Brief an Walter Herrenbrück über Dietrich Bonhoeffer (1952)
Nachdem Eberhard Bethge 1951 Dietrich Bonhoeffers Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft veröffentlicht hatte, nahm Karl Barth auf Anfrage von Walter Herrenbrück, Landessuperintendenten der Evangelisch-reformierten Kirche in Nordwestdeutschland, dazu brieflich Stellung:
Basel, 22. Dezember 1952
Lieber Herr Pastor!
Es ist sehr am Platz, daß Sie mich daran erinnern, mich für die Zusendung Ihrer BBB [Bezirksbruderbriefe] wieder einmal durch einen kleinen Gegengruß erkenntlich zu erzeigen. Ich freue mich fortlaufend an der guten Art, in der Sie Ihre Amtsbrüder weiden, leiten, lehren, und wollte wohl wissen, ob irgend einer von den Herren, die mit einem silbernen Kreuz unterhalb des obersten Westenknopfes als Bischöfe in der Gegend herumlaufen, seine Sache als pastor pastorum nur halb so gut macht. Hoffentlich nehmen Ihre Ostfriesen auch gründlich intus, was Sie ihnen so gründlich und doch so liberal vorbereitet jedesmal vorlegen. Daß er hinter dem Mond lebe, dürfte Keiner von ihnen als Entschuldigung vorbringen, wenn er über das, was vorgeht, von Ihnen so schön unterrichtet wird. — Übrigens habe ich selber den schönen Vers von Zinzendorf S. 19 nicht gekannt und hatte nichts Eiligeres zu tun, als ihn dem Text von IV, 1 an passender Stelle, an der Sie ihn dann wiederfinden werden, einzuverleiben.
Nun wollen Sie aber meine Meinung zu Bonhoeffer bzw. zu dem Kommentar, den Sie zu seinen Briefen gegeben haben, wissen. Sie haben sicher sehr wohl getan, Ihr Volk mit ihm zu beschäftigen.
Die Briefe sind, was man auch von ihren einzelnen Sätzen denken möge (ich habe sie nach Eingang Ihres BBB noch einmal im Zusammenhang auf mich wirken lassen) ein einziger Stachel, von dem uns aufregen zu lassen uns allen — weil er im Unterschied zur «Entmythologisierung» geistlich beunruhigender Art ist — nur gut sein kann. Was für ein offener und reicher und zugleich tiefer und erschütterter Mensch steht da vor einem — «irgendwie» beschämend und tröstlich zugleich. So habe ich ihn auch persönlich in Erinnerung. Ein aristokratischer Christ, möchte man sagen, der Einem in den verschiedensten Dimensionen voranzueilen schien. Ich habe darum schon seine früheren Darbietungen gerade auch in dem, wo er scheinbar oder wirklich Dinge sagte, die mir nicht ohne Weiteres einleuchteten, immer mit der Überlegung gelesen, ob er nicht — um irgend ein Eck herum gesehen — recht haben möchte. So nun auch diese Briefe mit ihren natürlich auch mich teilweise verwundernden Äußerungen. Man kann sie nicht lesen, ohne den Eindruck zu haben, daß «etwas dran» sein möchte. Sie haben darum sicher recht gehabt, sie Ihren Pastoren dringend ans Herz zu legen und ihnen auch gleich einige Vorschläge zu ihrer Deutung zu machen. Aber da stieß man nun bei Bonhoeffer von jeher und stößt man auch jetzt auf eine eigentümliche Schwierigkeit. Er war ein — wie soll ich sagen: impulsiver, visionärer Denker, dem plötzlich etwas aufging, dem er dann lebhafte Form gab, um nach einiger Zeit doch auch wieder, man wußte nicht: endgültig oder nur bis auf Weiteres, Halt zu machen bei irgend einer vorläufig letzten These. War es nicht schon bei der «Nachfolge» so? Hat er nicht eine Zeitlang auch liturgische Anwandlungen gehabt? Und wie war es mit den «Mandaten» seiner Ethik, mit denen ich mich, als ich III, 4 schrieb, auch weidlich herumgeschlagen habe? Mußte man ihm nicht immer vorgeben, daß er sich gewiß ein anderes Mal und in anderem Zusammenhang noch klarer und konziser äußern, eventuell sich zurücknehmen, eventuell weiter vorstoßen werde? Nun hat er uns mit den änigmatischen Äußerungen seiner Briefe allein gelassen — nach mehr als einer Stelle eigentlich deutlich verratend, daß er zwar ahnte, aber noch keineswegs wußte, wie die Story nun eigentlich weitergehen solle: z.B. was er mit dem bei mir wahrgenommenen «Offenbarungspositivismus» ganz genau meinte, und erst recht: wie das Programm eines unreligiösen Redens zur Durchführung kommen sollte. Was das Erstere betrifft, so habe ich mich weder bei der Frage beruhigt, wann und wo ich wohl einem Vogel geboten haben sollte, die Jungfrauengeburt zu «fressen» oder zu «sterben», noch auch bei der Frage, was wohl meine neocalvinistischen Gönner in Holland davon denken möchten, mich auf einmal als «Offenbarungspositivisten» vorgestellt zu bekommen, sondern ich bin ein bißchen errötet bei der Vorstellung, daß es immerhin möglich war, daß sich das Erinnerungsbild an meine Bücher (die er ja in seiner Gefängniszelle sicher nicht zur Hand gehabt hat) bei einem so gescheiten und wohlmeinenden Mann wie Bonhoeffer so gestalten konnte, wie es in jenem änigmatischen Ausdruck zum Vorschein kommt. Die Hoffnung bleibt übrig, daß er im Himmel wenigstens nicht allen Engeln (samt Kirchenvätern etc.) gerade unter Gebrauch dieses Ausdrucks über mich Bericht erstattet hat. Aber vielleicht habe ich mich tatsächlich gelegentlich «offenbarungspositivistisch» benommen und geäußert, und wenn dem so war, dann hat es die Sonne von Bonhoeffers Erinnerungsbild an den Tag gebracht. Ohne ihn selbst fragen zu können, werden wir uns damit abfinden müssen, etwas verwirrt zurückzubleiben. Ähnlich könnte es sich mit dem Postulat des unreligiösen Redens verhalten. Ich würde wohl meinen, daß Sie ihn mit etwas zu schwerer Hand angefaßt haben, wenn Sie S. 9 in die Richtung Existentialismus, Vorverständnis usw. gezeigt haben. Sie weisen ja andererseits mit Recht darauf hin, daß er selbst durchaus nicht Miene gemacht hat, etwa «andere Wörter» zur Umschreibung des Kerymas einzusetzen, also das zu tun, auf was es bei Bultmann praktisch hinausläuft. Kann er eigentlich etwas Anderes gemeint haben als eine Warnung vor allem christlichen Papperlapapp, vor allem unmeditierten Rezitieren biblischer und traditioneller Bilder, Redensarten, Begriffskombinationen, bei denen die «Welt» sich entscheidend darum nichts denken kann, weil der «religiöse» Redner oder Schreiber sich im Grunde selbst nichts oder doch nichts Ordentliches dabei denkt, sondern in der Meinung, das Zeug werde ja schon Gottes Wort sein, loslegt, wie es gerade jetzt wieder — ach Gott, es ist nicht bös gemeint, und wie Viele haben denn schon die Zeit und auch die Fähigkeit zu ordentlichem Meditieren? — unter Tausenden von Weihnachtsbäumen geschehen mag? Sicher hat uns Bonhoeffer auch in dieser Hinsicht nichts Greifbares hinterlassen, und ich möchte fast meinen, daß es ihm selbst nicht greifbar vor Augen stand. Was bleibt uns schon übrig, als uns von ihm irgend etwas «Bestes» — in der angedeuteten Richtung oder sonstwie — sagen zu lassen, ohne nach einem Tiefsinn zu forschen, den er nun eben selber nicht mehr vor uns ausgebreitet, vielleicht auch selber noch nicht zu Ende gedacht hat? Und was nun die Sache mit dem Mitleiden der Leiden Gottes usw. betrifft, so scheint es mir deutlich, daß es sich dabei um eine Variante des von ihm ja auch sonst mit Recht so betonten Imitatio-Gedankens handelt. Wie sollte man sich das nicht einfach sagen lassen: von einem Mann, von dem es gefordert und dem es auch gegeben war, gerade das nicht nur zu denken und zu sagen, sondern auch zu leben? Mir ist es längst klar, daß ich dieser Sache in der KD an seinem Ort breiten Raum werde geben müssen. War Bonhoeffer der Meinung, die ganze Theologie müsse nun gerade auf diesen Boden gestellt werden? Es kann sein, daß er in seiner Zelle zu Zeiten eben dieser Meinung war. Wiederum hat er uns auch in dieser Hinsicht keine Aufschlüsse darüber hinterlassen, wie er sich das im Einzelnen — und wie er sich die Auseinandersetzung mit den seiner These gegenüber naheliegenden Fragen gedacht hat. Gelt, Sie verstehen, daß ich ihn nicht loswerden will, wenn ich ihn «in etwa», wie man so schön sagt, dem zurechne, was ich die «schwermütige Theologie der norddeutschen Tiefebene» zu nennen pflege? Ich bin ja dankbar genug, daß ich selbst 15 Jahre dort gelebt und diese lutherische Schwermut ein gutes Stück auch in mich aufgenommen habe. Von dorther verstehe ich ja auch den Bultmann.
Wiederum ist es noch nicht heraus und ist es auch weder von Bultmann noch auch von Bonhoeffer sieghaft herausgebracht worden, daß wir nun gerade in dieser Richtung das eine und das letzte Wort zu suchen hätten.
Das alles soll keine Kritik an Ihren Bemühungen um Bonhoeffer sein. Alles, was Sie dazu gesagt haben, bleibt zu bedenken. Eine Abschwächung des Anstoßes, den er uns gegeben hat, wäre das Letzte, was ich wollte. Nur daß ich eben — aber das ist ja auch Ihre Meinung — den uns von jenem Erich angekündigten neuen Äon der «Theologie für die mündige Welt» noch nicht — o diese Schnellredner, die immer wieder meinen, sie hätten etwas, wenn sie ein dunkles neues Schlagwort haben! — für angebrochen halten kann ⌌und auch erst sehen möchte, in welcher Weise mir unser mathematisch-physikalischer Freund inmitten der «neuen Generation» beizuspringen gedenkt.
Ich bin — augenblicklich allerdings auf der angenehmen Station der Weihnachtsferien befindlich — in ziemlich scharfer Fahrt. IV, 1 geht seiner Vollendung entgegen, während vom Anfang her schon die Setzer am Werk sind und uns mit ihren Bogen und Fahnen mit zusätzlicher Arbeit versorgen. Hier sind viele deutsche Studenten, an denen uns auffällt, daß das Thermometer des Bultmann-Fiebers zu sinken scheint. Im Seminar behandle ich die Dogmatik von Biedermann und verlange strenge Nacharbeit ohne tumultuarische «Fragen» an den Autor. Eine deutsche Sozietät und je ein französisches und englisches Kolloquium vollenden den Bogen meiner wöchentlichen Beschäftigung. So bin ich für Vorträge und Ähnliches praktisch unabkömmlich. Dafür — wofür ich ja nicht dankbar genug sein kann — bei guter Gesundheit.
Aus Indonesien ist mein zweiter Sohn bis nächsten Sommer in Urlaub hier. Er tritt nächstens eine kleine Vortragsreise nach Deutschland an. Wogegen mein Ältester (der Mann mit dem Buch über die Taufe) einen Ruf nach Dubuque (im Staate Iowa) als Prof. für NT angenommen hat und Mitte Februar mit seiner ganzen Familie dorthin übersiedeln wird. Ich hätte ihn gerne in größerer Nähe behalten. Er scheint aber in Deutschland keine gute Presse zu haben, und nun wagt er es eben mit der neuen Welt. Wenn der Andere dann auch wieder in Java ist, bleibe ich wie ein entlaubter Baum zwischen Ost und West in der Mitte, und daß dann auch in meinem Reiche die Sonne nicht mehr untergeht, ist ein schmaler Trost.
Nun wünsche ich Ihnen samt Ihrer Familie und vor Allem auch samt Ihrem Bistum zur Weihnacht und zum neuen Jahr — was wird es uns bringen? — alles Gute
und bleibe mit herzlichem Gruß
Ihr Karl Barth
Quelle: Karl Barth Gesamtausgabe V. Briefe, Offene Briefe 1945-1968, hg. v. Diether Koch, Zürich 1984, S. 322-329.