Søren Kierkegaard, Darf ein Mensch sich für die Wahrheit töten lassen?: „Im Verhältnis zu anderen Menschen, oder als Christ zu anderen Christen, darf kein einzelner Mensch, oder kein einzelner Christ meinen, absolut im Besitz der Wahrheit zu sein: Ergo darf er nicht einzelne Andere daran schuld werden lassen, ihn für die Wahrheit zu töten.“

Darf ein Mensch sich für die Wahrheit töten lassen? (Hat ein Mensch das Recht, sich für die Wahrheit totschlagen zu lassen?) Eines alleinstehenden Menschen Nachlass. Dichterischer Versuch

Von Søren Kierkegaard

Vorwort.

Dieses Vorwort enthält nichts weiter, als die inständige Bitte, der Leser wolle sich zuerst darin üben, einen Teil seines gewöhnlichen Gedankenganges abzulegen. Denn sonst wird das Problem, wie es hier dargestellt ist, für ihn gar nicht existieren, und sonderbar genug, gerade „weil er schon längst mit demselben fertig ist“ — aber in umgekehrter Richtung!

(Zu Ende des Jahres 1847.)

Introduktion.

Es war einmal ein Mann. Als Kind war er in der christ­lichen Religion streng erzogen worden. Er hatte nicht viel von dem gehört, was Kinder sonst hören, von dem Jesus­kinde, von den Engeln u. dergl. Dagegen hatte man ihm um so öfter den Gekreuzigten dargestellt, so dass dieses Bild das einzige war und der einzige Eindruck, den er vom Erlöser hatte; obwohl ein Kind, war er schon so alt wie ein Greis! Dieses Bild folgte ihm durchs Leben; er wurde nie jünger, und wurde dieses Bild nie los. Wie von einem Maler erzählt wird, der in der Gewissensangst es nicht unterlassen konnte, nach dem Bilde des Gemordeten, das ihn verfolgte, zurückzuschauen, so konnte er liebend nicht einen Augen­blick von diesem Bilde hinwegschauen, das ihn an sich zog. Was er als Kind fromm geglaubt hatte, dass die Sünde der Welt dieses Opfer forderte, was er als Kind einfältig ver­standen hatte, dass der Juden Gottlosigkeit in der Hand der Vorsehung die Bedingung dafür war, dass dieses Entsetz­liche fertiggebracht werden konnte, — das glaubte er un­verändert und er verstand das unverändert!

Aber nach und nach, wie er älter wurde, gewann dieses Bild auch mehr Macht über ihn. Es war ihm, als forderte es in Einem fort Etwas von ihm. Denn das hatte er schon immer gottlos gefunden, dass man sich darauf einließ, dieses Bild zu malen, und ebenso gottlos, ein solches gemaltes Bild künstlerisch zu betrachten, um zu sehen, ob es gleiche — statt selber das Bild zu werden, das Ihm gleicht, — und mit unerklärlicher Macht trieb es ihn dazu, Ihm gleichen zu wollen, soweit ein Mensch Ihm gleichen kann. Dessen war er sich nämlich bewusst, dass in seinem Verlangen nichts Vermessenes war, als könnte er einen Augenblick sich selbst in dem Grade vergessen, dass er anmaßend vergessen könnte, dass dieser Gekreuzigte Gott war, der Heilige — er aber ein Sünder! Aber in dem Verlangen für dieselbe Wahrheit bis in den Tod leiden zu wollen — darin lag ja nichts Vermessenes.

So ging er in aller Stille mit diesem Bilde um; er redete nie mit einem Menschen darüber: Aber das Bild kam ihm stets näher und näher, seine Forderung an ihn wurde ihm stets innerlicher und innerlicher. Doch mit Jemand darüber zu reden, war ihm eine Unmöglichkeit. Und gerade dies war ja der Beweis dafür, wie tief diese Sache ihn beschäf­tigte, der Beweis dafür, dass es nicht unmöglich gewesen wäre, dass er einmal auch darnach gehandelt hätte. Denn Verschwiegenheit und Energie entsprechen ganz einander; Verschwiegenheit ist der Energie Maßstab, ein Mensch hat nie mehr Energie als er Verschwiegenheit hat. Jeder Mensch versteht recht gut, dass es etwas viel Größeres ist zu han­deln als davon zu reden; ist er deshalb seiner selbst sicher, dass er es tun kann, und hat er beschlossen, dass er es tun will, so redet er nicht davon. Worüber ein Mensch — im Verhältnis zum Handeln — redet, ist gerade das, worin er seiner selbst nicht sicher ist. Ein Mann, dem es wenig Überwindung kostet, zehn Reichsthaler den Armen zu geben, so dass es ihm ganz natürlich ist, wie er sagt — da haben wir es ja! — Dass es „nicht der Rede wert“ ist: Er redet nie darüber. Aber vielleicht wirst du ihn darüber reden hören, dass er einmal tausend Reichsthaler den Armen zu geben gedenkt, — ach, die Armen werden sich ohne Zweifel mit den zehn begnügen müssen! — Ein Mädchen, das Inner­lichkeit genug hat, um sein ganzes Leben still aber tief über eine unglückliche Liebe zu trauern, es spricht nicht davon. Aber im ersten Augenblick des Schmerzes wirst du es viel­leicht sagen hören, dass es sich das Leben nehmen wolle sei ruhig, das tut es nicht, gerade deshalb redete es davon, das war ein eitler Gedanke. Das Bewusstsein, dass man kann und will, das erfüllt ganz anders als alles Schwatzen. Deshalb wird nur von dem geschwatzt, welchem gegenüber Einem dieses Bewusstsein fehlt. Über das Gefühl, das man in Wahrheit hat, redet man nie; nur über das Gefühl, das man nicht hat oder nicht in dem Grade hat, schwatzt man gern. Das Gesetz diesem Übel gegenüber ist ganz einfach dies: Hast du einen Verdacht auf einen Menschen, der dir lieb ist, dass er möglicherweise in der Stille mit diesem oder jenem entsetzlichen Gedanken umgeht, so sieh nur zu, dass du ihn zum Reden bewegst, am liebsten so, dass du es ihm so ablockst, als ob es Nichts sei, damit es nicht einmal im Augenblick der Mitteilung zum Pathos der Ver­traulichkeit komme. Bist du selbst in diesem Fall in Ge­fahr, mit einem entsetzlichen Gedanken zusammen dich anzuschließen, so sprich mit einem Andern darüber, aber am liebsten in der pathetischen Form der Vertraulichkeit; denn wolltest du es ihm im Scherz mitteilen, so dürfte es eine von deiner Verschlossenheit erfundene Hinterlist sein, die dir selbst am schlimmsten bekäme. Aber dem Guten gegen­über ist das Gesetz auch dasselbe! Ist es dir aufrichtig ernst mit einem Beschluss — um Alles, sprich nie ein Wort davon zu wem es auch sei! Doch braucht dies Alles ja eigentlich nicht gesagt zu werden, es nützt auch Niemand, dass es gesagt wird; denn der in Wahrheit Entschlossene, er ist eo ipso verschwiegen. Das Entschlossen-sein ist nicht Eins, das Verschwiegen-sein etwas Anderes; das Entschlossensein ist gerade auch Verschwiegen-sein — wie der es war, von dem hier die Rede ist!

So lebte er ein Jahr nach dem andern hin. Er ging nur mit Gott, mit sich selbst und mit diesem Bilde um — aber verstand sich selbst nicht! Doch fehlte es ihm keines­wegs an Willigkeit oder Überzeugung, im Gegenteil, er empfand einen beinah unwiderstehlichen Drang, dem Bilde ähnlich zu werden. Zuletzt erwachte ein Zweifel in seiner Seele, ein Zweifel, in welchem er sich selbst nicht verstand: ob ein Mensch sich für die Wahrheit töten lassen dürfe?

Über diesen Zweifel sann er spät und früh nach. Seine vielen Gedanken sind kurz gefasst der Inhalt dieser kleinen Abhandlung.

A.

1. Die Lehre von Jesu Christi Opfertod ist selbst­verständlich seit dem Anfange des Christentums von Jahr­hundert zu Jahrhundert der Gegenstand der Betrachtung und Erwägung von Tausenden und aber Tausenden gewesen. Meine Seele ruht ganz in diesem Glauben, versteht sich selbst ganz hinsichtlich dessen, dies zu glauben. Nur ein Zweifel hat mich eine Zeit lang geängstigt, ein Zweifel, den ich nie von einem Zweifelnden habe darlegen, und nie von einem Gläubigen habe beantworten sehen. Dieser Zweifel lautet also: Das kann ich wohl begreifen, dass Er, der Lie­bende, aus Liebe sein Leben hat können opfern wollen. Aber das kann ich nicht begreifen, dass Er, der Liebende, die Menschen hat damit sich verschulden lassen können, Ihn zu töten, dass er es zulassen konnte, dass dies geschah; es scheint mir, dass Er aus Liebe sie daran verhindert haben müsste. Doch ist es mir nun gelungen, auch diesen Zweifel zu beseitigen; wie, darüber will ich hier Rede und Antwort geben, da es mit der Beantwortung meines Problems genau zusammenhängt.

2. Was die Philosophen über Christi Tod und Opfer sagen ist nicht wert, dass darauf reflektiert werde. Denn die Philosophen wissen in diesem Falle nicht, worüber sie reden — das weiß ich; sie tun, was sie nicht wissen, und wissen nicht, was sie tun.

3. Mit den Dogmatikern ist es eine andere Sache, sie gehen vom Glauben aus. Darin tun sie recht; sonst gibt es auch gar Nichts, worüber man reden, grübeln kann— ohne in die Luft hinein zu philosophieren! Sie suchen dann zu begreifen, wie Gottes Gerechtigkeit und des Menschen Sünde kombiniert das Mysterium der Versöhnung ausmachen. Doch alles, was darüber gesagt werden kann, enthält Nichts zur Beantwortung meines Zweifels. Die Dogmatik grübelt über die ewige Bedeutung dieses historischen Faktums, und macht keine Schwierigkeiten hinsichtlich irgend eines Momentes in dessen historischer Entstehung.

4. Aber Jesu Christi Opfertod ist ja als Dogma eine historische Begebenheit. Man kann also fragen: Wie ging das zu, wie in aller Welt war es denn möglich, dass Christus gekreuzigt werden konnte? Hierauf antwortet die Theologie, dass es der Juden Gottlosigkeit war, doch so, dass dieselbe, obgleich aufrührerisch gegen Gott und obgleich die Schul­digen zurechnungsfähig waren, — dass diese Gottlosigkeit in einem tieferen Sinne dennoch Gottes Absicht dienen musste, und — was noch gewöhnlich vergessen wird — Christi freier Entschluss war. Man könnte nun gewiss in dieser Hinsicht viel mehr Betrachtungen anstellen, als in der Regel angestellt werden, um dieses Historische zu be­leuchten, um es recht gegenwärtig zu machen — denn das Ewige, das Göttliche darin ist ja ein beständig – Gegen­wärtiges! Das kann gewiss auch jeder Gläubige tun! Aber, was übrigens ganz in der Ordnung ist, der Gläubige will das nicht gern tun, weil für ihn der Tod des Heiligen eine ganz andere Bedeutung hat, so dass er ungern auf diese Weise sich mit ihm beschäftigt, sondern lieber glaubt, weil er glauben soll, als, wie es sinnlos heißt, weil er begreifen kann. Die­jenigen dagegen, die eine eitle Lust daran haben, vor sich selbst und vor der Welt wichtig zu werden, indem sie solche Reflexionen anstellen, vermögen es gewöhnlich nicht zu tun.

a) Wollte man also fragen: wie war es denn möglich, dass Christus gekreuzigt werden konnte? so könnte man als Antwort zu zeigen sich bemühen, dass Er als der Ab­solute die Relativität gleichsam sprengen musste, in welcher nun einmal die Menschen leben, weil sie nur Men­schen sind. Sein Tod war dann, griechisch verstanden, wie eine entsetzliche Art Notwehr der leidenden Menschheit, die Ihn nicht ertragen konnte. Aber diese Antwort ist verfehlt, ja leichtsinnig-blasphemisch, wenn sie verschweigt, dass die Relativität, in der die Menschen leben, die Sünde ist.

b) Man könnte fragen: Wie war es denn möglich, dass Christus getötet werden konnte, Er, der in Nichts, in gar Nichts das Seine suchte; wie ist es möglich, dass irgend eine Macht oder irgend ein Mensch mit Ihm kollidieren kann? Antwort: Gerade deshalb wurde Er getötet, weil Er in Nichts das Seine suchte! Gerade deshalb waren die Geringen und die Vornehmen gleich verbittert gegen Ihn; denn jeder von ihnen suchte das Seine und wollte, dass Er in Selbstliebe mit ihnen zusammenhalte. Er wurde gerade daher gekreu­zigt, weil Er die Liebe war, oder näher ausgeführt, weil Er nicht selbstsüchtig sein wollte. Er lebte darum auch so, dass Er ebenso sehr für die Vornehmen, wie für die Ge­ringen zum Anstoß werden musste; denn Er wollte zu keiner der Parteien gehören, sondern sein, was Er war, die Wahrheit, und dies in Wahrheitsliebe. Die Mächtigen hassten Ihn, weil das Volk Ihn zum Könige machen wollte, und das Volk hasste Ihn, weil Er nicht König werden wollte.

c) Man könnte, um dieses Historische zu beleuchten, darauf hinweisen, wie der Umstand, dass Er Anfangs die Königsmacht haben zu wollen schien, gerade mit dazu ge­hörte, dass Er gekreuzigt werden konnte. Denn soll in die Lebensverhältnisse Leidenschaft hineinkommen, und in die Leidenschaft Feuer, so gehört Zug dazu. Aber Zug ist Doppelbewegung, ist die Kreuzung von zwei Luftströmungen. Gerade das, dass die Juden ihre ganze Aufmerksamkeit auf Ihn geheftet hatten, so dass sie Ihn zum König machen wollten; gerade das, dass Er selbst im Anfang einen Augen­blick, wie es schien, diese Richtung einschlug, — gerade das wurde der Stachel in der Verbitterung, wurde im Rasen des Hasses das Blutdürstige, da Er ja doch nicht wollte. Er war der Zeit in hohem Grade wichtig, sie wollte in Ihm am liebsten den Erwarteten sehen, sie wollte es Ihm beinahe aufnötigen und Ihm diesen Charakter aufzwingen — aber dass Er das alsdann nicht sein wollte! Christus war der Erwartete, und doch wurde Er von den Juden gekreuzigt, und wurde es gerade, weil Er der Erwartete war! Er war seinen Zeit­genossen allzu bedeutungsvoll, als dass davon die Rede ge­wesen sein konnte, Ihn unbeachtet zu lassen, nein, hier galt es entweder — oder, entweder lieben oder hassen! Die Juden waren so sehr von der Idee eingenommen, dass Er der Erwartete sein müsste, dass sie den Gedanken nicht aushalten konnten, dass Er all’ die dargebotene Herrlichkeit nicht annehmen wollte. Das heißt, dies ist der Welt Kon­flikt zwischen zwei Vorstellungen, derjenigen des Augen­blicks und derjenigen der Ewigkeit, über das, was unter „dem Erwarteten“ zu verstehen sei. In abstracto ist Christus Allen der Erwartete, und Er ist es ewig. Aber nun kommt der Konflikt. Das selbstsüchtige, eingebildete Volk will Ihn für seine Eigenliebe sich zu nutze machen: Christus soll „der Erwartete“ sein, aber vom Augenblick redigiert! Indem Er einen Augenblick scheinbar nachgab, lockt Er diese ihre Idee heraus, dass sie offenbar werde — und nun, nun wird es von Schritt zu Schritt offenbar, dass Er im Sinne der Ewig­keit „der Erwartete“ ist! Seine Zeitgenossenschaft hat darum allerdings — irrend, wie sie es war, und in ihrem Irrtum rasend, rasend darüber, dass sie sich in Ihm geirrt habe, rasend darüber, dass sie Einen zum König hat machen wollen, der dies verschmähte, rasend darüber, das Zugeständnis ge­macht zu haben, wie sehr sie, in ihrem Sinne, nach Ihm verlangte — seine Zeitgenossenschaft hat allerdings Christi Leben für Ungeheuern hochmütigen Stolz angesehen. Es hat deshalb für Viele in ihrer gottlosen Verirrung wie eine ge­rechte Nemesis gelautet, dies Wort: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Aber auch alles das gehört mit zu der Schuld der Juden, mit dazu, dieselbe als Gott­losigkeit zu beleuchten, wie sie in solchem Grade auf Christus aufmerksam gewesen sind, dass hier von einem gewöhnlichen Missverständnis nicht die Rede sein kann. Sie haben, im Gegenteil, zu Ihm emporgeschaut, auf Ihn hinweisen wollen, auf Ihn stolz sein wollen, jetzt recht gründlich und mehr denn je alle anderen Völker verachten wollen — wenn Er ihrer Herrschsucht nur hätte dienen wollen! Das heißt, sie hatten Seine unendliche Überlegenheit gefasst. Und doch wollten sie sich nicht unter Ihn beugen, nicht von Ihm lernen, was in betreff „des Erwarteten“ Wahrheit war; herrschsüchtig wollten sie, dass Er ihnen diene, dass er sich ihrer Lust füge — um Ihn alsdann zu vergöttern, eine Vergötterung, die in einem anderen Sinne Selbstvergötterung geworden wäre, indem diese Vergötterung ihrer Herrschsucht schmei­chelte, auch dadurch, dass Er eine Invention derselben ge­worden wäre. Das heißt, sie hatten von den Vätern her Voraussetzungen genug und sie verstanden genug, um Ihn verstehen zu können, wenn sie gewollt hätten, aber sie wollten Ihn nicht verstehen. Eines ist es, wenn eine Zeit­genossenschaft einen Mann verhöhnt und verfolgt, den sie buchstäblich nicht verstehen kann, sondern für verrückt an­sehen muss. So war es, als Columbus von seinen Zeit­genossen verhöhnt wurde; denn seine Zeitgenossen konnten es beim besten Willen nicht fassen, dass es einen anderen Weltteil geben sollte. Ein Anderes ist es, wenn die Zeitgenossen eines Mannes ungeheure Überlegenheit verstehen, ja in ihn vernarrt sind, aber (selbst wenn es mit Schmei­chelei geschieht!) es sich ertrotzen wollen, dass er Das sein soll, wozu sie ihn machen wollen — statt sich ihm unter­zuordnen und von ihm zu lernen!

d) Man könnte, um dieses Historische zu beleuchten, darauf hinweisen, wie die historische Situation, menschlich geredet, dazu beitragen musste, die Juden gegen Christus aufzuhetzen. Das national- und religiös-stolze Volk seufzte in schmählicher Knechtschaft gebunden, und wurde immer mehr wahnsinnig-stolz; denn jener Stolz ist der wahnsinnigste, der zwischen der Selbstvergötterung und der Selbstverachtung hin und her schwankt. Das Land ist seinem Untergang nahe; alle Gemüter sind mit dem nationalen Kummer beschäftigt, Alles ist Politik bis zur Verzweiflung. Und nun Er, er, der ihnen hätte helfen können, Er, den sie zu ihrem Könige hatten machen wollen, Er, von dem sie Alles gehofft hatten, Er, der diesem Missverständnis einen Augenblick seine Zu­stimmung selbst gegeben zu haben schien! Und jetzt, gerade jetzt in diesem Augenblick, es auszusprechen, es so entsetz­lich-bestimmt auszusprechen, dass Er Nichts, gar Nichts mit Politik zu schaffen habe, dass „sein Reich nicht von dieser Welt sei“! Die Zeitgenossen mussten ja, verblendet wie sie waren, menschlich geredet, die entsetzlichste Vaterlandsverräterei darin sehen. Das war, als hätte Christus den grellsten Gegensatz ausgesucht, den am meisten Ärgernis erregenden Gegensatz, um das Ewige, Gottes Reich, so recht im Gegensatz zum Irdischen darzustellen! Denn wenn irdisches Elend, eines ganzen Volkes, Gottes auserwählten Volkes, Existenz auf dem Spiele steht, so dass es gilt zu sein oder nicht zu sein, so scheint es, menschlich, als müsste diese Frage vor allen Dingen in Betracht kommen. Der Gegensatz kann nicht krasser sein! In einem glücklichen Lande, in Friedenszeiten, ist der Gegensatz des Ewigen zu dem Irdischen nicht so stark. Einem reichen Manne zu sagen, du sollst zuerst Gottes Reich suchen, ist eine milde Rede, gegen diese harte, diese menschlich-empörende, einem Hungernden zu sagen: du sollst zuerst Gottes Reich suchen. Das war also, menschlich geredet, wie eine Verräterei gegen seine Zeit, gegen das Volk, gegen des Volkes Sache. Und darum kränkte wiederum jener doppelte Hohn des stolzen Römers, des Pilatus, so tief, dass er über das Kreuz die Inschrift setzte: „Der Juden König“. O, das war es ja, was das in seinem Stolz verzweifelnde Volk sich gewünscht hatte, einen König — und Er hätte das sein können! Aber nun lautete der Spott zwiefach, über Ihn, den Gekreuzigten, Ihn einen „König“ zu nennen; und über die Juden — Ihn „der Juden König“ zu nennen, als ob man dem Volk zeigen wollte, wie elend und ohnmächtig es sei.

e) Man könnte nachweisen, um dieses Historische zu beleuchten, wie der Umstand, dass das Ganze im Lauf von drei Jahren vor sich geht, menschlich geredet, dazu beiträgt, Christi Tod zu motivieren. Mit der Eile des ersten Eindrucks von dem Außerordentlichen (Christus zum Könige machen zu wollen!), stürzt sich das Geschlecht gleich darauf in das entgegengesetzte Extrem, ihn zu töten, das heißt, von dem direkten Ausdruck des Außerordentlichen, stürzt sich das Geschlecht zu dem umgekehrten Ausdruck des Außerordentlichen. Aber die Zeit ist, in einem gewissen Sinne, seinen Zeitgenossen so knapp zugemessen, dass sie dadurch in einen exaltierten, betäubten Zustand gebracht werden; es fehlt, menschlich geredet, eine Pause, damit seine Zeitge­nossen zum Aufatmen hätten kommen können, eine Pause zwischen dem Missverständnis, dass Christus der irdisch-Erwartete sei, und dem Verständnis, dass er Geist und Wahr­heit war. Wäre Christus nicht die Wahrheit gewesen, so hätte er demgemäß die Zeitgenossen schonen, sie mit Hülfe von Sinnenbetrug etwas abkühlen können; er würde sich mit ge- hörigen Pausen entfernt, sein Leben auf zwanzig Jahre ver­teilt haben, statt es in drei Jahre zusammenzudrängen — und, wäre er bloßer Mensch gewesen, so wäre er wohl aus einem andern Grunde dazu genötigt worden! — dann wäre er doch, menschlich geredet, vielleicht nicht getötet worden! In dieser fürchterlichen Anstrengung aber, dass das Göttliche jeden Tag gegenwärtig ist, in dieser fürchterlichen Anstren­gung, in so kurzer Zeit die größtmöglichen menschlichen Gegensätze zwischen Erhöhung und Erniedrigung durchlaufen zu müssen, in dieser fürchterlichen Anstrengung, drei Jahre in Einem Zuge, ohne den geringsten Zwischenraum, in der größtmöglichen Spannung gehalten werden zu müssen — ist das Geschlecht wie außer sich und ruft nun „kreuzige, kreuzige!“

f) Doch wozu alle diese Reflexionen, die meinen Sinn und meine Aufmerksamkeit vielleicht von der Hauptsache ab­lenken: Er sagte von sich, er sei Gott! Das ist genug, hier, wenn je, gilt es auch absolut „entweder — oder“, entweder anbetend niederfallen, oder mit dabei sein, Ihn zu töten; ein unnatürlicher Mensch wäre es, in welchem keine Menschlich­keit ist, der nicht einmal empört sein kann, wenn ein Mensch sich für Gott ausgeben will!

Aber mit alle dem bin ich noch nicht zu jenem meinem Zweifel gekommen.

5. Mein Zweifel lautet also: wie konnte der Liebende es übers. Herz bringen, die Menschen damit sich so ver­schulden zu lassen, dass sie seinen Mord auf ihr Gewissen luden; müsste Er nicht, als der Liebende, es auf jede Weise verhindert und eher etwas nachgegeben haben, Er, dem es leicht genug wurde, sobald er es wollte, sie für sich zu ge­winnen? Denn dass ein irrender Mensch mit anderen Menschen so streitet, dass er sie für die stärkeren hält, was sie ja auch in Wahrheit sind, und deshalb gar nicht an sie denkt, sondern nur daran, sich zu wehren — das ver­stehe ich! Aber schon ein bloßer Mensch, wenn er die Wahrheit auf seiner Seite hat, und sich dessen bewusst ist, muss sich ja in dem Grade stark fühlen, in dem Grade als den Stärkeren gerade gegenüber den Tausenden und Aber­tausenden, als er nur uneigentlich mit ihnen kämpft, als all’ ihr Widerstand ihn nur wehmütig macht, so dass das, was ihn besonders beschäftigt, die Fürsorge um sie ist, und er liebend, in jeder Hinsicht auf ihr Bestes sieht. Und nun Er, der ewig-Starke — was kann aller Menschen Widerstand und Angriff für Ihn bedeutet haben? Kann Er auch nur einen Augenblick um sich selbst besorgt gewesen sein können, muss Er nicht allein um sie besorgt gewesen sein, Er, der Liebende? Und in dieser Bekümmerung der Liebe muss dieses ja gerade ein Moment gewesen sein: Ob es doch nicht zu hart gegen sie war, ob es nicht doch möglich wäre, sie mit diesem entsetzlichen Äußersten zu verschonen, Ihn zu töten!

6. Doch finde ich hierin jetzt keine Schwierigkeit für meinen Glauben. Denn Er war nicht nur der Liebende, Er war die Wahrheit. Und für Ihn, den Heiligen, war die Welt die böse, die sündige, die gottlose Welt. Hier kann also in alle Ewigkeit von keiner Nachgiebigkeit die Rede sein, ohne dass sie eo ipso Unwahrheit ist. Sodann war ja sein Tod die Versöhnung und brachte also die Sühne auch für die Schuld, Ihn zu kreuzigen; sein Tod hat rückwirkende Kraft, ja, in einem gewissen Sinn muss man sagen, dass Keiner so leichten Kaufs davon gekommen ist, einen Unschuldigen zu töten, wie gerade die Juden — o, ewige Liebe: Sein Tod ist die Versöhnung für seinen Tod! Endlich war Er kein bloß einzelnes Individuum, Er verhält sich total zum Ge­schlecht, Sein Tod ist die Versöhnung für das ganze Ge­schlecht; des Geschlechtes Bestimmung greift hier plötzlich ein in das Verhältnis zwischen Ihm und den Juden.

So verstehe ich das, so bin ich im Einverständnis mit mir selbst darüber, zu glauben. Es ist wie eine Kollision; das muss wohl auch mit zu seinem Seelenleiden gehört haben. In Liebe will Er den Versöhnungstod sterben; aber damit Er sterbe, muss das mitlebende Geschlecht eines Mordes schuldig werden — was Er, der Liebende, ja so unbeschreiblich gern verhindert haben möchte. Aber würde dies verhindert, so würde auch die Versöhnung unmöglich! Ach, und mit jedem Schritt, mit dem Er sich seinem Lebens­ziel näherte, — den Tod zu leiden, — mit jedem Schritt kommt dieses Entsetzliche näher, nämlich, dass das damals lebende Geschlecht auf diese Weise schuldig werden muss. Doch wurde das Geschlecht nicht in größerem Maße schuldig, als es bereits war — denn Er war die Wahrheit; aber das Geschlecht wurde gerade so schuldig, wie es war — denn Er war ja die Wahrheit; des Geschlechtes Schuld wurde bloß in der Wahrheit offenbar. Und auf das da­malige Geschlecht darf man wohl Christi Wort anwenden „meint Ihr, dass jene Galiläer schuldiger waren?“ — das da­malige Geschlecht ist nicht schuldiger als jedes andere, es ist „des ganzen Geschlechtes Schuld“, die offenbar wird! Er selbst will also seinen Tod; doch ist Er an seinem eige­nen Tode nicht schuld, denn es sind die Juden, die Ihn tö­teten — und doch will Er den Versöhnungstod sterben, und mit dieser Absicht kam Er auf die Welt. Er hat es jeden Augenblick in seiner Macht gehabt, seinen Tod zu ver­hindern, nicht nur göttlich (mit Hülfe der „zehn Legionen Engel!“), sondern auch menschlich; denn die Juden wollten nur zu gern in Ihm den Erwarteten sehen, noch im letzten Augenblick hat Er diese Möglichkeit für sich gehabt — aber Er ist die Wahrheit. Er will seinen eigenen Tod; doch gilt hier nicht was menschlich gilt, dass dies Gott versuchen heißt. Sein freier Entschluss, sterben zu wollen, ist in ewiger Übereinstimmung mit des Vaters Willen. Wenn ein Mensch seinen eigenen Tod will, so heißt das Gott ver­suchen, weil kein Mensch sich eine solche Übereinstimmung mit Gott anmaßen darf.

7. So bin ich im Einverständnis mit mir selbst, zu glau­ben. Vor Ihm kniee ich anbetend wie ein Mensch, oder wie ein Sperling, oder geringer als ein Nichts. Auch weiß ich wohl, was ich tue, und ich weiß, dass ich nie vor irgend einem Menschen gekniet habe. Aber ich bin im Einver­ständnis mit mir selbst, zu glauben. Lind wollte nun auch irgend ein kleines Mädchen, das in mir den Inbegriff aller möglichen Weisheit und alles möglichen Tiefsinnes sähe, zu mir sagen: „kannst du das begreifen, oder doch Etwas da­von begreifen, oder dämmert es dir doch ein wenig auf?“ so würde ich antworten: „Nein, mein Mädchen, nicht mehr als ein Sperling mich begreifen kann!“ Glauben heißt das Göttliche und das Menschliche zusammen in Christo glauben. Ihn begreifen heißt sein Leben menschlich begreifen. Aber sein Leben menschlich begreifen ist so weit davon entfernt mehr zu sein als zu glauben, dass es vielmehr, wenn dabei nicht geglaubt wird, Ihn verlieren heißt, weil sein Leben ist, was es für den Glauben ist, — das göttlich-menschliche! Ich kann mich selbst darin verstehen, zu glauben; ich kann mich darin verstehen zu glauben, während ich dabei in einem relativen Missverständnis dieses Lebens menschliche Seite begreifen kann: Aber den Glauben begreifen, oder Christum begreifen, kann ich nicht; ich kann dagegen verstehen, dass der Anspruch, ganz und gar Sein Leben begreifen zu wollen, das absoluteste und zugleich ein gotteslästerliches Missver­ständnis ist. Siehe, wenn es daher auf körperliche Kraft ankäme, so wollte ich Gott darum bitten, sie mir zu geben; und da es nicht so ist, will ich Gott bitten (ich darf es ihm auch geloben, dass dies einem Redlichen anvertraut wird), dass er mir Geisteskräfte gebe, um all die Eingebildetheit zu vernichten, die vermeintlich begreifen will, sie zu vernichten, oder sie hinunter zu stürzen in die „Unwissenheit“, dahin wo ich selbst bin — in Anbetung!

B.

1. Der Geistliche, kollektiv verstanden, predigt über jene Herrlichen, die ihr Leben für die Wahrheit opferten. Ge­wöhnlich nimmt der Geistliche wohl an, dass Keiner in der Kirche zugegen ist, dem es einfallen würde, etwas Ähnliches zu wagen. Wenn er sich dann durch private Kenntnis der Ge­meinde als Seelsorger hinreichend darüber vergewissert hat, predigt er frisch weg, er deklamiert förmlich und trocknet sich den Schweiß ab. Wenn nun am nächsten Tage einer jener entschlossenen Menschen zum Geistlichen ins Haus käme, einer jener Menschen, die nicht deklamieren, ein stiller, bescheidener, vielleicht unansehnlicher Mann, der sich als denjenigen meldete, den der Geistliche durch seine Be­redsamkeit hinriss, so dass er jetzt beschlossen habe, sein Leben für die Wahrheit zu opfern: Was nun? So würde wohl der Geistliche gutmütig so reden: „Ih, Gott bewahre, was fällt Ihnen ein? Reisen Sie, zerstreuen Sie sich, nehmen Sie ein Laxativ!“ Und wenn nun jener unansehnliche Mann, unverändert still, seinen Blick bescheiden auf ihn heftete und mit diesem auf ihn gehefteten Blick über seinen Entschluss zu reden fortfahren würde, aber in den bescheidensten Aus­drücken, wie ein entschlossener Mann es gerne tut — so würde der Geistliche diesen Menschen in Gedanken weit weg wünschen. Oder wenn es doch ein tüchtigerer Geistlicher war, zu dem er kam, so würde ersterer wohl ernster mit ihm reden, würde zu erfahren suchen, wen er vor sich habe, und, falls er Wahrheit im Manne fand, seinen Mut ehren.

Aber mein Problem kam gar nicht zur Sprache: Darf ein Mensch sich für die Wahrheit töten lassen? Eines ist es ja: habe ich dazu den Mut; etwas Anderes: darf ich das tun? Wie es auf dem Thermometer eine Plus- und eine Minus-Skala gibt, so gibt es auch im Dialektischen eine direkte Skala und eine umgekehrte Skala. Aber in dieser Weise umgekehrt sieht man das Dialektische selten oder nie benutzt in der Menschen Denken über das Handeln im Leben; man kommt nicht bis zum eigentlichen Problem. Die Men­schen kennen meistens nur das direkte Dialektische. Ich habe öfters große philosophische Werke gelesen, Vor­lesungen von Anfang bis zu Ende gehört; es ist mir auch die ganze Zeit während des Lesens und während des Vor­trages vorgekommen, dass ich die Entwicklung verstand, — nur fiel mir ab und zu auf: „das war eine ungeheuer lange Einleitung, wie wird der Verfasser oder der Dozent fertig werden!“ Aber was geschieht: das Buch ist zu Ende, die Vorlesung aus, und, was mehr ist, der Gegenstand soll nun gleichfalls vollkommen erklärt und erschöpft sein! Und ich, der ich dachte, dass wir jetzt erst uns dran machen sollten, ich kann natürlich so nicht das Geringste von dem verstehen, was ich doch zu verstehen meinte. So verhält sich’s hier. Man redet darüber, welcher Mut dazu gehöre, sein Leben im Dienste der Wahrheit zu opfern, man stellt alle die Gefahren dar, man lässt die Menschen vor denselben zurückschaudern; nur er, der Mutige, begibt sich in dieselben und endlich in die Gefahr des Todes, er wird bewundert — Amen!

Und hier gerade fange ich an, nicht mit seinem Tode, der kam später, sondern mit der Annahme, dass hinsichtlich seines Mutes Alles in Ordnung und Richtigkeit ist. Nun fange ich an: darf ein Mensch sich für die Wahrheit töten lassen?

2. Wenn ein Mann für die Wahrheit getötet wird, so muss es ja Einige geben, die ihn töten, das ist doch klar. Meine Annahme ist, und das darf nicht vergessen werden, dass es wirklich die Wahrheit ist, für die er getötet wird. Es kann zur Zeit eine Regierung sein, eine geistliche oder weltliche, die das thut, zu anderer Zeit — die Menge. Es kann mitunter auch nach gesetzlichem Urteil geschehen; aber ist es gewiss, was ich ja annehme, dass es die Wahrheit ist, für die er getötet wird, so ist mit gesetzlichem Urteil wenig geholfen, denn was ist gesetzliches Urteil ohne Wahrheit! Also diejenigen, die ihn töten, nehmen einen Mord auf ihr Gewissen. Darf ich nun, oder darf ein Mensch um der Wahrheit willen es geschehen lassen, dass Andere eines Mordes schuldig wer­den? Ist meine Pflicht gegen die Wahrheit derart, oder gebietet mir meine Pflicht gegen meine Mitmenschen nicht vielmehr, etwas nachzugeben? Wie weit geht meine Pflicht gegen die Wahrheit, und wie weit geht meine Pflicht gegen Andere?

Die Meisten verstehen wohl nicht, wovon ich rede. Sie reden im Verhältnis zu einem Mitlebenden über das Unbe­sonnene, sich in einen Kampf einzulassen mit solchen Mäch­ten, die Einen töten können, sie bewundern den Verstorbenen, der diesen Mut gehabt hat. Aber davon rede ich gar nicht. Ich nehme an, dass dies ganz in der Ordnung ist, dass dem Betreffenden nichts weniger fehlt als Mut, ich rede auch nicht über das Unbesonnene, sich in einen Kampf hineinzuwagen mit solchen Mächten, die Einen töten könnten. Ich rede von einer ganz andern Macht, mit welcher er sich vielleicht un­besonnen in einen Kampf hineinwagt — von der Verant­wortung: darf ein Mensch so weit gehen, darf er, selbst wenn er Recht und die Wahrheit auf seiner Seite hat, Anderen auf diese Weise eine Schuld aufbürden, darf er eine solche Strafe über Andere verhängen? Denn das ist ja leicht genug einzusehen, dass gerade in dem Augenblick, wo sie ihn zu strafen meinen, indem sie ihn töten, er sie entsetzlich straft, indem er sie daran schuldig werden lässt, dass sie ihn töten. Es ist beinahe kein Verhältnis zwischen diesem, unschuldig getötet zu werden, — das Bisschen Leiden! — und auf der andern Seite das Verbrechen, einen Unschuldigen getötet zu haben, der für die Wahrheit litt! — Die Meisten denken also: das erfordert Kraft, das heißt stark sein, den Mut zu haben, sich töten zu lassen; überlasse es ihnen, die das tun, ihnen, die ihn töten, was sie tun! Selbst derjenige, der um Einiges tiefer sieht als die Meisten, selbst ein wesentlicher Ironiker, denkt wohl mit unerschrockenem Witz also: Was geht es mich an, dass ich getötet werde — es geht „eigentlich“ nur diejenigen an, die das tun! Aber davon oder so rede ich nicht, ich rede von etwas ganz Anderem, das doch vielleicht mehr Kraft erfordert und ganz anders den Starken bezeichnet: Mutig sich töten lassen, mit Unerschrockenheit jene tiefsinnige Ironie erfassen, dass man liebevoll um die Anderen beküm­mert ist, für Diejenigen, welche, wenn man getötet werden wird, daran schuld werden müssen, Einen getötet zu haben! Ich rede davon: Während man den Mut hat sich töten zu lassen, mit Furcht und Beben über die Verantwortung be­sorgt zu sein! Hat nämlich ein Mensch wirklich, im Ver­hältnis zu Anderen, entschieden die Wahrheit auf seiner Seite (und das muss er ja haben, wenn davon die Rede sein soll, für die Wahrheit getötet zu werden!), so ist er auch entschie­den der Überlegene. Und was ist denn Überlegenheit? Es ist die in demselben Masse, in welchem die Überlegenheit wächst, mehr und mehr zunehmende Verantwortung! Denn es ist gerade nichts Behagliches, in Wahrheit der Überlegene zu sein, das heißt, in Wahrheit es zu sein, und, was darin liegt, sich als Solchen zu verstehen.

Also, darf ich, darf ein Mensch sich für die Wahrheit töten lassen?

3. Selten fällt es wohl einem Menschen ein, sich mit dem Gedanken zu beschäftigen: freiwillig sein Leben für die Wahrheit opfern zu wollen. Es hat dagegen Jeder über jene Herrlichen oft gehört und gelesen, die, wie gesagt wird, das getan haben. Man betrachtet also nur das Ver­gangene, daher doch wohl der verkehrte Gedankengang. Gewöhnlich wird ja angenommen, dass es so zugegangen ist: Ein Mann hat die eine oder andere Wahrheit aus­gesprochen, kühn, beherzt ausgesprochen. Er selbst hat es am allerwenigsten gedacht, dass diese Rede ihn zum Tode führen würde. Aber da, da, ja man weiß nicht, wie das eigentlich zuging, da steht er plötzlich und ist zu Tode ver­urteilt — und so stirbt er für die Wahrheit. Das Ganze ist also eine „Begebenheit“, bloß eine Begebenheit. Es bleibt hier gar kein Platz für das freie Mitwirken (was der „Ver­antwortung“ entspricht) zu seinem eigenen Tode, was das eigene Sich-opfern für die Wahrheit ist. Er, der Getötete, ist der Leidende, nicht der in jedem Augenblick frei-Leidende, welcher von Anfang an und dann Schritt für Schritt aus freiem Entschluss in das Leiden willigt, obgleich er jeden Augen­blick in seiner Macht hat, es zu verhindern und indem er ein wenig mit der Wahrheit akkordiert, es in seiner Macht hat, sogar der Bewunderte zu werden. Aber die Meisten haben keine Vorstellung davon, was Überlegenheit ist, und was für eine Überlegenheit es sein muss, die Wahrheit auf seiner Seite zu haben, keine Vorstellung von der Freiheit der Selbst­bestimmung bei dem freiwilligen Leiden, wodurch er Mitwir­kender an seinem Tode ist und daran, dass er die Anderen die Schuld, ihn zu töten, auf ihr Gewissen nehmen lässt. Man lässt Mensch gegen Mensch in einem äußerlichen Verhält­nis stehen: Die Anderen töteten ihn! Doch so ist Keiner je für die Wahrheit geopfert worden. Ist er geopfert worden, so hat er es auch verstanden (gerade weil Freiheit und Selbst­bestimmung unzertrennlich sind vom Geopfertwerden, und Verantwortung unzertrennlich von Freiheit und Selbstbestim­mung), dass er es in seiner Macht hatte, seinen Tod zu ver­hindern, und also, dass er die Verantwortung hatte, Andere an seinem Tode schuldig werden zu lassen.

Das, was überhaupt die Menschen am wenigsten be­schäftigt, ist gerade, was mich am meisten beschäftigt: der Anfang — um das Übrige kümmere ich mich nicht viel, ins­besondere nicht viel darum, was da „geschieht“. Ich kann mich nicht mit Etwas beschäftigen außer als Gegenwärtiger, und muss also fragen, wie kam der Mensch dazu, so an­zufangen? Vom Anfang bloß werde ich etwas lernen. Nur von dem, was er getan hat, und wie er es getan hat, kann ich lernen, das muss ich also von Anfang an wissen; von dem, was mit einem Menschen geschehen ist, kann ich Nichts lernen.

Ich denke mir also einen Menschen, der gerade so viel Reflexion hat, als er Mut und Begeisterung hat. Ein Solcher muss also, indem er anfängt, sich klar werden, wohin das führen kann. Er muss im Einverständnis mit sich selbst sein darüber, dass, wenn es sein Schicksal werden sollte — nein, nicht sein Schicksal, denn das wird es nicht; wird er für die Wahrheit getötet, so ist es seine Wahl! Er muss also im Einverständnis mit sich selbst sein darüber, dass er freiwilliger Mitwirkender bei seinem eigenen Tode ist; er muss es verstehen, dass er die Verantwortung übernimmt, worin auch das in Frage Stehende enthalten ist, — die Ver­antwortung dafür, Andere an seinem Tode schuldig werden zu lassen. Es muss dann in seinem Leben insonderheit ein Augenblick eintreten, wo er zu sich selbst sagt: „Schraube ich jetzt die Bestimmung des Wahren noch höher hinauf, so hoch wie sie in Wahrheit für mich ist, so führt mich das zum Tode; es muss damit endigen, dass entweder die Re­gierung oder das Volk (je nachdem, welcher von diesen zweien Mächten er gegenübersteht!) mich tötet.“

Hier ist das Problem: Ist dies ihm erlaubt? Die Meisten werden es schwerlich gewahr; sie werden im Verhältnis zu einem Zeitgenossen seine Halsstarrigkeit tadeln, dass er so hartnäckig dabei bleibt, im Verhältnis zu einem Ver­storbenen es bewundern, dass er so beharrlich dabei blieb. Ich frage: Darf er, darf ein Mensch sich für die Wahrheit töten lassen?

4. „Er ist selbst an seinem Tode schuld,“ so sagen die Zeitgenossen von Einem, der sein Leben für die Wahr­heit opfert. Das ist es gerade, was mich beschäftigt! Es ist Mancher getötet worden, Mancher ist von einem Gerüst heruntergefallen u. s. w. — aber Keiner hat sein Leben für die Wahrheit geopfert, ohne dass er selbst daran schuld war! Und doch, wenn er sein Leben für die Wahrheit geopfert hat, so ist er ja im edelsten Sinn unschuldig gewesen.

Aber ist er „selbst schuld an seinem Tode“, dann ist somit auch das Bewusstsein davon da, welcher Schuld er die Anderen schuldig werden ließ — und nun frage ich: Darf ich, darf ein Mensch dies um der Wahrheit willen tun, ist es nicht eine Grausamkeit gegen die Anderen? Die Meisten sehen kaum mein Problem. Man redet davon, dass es grausam von den Anderen ist, ihn, den Unschuldigen, zu töten — ich aber frage: war es nicht grausam von ihm, oder ist es nicht grausam von ihm gegen die Anderen, die Sache dazu kommen zu lassen, dass sie ihn töteten oder dass sie ihn töten?

5. Was erreicht ein Mensch dadurch, dass er für die Wahrheit geopfert wird, oder um es in der Form meines Problems auszudrücken, dadurch, dass er Andere daran schuld werden lässt, ihn für die Wahrheit zu töten? 1. Er erreicht, dass er sich selbst treu bleibt, dass er seine Pflicht gegen die Wahrheit absolut erfüllt. 2. Ferner erreicht er, vielleicht durch seinen unschuldigen Tod aufrüttelnd zu wir­ken, und auf diese Weise der Wahrheit zum Siege zu ver­helfen. Es ist ganz gewiss, dass, wenn die Menschen sich gegen die Wahrheit verhärtet haben, es kein anderes Mittel gibt, das derselben einen solchen Eingang schafft, als wenn sie einen Zeugen der Wahrheit töten dürfen. Gerade in dem Augenblick, wo die Unwahrheit ihn entleibt hat, wird ihr vor sich selbst bange, vor dem, was sie getan hat, ohnmächtig durch ihren Sieg, der scheinbar doch der Wahr­heit Niederlage ist; sie wird schwach jetzt, wo sie ihn nicht mehr hat, mit dem sie streiten kann. Denn sein Wider­stand gerade gab der Wahrheit Kraft; in sich selbst hat sie keine Macht, was nun offenbar wird, und am stärksten, am ironischsten, dadurch offenbar wird, dass sie keine Nieder­lage erlitt, sondern dass sie siegte, so dass der Sieg zeigt, wie ohnmächtig sie ist!! Denn wenn Einer eine Niederlage erleidet, so sieht man nicht ganz genau, wie schwach er ist; man sieht, wie stark der Andere ist. Aber, wenn Einer siegt — und dann ohnmächtig zusammensinkt, so sieht man, wie schwach er ist und war, und wie stark der Andere war, er, der ihn dazu verleitete, auf diese Weise zu siegen; ihn dazu verleitete, vernichtet zu werden, wie keine Niederlage ihn hätte vernichten können. 3. Endlich wird sein Tod um der Wahrheit willen als weckendes Vorbild für kommende Geschlechter dastehen.

Aber nun diejenigen, die ihn töteten oder töten — kann der Tod eines Wahrheitszeugen Etwas dazu tun, um die Schuld von ihnen zu nehmen, hat der Tod eines Wahrheits­zeugen zurückwirkende Kraft? Nein, das hatte nur Christi Tod, denn Er war mehr als Mensch, Er stand im Verhältnis zum ganzen Geschlecht! Und selbst wenn Jenen das, dass sie an seinem Tode schuldig werden, dazu verhalf, auf die Wahrheit aufmerksam zu werden: Ihre Schuld bleibt ja unverändert, sie muss sich wohl jetzt nur noch größer er­weisen. Darf ich denn ein so gewaltsames, ein so entsetz­liches Weckungsmittel brauchen? — Die Meisten sehen kaum das Problem! Man redet über das Entsetzliche, die Todes­strafe anzuwenden, um einen Mann zu zwingen, die Wahrheit anzunehmen. Ich aber rede von dem Entsetzlichen: Einen Mann oder die Zeitgenossen daran schuldig werden zu lassen, mich zu töten, um auf diese Weise ihn oder sie zum An­nehmen der Wahrheit zu wecken! Ist dieses Letztere nicht eine viel verantwortungsvollere Operation als das Erstere?

6. Kann die Wahrheit von jeder Verantwortung befreien hinsichtlich der Schuld, Andere daran schuldig werden zu lassen, Einen für die Wahrheit zu töten? Ja, warum nicht! Aber (und nun wende ich die Frage anders als in dem Vorhergegangenen, wo ich deshalb dieses „ja“ bezweifelte!), kann von mir, oder kann von einem Menschen im Verhält­nis zu anderen Menschen angenommen werden, dass er in solchem Masse im Besitz der Wahrheit ist? Denn mit Christus war es etwas Anderes, Er war „die Wahrheit“.

Gibt es für den Einen Menschen im Verhältnis zu an­deren Menschen — beim Streite zwischen ihnen — eine absolute Pflicht gegen die Wahrheit? Statt zu antworten, muss ich die Antwort in einer neuen Frage ausdrücken, die die Sache gleichfalls anders wendet, als wo ich fragte: darf ein Mensch, selbst wenn er im Recht ist, und die Wahrheit auf seiner Seite hat, Andere an einem Morde schuldig werden lassen? (vergleiche pos.2). Die Frage ist: Kann man von einem Menschen annehmen, dass er im Verhältnis zu anderen Menschen im absoluten Besitz der Wahrheit ist? Denn, wenn nicht, so ist es ja ein Selbstwiderspruch, wenn ich von der absoluten Pflicht gegenüber dem rede, wovon ich nicht im absoluten Besitz bin.

7. Aber so kann ja der Wahrheitszeuge, wenn er sieht, dass der Augenblick jetzt eingetreten ist, wo es jetzt sein Tod werden wird, — so kann er ja von diesem Augenblick an schweigen! Darf er das? Hat er nicht die Pflicht gegen­über der Wahrheit, zu reden — was es auch koste? Die Meisten werden es allerdings entgegengesetzt dem ver­stehen, wie ich es verstehe. Sie verstehen dies „was es auch koste“ von der Willigkeit, sein Leben zu opfern; ich verstehe es so, dass es das kosten wird, Andere an einem Morde schuld werden zu lassen. Darf er schweigen? Und, gesetzt nun, man zwang ihn, zu reden — wenn er also weiß, dass die Wahrheit, wenn er sie sagt, sein Tod wird, oder richtiger, bewirken wird, dass die Anderen an seinem Tode schuld werden: darf er da eine Unwahrheit sagen? Und ist er dann ganz ohne Verantwortung, weil ihn die An­deren ja dazu zwangen, also weil sie selbst ihn zwangen, sie an seinem Tode schuld werden zu lassen?

8. Aber so könnte er ja, weil er die Anderen in seiner Macht hat, von dem Augenblick an, wo er voraussieht, dass ihr Streit damit endigen muss, dass sie ihn töten — so könnte er ja etwas Anderes tun. Denn dass er es ist, der die Anderen in seiner Macht hat, ist das Wahre. Die Meisten verstehen es umgekehrt, dass es die Anderen, die Starken, sind, die ihn in ihrer Macht haben — dies ist aber ein Sinnenbetrug. Die Wahrheit ist immer die stärkere; und er hat sie gerade in seiner Macht, indem er sie zwingen kann, ihn zu töten, weil er der Freie ist, weil er weiß, dass die Unfreien so in der Macht der Unwahrheit sind, dass sie ihn töten müssen, wenn er das Wahre so und so sagt! Also er könnte etwas Anderes tun, er könnte zu ihnen sagen: „Ich bitte und beschwöre Euch bei Allem, was heilig ist, gebt nach! Ich kann das nicht, mich verpflichtet die Wahrheit, mich zwingt die Wahrheit — das Einzige, was mich zwingt! Ich sehe aber, dass es mein Tod wird, ich sehe, dass ich also an der Schuld schuldig werde, die Ihr auf Euch nehmt, indem Ihr mich tötet. Und von dieser meiner Schuld will ich mich frei bitten, ja frei betteln; denn diese fürchte ich — den Tod nicht!“ Aber wenn sie nun ihn nicht verstehen können, ist er dann schuldlos daran, dass er sie schuldig werden ließ? — Oder hätte er sagen können: „Ich mache Euch verantwortlich für die Schuld, deren ich mich in gewissem Sinne dadurch schuldig mache, dass ich Euch an meinem Tode schuld werden lasse.“ Ist er dann schuldlos?

9. Also: „wenn sie ihn nun nicht verstehen können!“ Oder darf ein Mensch sagen: „sie wollen mich nicht ver­stehen?“ Denn das durfte Christus! Ihm gegenüber, dem Heiligen, der Wahrheit, war Widerstand Gottlosigkeit Außer­dem wusste Er, der Gott war und in die Herzen schaute, Er wusste zugleich, wie groß ihre Schuld war; Er, vor dem Nichts verborgen war, Er wusste, dass sie Ihn nicht ver­stehen wollten, so dass die Schuld, welcher sie sich auch offenbar schuldig machten, genau derjenigen Schuld ent­sprach, die in ihnen verborgen wohnte. Aber darf ein Mensch im Verhältnis zu anderen Menschen, wenn es jenes Äußerste gilt, sich töten zu lassen, darf er sagen: sie wollen mich nicht verstehen, ihr Nicht-verstehen-wollen ist Gottlosigkeit? Kann ein Mensch in die Herzen Anderer hinein schauen und sehen? Das kann er doch wohl nicht; aber also kann er auch nicht mit Bestimmtheit wissen, dass der Grund zu ihrem Widerstand der ist, dass sie ihn nicht verstehen wollen. Also darf ein Mensch, wenn die Sache bis zu diesem Äußersten gekommen ist, sie daran schuldig werden zu lassen, ihn zu töten — darf er sagen: Sie wollen mich nicht verstehen?

Oder ist das Dialektische im Verhältnis zwischen Mensch und Mensch nicht so relativ (gerade weil kein Mensch das Absolute ist!), dass es umschlägt, und dass dieser Umstand, dass sie ihn töten wollen, für ihn bedeutet, dass er zweifelnd sich gegen sich selbst wenden muss, daran zweifeln muss, ob er auch wirklich recht hat, die Wahrheit hat, da die An­deren (welche ja doch hinsichtlich der Wahrheit als Men­schen nicht von ihm absolut verschieden sein können!) ihn töten wollen? Muss er nicht in jedem Falle dem pole­mischen Verhältnis Einhalt tun, und jedes erlaubte Mittel anwenden, um sie für die Wahrheit zu gewinnen? — Wenn dies aber missglückt, wie ja Milde in der Hitze des Ge­fechtes gerade oft wie auf die Flamme wirkt, ein Ver­söhnungsversuch wie das Aufhetzendste, — was dann?!

Ist jeder Irrtum nur Unwissenheit, oder gibt es einen Irrtum, der Sünde ist? Aber wenn dem so ist, gilt das Letztere auch im Verhältnis zwischen Mensch zu Mensch? Denn dass es im Verhältnis zwischen Christus und dem Menschen galt, ist ja etwas ganz Anderes!

Das Unwahre in des Sokrates Verfahren war, dass er Ironiker war, dass er, wie selbstverständlich, keine Vor­stellung von der christlichen Liebe hatte, die gerade an der Bekümmernis der Verantwortung erkannt wird, der Verant­wortung im Verhältnis zu den Anderen, — während er meinte, keine Verantwortung seinen Zeitgenossen gegenüber zu haben, sondern nur gegen die Wahrheit und sich selbst! Denn war dieses nicht das Unwahre im sokratischen Satz, Sünde ist Unwissenheit, dass er, griechisch verstanden, nur das Verhältnis zwischen Mensch und Mensch dachte? Christlich gilt das Verhältnis zwischen Gott und Mensch, darum ist Irrtum Sünde! Aber gilt dieses Christliche im Verhältnis zwischen Mensch und Mensch? Und wenn es nicht gilt, wenn im Verhältnis zwischen Mensch und Mensch aller Irrtum Unwissenheit ist, darf ich da Jemand daran schuld werden lassen, mich für die Wahrheit zu töten, heißt das nicht die Unwissenheit zu grausam strafen?

10. Das Christentum lehrt, dass die Welt böse ist, ich glaube das als Christ. Aber ist dies nicht zu hoch, um im Verhältnis zwischen Mensch und Mensch gebraucht zu wer­den? Ich habe in dieser Absicht, mit meinem liebsten Ge­danken beschäftigt, mein Leben zu opfern, mich aufs sorg­samste bestrebt, die Menschen kennen zu lernen. Wovon ich mich überzeugt habe, ist dies, dass jeder Mensch gut­mütig ist, wenn er allein ist, oder wenn man mit ihm allein reden kann. Sobald es eine „Menge“ wird, kommen Abscheu­lichkeiten, — o, so abscheulich hat ja nicht der ärgste Tyrann gehandelt, wie die Menge, oder wie, was noch fürchterlicher ist, die abscheulich-reuelose, unverantwortliche „Masse“. Aber Christus verhielt sich nicht als einzelner Mensch zu anderen, sondern universell zum Geschlecht.

Doch kommt hier eine Misslichkeit hinsichtlich der Schuldzurechnung zum Vorschein. Es sieht ja aus, als ob „die Menge“, dieses Phantom, dieses Abstraktum, an dem schuldig werden könnte, woran keiner der Einzelnen, aus denen diese „Menge“ bestand, schuldig war. Aber die „Menge“ verantwortlich zu machen ist eine Lächerlichkeit, ebenso wie den Wind für schuldig zu erklären. Der Aus­weg würde mir daher nicht helfen, mir die Menge als die Schuldige zu denken, und die Einzelnen als Schuldlose, so verstanden, dass ich, obgleich Mensch, sagen dürfte, dass „die Menge“ gegen mich sündigte, aber die Einzelnen nicht, sie irrten bloß. Dies war auch nicht im Verhältnis zu Christus der Fall, jeder Einzelne in der Menge, die gegen Ihn sündigte, jeder Einzelne sündigte gegen Ihn.

Darf also ich, ein Mensch, der selbst der bösen Welt angehört, sagen, dass die Welt im Verhältnis zu mir böse, sündig, ist, das heißt, das ich rein und heilig bin? Wenn nicht, so ist es ja — fast hätte ich gesagt, eine Gecken­haftigkeit, aber richtiger gesagt, ist es — Blasphemie, so viel Wesens davon zu machen, — sich für die Wahrheit töten zu lassen.

11. Oder verhält sich die Sache vielleicht so: Jedes Mal, wenn ein Mensch wirklich für die Wahrheit getötet werden soll, bedeutet dies, dass die Wahrheit selbst dialektisch geworden ist. Dies will ich nun zu erforschen suchen; und lass mich da achtgeben, dass ich nicht verkehrtes Zeug schwatze, dass ich nicht darüber rede, was geschehen und vorbei ist, sondern über ein Gegenwärtiges. Also, diejenigen, welche ihn töten oder töten wollen (futurisch!), sie folgen ihrer Vorstellung von der Wahrheit und sind insofern im Recht, ihn zu töten. Aber haben sie ein Recht, ihn zu töten, so ist es ja kein Mord, dessen sie sich schuldig machen, sie nehmen keinen Mord auf ihr Gewissen. Andererseits muss derjenige, der getötet wird, ja doch wohl im Besitz der Wahrheit sein, da wir ja annehmen, dass es die Wahr­heit ist, für die er getötet wird. Was ist nun das? So wird ja die Wahrheit selbst zuletzt etwas Unbestimmtes, Schwan­kendes, wenn nicht einmal das zu allen Zeiten feststeht, dass es ein Mord ist, einen Unschuldigen zu töten, sondern dass es Fälle gibt, wo das nicht so ist, wo das, mit Vor­satz und Überlegung einen Unschuldigen zu töten, kein Mord ist, Fälle, wo der Getötete für die Wahrheit getötet wird, während diejenigen, die das tun, nicht in der Unwahrheit sind, sondern auch die Wahrheit haben!!

Und ob dem so wäre, mein Problem bleibt dasselbe: Darf ich mich für die Wahrheit töten lassen, das heißt, darf ich — angenommen, dass die Anderen keinen Mord auf ihr Gewissen laden — darf ich (was aus dieser Annahme folgt!) hinsichtlich der Wahrheit von mir annehmen, so fern von den anderen Menschen zu stehen, so hoch über ihnen, so weit vor ihnen voraus, dass beinahe keine Verwandtschaft mehr zwischen uns übrig bleibt? Denn der Ausdruck für die Ver­wandtschaft wäre, dass sie einen Mord auf ihr Gewissen laden; die andere Erklärung machte sie ungefähr zu dem, was Kinder im Verhältnis zum Erwachsenen sind.

12. Aber selbst wenn dem so wäre, dass die Zeit­genossen einen Menschen für die Wahrheit töten könnten, ohne einen Mord auf ihr Gewissen zu laden, auf Grund von ihrer Unwissenheit — er, der Getötete, muss es nach sei­ner Auffassung, dennoch als einen Mord ansehen. Ob vielleicht, wenn die Ewigkeit einmal zwischen ihnen richtet, Freisprechung auf Grund von Unwissenheit eintritt — er muss doch, nach seiner Auffassung von dem, was Wahrheit ist, seinen Tod für einen Mord halten! Aber dann behält er die Verantwortung dennoch, denn seine Verantwortung muss er ja im Verhältnis zu seiner Auffassung von Wahrheit haben. Das kann ihm in seiner Bekümmernis um seine Verantwortung nur wenig helfen, dass etwa, die nach seiner Auffassung eines Mordes Schuldigen, nach ihrer Auffassung Unschuldige sind, obgleich es tatsächlich der Fall ist, dass sie es sind, die ihn töteten. Er soll ja in seiner Verantwortung Gott Rechenschaft ablegen nach dem, was er versteht, also dafür, dass er es zuließ, dass sie sich dessen schuldig machten, was er selbst als einen Mord verstand.

Das heißt, wenn das, was sie unschuldig machen soll, sie, die schuldig sind, eben das ist, dass sie beim besten Willen ihn unmöglich verstehen können, so wird die Ver­antwortung nur um so größer, indem er sie eines Mordes schuldig werden lässt; und es ist beinahe, als wäre sein Selbstmord der einzige Ausweg, um diese Kollision zu lösen. Wäre es nicht entsetzlich grausam, einfältige Men­schen eines Mordes schuldig werden zu lassen, weil sie Einen nicht verstehen können, so dass sie noch meinten, Recht zu tun?

Wenn dem aber so wäre, dass sie ihn nicht verstehen wollten? Ja, das habe ich mir schon einmal beantwortet: Darf ein Mensch sich im Verhältnis zu anderen Menschen so rein fühlen, dass er sie im Verhältnis zu sich „Sünder“ nennen darf, statt dass er doch, wie sie, vor Gott ein Sünder ist? Darf er es aber nicht, so darf er sie ja auch nicht daran schuldig werden lassen, ihn für die Wahrheit zu töten.

Also, darf ein Mensch sich für die Wahrheit töten lassen?

C.

1. Unter dem vielen Lächerlichen in dieser törichten Zeit ist dies doch vielleicht das Lächerlichste, diese Äußerung, die ich oft genug als Weisheit gelesen habe und als treffend habe bewundern hören, dass man in unserer Zeit nicht einmal Märtyrer werden kann, dass unsere Zeit nicht einmal die Kraft hat, Einen zu töten. Sie irren sich, es ist nicht die Zeit, die die Kraft haben soll, Einen zu töten, oder ihn zum Märtyrer zu machen, es ist der Märtyrer, der werdende Märtyrer, der Kraft haben muss, der Zeit Leiden­schaft zu geben, hier die Leidenschaft der Verbitterung, um ihn zu töten. Dieses ist das Verhältnis, und zugleich die Überlegenheit, ohne welche Keiner, in der Idee angesehen, eigentlich Märtyrer war, selbst wenn er das Leben opferte, oder richtiger, dasselbe einbüßte, getötet wurde. Die wahre Überlegenheit arbeitet immer auf zwei Stellen, bringt selbst die Kraftäußerung hervor, von der sie getötet wird. Wenn also ein Bußprediger getötet werden soll, so ist es nicht die Zeit, die durch ihre eigene Kraft ihn tötet, er ist es, der, indem er strafend nachdrücklich schlägt, seiner Zeit die Leidenschaft gibt, wieder zu schlagen. Mag es die indo­lenteste Zeit sein — ein solcher Kerl wird sie bald leiden­schaftlich machen! Aber ein solcher Bußprediger wäre ein seltener Anblick in einer Zeit, wo „das Eine wie das Andere“ ist. Wie wenn einem Schüler, der Prügel kriegen soll, ohne Wissen des Lehrers ein Tuch unter die Jacke appliziert wird, so dass er die Schläge nicht merkt, so ist ein Bußprediger in unserer Zeit aus guten Gründen der Gemeinde behilflich, eine andere Gestalt unterzuschieben, die sodann abgestraft wird — zur Erbauung, zur Befriedigung und zum Vergnügen der Gemeinde! Aus guten Gründen; denn in jenem Fall mit dem Schüler ist keine Gefahr damit verbunden, der Lehrer zu sein, der da schlagen soll. Aber in Wahrheit ein Bußprediger zu sein (ja, hier schlägt der Begriff um!) bedeutet nicht so sehr zu schlagen als geschlagen zu werden, oder so zu schlagen, dass man geschlagen wird; je mehr Prügel der Bußprediger erhält, desto tüchtiger ist er. Darum wagt man es nicht, der wahre Bußprediger zu sein, oder darum wagt es der sogenannte nicht wirklich zuzuschlagen, weil er sehr gut weiß und es nur gar zu gut versteht, dass es nicht Kinder sind, die er vor sich hat, sondern dass die Anderen, die er schlagen soll, bei weitem die Stärkeren sind, die wirk­lich wieder schlagen, vielleicht gar ihn totschlagen; denn der große Bußprediger zu sein, heißt totgeschlagen zu wer­den. Der sogenannte Bußprediger dagegen, er schlägt auf die Kanzel und ficht in der Luft, was den Zeitgenossen freilich nicht Leidenschaft gibt, ihn totzuschlagen. Auf diese Weise erreicht er seine lächerliche Absicht, die lächerlichste von allen Missgestalten zu sein, ein Bußprediger, der geehrt und angesehen ist, der mit Akklamation gegrüßt wird!

2. Wenn ein Mensch Psychologe ist und den Mut hat, das Mittel zu brauchen, so gibt es nichts Leichteres, als einem andern Menschen Kraft zu geben, zum mindesten der Verbitterung Kraft. Von wie vielen Zeitgenossen des Sokra­tes galt es nicht, dass sie, wie er erzählt, so verbittert werden konnten, dass sie ihn ordentlich beißen wollten — jedes Mal, wenn er ihnen eine Dummheit abnahm. Selbst dem albern­sten Frauenzimmer kann man auf diese Weise die Kraft der Verbitterung geben, dass sie Einen gern totschlagen möchte. Und so kann man auch zu jeder Zeit Märtyrer werden, in der Bedeutung, dass man getötet wird; Nichts ist in einem gewissen Sinne leichter, das Ganze lässt sich ganz syste­matisch einrichten. Aber das muss er, der getötet werden soll, können, er muss den Zeitgenossen die Kraft der Ver­bitterung geben können. Wenn ich also einen Menschen, seinen Zeitgenossen bis dahin ganz unbekannt, mit der Ver­sicherung hervorstürzen sähe, dass er sein Leben opfern, dass er getötet werden wolle, so würde ich ihn ruhig (denn ich bin so sehr gewöhnt, mit solchen Gedanken umzugehen, dass ich nie ruhiger bin, als wenn ich bei ihnen bin!) ruhig, wie ein Wechsler die Signaturen auf einer Obligation ruhig betrachtet, um zu sehen, ob sie echt ist — ich würde ihn ruhig kassieren! Ein solcher Mensch würde es nie so treiben, dass er von seinen Zeitgenossen getötet werden würde, selbst wenn es im übrigen auch so wäre, dass er wirklich Mut hätte und zu sterben bereit wäre. Er kennt nicht das Geheimnis; er meint offenbar, dass es die Zeit ist, die, als die Stärkere, das tun soll, statt dass er seiner Zeit so überlegen sein sollte, dass er nicht „leidend“ seine Zeit­genossen dies mit sich tun lässt, oder es bei ihnen bestellt, sondern freiwillig die Zeitgenossen zwingt, es zu tun. Die Juristen haben ja den Brauch, die Todesstrafe nicht anzu­wenden, wenn Einer aus Lebensüberdruss den Tod wünscht; und so klug sind Zeitgenossen auch, welches Vergnügen hätten sie dann davon, ihn zu töten!

3. Also, ein Solcher zwingt nicht die Zeitgenossen dazu, ihn zu töten. Nein, willst du das, so musst du dich anders benehmen. Lerne zuerst deine Zeit genau kennen, besonders ihre Irrtümer, ihre Lust, ihr Trachten und Streben, was sie eigentlich wollen würde, wenn sie für sich selbst bestimmen dürfte. Bist du in dieser Hinsicht wohl unterrichtet, so sprichst du eben dies aus, das, was dunkel in deiner Zeit lauert, du sprichst es begeistert, beredt, hinreißend, glühend aus. Dazu musst du Kräfte und Voraussetzungen haben. Was geschieht? Ganz einfach, das geschieht, dass deine Zeit sich ganz in diese Aussprüche vergafft — du wirst der Bewunderte deiner Zeit! Nun stehst du am Anfang des Getötet-werdens; nun gilt’s, — schwenk’ ab, ebenso entschieden, ebenso abstoßend, und du wirst sehen, deine Zeitgenossen bekom­men Leidenschaft, es wird auch bald Entzündung in sie hinein­kommen! – – Soll Einer Märtyrer werden können, so muss Er zu allererst seiner Zeit Bewunderung gewesen sein, sonst reißt er die Zeit nicht mit sich fort; er muss so gestellt ge­wesen sein, dass er es in seiner Macht gehabt hat, sich in Bewunderung zu baden — aber er hat refüsiert! Zurück­gewiesene Bewunderung ist im selben Augenblick absolute Leidenschaft in Verbitterung. Derjenige, den seine Zeit­genossen haben vergöttern wollen — wenn er stolz, ja oder gottesfürchtig und wahr, das zurückweist— so wird, ist dies sein Tod! Indem man die dialektischen Verhältnisse berechnet, kann man ganz einfach das Ganze bestimmen. Das „Opfer“ muss sich dialektisch so zu den Zeitgenossen verhalten: Er muss das sein können, was die Zeit im Sinne des Augen­blicks beansprucht, er muss die Forderung der Zeit sein können; durch Verfälschen seiner Mission ist er dann eo ipso der Abgott der Zeit. In Wahrheit verstanden, ist er dagegen das, was die Zeit im Sinne der Ewigkeit bedarf; bleibt er sich selbst treu, das zu sein, so ist er eo ipso dem Tode geweiht. Er muss sich seiner Zeit gegenüber so verhalten, dass er die ganze Zeit haben kann, sie mit sich hinreißen kann, während sie ihm Beifall zujubelt: Keiner, Keiner, kann so um sie freien, ihrer Liebe so sicher sein! Und gerade so, wie er sie gewonnen hat, muss er sie mit noch größerer Kraft abstoßen, damit das Unwahre nicht herauskomme, dass er ein Produkt der Zeit werde. Denn das ist’s, was die Zeit will, sie will sich selbst bewundern, indem sie ihn bewundert. Aber seine Aufgabe ist es gerade, die Zeit ver­stehen zu lassen, dass die Wahrheit nicht eine Erfindung der Zeit ist!

4. Dieses kann ich sehr leicht verstehen. Ich kann auch einsehen, dass das in dieser Sache das Entsetzliche ist, dass Solches bis zu einem gewissen Grade sich ja dämonisch nach machen ließe, die entsetzlich ausgetiftelte Halsstarrig­keit eines Menschen sein könnte, der sich erfrechte, mit einer ganzen Zeitgenossenschaft spielen zu wollen und zwar das entsetzliche Spiel — getötet zu werden; nur um so entsetz­licher, wenn er höhnisch es sich und ihr einzubilden suchte, dass es für die Wahrheit sei! Aber ich kann es auch ein­sehen, dass es im strengsten Sinne die Wahrheit und im Dienste der Wahrheit sein kann, dass so gehandelt wird.

Also, es lässt sich machen! Aber nun kommt die Frage: Darf ein Mensch sich für die Wahrheit töten lassen?

D.

1. Die Beantwortung dieser Frage wird davon abhängen, welches das Verhältnis zwischen Mensch und Mensch in Be­ziehung auf die Wahrheit ist. Alles dreht sich darum: welche Heterogenität im Verhältnis zur Wahrheit kann zwischen Mensch und Mensch sein, wie heterogen kann in dieser Hin­sicht der eine Mensch gegenüber anderen gedacht werden? Doch muss hier zuerst eine Schwierigkeit hervorgehoben werden. Je geringer die Heterogenität angenommen wird, desto näher liegt doch die Möglichkeit, dass die Streitenden eigentlich einander verstehen können. Liegt aber dann wiederum nicht die Wendung um so näher, von den Andern zu sagen: sie wollen mich nicht verstehen, sie könnten es wohl? Und doch ist, wie gezeigt wurde (B, 9. 10. 11. 12.) dieses gerade der höchste Ausdruck für die Heterogenität im Verhältnis zu Anderen, was daher nur Gott eigentlich sagen kann: sie wollen nicht, es ist Gottlosigkeit. Wunder­lich! Doch — sollte es nicht auch eine andere Wendung geben? Wenn die Heterogenität nicht größer ist als sie angenommen wird, so ist es Verhärtung, meinerseits so steif auf dem Meinigen zu bestehen!

Also, welches ist die Heterogenität? Kann ein Mensch berechtigt sein, eine Zeitperiode als böse zu betrachten; oder ist ein Mensch nicht gerade als Mensch so relativ im Verhältnis zu anderen Menschen, dass die Rede höchstens von ihrer Schwachheit und Mittelmäßigkeit sein kann? Also: Entweder etwas nachgeben, oder Andere eines Mordes schuldig werden lassen — welche Schuld ist größer? In dem einen Fall ist die Schuld die, dass ein Mensch, indem er etwas nachgibt, das Wahre, das er erkannt hat, um Einiges modifiziert oder akkommodiert. Wenn es also einem Menschen möglich wäre, im absoluten Besitz der Wahrheit zu sein, so würde dies Akkommodieren absolut unverantwortlich, eine un­endliche Schuld sein; denn derjenige, der die Wahrheit ist, kann nicht im Geringsten nachgeben. Aber in diesem Fall ist doch wohl kein Mensch, am allerwenigsten im Verhältnis zu anderen Menschen. Jeder Mensch ist selbst ein Sünder. Er verhält sich also nicht wie ein Reiner zu Sündern, son­dern wie ein Sünder zu Sündern; denn dieses ist aller Menschen Grundverhältnis vor Christus. Hier ist’s also gleich. Innerhalb dieses Grundverhältnisses Gleichheit ist er nun darin von den Andern verschieden, dass der Eine die Wahr­heit etwas wahrer verstanden hat, oder sie etwas inner­licher besitzt. Im andern Fall ist die Schuld die, Andere an einem Morde schuldig werden zu lassen. Welche Schuld ist nun größer? Das ist und bleibt doch der stärkste Ausdruck für absolute Überlegenheit Anderen gegenüber, sie an seinem Tode schuldig werden zu lassen — für die Wahrheit! Damit sagt er von ihnen nicht nur aus, dass sie im Verhältnis zu ihm Schwache, Verblendete, Irrende, Mittelmäßige sind, sondern dass sie im Verhältnis zu ihm Sünder sind. Die Meisten sind freilich mit mir nicht einig in dem, worauf gesehen werden soll. Sie meinen vielleicht, dass im Verhältnis dazu, im Besitz der Wahrheit zu sein, diese Heterogenität die größte Prätention ist, die Wahrheit zu haben meinen — und sodann einen andern Menschen töten wollen, um ihn, wenn möglich, dazu zu zwingen, die Wahrheit anzu­nehmen. Nein, eine noch größere Prätention ist dies, zu meinen, so im Besitz der Wahrheit zu sein, dass man für die Wahrheit getötet wird, dass man Andere daran schuldig werden lässt, Einen für die Wahrheit zu töten!

2. Ich meine also, dass ein Mensch sich für die Wahr­heit nicht töten lassen darf. Und doch, doch, dieses Resultat, es macht mich so wehmütig. Es ist so wehmütig, sich wie von einer Erinnerung, die niemals wiederkommen wird, von dem Gedanken zu trennen, dass ein Mensch in dem Masse eine Überzeugung haben könnte, wo es ihm natürlich wäre, und dass er es also auch wagen dürfte, sich für dieselbe töten zu lassen; es wagen dürfte, was der Überzeugung Drang ist, sich auf die seiner Überzeugung entsprechende Weise zu betätigen. Und dieses Resultat hat für mich etwas Trost­loses. Indolenter und indolenter wird ja die Menschheit, weil sie mehr und mehr „verständig“ wird; geschäftiger und ge­schäftiger wird sie, weil sie mehr und mehr „weltlich“ wird; das Absolute kommt immer mehr und mehr aus dem Ge­brauch, Erweckung wird mehr und mehr nötig! Aber wo soll die „Erweckung“ herkommen, wenn man das einzige wahre Erweckungsmittel nicht brauchen darf, sich für die Wahrheit töten zu lassen, nicht blind-vorwärtsstürmend, son­dern mit ruhigerer Besonnenheit, als irgend ein Geldmensch die Konjunktur berechnet, diesen Schritt berechnend. O, und ist nicht ein absoluter Unterschied zwischen Indolenz, Geist­losigkeit — und Eifer, Begeisterung? Doch nein, ich meine, dass einem Menschen dieses nicht erlaubt ist.

3. Übrigens ist es, philosophisch-dialektisch, merkwürdig genug zu bedenken, dass es auch nicht undenkbar wäre, dass ein Mensch getötet werden könnte, gerade weil er die An­schauung verfocht, dass ein Mensch sich für die Wahrheit nicht töten lassen dürfe! Wenn er also Zeitgenosse eines Tyrannen wäre (dieser sei nun ein einzelner Mensch oder die Menge!), so würde vielleicht der Tyrann aus Missver­ständnis dies als eine Satire über sich betrachten, und so aufgebracht werden, dass er ihn tötete, — ihn, der gerade die Anschauung verfocht, dass ein Mensch sich nicht für die Wahrheit töten lassen dürfe!

E.

1. Hat aber das Christentum hinsichtlich meines Pro­blems (ob ein Mensch sich für die Wahrheit töten lassen dürfe) nicht das Verhältnis wesentlich verändert? Denn mit Christus ist es, wie gesagt, ein für alle mal etwas Anderes. Er war nicht „ein Mensch“, Er war die Wahrheit, Er konnte deshalb nicht anders, als die sündige Welt an Seinem Tode schuldig werden lassen!

Also nun das abgeleitete Verhältnis zu Christus! Wenn Einer Christ ist und wie zu Heiden sich verhält, ist er da nicht im Verhältnis zu ihnen in absoluter Wahrheit? Und ist ein Mensch im Verhältnis zu anderen so gestellt, dass er in Wahrheit behaupten darf, die absolute Wahrheit zu haben, so ist er im Recht, wenn er sich für die Wahrheit töten lässt! Der Unterschied zwischen ihnen ist eben das Abso­lute; und der Fall, getötet zu werden, ist gerade auch der absolute Ausdruck für den absoluten Unterschied.

In meinen Gedanken lässt sich das nicht leugnen. Meine Theorie würde sonst auch in die Verlegenheit kommen, die Apostel und alle die zu verurteilen, die ebenso gestellt wa­ren. Und dies würde doch ein großer Irrtum sein. Es ist eigentlich das Christentum, welches, gerade weil es die Wahrheit ist, dies erfunden hat, sich für die Wahrheit töten zu lassen, als dies Christentum, weil es die Wahrheit ist, den unendlichen Unterschied zwischen Wahrheit und Unwahrheit entdeckte. Ja es kann nur im Verhältnis zwischen Christen­tum und Nicht-Christentum in Wahrheit geschehen, dass man für die Wahrheit getötet wird. Sokrates wird daher gewiss nicht behaupten, dass er im strengsten Sinn ge­tötet wurde — für die Wahrheit. Als Ironiker, konsequent bis zum Äußersten, wurde er für seine „Unwissenheit“ ge­tötet, in welcher im Verhältnis zum Griechentum allerdings viel Wahrheit lag, das war aber doch nicht die Wahrheit.

2. Aber im Verhältnis zwischen Christ und Christ gilt wieder meine Theorie! Ich darf, als Christ im Verhältnis zu anderen Christen, nicht in dem Masse prätendieren im Besitz der Wahrheit zu sein, ich darf, im Gegensatz zu ihnen, nicht prätendieren, in absolutem Besitz der Wahrheit zu sein; nur im Verhältnis zu Heiden ist es die Prätention, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein, Ergo darf ich auch nicht den absoluten Ausdruck dafür brauchen, im Gegen­satz zu jenen eine absolute Pflicht gegen die Wahrheit zu haben, ich darf sie nicht daran schuldig werden lassen, mich zu töten. Im Verhältnis zwischen Christ und Christ kann es wie im Verhältnis zwischen Mensch und Mensch nur einen relativen Unterschied geben. Ein Christ dürfte sie daher daran schuldig werden lassen, ihn auszulachen, zu verspotten, zu verhöhnen. Wohl ist es auch eine Schuld, sie daran schuldig werden zu lassen, aber so weit kann er relativ ihnen gegenüber gegen die Wahrheit verpflichtet sein, nur so weit kann er ihnen in der Einsicht in die Wahrheit überlegen sein. Und so kann es eine nützliche „Erweckung“ sein; aber es kommt nicht so weit, irgend ein derartiges Verbrechen zu begehen, das gut zu machen unmöglich wäre. Sollte es dagegen in der Christenheit erlaubt sein, sich für die Wahrheit töten zu lassen, so müsste es zuerst ausgemacht sein, dass die sogenannte „Christenheit“ gar nicht christ­lich ist, dass sie, gerade wie die „Geistlosigkeit“, viel heid­nischer ist als das „Heidentum“ es war. Wer den Menschen gegenüber, die von sich aussagen, dass sie Christen seien, es nicht in Abrede stellen darf, dass sie es sind (und darf das irgend ein Mensch, gehört nicht dazu, was nur der Allwissende hat, Herzenskunde?), er darf sich auch nicht töten lassen, oder die Andern daran schuldig werden lassen, ihn zu töten!

3. Für die Meisten wird freilich das, was ich hier schreibe, selbst wenn ich es ihnen persönlich vorlegte, wie ungeschrieben sein, nicht existieren. Ihr Denken endigt, wie gezeigt wurde, gerade da, wo meines anfängt!

4. Das einfachste und natürlichste Verhältnis zwischen Mensch und Mensch, in Beziehung auf die Wahrheit, ist dieses, dass „der Einzelne“ annimmt, dass „die Anderen“ mehr Wahr­heit haben als er. Darum verhält er sich in Unterordnung zu ihnen, bildet seine Meinung im Verhältnis zu ihnen um, sieht ihr Urteil als ein Kriterium über die Wahrheit an.

Doch schon nach Sokrates und noch mehr nach der Lehre des Christentums ist die Wahrheit in der Minorität, „die Vielen“ sind gerade das Kriterium für die Unwahrheit, das Siegen ist gerade der Angeber, der die Unwahrheit ver­rät. Ist aber die Wahrheit in der Minorität, so müssen die Kennzeichen dafür, dass Einer in der Wahrheit ist, polemische, umgekehrte werden: Nicht Jubel und Beifall ist das Kenn­zeichen, sondern das Missfallen!

Doch im Verhältnis zu anderen Menschen, oder als Christ zu anderen Christen, darf kein einzelner Mensch, oder kein einzelner Christ meinen, absolut im Besitz der Wahrheit zu sein: Ergo darf er nicht einzelne Andere daran schuld wer­den lassen, ihn für die Wahrheit zu töten. Mit anderen Wor­ten: tut er das, so geschieht es eigentlich nicht für die Wahr­heit, sondern es ist im Gegenteil etwas Unwahres darin.

Das Unwahre liegt also darin, dass der auf diese Weise Streitende sich nur polemisch zu den Anderen verhält, bloß an sich selbst denkend, nicht liebevoll ihre Sache bedenkend. So ist er aber weit davon entfernt, ihnen in Wahrheit über­legen zu sein, oder überlegen in der Wahrheit; denn Über­legenheit bedeutet gerade seines Feindes Anwalt, und als solcher bekümmert zu sein, und mit mehr Einsicht als jener darüber zu wachen, dass er nicht unwahr dazu komme, schul­diger zu werden, als er es verdient. O, es sieht für die ver­meintlich-Starken so leicht aus, einen Menschen zu töten, — sie haben gut reden, als könnten sie das leicht! Ach, Der­jenige, der eine Vorstellung von der Schuld hat, einen Un­schuldigen zu töten, der wird sich wahrlich prüfen, ehe er es zulässt, dass Jemand in dieser Weise schuldig werde. In dieser Selbstprüfung wird er verstehen, dass es ihm nicht erlaubt ist. Die Liebe wird ihn also verhindern. Es ist dieselbe Liebe, die in ihrer ewigen göttlichen Vollkommenheit in Ihm war, der als die Wahrheit absolut ausdrücken musste, dass „Er es wäre“, und darum die gottlose Welt in dieser Weise schuldig lassen werden musste — es ist diese Liebe in Ihm, die für seine Feinde bat! Den Tod verhindern konnte Er nicht, Er war ja auch dazu in die Welt gekommen. Aber da Er sich aus Liebe opferte, so hat Er auch (und darum wird Er aber­mals „das Opfer“ genannt!) liebevoll seiner Feinde Sache be­dacht. Dieses ist die Einheit „der Wahrheit“ und „der Liebe“.

* * *

Dieses sind, wie gesagt, jenes Mannes viele Gedanken in kurzer Zusammenfassung. Da das Ganze Dichtung ist, „ein dichterischer Versuch“, aber wohl zu beachten von einem Denker, wird der sinnige Leser es wohl in der Ordnung finden, dass ich über die Person dieses Mannes nichts sage; denn gerade weil es Dichtung ist, kann ich ja ebenso gut das Eine wie das Andere sagen, das sagen, was ich gerade will. Auch in einer andern Hinsicht kann ich ja, da das Ganze Dichtung ist, gerade das sagen, was ich will, sein Leben betreffend, wie es ihm ging, was er in der Welt wurde u. s. w. u. s. w. Doch gerade weil ich als Dichter Dichtervollmacht hätte zu sagen, was ich will, so will ich über dies Alles Nichts sagen, um durch das Reden über das Novellistische daran nicht doch in möglicherweise dazu beizutragen, des Lesers Aufmerksamkeit von dem Wesentlichen abzulenken,— dem Gedankeninhalt!

Quelle: Sören Kierkegaard, Zwei ethisch-religiöse Abhandlungen, übersetzt von Julie von Reincke, Gießen: Töpelmann, 1902, S. 1-44.

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