Martin Luther, Disputation über den Menschen (Disputatio de homine, 1536): „Und wie sich Erde und Himmel im Anfang zu der nach sechs Tagen vollendeten Gestalt verhielt, nämlich als deren Stoff, so verhält sich der Mensch in diesem Leben zu seiner zukünftigen Gestalt, bis dann das Ebenbild Gottes wiederhergestellt und vollendet sein wird. Bis dahin befindet sich der Mensch in Sünden und wird tagtäglich zunehmend gerechtfertigt oder verunstaltet.“

Disputation über den Menschen (Disputatio de homine, 14.1.1536)

Von Martin Luther

  1. Die Philosophie, [das ist] die menschliche Weisheit, definiert den Menschen als vernunftbegabtes, mit Sinnen und Körperlichkeit ausgestattetes Lebewesen (animal rationale, sensitivum, corporeum).
  2. Nun bedarf es jetzt nicht der Erörterung, ob der Mensch im eigentlichen oder uneigentlichen Sinne als »Lebewesen« (animal) bezeichnet wird.
  3. Aber man muss wissen: Diese Definition bestimmt nur den sterblichen und ir­dischen Menschen (mortalis et huius vitae homo).
  4. Und in der Tat ist es wahr, dass die Vernunft (ratio) die Hauptsache von allem ist, das Beste im Vergleich mit den übrigen Dingen dieses Lebens und (geradezu) etwas Göttliches.
  5. Sie ist Erfinderin und Lenkerin aller [freien] Künste, der medizinischen Wis­senschaft, der Jurisprudenz und all dessen, was in diesem Leben an Weisheit, Macht, Tüchtigkeit und Herrlichkeit von Menschen besessen wird.
  6. So muss sie mit Recht als Wesensunterschied bezeichnet werden, durch den der Mensch [als Mensch] im Unterschied zu den Tieren und den sonstigen Dingen be­stimmt wird.
  7. Auch die Heilige Schrift hat sie zu solcher Herrin über die Erde, über Vögel, Fi­sche und Vieh eingesetzt mit dem Gebot: »Herrschet usw.!« [Gen 1,28].
  8. Das heißt, sie soll eine Sonne und eine Art göttliche Macht sein, in diesem Leben dazu eingesetzt, [all] diese Dinge zu verwalten.
  9. Und selbst nach Adams Fall hat Gott der Vernunft diese Hoheit nicht genommen, sondern vielmehr bekräftigt (confirmavit).
  10. Gleichwohl, dass sie solche Majestät sei ist, weiß doch eben diese Vernunft selbst nicht durch Kenntnis der Ursache (a priore), sondern nur durch Rückschluss aus den Wirkungen (a posteriore).
  11. Vergleicht man deshalb die Philosophie oder die Vernunft selbst mit der Theologie, so wird sich zeigen, dass wir über den Menschen nahezu nichts wissen.
  12. Scheinen wir doch kaum seine stoffliche Ursache (materialis causa) hinreichend wahrzunehmen.
  13. Kennt doch die Philosophie ohne Zweifel nicht die wirkende Ursache (causa efficiens) und entsprechend auch nicht die Zweckursache (causa finalis).
  14. Als Zweckursache setzt sie nämlich nichts anderes als irdische Wohlfahrt (pax huius vitae); und sie weiß nicht, dass die wirkende Ursache Gott der Schöpfer ist.
  15. Über die gestaltende Ursache (formalis causa) aber, als welche man die Seele bezeichnet, wurde nie und wird nie unter Philosophen Einigkeit erzielt.
  16. Denn damit, dass Aristoteles sie als erste Betätigung (actus primus) eines Körpers, der das Vermögen zu leben hat [als Prinzip des lebendigen Körpers] definiert, wollte er ja Dozenten und Studenten zum Besten haben (illudere voluit).
  17. Es besteht auch keine Aussicht, dass der Mensch vornehmlich in diesem Teil sich seinem Wesen nach erkennen könne, solange er sich nicht in der Quelle selbst, welche Gott ist, wahrgenommen hat.
  18. Und was jämmerlich ist: Nicht einmal über seinen Entschluss (suum consilium) oder seine Gedanken kann er voll und zuverlässig verfügen, sondern ist darin dem Zufall und der Nichtigkeit unterworfen.
  19. Jedoch wie dieses Leben ist, so sind sowohl die Definitionen als auch die Erkenntnisse der Menschen, nämlich dürftig, schlüpfrig und allzu sehr an der Stofflichkeit orientiert (nimio materialis).
  20. Die Theologie hingegen definiert aus der Fülle ihrer Weisheit den ganzen und vollkommenen Menschen.
  21. Nämlich: Der Mensch ist Gottes Geschöpf aus Fleisch und lebendiger Seele (anima spirans) bestehend, von Anbeginn zum Bilde (ad imaginem) Gottes ge­macht [Gen 1,27] ohne Sünde, mit der Bestimmung, Nachkommenschaft zu zeugen und über die Dinge zu herrschen und niemals zu sterben;
  22. das aber nach Adams Fall der Macht des Teufels unterworfen ist, nämlich der Sünde und dem Tode – beides Übel, die durch seine Kräfte nicht zu überwinden und ewig sind;
  23. und das nur durch den Sohn Gottes Jesus Christus zu befreien ist (sofern es an ihn glaubt) und mit der Ewigkeit des Lebens zu beschenken.
  24. Unter diesen Umständen befindet sich jene allerschönste und allerheiligste Sa­che, welche [in voller Größe] die Vernunft [auch] nach dem Sündenfall geblieben ist, dennoch – so ergibt sich schlüssig – unter der Macht des Teufels.
  25. Folglich ist und bleibt der Mensch dennoch ganz und ausnahmslos – er sei König, Herr, Knecht, weise, gerecht und durch welche Güter dieses Lebens [auch immer] er sich hervortun kann – der Sünde und dem Tod verhaftet, weil unter der Herrschaft des Teufels.
  26. Wer darum sagt, die natürlichen Kräfte [des Menschen] seien nach dem Fall unversehrt geblieben, philosophiert gottlos wider die Theologie.
  27. Ebenso wer sagt, der Mensch könne sich dadurch, dass er tut, was in seinen Kräften ist (faciendo quod in se est), Gottes Gnade und das Leben verdienen.
  28. Desgleichen wer Aristoteles (der vom Menschen in theologischer Hinsicht [de homine theologico] keine Ahnung hat) anführt, nämlich [dahingehend] dass die Vernunft ihr Sehnen auf das Beste richte.
  29. Desgleichen dass im Menschen »das über uns als Prägezeichen gesetzte Licht von Gottes Angesicht« [Ps 4,7b] sei, das heißt, freies Entscheidungsvermögen (liberum arbitrium) zur Hervorbringung der rechten Weisung und des guten Wil­lens.
  30. Desgleichen, dass es in der Verfügung des Menschen stehe, zwischen Gut und Böse oder Leben und Tod usw. zu wählen.
  31. Alle, die solches behaupten, verstehen nicht, was der Mensch ist, noch wissen sie, wovon sie reden.
  32. Paulus fasst in Röm 3[,24]: »Wir erachten, dass der Mensch durch Glauben un­ter Absehen von den Werken gerechtfertigt wird« in Kürze die Definition des Men­schen dahin zusammen, dass der Mensch durch Glauben gerechtfertigt werde.
  33. Wer [vom Menschen] sagt, er müsse gerechtfertigt werden, der behauptet ge­wiss, dass er Sünder und Ungerechter sei und deshalb vor Gott (coram Deo) schul­dig, jedoch durch Gnade zu retten.
  34. Und [dabei] versteht er [Paulus] »Mensch« unbegrenzt, das heißt, allgemein, um die ganze Welt, oder was immer »Mensch« genannt wird, unter der Sünde zu­sammenzufassen.
  35. So ist denn der Mensch dieses [irdischen] Lebens Gottes bloßer Stoff zum Leben in seiner künftigen Gestalt (pura materia Dei ad futurae formae suae vitam).
  36. Wie auch die Kreatur überhaupt, die jetzt der Nichtigkeit unterworfen ist, für Gott der Stoff zu ihrer herrlichen künftigen Gestalt ist.
  37. Und wie sich Erde und Himmel im Anfang (in principio) zu der nach sechs Tagen vollendeten Gestalt verhielten, nämlich als deren Stoff,
  38. so verhält sich der Mensch in diesem Leben zu seiner zukünftigen Gestalt, wenn er als Ebenbild Gottes wiederhergestellt und vollendet sein wird.
  39. Bis dahin befindet sich der Mensch in Sünden und wird tagtäglich entweder gerechtfertigt oder [immer] mehr verunstaltet.
  40. Deshalb hält Paulus diese Reiche der Vernunft nicht einmal für wert, sie »Welt« zu nennen, sondern bezeichnet sie lieber als »Schemen der Welt (schema mundi)« [vgl. 1.Kor 7,31].

Disputatio D. Martini Lutheri: De homine.

  1. Philosophia, sapientia humana, definit hominem esse animal rationale, sensitivum, corporeum.
  2. Neque disputare nunc necesse est, an proprie vel improprie homo vocetur animal.
  3. Sed hoc sciendum est, quod haec definitio tantum mortalem et huius vitae hominem definit.
  4. Et sane verum est, quod ratio omnium rerum res et caput et prae ceteris rebus huius vitae optimum et divinum quiddam sit.
  5. Quae est inventrix et gubernatrix omnium artium, medicinarum, iurium, et quidquid in hac vita sapientiae, potentiae, virtutis et gloriae ab hominibus possidetur.
  6. Ut hinc merito ipsa vocari debeat differentia essentialis, qua constituatur homo differre ab animalibus et rebus aliis.
  7. Quam et scriptura sancta constituit talem dominam super terram, volucres, pisces, pecora, dicens: Dominamini etc.
  8. Hoc est, ut sit sol et numen quoddam ad has res administrandas in hac vita positum.
  9. Nec eam maiestatem Deus post lapsum Adae ademit rationi sed potius confirmavit.
  10. Tamen talem sese maiestatem esse, nec ea ipsa ratio novit a priore, sed tantum a posteriore.
  11. Ideo si comparetur philosophia seu ratio ipsa ad theologiam, apparebit nos de homine paene nihil scire.
  12. Ut qui vix materialem eius causam videamur satis videre.
  13. Nam philosophia efficientem certe non novit, similiter nec finalem.
  14. Quia finalem nullam ponit aliam quam pacem huius vitae et efficientem nescit esse creatorem Deum.
  15. De formali vero causa quam vocant animam, nunquam convenit, nunquam conveniet inter philosophos.
  16. Nam quod Aristoteles eam definit actum primum corporis vivere potentis, etiam illudere voluit lectores et auditores.
  17. Nec spes est hominem in hac praecipue parte sese posse cognoscere, quid sit, donec in fonte ipso, qui Deus est, sese viderit.
  18. Et quod miserabile est, nec sui consilii aut [cogitationum] plenam et certam habet potestatem, sed in his subiecta est casui et vanitati.
  19. Sed qualis est haec vita, talis est et definitio et cognitio hominis, hoc est, exigua, lubrica et nimio materialis.
  20. Theologia vero de plenitudine sapientiae suae hominem totum et perfectum definit.
  21. Scilicet quod homo est creatura Dei carne et anima spirante constans, ab initio ad imaginem Dei facta sine peccato, ut generaret et rebus dominaretur nec unquam moreretur.
  22. Post lapsum vero Adae subiecta potestati diaboli, peccato et morti, utroque malo suis viribus insuperabili et aeterno.
  23. Nec nisi per filium Dei Christum Iesum liberanda (si credat in eum) et vitae aeternitate donanda.
  24. Quibus stantibus pulcherrima illa et excellentissima res rerum, quanta est ratio post peccatum relicta, sub potestate diaboli tamen esse concluditur.
  25. Ut homo totus et omnis, sive sit rex, dominus, servus, sapiens, iustus, et quibus potest huius vitae bonis excellere, tamen sit et maneat peccati et mortis reus sub diabolo oppressus.
  26. Quare ii, qui dicunt naturalia post lapsum remansisse integra, impie philosophantur contra theologiam.
  27. Similiter qui dicunt, hominem faciendo quod in se est posse mereri gratiam Dei et vitam.
  28. Item qui Aristotelem (nihil de homine theologico scientem) inducunt, quod ratio deprecetur ad optima.
  29. Item quod in homine sit lumen vultus Dei super nos signatum, id est, liberum arbitrium ad formandum rectum dictamen et bonam voluntatem.
  30. Item quod hominis sit eligere bonum et malum seu vitam et mortem etc.
  31. Omnes istiusmodi neque quid sit homo intelligunt, neque de qua re loquantur ipsi sciunt.
  32. Paulus Rom. 3. Arbitramur hominem iustificari fide absque operibus, breviter hominis definitionem colligit dicens: hominem iustificari fide.
  33. Certe, qui iustificandum dicit, peccatorem et iniustum ac ita reum coram Deo asserit, sed per gratiam salvandum.
  34. Et hominem indefinite, id est, universaliter accipit, ut concludat totum mundum, seu quidquid vocatur homo, sub peccato.
  35. Quare homo huius vitae est pura materia Dei ad futurae formae suae vitam.
  36. Sicut et tota creatura, nunc subiecta vanitati, materia Deo est ad gloriosam futuram suam formam.
  37. Et qualis fuit terra et coelum in principio ad formam post sex dies completam, id est, materia sui,
  38. Talis est homo in hac vita ad futuram formam suam, cum reformata et perfecta fuerit imago Dei.
  39. Interim in peccatis est homo et in dies vel justificatur vel polluitur magis.
  40. Hinc Paulus ista rationis regna nec mundum dignatur appellare, sed schema mundi potius vocat.

WA 39/I, S. 175-177, übersetzt von Gerhard Ebeling.

Hier die Thesen als pdf.

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