Jürgen Moltmann, Predigt zu Matthäus 5, 43-48 (1972): „Feindesliebe setzt offenbar Feinde voraus. Wir mögen das nicht. In unserem bürgerlich gut situierten Christentum haben wir Angst vor offener Feindschaft. Wir gehen Konflikten lieber aus dem Wege. Widersprüche werden verschleiert. Ungelöste Probleme werden verdrängt, sie werden emeritiert oder in Watte verpackt und nachfolgenden Generationen zugescho­ben. Statt Feinde und Feindesliebe haben wir die lauwarme Welt des »Seid nett zueinander« gewählt.“

Predigt zu Matthäus 5, 43-48

Von Jürgen Moltmann

Ihr habt gehört, daß gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf daß ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und läßt reg­nen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Sonderliches? Tun nicht dasselbe auch die Hei­den? Darum sollt ihr vollkommen sein, gleich wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. Matth. 5, 43-48

Gebet

Lieber Vater im Himmel,
in Jesu Namen rufen wir dich an. Wir kommen mit leeren Händen. Unsere Feinde haben wir nicht lieben können. Wir haben sie meistens gar nicht gesehen. Wir sind ihnen aus dem Wege gegangen. Wo wir sie sahen, fanden wir keine Liebe in uns, sondern Angst und Ärger.
So kommen wir zu dir nicht als Kinder deiner Liebe, sondern als ihre Feinde und bitten dich für uns und alle anderen: Segne, die dich fluchen, tue wohl denen, die dich hassen. Vergib uns, was wir unseren Feinden schuldig blieben.
Du führst uns aus der Enge der Angst und aus dem Gefäng­nis des Hasses in den weiten Raum der Freiheit. Laß uns deine Sonne sehen, die über Böse und Gute aufgeht, und uns mit unseren Feinden an ihrer Wärme freuen. Amen.

Hier fällt zum ersten Mal in der Bergpredigt das Wort, in dem alles andere auf einen Nenner gebracht wird: Liebe, und zwar sofort und hart in der eindeutigen Bestimmung: Fein­desliebe. Alle andere Liebe versteht sich von selbst. Gleiches mit Gleichem im Bösen wie im Guten zu vergelten, ist keine Kunst, ist das Normale. Feindesliebe aber ist das Besondere, das Außerordentliche. Sie ist das eigentlich Christliche, das »Mehr«, die »bessere Gerechtigkeit«. Daran soll man die Freien, die Kinder Gottes erkennen.

Doch Feindesliebe ist das Menschenunmögliche. Niemand kann über seinen Schatten springen. Sie ist das Andere, das Göttliche. »Er läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen – sie zuerst – und die Guten«. Feindesliebe ist das gottentspre­chende Geheimnis Jesu. Er segnete, die ihm fluchten. Er bat für die, die ihn folterten. Er schlug nicht zurück, sondern nahm das Leiden auf sich um der Liebe willen. Er starb für seine Feinde am Kreuz. Er starb so für uns.

Spätestens an dieser Stelle wird klar, daß die ganze Bergpre­digt nichts ist ohne den Bergprediger und seinen Weg zu jenem anderen Berg: nach Golgatha. In seiner Gemeinschaft, in seiner Nachfolge wird das Unmögliche möglich, wird ge­liebt, wo man sich haßt, wird gesegnet, wo man sich ver­flucht, wird Böses mit Gutem vergolten. Das Geheimnis der Bergpredigt liegt nicht in ihren hohen sittlichen Idealen. Es ist Jesus selbst. Versteht man ihn, so begreift man ihre For­derungen. Versteht man ihn nicht, so bleiben sie einem fremd, ärgerlich oder nur töricht.

1. Mit dem Gebot der Feindesliebe tritt der Mann aus Na­zareth uns sofort sozusagen auf beide Füße. Denn Feindes­liebe setzt Feinde voraus. Haben wir eigentlich Feinde oder vermeiden wir so etwas Unangenehmes nicht lieber? Welche Feinde mutet uns Jesus denn zu? Hat man aber wirklich Feinde, so ist einem die Liebe doch unmöglich. Muß man es nicht ausfechten und durchstehen? Kann man sich denn seinen Feinden zum Fräße vorwerfen? Beide Zumutungen sind un­gewöhnlich. Sie machen uns unruhig.

Zunächst das erste: Feindesliebe setzt offenbar Feinde voraus. Wir mögen das nicht. In unserem bürgerlich gut situierten Christentum haben wir Angst vor offener Feindschaft. Wir gehen Konflikten lieber aus dem Wege. Wir haben nicht nur in der Politik die berühmte Methode der »Ausklammerung« erfunden. Widersprüche werden verschleiert. Strittige Punkte werden einfach von der Tagesordnung abgesetzt. Ungelöste Probleme werden verdrängt, sie werden emeritiert oder in Watte verpackt und nachfolgenden Generationen zugescho­ben. Statt Feinde und Feindesliebe haben wir die lauwarme Welt des »Seid nett zueinander« gewählt. Liebe, Friede, Hei­terkeit oder: Milde, Sanftmut, Nachsicht oder: Anpassung, Konzessionen und Toleranz sind unsere Mittel, um sowohl den Ärger der Feindschaft wie auch die schwierige Feindes­Ziebe zu vermeiden. Schließlich muß man doch mit jedem, den angenehmen und auch den unangenehmen Zeitgenossen, irgendwie auskommen, um selbst irgendwie schlecht und recht durchzukommen. Wir sind ziemlich unangreifbar ge­worden, weil wir nichts mehr wirklich ernst nehmen. Wir greifen nicht gern jemanden an, weder im Zorn noch in der Liebe, weil wir niemanden ernst nehmen. »Leben und Leben­lassen.« So geht es uns gut, oder nicht?

Es tut mir leid, liebe Gemeinde, aber wenn ich die Bergpre­digt im Blick auf Jesus lese, empfinde ich ihn als einen Stö­renfried unserer Kreise oder einen Spielverderber unserer Gesellschaftsspiele. Von ihm stammt das Wort nicht: »Seid nett zueinander.« »Ich bin nicht gekommen, Frieden zu brin­gen, sondern das Schwert« und »Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, ist mein nicht wert«, läßt Matthäus ihn an anderer Stelle sagen (11,34.38). Um der Wahrheit willen wird es zur Feindschaft kommen. Jesus hat sie selbst erlitten. Indem er zu den Verhaßten und Verachte­ten ging, machte er deren Feinde zu seinen Feinden. Indem er den Gesetzesbrechern und den Gesetzlosen jene zuvorkom­mende und ungeteilte Liebe Gottes brachte, zog er sich die Feindschaft des Gesetzes und seiner Hüter zu. Wie wir alle wissen, wurde er verfolgt, gehaßt, verspottet und zuletzt aus­gestoßen und draußen vor dem Tor gekreuzigt. Auch seine Jünger, die alles verließen und ihm folgten, haben Feind­schaft von Verwandten, Freunden, Volks- und Religionsge­nossen erfahren. Jesus hat den Seinen nichts anderes vor­ausgesagt. Wahrer Frieden mit Gott in seiner Gemeinschaft bringt Unfrieden mit der Welt der Lüge. Wahre Versöhnung mit Gott bringt Streit mit einer unversöhnten Gesellschaft hervor. Wer ein »Kind des Vaters im Himmel« ist – und wie harmlos klingt dieser Name doch! -, wird zum Störenfried und zum Spielverderber in einer Welt, die sich ohne ihn mit dem Gesetz der Vergeltung eingerichtet hat. Wer seinen Weg einschlägt, dem geht die Nettigkeit verloren. Er ist nieman­des Feind, aber er bekommt Feinde. Das ist unausweichlich. Der Bergprediger mutet uns Feinde zu, weil wir den Feinden der Feinde wohltun sollen.

Und dann das zweite: Hat man nun aber Feinde um der Wahrheit und Gerechtigkeit willen, so ist Feindesliebe doch wohl die noch größere Zumutung. »So nun deinen Feind hungert, so speise ihn; dürstet ihn, so tränke ihn«, heißt es schon im Alten Testament (Spr. 25, 21). Und ganz praktisch: »Wenn du deines Feindes Ochsen oder Esel begegnest, daß er irrt, so sollst du ihm denselben wieder zuführen« (2. Mos. 23, 4). Das war zu den Alten auch schon gesagt. Daß man seinen Feind nur hassen solle, dagegen nicht. Wer also die Kommunisten für seine und Gottes Feinde hält, der soll ihnen zu essen geben, wenn sie hungern, er soll »Brot für die Welt« und Medikamente auch nach Nordvietnam und auch an den Vietcong schicken. Wer die Kapitalisten für seine und seiner Klasse Feinde hält, der soll ihre Ochsen nicht schlachten und sich nicht mit ihren Eseln abgeben. Nun, spätestens hier muß die Empörung oder der Widerspruch kommen. »Mit der Berg­predigt kann man keinen Staat regieren«, hatte Bismarck gesagt und sich damit als sogenannter »Realpolitiker« aus­gewiesen. »Mit der Bergpredigt kann man nicht revoltieren«, hat Herbert Marcuse 1968 in Berlin erklärt und sich als »Realrevolutionär« ausgewiesen. Ein Student hatte ihn ge­fragt: Geht nicht im Haß gegen die Imperialisten das Hu­mane verloren, so daß der Feind auch nicht ein bißchen Mensch für den Revolutionär bleibt? Und Marcuse antwor­tet: »Der Haß gegen Ausbeutung und Unterdrückung ist ein humanes Element … Nichts ist entsetzlicher als die Lie­bespredigt ›Hasse nicht deinen Gegner‹ in einer Welt, in der Haß durchaus institutionalisiert ist.« Er fügte allerdings hin­zu: »Man kann einen Gegner schlagen und besiegen, ohne ihm die Ohren oder die Beine abzuschneiden und ohne ihn zu foltern.«

Wer sich aber gegenüber seinen Feinden auf Haß und Ver­geltung einläßt, der tritt in einen Teufelskreis ein, aus dem er und der andere nicht wieder heil herauskommen. Haß verzehrt, wenn man ihm nichts entgegenzusetzen hat. Das alttestamentliche Gesetz: »Ein Auge für ein Auge, ein Zahn für einen Zahn« ist noch relativ menschlich gegenüber der Todesspirale, die wir heute überall sehen, in der Eskalation der Gewalt, in der gegenseitigen Überbietung des Hasses. Zuerst wird der Feind entmenschlicht: Er wird zum roten Untermenschen oder zur gelben Ratte oder zum schwarzen Nigger. Er wird zum Terroristen, den man ausmerzen, oder zum teuflischen Kapitalisten, den man zertreten muß. Der Haß verteufelt den Feind und tötet ihn mit den Worten und Bildern – dann fällt das Erschießen oder Liquidieren nachher leichter. Wer aber seinem Feind zum Feind wird, der wird selbst nach dem Bilde des Gegners geprägt. Wo zwei sich in den clinch von Haß, Schlagabtausch und Vergeltung begeben, werden sie sich immer ähnlicher. Der gesteigerte Haß schiebt dann dem Feind alles in die Schuhe, was man selbst ihm an­zutun bereit ist. In dieser Hinsicht sind die Feindbilder unserer Aggression meistens vielsagende Selbstdarstellungen» Wird Böses mit Bösem vergolten, so richtet sich das eine Böse stets nach dem anderen. Im Teufelskreis der Vergeltung wird man selbst zum Teufel des andern. Ob man religiös sagt: »Ich hasse, Herr, die dich hassen«, und sich freut, wenn die Gott­losen sich gegenseitig umbringen oder doch wenigstens in wirtschaftliche Schwierigkeiten kommen, oder ob man das selbst säkular oder ideologisch sagt – der Haß verzerrt die Züge, macht die Stimme rauh und zerstört den Rest der Menschlichkeit, macht die humanen Ziele unglaubwürdig.

Ohne die Bergpredigt gibt es keine humane Regierung und auch keine humane Revolte gegen Unrecht und Ausbeutung, Ohne den gekreuzigten Bergprediger und Menschen, die ihm – nicht ihren Feinden – nachfolgen, gehen die Lichter aus, geht diese Welt im Teufelskreis der Vergeltung kaputt. Das Leichenschauhaus der Geschichte beweist es. Am Volkstrauer­tag und am Totensonntag sollten wir das wissen.

2. Feindschaft kommt um der Wahrheit willen unausweich­lich. Wie aber wird Feindesliebe darin möglich? Doch wohl nur dann, wenn wir nicht mehr fragen, was der Feind uns und denen, die wir lieben, angetan hat, sondern allein danach fragen, was Jesus getan hat, Im Teufelskreis der Feindschaft wird man selbst zum Teufelskind. Der Gegner prägt einen und zwingt einem den Kampf auf. Wer nur auf den Feind starrt, wird zu einem Feind, Erst wenn etwas anderes einem wichtiger wird, erst wenn ein anderer mich aus diesem Teu­felskreis befreit, hört die Orientierung am Feind auf, beginnt ein neues Spiel.

Wer also sind wir? Wer prägt uns?

Der Bergprediger sagt: Ihr seid Kinder Eures Vaters im Him­mel. Darum liebt Eure Feinde. Seid vollkommen wie Euer Vater im Himmel vollkommen ist. Das ist die neue Bestim­mung. Das ist die Befreiung. Doch – ach ja – ein Kind Got­tes – wer wär’s nicht gern? Das klingt nach kindlicher Gebor­genheit und Harmonie ringsum wie an Weihnachten. Bei Jesus aber sieht das anders aus. Er nannte Gott »meinen Va­ter« und verließ seine Familie, seine Freundschaft und ging aus der Geborgenheit ins Niemandsland. Er nannte Gott sei­nen Vater und verhielt sich ungesetzlich, war ein Freund der Sünder und Zöllner. Er nannte Gott seinen Vater und wurde zum Außenseiter, wurde als Krimineller (anomos) getötet. Und die ihm nachfolgten, nannten ihn darum mit Recht den Sohn dieses Vaters, denn er war sonst niemandes Sohn und Parteigänger.

Wollen wir also wissen, was es heißt, »ein Kind Gottes« zu sein, so müssen wir uns an diesem ungewöhnlichen Men­schen aus Nazareth orientieren. In seiner Bruderschaft und an seinem Weg zum Kreuz erfahren wir, wer Gott der Vater ist, und merken, was es bedeutet, ein Kind dieses Gottes auf Erden zu sein. An ihm erkennen wir wie die Jünger, daß wir selbst lange genug den Feinden nur Feinde waren und es noch sind. Durch ihn erfahren wir aber noch mehr die unge­heure, befreiende Macht der Liebe, die uns selbst als Feinde erreicht und entwaffnet.

Die Bergpredigt wurde durch den Bergprediger selbst be­wahrheitet. Sie ist darum kein hohes Ideal. Sie bewahrheitet sich an uns, wo wir erfahren, daß er für uns lebte, für uns litt und für uns gestorben ist, als wir noch Feinde und Gott­lose waren (Röm. 5,6), und aus diesem Glauben leben und lieben. Durch weniger als durch Feindesliebe kommt Gott auch nicht zu uns. Gott fragt nicht nach gut und böse, weil auch mein Gutes vor ihm nicht gut ist. Gottes Liebe sucht den Feind und vollendet sich am Feind. Anders könnte wohl kei­ner von uns von einer Liebe Gottes reden. Anders wird kei­ner zum Kind dieses Gottes. So hat Jesus in seinem Leben und Sterben Gott unter uns gebracht. Kinder Gottes sind überwundene Feinde. Kinder Gottes leben von einer harten und teuren Liebe. Sie hat Gott den Tod des Sohnes gekostet. Kinder Gottes sind durch ihn aus den immer enger werden­den Teufelskreisen des Hasses im Herzen und der Feind­schaft in der Welt befreit. Sie treten aus diesen Gefängnissen heraus und sehen die Sonne eines neuen Tages. Sie geht am Morgen auf über die Bösen und die Guten und macht keinen Unterschied. Allen schenkt sie das Leben und die Wärme. Und sie fühlen den Regen, der über Gerechte und Ungerechte niedergeht und die Wüste der Verwüstung wieder fruchtbar macht – ohne Unterschied und jenseits von Gut und Böse.

Das sind große Bilder, und sie weisen hin auf jene Sonne der Gerechtigkeit und jenen Regen des Lebens, die das Böse des Unrechts und die Zerstörungen des Rechtes gut machen und überwinden. Wenn die Sonne aufgeht, soll man nicht mehr mit den Schatten der Nacht boxen. Man soll sich an das Licht halten. Wenn der Regen kommt, braucht man nicht mehr ums Wasser zu streiten. Man soll sich mit allen am Regen freuen. Wie geschieht das? Durch Feindesliebe. Sie entspricht Gott zutiefst. Sie entspricht Jesus bis zu seinem Ende. Durch sie kommt der Geist der Freiheit mitten unter uns.

3. Liebet Eure Feinde! Um Gottes willen, um Christi willen, lieben wir unsere Feinde! Das heißt doch: seht im Feind den Bruder und behandelt ihn wie euren Bruder. Fragt nicht, was er euch oder anderen angetan hat. Fragt, woran er leidet und welche Leiden ihn zum Feind machen. Fragt, was Gott ihm tun will, der seine Sonne über Böse und Gute scheinen läßt. Fragt, was Jesus für ihn getan hat. Feindesliebe ist keine Sache für Schwache, die sich vor dem Feind fürchten. Wer noch Angst vor dem Feind hat, kennt die Liebe nicht. Sie ist einzig die Sache der Befreiten, die sich nicht mehr vom Geg­ner beeindrucken lassen. »Gewaltloser Widerstand gegen das Böse ist keine Methode für Feiglinge«, hat Martin Luther King einst gesagt. »Es ist der Weg der Starken . . . Die Seele des weißen Mannes hat sehr gelitten; wir Schwarzen müssen ihn lieben, damit er seine Verkrampfungen, seine Unsicher­heit und seine Ängste überwinden kann.« Wann werden wir weißen, reichen Christen das lernen? Weil das viel Kraft und innere Freiheit verlangt, hieß es im ersten Gebot der christ­lichen Bürgerrechtsbewegung in Alabama 1963: »Jeden Tag über die Lehren und das Leben Jesu nachdenken.«

Feindesliebe will nicht über den Feind siegen, ihn nicht zur eigenen Ansicht bekehren. Feindesliebe lebt mit dem Feind unter der Sonne Gottes jenseits von Gut und Böse. Sie nimmt ihn in diesen größeren Horizont hinein. Wie geht das?

»Segnet, die euch fluchen.« Einen anderen verfluchen heißt, ihn zur Hölle wünschen, weil man seine Gegenwart nicht mehr ertragen kann. Wir haben bekanntlich dafür größere Flüche und kleinere Schimpfworte. Wenn sie euch nicht mehr ertragen können, wenn sie euch verdammen, dann hebt die Hände zum Segen: Ihr Feinde – ihr Gesegneten Gottes, geht hin in Frieden. Laßt uns aufhören, sie zu verleumden und Greuelgeschichten über sie zu erzählen.

Tut wohl denen, die euch hassen: Wohltun geschieht nicht nur durch Worte, sondern durch die Dinge, die man zum täglichen Leben braucht. Gebt denen zu essen und zu trinken, die euch hassen. Helft ihnen, wo ihr könnt. Steht ihnen bei. Vertretet nicht eure Interessen gegen sie. Vertretet die gemeinsamen Interessen. Es sind eure Brüder. Diese Feinde – es sind in Wahrheit die Unglücklichen.

Bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen: Das ist das letzte. »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun«, betet Er im Sterben. Im Gebet tritt man für den ande­rem ein, nimmt seine Angst und seinen Haß auf sich, wird mit ihm solidarisch unter der Sonne, die über Böse und Gute scheint und über die Bösen zuerst.

Ist das praktikabel – kann man damit leben? fragen wir noch einmal. Nun, Jesus hat dieses selbst als das Besondere, das Außerordentliche, das Unnormale bezeichnet. Gleiches mit Gleichem zu vergelten, ist keine Kunst. Das tun sie alle, tun wir täglich im Guten wie im Bösen. Freunde zu lieben und Feinde zu hassen, nach dieser Pfeife tanzen wir alle durchs Leben – und gehen über Leichen, die wir nicht sehen wollen. Gleich und gleich gesellt sich gern, das kann man überall haben: im Verein, in der Partei und leider auch in der Kirche Christi. Jeder in seinem in-group-Käfig. Wer so ist wie ich, bestätigt mich. Wer anders ist und anders will, macht mich unsicher.

Weg mit ihm! Weg von ihm! Wie langweilig ist das. Jeder im eigenen Saft. Wer aber aus der Reihe tanzt, wer sich gern mit Andersartigen und Andersgläubigen gesellt, wer die Staats-, die Klassen-, die Kirchenfeinde beherbergt, der be­kommt es mit dem Gesetz zu tun. Wer Konflikte annimmt und Phantasie entwickelt, sie zu überwinden, wer das Beson­dere, das Außergewöhnliche versucht, nämlich die Feinde seiner Gruppe zu lieben und ihnen wohlzutun, der muß lei­den. Er sitzt zwischen den Stühlen. Er ist nirgendwo mehr zuhause. Er ist ein Verräter für die einen und ein unsicherer Bundesgenosse für die anderen. Feindesliebe kann tödlich sein, wie am Schicksal Martin Luther Kings und vieler ande­rer Märtyrer unserer Zeit zu sehen ist. Es braucht starke Ner­ven und Kraft, diesen Weg durchzuhalten. Es braucht die immer neue Befreiung aus den Teufelskreisen der Angst und der Gewalt, die so verlockend sind. Es braucht den weiten Raum der Sonne Gottes, die Böse und Gute wärmt und er­leuchtet. Es braucht endlich aber – und das ist der Preis – die Annahme des Leidens. Liebet Eure Feinde – das Leiden dieser Liebe ist die furchtbarste und die befreiendste Kraft. Wir lernen den Sinn dieses Leidens aus der Passion des Berg­predigers. Wir lernen es auch aus der Leidensgeschichte der Märtyrer der Feindesliebe. Wir lernen es persönlich und poli­tisch auch von Gandhi, mit dessen Worten aus dem indischen Freiheitskampf ich schließen möchte:

»Alles, was von fundamentaler Bedeutung für ein Volk ist, läßt sich nicht durch Vernunft allein erreichen. Es muß durch Leiden erkauft werden. Vielleicht müssen Ströme von Blut fließen, bis wir frei werden, aber dann muß es unser Blut sein, nicht das Blut der anderen. Leiden ist eine viel stärkere Macht als das Gesetz des Dschungels, denn es kann auch unsere Gegner wandeln.«

Fürbitte

Wir bitten dich, Vater, für unsere Feinde. Sei ihnen gnädig, segne sie, nimm sie an.
Wir bitten dich für die Feinde der Kirche, des Glaubens und deines gekreuzigten Sohnes: Friede sei mit ihnen!
Sei gnädig denen, die uns verachten und verfolgen. Nimm Angst und Haß aus unserem Herzen. Wir bitten dich für die Feinde des Staates: Friede sei mit ihnen!
Tue wohl denen, die uns hassen, und nimm die Furcht von uns, mit der wir sie verfolgen. Wir bitten dich für unsere persönlichen Feinde: Friede sei mit ihnen!
Nimm die gnädig an, denen wir unerträglich sind, und wecke Liebe zu ihnen bei uns. Gib Frieden mitten im Streit, gib Liebe, wo man sich haßt. Dein Reich komme, und es ver­gehe die Feindschaft auf Erden. Deine Gnade komme, und es vergehe das Gesetz der Vergeltung. Dein Leiden verwandle uns aus Feinden zu Freunden, die sich in deinem Frieden aneinander freuen können.

Gehalten am Sonntag, 26. November 1972 in der Stiftskirche in Tübingen.

Quelle: Bergpredigt – Revolution der Welt durch Gott? 13 Predigten in der Stiftskirche Tübingen, herausgegeben von der Evangelischen Studentengemeinde Tübingen, Stuttgart: Steinkopf, 1973, S. 64-74.

Hier der Text als pdf.

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