Günther Dehn über Karl Steinbauers Mosepredigten (1947): „Wenn man beide Prediger Paul Althaus und Karl Steinbauer miteinander vergleicht, so mag man sich wundern, dass sie der gleichen Kirche angehören. Auf der einen Seite steht der ruhige, überlegene Akademiker, der ganz getragen ist von der Atmosphäre eines nicht so leicht aus der Fassung zu bringenden kirchlichen Bildungschristentums und auf der anderen dieser Stürmer und Dränger, der mit jedem Satz, den er sagt, den Bau seiner Kirche (nicht etwa Christus, ihren Grund) zu erschüttern versucht. Dort ist alles historische Kontinuität, hier Neuanfang. Dort ist Stil, gehaltene Form, hier bricht sich die Rede in Katarakten Bahn. Was uns gelegentlich rein sprachlich geboten wird, geht an die Grenze des Möglichen.“

Über Karl Steinbauers Mosepredigten

Von Günther Dehn

Da hat sich Günther Dehn in seiner Besprechung der Mosepredigten Karl Steinbauers [Karl Steinbauer, Vom Gehorsam des Glaubens. Mosepredigten, Theologische Existenz heute, neue Folge, Bd. 2. 81 S. 1946, Chr. Kaiser Verlag, München, RM. 1.80] in Verkündigung und Forschung schwergetan:

Auch die Predigten von Steinbauer entstammen nicht der Gegenwart. Sie liegen sogar noch weiter zurück als die von Althaus, da sie vor dem Kriege, mitten in den Kämpfen der Bek. Kirche, gehalten worden sind. Wenn man beide Prediger miteinander vergleicht, so mag man sich wundern, daß sie der gleichen Kirche angehören. Auf der einen Seite steht der ruhige, überlegene Akademiker, der ganz getragen ist von der Atmosphäre eines nicht so leicht aus der Fassung zu bringenden kirchlichen Bildungschristentums und auf der anderen dieser Stürmer und Dränger, der mit jedem Satz, den er sagt, den Bau seiner Kirche (nicht etwa Christus, ihren Grund) zu erschüttern versucht. Dort ist alles historische Kontinuität, hier Neuanfang. Dort ist Stil, gehaltene Form, hier bricht sich die Rede in Katarakten Bahn. Was uns gelegentlich rein sprachlich geboten wird, geht an die Grenze des Möglichen. Man braucht kein Vertreter eines besonderen Feierstiles für die Predigt zu sein, um zu fragen, ob solche Sätze in einer Predigt erträglich sind, wie etwa: „Mit Gott und Gottes Wort ist man, gerade wenn’s darauf ankommt, auf deutsch gesagt, ausgeschmiert. Gott lügt und trügt.“ Oder: „Wenn ich in Penzberg von einem großen Misthaufen stehe, dann erscheint er mir freilich größer als die Zugspitze . . . Einem Gockel, der auf dem Misthaufen steht und gewaltig kräht, wird jener Misthaufen ja sicherlich als der Gipfelpunkt alles Hohen erscheinen. Trotzdem dürfte es doch nicht dienlich sein, diesem Rekordmisthaufen von Penzberg für den höchsten Berg Deutschlands oder gar der Welt halten zu wollen.“

Es sind in diesem Büchlein nur 4 Predigten vereinigt, über 4. Mose 13 und 14, wo uns die Geschichte von den Kundschaftern im Heiligen Land, ihrem Empfang durch das Volk, und die Fürbitte des Mose für Israel erzählt wird. Es muß jede Predigt über eine Stunde gedauert haben, und man staunt, daß eine Gemeinde, und nun gar eine Dorfgemeinde, das alles offenbar willig mit angehört hat. Diese Predigten hätten vor kirchlichen Synoden jener Zeit gehalten werden müssen. Die Geschichte von den Kundschaftern wird ganz unmittelbar auf die Situation der kämpfenden Kirche damals bezogen, die in der Gefahr stand, im Interesse der Erhaltung ihrer äußeren Existenz, aufzuhören, allein dem Wort und der Verheißung Gottes zu trauen und mit der staatlichen Gewalt sich in Kompromisse einzulassen. Vor diesem drohenden Abfall wird in den Predigten gewarnt. Man darf wohl sagen, daß das mit ungemeiner Eindringlichkeit geschieht. Es gibt keine Tonart, die dem Prediger nicht zur Verfügung stünde. Er bittet, fleht, droht, warnt, spottet, höhnt. Es ist schon eine erschütternde Beredsamkeit, die durch diese Seiten geht Die Kirchenleitungen, die Theologen, die ruhebedürftigen Kirchenchristen werden schonungslos in ihrem Unglauben enthüllt. Es fehlt dabei nicht an erstaunlichen Wendungen: „Ja, der Unglaube weiß genau Bescheid. Er ist ‚informiert‘. Die Schuhnummer der Riesen kann er Dir angeben, wenn Du sie wissen willst, aber daß der Herr auferstanden ist . . . davon weiß er nichts zu erzählen. Wenngleich solcher Unglaube durchaus in der Lage ist, etwa im theologischen Examen korrekt nach Schrift und Bekenntnis über die Auferstehungstheologie zu prüfen, aber gar kein Gefühl dafür hat, daß er im Umgang und bei den kirchenpolitischen Verhandlungen mit den Riesen von diesen geprüft wird, ob er an den Auferstandenen glaubt.“ Oder wenn es von Kaleb heißt: „Er stellt sich mitten unter das siedende Volk und zeugt von den Verheißungen Gottes, obwohl er weiß, daß es ihn sein Leben kosten kann, wenn er davon zeugt. Obwohl? Nein, weil er weiß, daß es ihn todsicher sein Leben kostet, wenn er schweigt. Denn die Verheißungen Gottes sind seine Existenz und sein Leben. Daß wir das begreifen lernten: Kaleb springt mitten unter das gegen Gott meuternde Volk, weil er sein Leben unter keinen Umständen hergeben will. Er handelt, wenn wir einmal so sagen sollen, aus Todesangst, er hat Angst vor dem Tod; darum zeugt er.“

Man kann vielleicht auch bei diesen Predigten fragen, ob eine Notwendigkeit vorlag, sie jetzt noch im Druck herauszugeben. Zunächst sind sie ja auch nur ein historisches Dokument, aber nun sind sie zugleich doch noch mehr. Die Predigten von Althaus gehen ganz auf die damalige konkrete Lage: Trost für die Gemeinde in unbegreiflich schwerer Zeit. Die Predigten von Steinbauer sind freilich auch sehr konkret gebunden. Ihr Anliegen ist die Aufdeckung der Gottlosigkeit oder doch wenigstens Glaubenslosigkeit, etwa der Kirchenausschüsse jener Tage oder der Kirchenleitungen, die in der Wüste wieder nach den Fleischtöpfen Ägyptens schreien. Aber man steht hier doch außerhalb des rein personalistischen Frömmigkeitsanliegens, das für die Predigten von Althaus charakteristisch ist, trotz der immer wieder angehängten Sorge um das deutsche Volk. Hier geht es nicht um die Erschließung der Kraft- und Trostquelle des Evangeliums für den Einzelnen und die Gesamtheit, hier ist der Prediger gefressen vom Eifer um Gottes Haus, um die Erhaltung der Kirche in ihrer ausschließlichen Bezogenheit auf Gottes Offenbarung. Das ist ein Thema, an dem wir auch in der Gegenwart, die es mit dem Neubau der Evangelischen Kirche zu tun hat, nicht vorüberkommen werden. So wird man dankbar dafür sein dürfen, daß wir diese Warnungsrufe Steinbauers wieder hören können.

Quelle: Günther Dehn, Predigt — heute, in: Verkündigung und Forschung Vol. 1-2 (1947), S. 156-163, hier 160-162.

Hier der Text als pdf.

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