Salmen Gradowski, Freitagabend (Aufzeichnungen aus Auschwitz): „Kann man denn jetzt den Schöpfer noch rühmen? Hat das noch einen Sinn? Ist es denn denkbar, samstäglichen Segen zu sprechen, wenn ringsherum das Blut in Strömen fließt? Das Gebet an denjenigen richten, der die Schreie und das Weinen unschuldiger Säuglinge nicht hören will? Nein! Mit schwerem Seufzer verließen die Gebetsgegner die Versammlungen, gegen alle zürnend, die ihre Empörung nicht teilten.“

Salmen Gradowski (gestorben am 7. Oktober 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau) war dem jüdischen Sonderkommando zugeteilt, das die Häftlinge bei der Ermordung in den Gaskammern begleiten musste. Seine Erfahrungen schrieb er mit Hilfe anderer Insassen in geheimen Tagebüchern nieder. Hier seine Schabbat-Erfahrung vom 25. Februar (oder 3. März) 1944:

Freitagabend

Von Salmen Gradowski

Einige Brüder spotteten, wenn andere – ein paar Dutzend Männer – zum abendlichen Gebet zusammenkamen oder um den Samstag zu empfangen. Es gab auch solche unter uns, die die Gebetsversammlungen mit bitterem Argwohn betrachteten: Unsere grausame Wirklichkeit, die Tragödien, deren Zeugen wir tagtäglich wurden, können das Gefühl der Dankbarkeit, den Wunsch, den Schöpfer zu lobpreisen, nicht hervorrufen, wenn er es dem Barbarenvolk doch erlaubt hat, Millionen unschuldiger Menschen zu vernichten – Männer, Frauen und Kinder, deren Schuld nur darin bestand, dass sie als Juden geboren sind und diesen Gott, zu dem sie beteten, als allmächtigen anerkannten und der Menschheit ein großes Gut schenkten: den Monotheismus. Kann man denn jetzt den Schöpfer noch rühmen? Hat das noch einen Sinn? Ist es denn denkbar, samstäglichen Segen zu sprechen, wenn ringsherum das Blut in Strömen fließt? Das Gebet an denjenigen richten, der die Schreie und das Weinen unschuldiger Säuglinge nicht hören will? Nein! Mit schwerem Seufzer verließen die Gebetsgegner die Versammlungen, gegen alle zürnend, die ihre Empörung nicht teilten.

Selbst die, die bislang gläubig gewesen sind, fangen an zu zweifeln. Sie können ihren Gott nicht annehmen und nicht akzeptieren, dass Er all das zulässt: Wie kann der Vater seine Kinder den blutüberströmten Mördern in die Hände geben, in die Hände jener, die Ihn verhöhnen? Doch fürchten sie sich davor, daran zu denken: Sie haben Angst, die letzte Stütze, den letzten Trost zu verlieren. Sie beten ruhig, ohne von Gott Rechenschaft zu fordern, ohne ihm Rechenschaft abzulegen. Was sie wollen, ist allerhöchstens beten, Ihm das Herz ausschütten – aber sie können es nicht, weil sie weder Ihn noch sich selbst belügen wollen.

Der allgemeinen Stimmung entgegen fanden sich unter uns aber auch solche, die stur weiterglaubten, die ihre eigene Ratlosigkeit nicht zuließen, alle Vorwürfe in ihrem Inneren betäubten, das Gefühl von Auflehnung erstickten, welches an Herz und Seele zerrte, nach offener Aussprache und nach der Antwort verlangend, warum denn das alles geschieht … Unsere sturen Brüder waren froh, sich selbst zu belügen, sich im Geflecht ihres naiven Glaubens zu verstricken, Hauptsache, sie müssen nicht darüber nachdenken. Sie glauben fest daran – und zeigen es tagtäglich –, dass das ganze Geschehen von einer höheren Macht diktiert wurde, deren Willen wir mit unserem primitiven Geist zu erfassen nicht vermögen. Sie versinken, sie ertrinken im Meer ihres eigenen Glaubens, doch davon wird ihr Glaube nicht schwächer. Vielleicht flimmert irgendwo tief in ihrem Herzen der Zweifel, doch äußerlich sind sie weiter standhaft.

In unserer Familie, inmitten der 500 Menschen – Gläubige, Atheisten, Verzweifelte und Gleichgültige –, hat sich von Anfang an ein betendes Grüppchen herausgebildet. Erst war es klein, dann wurde es immer größer. Diese Menschen lasen alle Gebete, sogar die täglichen, im Minjan.

Das Gebet lockte auch diejenigen an, die nicht gläubig waren und am Minjan nicht teilnahmen: Kaum klangen die Töne des traditionellen Gebets auf, das am Freitagabend gelesen wurde, vergaßen sie die grausame Realität. Die mächtigen Wellen der Erinnerung trugen sie in die längst verlassene und vernichtete Welt der vergangenen Jahre. Jeder stellte sich vor, er säße im warmen Familienkreis.

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… Freitagabend. In der großen Synagoge ist es warm und hell, als würde sie von mehreren Sonnen auf einmal erleuchtet. Alle sind festlich, samstäglich gekleidet. Die Alltagskleidung abgelegt und die Geschäfte geschlossen, haben sich die Juden von der Last der Alltagshektik befreit, sind aus der Welt ausgebrochen, wo die Seele vom Körper versklavt ist. Alle Sorgen und Nöte – die persönlichen ebenso wie die allgemeinen – sind vergessen. Die Menschen sind sorglos glücklich, weil sie die Last alltäglicher Sorgen abwerfen konnten.

In der Synagoge ist alles für die Feierlichkeiten bereit. Nun erklärt eine helle Stimme, es sei Zeit, hinauszugehen und die Königin Sabbat zu empfangen.

Der Kantor stimmt einen herrlich herzlichen Gesang zu Ehren des Sabbats an. Die Luft ist von dieser Harmonie erfüllt, alle sind fröhlich und munter. Jeder Schritt dem heiligen Tag entgegen beflügelt alle Anwesenden. Ihre Seelen streben empor. Jedes Wort, jeder Laut des Gebetgesangs verleiht ihnen Hoffnung und Kraft.

Dann und wann ist hier und dort ein leiser Seufzer zu hören, der das Sakrale des anbrechenden Tages scheinbar entwertet, entweiht: Da ist jemand, der an die Sorgen und Nöte seines Alltags gedacht hat. Wer hätte damals gedacht, dass diese Misslichkeiten sich einst als Zeichen des kommenden Unglücks erweisen, dass auf die alltäglichen Trostlosigkeiten echtes, ungeheures Unglück folgen würde … Der Mensch, der mitten in der Sabbatliturgie an seine Nöte dachte, fühlte sich plötzlich haltlos, am Boden zerstört. Wie prophetisch dieses Gefühl doch war! Im Gefühl seiner Hilflosigkeit und Erbärmlichkeit stürzt er hinab von dem Gipfel, auf den der Geist der samstäglichen Heiligkeit ihn emporgetragen hatte, und versinkt im tiefen Strudel der Verzweiflung. Noch vor wenigen Minuten war er sich sicher, die Rettung aus dem wogenden Meer seiner Nöte gefunden zu haben, doch plötzlich erweist sich die Rettung als illusorisch, die Hoffnungen als vergeblich. Und wieder greift er nach dem letzten Strohhalm, um im tosenden Meer nicht umzukommen.

Eine neue Welle bringt ihm endlich die Erleichterung. Er hört die Stimme, die ihn aufrüttelt, ihm Kraft spendet, ihn aufmuntert: „Wehaju limschisa schosajich“ – fürchte dich nicht, deine Feinde und Unterdrücker werden selbst zertreten und zerstört werden. Verzage nicht, du Sohn uralter Märtyrer! Und siehe da, wieder spürt der Mensch eine seelische Erhebung, eine Ermutigung, er ist beflügelt, er glaubt, dass es morgen besser sein wird, als es heute ist. Er vergisst die traurige Wirklichkeit und ist bereit, von Träumen an eine helle Zukunft zu leben. Der strahlende Schein des morgigen Tages verlockt ihn, die Hoffnung erfüllt ihn, verleiht ihm Kraft. Seine Stimme fließt ein in den Chor der Versammelten, seine Seele steigt wieder empor in die himmlischen Weiten.

Nun ist es vorbei. Gemeinsam mit seinem Vater und seinen Brüdern verlässt er die Synagoge und geht nach Hause, erfüllt von Ruhe und Wohlsein. Die Läden sind geschlossen, die Straßen menschenleer, alles ist still, überall in den Fenstern flackert das Licht der Sabbatkerzen. Die Königin Sabbat hat das ganze Örtchen, das ganze Leben seiner Bewohner mit ihrer Herrlichkeit erfüllt. Jeder fühlte sich durch sie beflügelt und hieß ihr Erscheinen mit Freude willkommen.

Auch das Haus ist mit Wärme, Ruhe und Behaglichkeit erfüllt. Es scheint, als sänge jedes Ding ein Lied und die Stimmen aller Dinge flössen zu einem einzigen Chor zusammen, der den Sabbat lobpreist. Der Sabbatgruß ertönt, die Brüder gehen mit dem Vater in das Haus hinein. Überall herrscht Glück: Die Augen der Mutter, der Frau und der Geschwister glänzen vor Freude.

Wie herzlich und aufrichtig sich doch die Klänge des „Scholem Alejchem“ in die Luft erheben. Der Segen ist vom Himmel herabgekommen und ruht auf unserem Haus, auf unserer ganzen Familie.

Er ist im Kreise seiner Familie, in der Atmosphäre von Glück und Behaglichkeit. Alle sitzen an einer gemeinsamen Tafel, essen, trinken und singen. Allen geht es gut, alle freuen sich, sind sorglos und voller Hoffnungen für die Zukunft. Vor ihnen liegt eine idyllische Welt, in der sie die rechtmäßigen Herren sind. Nichts bedroht sie, sie können ruhig und sicher in diese Welt eintreten, die sich ihnen gerade eben eröffnet hat.

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Doch plötzlich bricht eine Sturmwelle herein und reißt sie aus dieser Welt. Sie raubt ihnen diesen Frieden, das Haus, das Glück, die Sabbatruhe. Vater, Mutter, die Geschwister, die Frau – niemand ist mehr am Leben.

„Einen guten Sabbat!“ sagen wir einander … Plötzlich ist es so, als würde in mir drin etwas abreißen. Wem kann man jetzt einen guten Sabbat wünschen? Sind denn noch glückliche Gesichter auf der Welt geblieben? Sind denn die lieben Eltern, Geschwister, die liebe Frau noch am Leben? „Einen guten Sabbat …“ Wozu soll das jetzt noch gut sein? Ich sah einen Abgrund anstelle meiner zerstörten Welt. Stimmen drangen von dort zu mir herauf: Das war meine verbrannte Familie. Ich laufe vor diesen Erinnerungen davon wie vor einem Gespenst. Schneller, noch schneller, so weit es geht, weg von diesem Albtraum! Ich muss den Brand löschen, der mein ganzes Wesen verbrennt!

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Aber es gibt auch Augenblicke, wenn ich selber meine Wunden zerwühlen will, um die schreckliche Erschütterung wieder zu erleben – Hauptsache, es gelingt, die tote Starrheit der Seele zu überwinden. Es ist der Wunsch, das Erlebte wieder und wieder zu erinnern und zu erleiden, damit es wieder wehtut, weil unsere unerträgliche Arbeit uns dazu zwingt, unsere Tragödie zu vergessen. Jeden Tag sehen wir den Tod von Millionen von Menschen, und in diesem ungeheuren Meer aus Blut erscheint meine persönliche Tragödie als ein winziger Tropfen.

Ich will mich in meiner eigenen Welt einschließen, die fernen und die jüngsten Ereignisse wieder durchleben, den Fluss des Vergangenen überqueren und wieder in die Gegenwart zurückkommen, mich so lange wie möglich an der Oberfläche der Erinnerung an das unwiederbringlich verlorene glückliche Leben halten – und wieder auf den Grund, in meine heutige Hölle sinken. Ich will die Sonnenstrahlen genießen, die die vergangenen Tage erleuchteten – und wieder im düsteren Strudel versinken, damit ich mir der Tiefe unseres unumkehrbaren Elends bewusst werden kann.

In solchen Augenblicken drängte ich dorthin, an jenes Ufer, wo die frommen Juden im Minjan beteten. Dort schöpfte ich Kraft und lief zurück zu meiner Pritsche. Nur dann schmolz mein vor innerer Kälte erstarrtes Herz – und ich konnte die Ankunft des Sabbats spüren. Tosende Wogen rissen mich weg von der Vergangenheit und schlugen mich an das Ufer der Gegenwart, und das Herz tat mir weh, und Tränen strömten aus meinen Augen. Ich war glücklich, dass ich den Sabbat unter Tränen begrüßte. Seit Langem schon träumte ich davon, meine Liebsten so zu sehen, wie sie in jenen glücklichen Zeiten waren: die Mutter sanft und geliebt, den Vater in fröhlicher Stimmung, die Schwestern und Brüder glücklich, die Frau fröhlich und singend … Ich wollte wieder in die Welt des sorglosen Glückes eintauchen und all diejenigen beweinen, die keinen einzigen Sabbat mehr mit mir empfangen werden: meine Liebsten und Teuersten, die nicht mehr am Leben sind. Ich wollte trauern, trauern über mein Unglück, das ich jetzt erst habe empfinden und begreifen können.

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Ich sehne mich nach meinen Brüdern zurück, nach den jüngst fortgegangenen Kameraden im Unglück – nicht nur, weil das meine Brüder sind, sondern auch weil mein Leben in der Hölle untrennbar mit ihnen verbunden ist. Ich schaue in die Ecke der Baracke, wo sie beteten: Es weht ein Todeshauch der Reglosigkeit von dort herüber. Keiner von ihnen ist mehr am Leben. Mit dem Tod ist hier eine schreckliche Stille eingerückt. Mir bleiben nur Sehnsucht und Trauer.

Wir sehnen uns nach den fortgegangenen Brüdern zurück, weil sie unsere Brüder sind. Und weil uns jetzt das Licht, die Wärme, der Glaube und die Hoffnung fehlen, die sie uns gaben.

Ihr Tod hat uns den letzten Trost genommen.

Quelle: Pavel Polian, Briefe aus der Hölle. Die Aufzeichnungen des jüdischen Sonderkommandos Auschwitz, aus dem Russischen übersetzt von Roman Richter und bearbeitet von Andreas Kilian, Darmstadt: WBG Theiss, 2019.

Hier der Text als pdf.

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