Regine Diem über ihre Mutter Annelise Diem, Theologin und Pfarrfrau in Ebersbach an der Fils: „Als es 1939 zum Krieg kam, wurde mein Vater eingezogen. Zunächst war ein Vikar da; als dieser dann auch in den Krieg musste, übernahm meine Mutter ganz selbstverständlich den sonntäglichen Gottesdienst und auch die Beerdigungen. Nach Kriegsende hat der Predigtdienst für meine Mutter wieder aufgehört, der Oberkirchenrat brauchte sie nicht mehr.“

Annelise Burmann war eine der ersten Theologiestudentinnen, die bei Karl Barth in Göttingen studierten. In Tübingen lernte sie im Wintersemester 1924/25 ihren späteren Ehemann Hermann Diem kennen. Beide waren im Pfarrhaus Ebersbach an der Fils von 1943-1945 in die württembergischen „Pfarrhauskette“ involviert, bei der jüdische und andere verfolgte Personen auf der Flucht beherbergt und versteckt wurden. Die Tochter Regine schrieb 2010 im Ebersbacher Gemeindebrief folgendes Porträt über ihre Mutter:

Aus dem Leben der Annelise Diem – Theologin und Pfarrfrau in Ebersbach

Von Regine Diem

Meine Mutter Annelise Diem geb. Burmann wurde am 8. Juni 1903 in Bochum geboren. Einige Jahre später zog die Familie nach Milspe um (das heutige Ennepetal), wo der Vater Bürgermeister wurde. Anneliese ging in Schwelm zur Schule und machte dort auch Abitur. Sie hatte in den letzten Jahren eine sie sehr beeindruckende Religionslehrerin, unter deren Einfluss sie beschloss, Theologie zu studieren. Übrigens ist die Verbindung zu dieser Frau Dora Peters nie abgebrochen.

Annelise begann das Studium in Göt­tingen, vor allem um Karl Barth zu hö­ren. Der gerade erschienene „Römer­brief“ beeindruckte meine Mutter, wie auch viele andere Studenten, sehr. Sie lernte dort auch Erika Hege kennen, die ebenfalls Theologie studierte. Die beiden studierten dann auch in Mar­burg und Tübingen. Hier lernte sie dann Hermann Diem kennen, als dieser sie nach einem Problem bei Sören Kierkegaard fragte. Da Erika Hege aus der Badischen Landeskirche kam und dort auch Examen gemacht hatte, leg­te auch meine Mutter ihr Examen in Karlsruhe ab und wurde in der Badi­schen Kirche übernommen als Pfarr­helferin, ein Dienst ähnlich unserer Gemeindehelferin: Erlaubt waren Reli­gionsunterricht, Krankenbesuche bzw. Besuche im Krankenhaus. Es war schon ein harter Dienst, da eigentlich kein Pfarrer diese Theologinnen wollte, von Anerkennung oder gar Ordination kei­ne Spur. Gearbeitet hat meine Mutter in Mannheim, Worms u. Speyer, bis sie 1931 Hermann Diem heiratete.

Mein Vater war damals Religionslehrer in Göppingen, so zogen die beiden dorthin. Durch die schwierige politi­sche Situation meldete sich Hermann Diem dann auf die Ebersbacher Pfarr­stelle. Annelise Diem machte dort Mädchen- und Frauenkreis und Besu­che und unterstützte ihren Mann bei seiner schwierigen Arbeit in Gremien und Kirche.

Als es 1939 zum Krieg kam, wurde mein Vater eingezogen. Zunächst war ein Vikar da; als dieser dann auch in den Krieg musste, übernahm meine Mutter ganz selbstverständlich den sonntäglichen Gottesdienst und auch die Beerdigungen.

Glücklicherweise war mein Vater zwi­schendurch immer wieder zu Hause, auch kam eine Vikarin (Ilse Härter) aus Berlin zur Aushilfe.

Nach Kriegsende hat der Predigtdienst für meine Mutter wieder aufgehört, der Oberkirchenrat brauchte sie nicht mehr. Sie widmete sich wieder ganz der Familie, 1934 war Regine, 1939 Martin geboren worden.

Wir fühlten uns in Ebersbach alle wohl. Glücklicherweise verlief der Umsturz im April 1945 ohne Probleme, es kam zu keinen Kampfhandlungen. Im August 1945 kehrte mein Vater aus amerikanischer Gefangenschaft heim mit vielen Ideen, wie die Kirche nun zu gestalten wäre (Restauration oder Neuanfang). Leider blieb es dann doch bei der Restauration.

Zunehmend entwickelte sich eine Verbindung zur theologischen Fakultät in Tübingen. Die Arbeit mit den Studen­ten wurde immer wichtiger. So ent­schlossen sich die Eltern, in Tübin­gen ein Haus zu bauen. 1956 zogen wir um, schweren Herzens. Aber die neue Arbeit an der Uni mit den Studenten, die schöne Stadt, alles ließ uns bald hei­misch werden. 1964/65 wurde mein Vater zum Rektor der Universität ge­wählt, ein Amt, das er sehr gerne ausfüllte, das auch manche Anforderung für unsere Mutter brachte.

Nach dem Tod ihres Mannes 1975 ging es Annelise Diem nicht mehr gut, ihr Lebensinhalt, ihre wichtigste Le­bensaufgabe bestand nicht mehr. Daran konnten auch die drei Enkelkinder nichts ändern.

Im Februar 1988 ist sie ganz friedlich eingeschlafen.

Quelle: Gemeindebrief der Evangelischen Kirchengemeinde Ebersbach an der Fils, Nr. 3 (2010), S. 14f.

Anzumerken ist, dass ihr Ehemann Hermann Diem bereits 1942 die uneingeschränkte Frauenordination befürwortet hat.

Hier der Text als pdf.

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