennen, sondern bezeichnet sie lieber als »Schemen der Welt (schema mundi)« [vgl. 1.Kor 7,31].
Disputatio D. Martini Lutheri: De homine.
- Philosophia, sapientia humana, definit hominem esse animal rationale, sensitivum, corporeum.
- Neque disputare nunc necesse est, an proprie vel improprie homo vocetur animal.
- Sed hoc sciendum est, quod haec definitio tantum mortalem et huius vitae hominem definit.
- Et sane verum est, quod ratio omnium rerum res et caput et prae ceteris rebus huius vitae optimum et divinum quiddam sit.
- Quae est inventrix et gubernatrix omnium artium, medicinarum, iurium, et quidquid in hac vita sapientiae, potentiae, virtutis et gloriae ab hominibus possidetur.
- Ut hinc merito ipsa vocari debeat differentia essentialis, qua constituatur homo differre ab animalibus et rebus aliis.
- Quam et scriptura sancta constituit talem dominam super terram, volucres, pisces, pecora, dicens: Dominamini etc.
- Hoc est, ut sit sol et numen quoddam ad has res administrandas in hac vita positum.
- Nec eam maiestatem Deus post lapsum Adae ademit rationi sed potius confirmavit.
- Tamen talem sese maiestatem esse, nec ea ipsa ratio novit a priore, sed tantum a posteriore.
- Ideo si comparetur philosophia seu ratio ipsa ad theologiam, apparebit nos de homine paene nihil scire.
- Ut qui vix materialem eius causam videamur satis videre.
- Nam philosophia efficientem certe non novit, similiter nec finalem.
- Quia finalem nullam ponit aliam quam pacem huius vitae et efficientem nescit esse creatorem Deum.
- De formali vero causa quam vocant animam, nunquam convenit, nunquam conveniet inter philosophos.
- Nam quod Aristoteles eam definit actum primum corporis vivere potentis, etiam illudere voluit lectores et auditores.
- Nec spes est hominem in hac praecipue parte sese posse cognoscere, quid sit, donec in fonte ipso, qui Deus est, sese viderit.
- Et quod miserabile est, nec sui consilii aut [cogitationum] plenam et certam habet potestatem, sed in his subiecta est casui et vanitati.
- Sed qualis est haec vita, talis est et definitio et cognitio hominis, hoc est, exigua, lubrica et nimio materialis.
- Theologia vero de plenitudine sapientiae suae hominem totum et perfectum definit.
- Scilicet quod homo est creatura Dei carne et anima spirante constans, ab initio ad imaginem Dei facta sine peccato, ut generaret et rebus dominaretur nec unquam moreretur.
- Post lapsum vero Adae subiecta potestati diaboli, peccato et morti, utroque malo suis viribus insuperabili et aeterno.
- Nec nisi per filium Dei Christum Iesum liberanda (si credat in eum) et vitae aeternitate donanda.
- Quibus stantibus pulcherrima illa et excellentissima res rerum, quanta est ratio post peccatum relicta, sub potestate diaboli tamen esse concluditur.
- Ut homo totus et omnis, sive sit rex, dominus, servus, sapiens, iustus, et quibus potest huius vitae bonis excellere, tamen sit et maneat peccati et mortis reus sub diabolo oppressus.
- Quare ii, qui dicunt naturalia post lapsum remansisse integra, impie philosophantur contra theologiam.
- Similiter qui dicunt, hominem faciendo quod in se est posse mereri gratiam Dei et vitam.
- Item qui Aristotelem (nihil de homine theologico scientem) inducunt, quod ratio deprecetur ad optima.
- Item quod in homine sit lumen vultus Dei super nos signatum, id est, liberum arbitrium ad formandum rectum dictamen et bonam voluntatem.
- Item quod hominis sit eligere bonum et malum seu vitam et mortem etc.
- Omnes istiusmodi neque quid sit homo intelligunt, neque de qua re loquantur ipsi sciunt.
- Paulus Rom. 3. Arbitramur hominem iustificari fide absque operibus, breviter hominis definitionem colligit dicens: hominem iustificari fide.
- Certe, qui iustificandum dicit, peccatorem et iniustum ac ita reum coram Deo asserit, sed per gratiam salvandum.
- Et hominem indefinite, id est, universaliter accipit, ut concludat totum mundum, seu quidquid vocatur homo, sub peccato.
- Quare homo huius vitae est pura materia Dei ad futurae formae suae vitam.
- Sicut et tota creatura, nunc subiecta vanitati, materia Deo est ad gloriosam futuram suam formam.
- Et qualis fuit terra et coelum in principio ad formam post sex dies completam, id est, materia sui,
- Talis est homo in hac vita ad futuram formam suam, cum reformata et perfecta fuerit imago Dei.
- Interim in peccatis est homo et in dies vel justificatur vel polluitur magis.
- Hinc Paulus ista rationis regna nec mundum dignatur appellare, sed schema mundi potius vocat.
WA 39/I, S. 175-177, übersetzt von Gerhard Ebeling.