Paul Schempps Predigt zu Lukas 17,11-19: „Da können wir nur hingehen und den Weg gehen, wo es zur Prüfung, zur Erprobung des Glaubens, zum Kampf des Glaubens kommt, können nur eben Glauben halten und das Heil Gottes sehen: ihn, Jesus, der zu uns kommt in Wort und Sakrament.“

Predigt zu Lukas 17,11-19 (14. Sonntag nach Trinitatis)

Von Paul Schempp

Da sind also zehn vom Aussatz befallene, hoffnungslos kranke Menschen. Was bleibt ihnen anderes als Ergebung in Gottes Willen und Warten auf den Tod? Und Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem, auf dem Weg zum Tod. Da schreien die zehn von ferne: »Jesus, lieber Meister«, – wörtlich: »Jesus, du Gebieter!« – erbarme dich unser!« Vielleicht haben sie von ihm und seinen Wundem schon gehört, trotzdem sie von der Gemeinschaft mit Gesunden ausgeschlossen sind. Dann war es jedenfalls ein Gerücht von weit her, denn in dieser Gegend hören wir von keinen Krankenheilungen Jesu, und nur die Heilung eines einzigen Aussätzigen in Galiläa hat uns Lukas vorher berichtet. Da ist es erstaunlich, daß alle Zehn auf Jesus ihre Hoffnung setzen, daß alle Zehn ihn um Erbarmen anrufen, daß alle Zehn ihn Gebieter heißen.

Wir sind es gewohnt, in Jesus den Seelenarzt zu sehen. Wir glauben, daß es ihm wichtiger ist, das Innere in Ordnung zu bringen, als im Leiblichen und Äußeren Hilfe zu schaffen. Es ist richtig: es war Jesus wichtig, daß den Armen das Evangelium gepredigt werde, wichtiger, als daß die Blinden sehen, die Lahmen gehen, die Aussät­zigen rein werden, die Tauben hören und selbst als daß die Toten auferstehen. Aber vergessen wir ja nicht: das Wichtigere ist auch das Schwerere, und dieses Schwerere ist der Täuschung und Einbildung ausgesetzt. Es ist richtig: der innere Schaden, die innere Vergiftung, die innere Halt- und Hoffnungslosigkeit, die innere Unreinheit, Blindheit und Enttäuschung ist schlimmer als all der äußerlich sichtbare Schaden der Zerstörung. Aber wenn dem so ist, so müßte es auch schwerer sein, an die innere Heilung zu glauben als an die äußere. Und doch denken wir, es sei leichter für Gott, einmal einen neu­en Himmel und eine neue Erde zu schaffen, als jetzt aus Steinen Brot zu machen; es sei ihm leichter, einmal alle Toten aufzuwecken, als jetzt einen Blinden sehend zu machen; es sei ihm leichter, Sünden zu vergeben, als Kranke zu heilen. Es ist gut, wenn wir von Jesus die innere Hilfe, den Trost des Herzens und die Gnade der Geduld und des Gottvertrauens und der Vergebung erwarten. Es ist gut, wenn wir von Jesus die richtige Hilfe, die Erlösung und Seligkeit erwarten. Das ist uns von ihm verheißen, und das ist sein Anliegen und sein Ziel. Aber darf uns darüber die äußere, die jetzige und die leibliche, die sichtbare Hilfe als unwichtig und belanglos erscheinen? Die Schrift zeigt uns einen anderen Jesus. Da geschehen Wunder und Zeichen an den Glaubenden. Wir haben nur ein einziges Gleichnis, in dem ein elender Kranker nicht mit zeitlicher Hilfe, aber mit dem Trost des Himmels, mit der Seligkeit in Abrahams Schoß beschenkt und gleichsam entschädigt wird, das Gleichnis vom armen Lazarus. Das berechtigt uns, auch in hilfloser Lage im Äußeren auszuhalten, uns zu gedulden und im Jammer des Elends uns an seiner Gnade genügen zu lassen. Wir haben auch nur einen einzigen Fall, in dem Jesus einem Sterben­den das Paradies verheißt, ohne seine Lage im Äußeren zu erleichtern. Das ist der Schächer am Kreuz, bei dem die Verschuldung dieser Not und dieses Todes offenkundig ist, weil er ein Mörder war. Das berechtigt uns, jedem Sterbenden in Chri­stus den Grund der Hoffnung zu zeigen und, wenn er es begehrt, ihm das Abendmahl zu geben. Aber wir müssen und dürfen Jesus nicht bloß das Schwere, sondern auch das Leichte zutrauen, nicht nur innere, sondern auch äußere Hilfe von ihm erwarten, nicht nur das Ewige, sondern auch das Zeitliche von ihm erhoffen. Freilich sind Sünde, Tod und Teufel die Feinde Jesu, mit denen er den Kampf aufgenommen und die er besiegt hat, aber deshalb hat er es auch mit dem zu tun, was diese Feinde auf der Erde Gottes angerichtet haben und anrichten, mit dem Leid und dem Elend und der Krankheit und all den sichtbaren Fesseln der seufzenden Menschheit.

Seht, unser Glaubensbekenntnis ist ein geschlossener Kreis. Ein Stück hängt unlöslich am an­dern, und keines ist ohne das andere wahr und glaubhaft. Aber wir machen in diesem Kreis doch einen Anfang mit dem Glauben an den Vater und Schöpfer, der uns geschaffen und uns Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält, und wir schließen mit dem Glauben an die Vergebung der Sünden, Auferstehung des Leibes und ein ewiges Leben. Aber es scheint doch weithin mit unsrem Glauben so zu stehen, daß wir mit dem Schluß den Anfang machen und leichter an das ewige Leben glauben als an den Vater, der unser zeitliches Leben erhält, leichter an die Auferstehung glauben als an den Vater, der uns diesen Leib gegeben hat und noch erhält, leichter an die Vergebung glauben als an den Vater, der auch gibt und nicht nur vergibt. Uns scheint es fast so, als ob Jammer und Elend das Natürliche und Gottgewollte sei, das man eben anerkennen müsse und dem man nicht widersprechen dürfte. Uns scheint es fast so, als sei es Gott versucht, Gott auch um sichtbare Hilfe im Leben zu bitten und nicht nur um inneren Trost und Rettung aus dem Leben. Uns scheint es fast so, als wirke Gott nur im Verborgenen und nicht in der äußeren Wirklichkeit. Uns scheint es fast so, als ob es Gott leichter sei, den Lauf der Natur und Geschichte so zu lenken, daß uns nicht allzuviel zustößt oder wenigstens uns innerlich nichts schadet, daß es ihm aber schwer sei, einen Schaden zu heilen und gutzumachen gegen alle Wahrscheinlichkeit der Natur und Geschichte. Gewiß wird der Herr die Armen und Krüppel und Lahmen und Blinden zu seinem großen Abendmahl holen, nachdem die Gesunden die Einladung ausschlagen, weil sie keine Zeit haben, aber das heißt noch nicht, daß wir das Glück verachten und den Jammer vorziehen, daß wir die Gesundheit geringschätzen und die Krankheit preisen sollen. Jesus geht aufs Ganze des Menschen, darum will er durch sein Wort von innen und von der Wurzel an heilen. Jesus geht aufs Ganze, darum will er vom Tod erretten. Aber gerade darum ist auch das Siechtum des Leibes und das Sterben des Vergänglichen von seinem Erbarmen mitumfaßt, und darum soll auch im Äußeren die Barmherzigkeit Gottes sichtbar werden. Ein neues Herz, ein neuer, gewisser Geist, ein neues, ewiges Leben ist sein Ziel, aber soll der Mensch deshalb nur von Versprechungen leben und nicht auch von Erfüllungen, soll äußerlich vorläufig alles beim Alten bleiben und ja nichts offenbar werden von der künftigen Herrlichkeit? Nach Jerusa­lem, zum Tod ging Jesu Weg, aber es ist der Weg des Herrn, der Lebensweg. Jesus wird sicher die Diesseitserwartungen enttäuschen, aber nur um sie wirklich zu erfüllen, nur um die Erde und die Kreatur wirklich der Herrschaft des Bösen zu entreißen. Wie soll die große Hoffnung bestehen, wenn er die kleinen Hoffnungen enttäuscht? Wie soll starker Glaube entstehen, wenn er den schwachen Glauben zertritt? Wie sollte es ernst sein mit unserem Vertrauen in seine große und ganze Hilfe, wenn wir die kleinen und vorläufigen Hilfen gar nicht mehr erwarten? Die Hoffnung der zehn Aussätzigen, ja die Wunder alle im Alten und Neuen Testament sind eine große Verlegenheit für uns. Sie stellen unsern Glauben ernsthaft in Frage. Was sollen Worte wie Freiheit, Leben, Vergebung, Seligkeit, wenn das alles wie eine glückliche Katastrophe und Wende erwartet wird und einstweilen eben alles in Nacht und Grauen liegt? Seht, da ist offenbar eine Lücke in unserem Christentum. Das Natürliche, das tägliche Brot, Essen und Trinken und Kleider und Schuh und erträgliches Dasein erwarten und erbitten wir von Gott, und dann geht’s gleich zu hohen Dingen, zum Geist, zur Gemeinschaft der Heiligen, zur Vergebung, zu Leben und Seligkeit, zum Himmel. Aber die Mitte, die Verbindung von beiden, der Weg von hier nach dort, den wirklichen Christus bei uns, den wagen wir kaum zu glauben. Daß er Mensch war, glauben wir gern, daß er Gott ist, glauben wir gern, daß er aber beides ist, daß er der wunderbare Gottmensch ist, nicht bloß der da war und der da kommt, sondern der da ist und wundersam zu sein noch nicht vergessen hat, das ist wie eine Lücke in unserem Glauben. Einst ging Israel übers Rote Meer, einst erhielt es Brot und Fleisch und Wasser in der Wüste, einst fielen die Mauern von Jericho, einst tat Jesus Wunder und auch noch die Apostel, und einst werden Wunder geschehen und wird sich der Herr offenbaren, aber dazwischen, einstweilen, gibt es eben bloß Natur und Geschichte und dahinter verborgen die Vorsehung Gottes, aber der Herr, der uns führt vom irdischen Brot zum himmlischen, vom irdischen Wein zum himmlischen, vom Kleinen zum Großen, von der Macht der Sünde und des Todes zur Macht der Gerechtigkeit und des Lebens, der Herr, der von dieser Weide auf jene Weide lenkt und uns auf dieser jene schon schenkt, der uns schmecken und sehen läßt, wie freundlich der Vater ist, der soll nur Geheimnis bleiben.

»Herr, erbarme dich unser!« Das schreien wir auch, aber wir nehmens gleich halb zurück, wenn es nur um natürliche Stürme, natürliches Weh, irdischen Jammer, zeitliche Not geht und denken gleich: da muß man natürlich warten, bis alles von selber kommt. Es ist gut, wenn wir uns hüten vor dem Ungestüm der Erpressung, vor der Zeichenforderung mit der heimlichen Drohung: sonst kann und will ich nicht mehr glauben, wenn du mir das und das versagst. Aber es ist nicht gut, von Herzen zu beten: »Dein Wille geschehe!« – und dann das tägliche Brot nur vom Wetter und den Verhältnissen, nicht aber von der Wunderkraft und Güte Gottes zu erhoffen, von dem Gott, dem es nicht schwer ist, durch viel oder wenig zu helfen. Diese zehn Aussätzigen ergreifen die Gelegenheit. Sie lassen Jesus nicht vorüber­gehen und bitten um eine Hilfe, die kein Arzt ihnen geben kann. Und Jesus erhört sie! »Gehet hin und zeiget euch den Priestern!« Das ist nun freilich eine starke Zumutung an ihren Glauben. Werden sie alle gehen? Werden nicht einige von hoffnungsloser Enttäuschung befallen werden? Werden sie nicht allzufromm lieber sich in Gottes Willen weiterhin ergeben als solch eine Reise zu wagen, die ihnen wie ein Abenteuer vorkommen muß. Hat nicht Naemann eine ähnliche Antwort erhalten und sich empört, daß Elisa ihm nicht die Hand auflegte und ihn so heilte? Sie gehen alle! Wie steht’s da mit unserem größeren, stärkeren Glauben an die Vergebung, an Trost und Hilfe und an den Sieg über Hölle und Tod? »Gehet hin im Frieden des Herm!« hören wir oft am Ende des Gottesdienstes. Gehen wir auch? Ist’s kein eingebildeter Trost? Zeigt sich dieser Friede in der stillen Heiterkeit und Friedfertigkeit des Gemüts, im Sieg über Ärger und Widerwärtig­keit, in der Hoffnung auf das Schwinden der Unruhe und Sorge? Oder meinen wir nicht vielleicht auch, Jesus sei es leichter, inneren Aussatz zu heilen als äußeren? So eng ist Glaube und Gehorsam verbunden, daß der Gehorsam den Glauben erfüllt und der Glaube zum Gehorsam treibt. Diesen Glauben und diesen Gehorsam der zehn Aussätzigen können wir nur bewundern. Scheinbar trauen wir Jesus viel Größeres zu, nicht bloß zeitliche Hilfe von Krank­heit und Gebrechen, sondern ewige Hilfe und innere Heilung, und in Wirklichkeit ist der Glaube der zehn Aussätzigen und ihr gehorsamer Gang zum Priester viel größer, viel gewagter, viel wirklicher, viel lebendiger. Würde wohl unser Glaube eine solche Erprobung überhaupt riskieren?

Aber diese Geschichte will uns nun gar nicht den Glauben der zehn Aussätzigen als Vorbild vor Augen stellen, sondern die Dankbarkeit und den Glauben des einen Aussätzigen, des Fremden, des Samariters. »Es geschah, als sie hingingen, wurden sie rein. Einer aber von ihnen, als er sah, daß er geheilt war, kehrte um, pries mit lauter Stimme Gott und fiel auf sein Angesicht vor Jesus und dankte ihm, und dieser war ein Samariter!« Waren die andern etwa undankbar? Sollte man denken, daß neun Aussätzige, unheilbar kranke Menschen, durch ein Wunder plötzlich geheilt, das wie ein gutes Recht hinnehmen? Sicher sind sie froh gewesen wie einer, der dem sicheren Tod durch ein Wunder entgangen ist. Sicher waren sie in dankbarer Stimmung heimgegangen, mehr als einer, der den Krieg überlebt hat und nach der Entlassung heimwärts strebt. Wie sollte die Erinnerung an die furchtbare Krank­heit, der Gedanke an das noch furchtbarere Los, das ihnen noch vor Stunden ausweglos vor Augen stand, das Los der langsamen Ver­faulung des ganzen Körpers, sie etwa nicht zu mächtiger Freude und tiefer Dankbarkeit erregt haben? Aber sie haben eben das Glück gehabt auf einen zu stoßen, der Wunder tun konnte. Was wird diesem Jesus viel daran liegen, wenn sie ihm noch persönlich Dank sagen? Werden sie ihn überhaupt noch antreffen? Mehr als Dankesworte können sie ihm ja doch nicht geben. Dankbare Gesinnung, oder daß sie seine Tat und seine Person vor andern rühmen, genügt doch. Sie wollen gewiß nicht verschweigen, wer ihnen geholfen hat. Sie hegen gewiß auch Dankbarkeit gegen Gott im Herzen. Das nötige Opfer werden sie gewiß nach dem Gesetz erfüllen, soweit sie in der Lage dazu sind. Aber wichtiger ist doch das erfahrene Wunder als der, der es tat. Wichtiger ist die Gesundheit als der Arzt. Wichtiger ist der Mensch, der fröhliche, gesunde, glückliche Mensch als Gott! – Nur der Eine kehrt um und dankt Gott und Jesus und tut es so, daß deutlich wird: hier erkennt einer die Gnade Gottes. Mit lauter Stimme preist er Gott und fällt vor Jesus nieder, wortlos wie ein Besiegter, Über­wältigter, wie einer, der sich ausliefert. Was ist denn der Unterschied zwischen diesem Samariter und den neun Juden? Ist er bloß noch dankbarer als die andern? Oder fragen wir lieber so: gehört zur rechten Dankbarkeit heute für die Überlebenden, für die Heimgekommenen, für die Verschonten, für Genesene, für solche, denen ein Glück widerfährt, mitten aus tiefer Not und Verzagtheit, daß sie in die Kirche gehen, daß sie laut Gott preisen, daß sie Christus dankbar sind? Nein, es handelt sich nicht bloß um den Unterschied von mehr oder weniger Dankbar­keit, auch nicht bloß um den Unterschied von Dankbarkeit, die an den Tag kommt, die sich äußert, und zurückgehaltener, bloß im Gefühl gehegter Dankbarkeit, auch nicht bloß um den Unterschied von allgemeiner Dankbarkeit gegen Gott und persönlicher Dankbarkeit gegen Jesus. Es handelt sich um die Dankbarkeit gegen den wahren Gott gegenüber der Dankbarkeit gegen einen eingebildeten Gott; es handelt sich um den Unterschied von Glauben und Unglauben. Sie haben geglaubt, und sie waren alle dankbar. Aber Jesus fragt: »Wo sind die neun anderen? Ist keiner umgekehrt, um Gott die Ehre zu geben?« Und zum Samariter sagt er: »Stehe auf, gehe hin! Dein Glaube hat dir geholfen!« –

Viele Kranke sind zu Jesus gebracht worden, vielen hat er geholfen. Als Wundertäter war er berühmt, und nur vereinzelte besondere Heilungen werden uns erzählt. Die Herrschaft Gottes hat er in diesen Wundern offenbar gemacht. Aber die galiläischen Städte hat er angeklagt wegen ihrer Unbußfertigkeit. »Wären solche Taten in Tyrus und Sidon geschehen, diese Städte hätten Buße getan!« O, die Heilungen haben sie dankbar hingenommen. Aber sie merkten nicht, daß all ihr Elend, gerade auch das sichtbare Elend der Krankheiten, in tiefem Zusammenhang steht mit der Macht des Bösen. Daß Jesus dazu gekommen ist, daß das sein Beruf und seine Sendung ist, diese Macht zu besiegen, hier Erlöser und Heiland zu sein: das eben blieb ihnen verborgen. Innerlich fühlten sie sich gesund, und so blieb ihr Dank an der Gabe hängen, so blieb Jesus selber und damit Gottes Herrlichkeit, Liebe und Barmherzigkeit, der ganze Sinn von Jesu Kommen und Kampf, ihren Augen verdeckt. Ein guter Herr ist er, ein Gottgesandter, ein Helfer – aber nicht der Herr, der Retter, der Zeuge Gottes. Sie sind am Ziel ihrer Wünsche, wo Jesus erst anfangen will.

Aber dieser Samariter ist umgekehrt, ihm geht es einfach darum, diesem Herrn zu zeigen: ich bin nicht dankbar genug, ich bin nicht wert, daß du mir Gottes Hilfe zugewandt hast. Hier ist einer, der sich ganz und gar ausliefert, der Jesus als seinen Herrn anerkennt und sich selbst erkennt und anerkennt als unwürdigen, als ganz und gar nur für die Gnade dieses Herrn bereiten und aufgeschlossenen Knecht. Dieser Samariter preist Gott, weil er Gott gefunden hat, nicht nur weil er Hilfe gefunden hat; er dankt Jesus, daß Jesus ihm allmächtige Gnade erwie­sen hat und ihm Gottes Herrschaft gezeigt hat. Er hat nicht bloß das Wunder erfahren, sondern das Zeichen gesehen, das Zeichen des Auf­gangs aus der Höhe. Dieser Samariter hat Jesus gefunden, die andern neun nur ihre Gesundheit. Jesus nimmt ihn nicht in die Zahl der Jünger auf. Er schickt ihn nach Hause: »Gehe hin, dein Glaube hat dir geholfen.«

Bleibt es bei der bloßen Erinnerung an die Güte des Herrn, bei Verehrung und Dankbarkeit? Er ist gewiesen, den Glauben als das Mittel zu betrachten und zu erhalten, durch das ihm Hilfe zuteil wird. Damit bleibt er Jesus verbunden, damit bleibt er in der Gnade Gottes, in der hellen, frohen Gemeinschaft mit dem heiligen Gott. Die Barm­herzigkeit Jesu hat den Samariter zur Buße geleitet. Aber denken wir uns bei diesem Wort nicht einen bitterbösen Menschen, der plötzlich zusammenbricht unter der Wucht eines anklagenden Gewissens, den sein Leben reut, der Besserung gelobt und ein neues Leben anfängt. Denken wir uns vielmehr einen Menschen, der von sich loskommt, der frei wird, der aufwacht und Gott loben und danken kann, einen Men­schen, dem die Augen aufgehen, der sich wundem kann über die Treue und Liebe Gottes, der seine Straße fröhlich zieht, der eben schlecht und recht glaubt, daß Christus der Herr ist und daß damit alles gut ist, und der ihn nun Herr sein lassen und ihm dienen will.

Wo sind die Neun? Ihr Glaube ist belohnt worden. Sie werden gewiß fromme Juden zu sein und zu werden sich vorgenommen haben. Wie werden sie oft mit Überzeugung andere belehren können: »Ihr wißt ja gar nicht, welch herrliches Geschenk ein gesunder Leib ist.« Sie werden wohl ein besonders herzliches Mitleid mit den Aussätzigen da und dort haben und dies durch Gaben beweisen. Aber so groß ihr Vertrauen zu Jesus war; jetzt ist er ihnen entbehrlich. Seinem Wort, seiner Predigt glauben, ihm nachfolgen, das hat mit dem Wunder für sie nichts zu tun. Das ist etwas ganz anderes, etwas, das man auch unterlassen kann. Sehen wir jetzt den Unterschied: die neun Juden fühlen sich zum Dank verpflichtet, ihr Dank entspricht dem Wert ihrer Gesundheit. Der Eine ist zum Dank befreit, sein Dank ist Erkenntnis der Barmherzigkeit. Dort erwacht er am Ich, hier an der Gestalt des Heilandes. Und so ist dort der Glaube, so groß er war, Vertrauen in eine besondere Kraft und Kunst und Gabe Jesu, in eine Macht Jesu von zauberhafter Größe. Und dieser Glaube entstand an der Not der Krankheit, er ist ein Griff nach Rettung von bewundernswerter Energie, aber es ist nicht der Glaube an Jesus Christus, an das Brot und Licht des Lebens, an das Wort vom Vater. Es ist ein Glaube, den man haben oder nicht haben kann, in Gebrauch nehmen und stilllegen kann, eine religiöse Kraft, die dem entspricht, an was sie glaubt, der religiösen Kraft, die sie bei Jesus vermuten. An dem, daß sie nicht umkehren, um Gott die Ehre zu geben, zum Zeugnis für Jesus, daß sie nicht bloß die Gabe, sondern den Geber ehren, daran wird nun der Glaube erkennbar als recht kräftiger, erstaunlich kräftiger, geradezu prächtiger und tiefer, religiöser, jüdischer – Eigensinn! Darum Jesu Trauer. Es ist das Israel des alten Bundes, das Volk, das nicht hört mit offenen Ohren und nicht sieht mit offenen Augen, das Israel, das Gott viel Mühe und Arbeit macht, das seine Hilfe mehr als alle anderen Völker in Anspruch nimmt, aber sich nicht opfern kann, nicht weiß, was Dankbarkeit ist, das rechnen, aber nicht danken, das fromm sein, aber nicht glauben kann und will.

Es ist also kein Grund da, daß wir diese Neun bewundern. Aber es ist auch kein Grund da, daß wir den Samariter bewundern oder nachahmen. Aber daß wir Jesus bewundern, der noch viele Wunder getan hat, die man ihm bloß abgenommen hat wie die Geschenke eines gutgelaunten Reichen, dazu haben wir Grund. Hat uns unser Glaube schon geholfen? Törichte Frage. »Wer Dank opfert, der preiset mich«, und das ist der Weg, »daß ich ihm zeige das Heil Gottes!« Können wir danken? Dankbar sein, dankbar in allen Stücken? Dann können wir auch für den Glauben, für ihn zuerst und zutiefst danken, für die Gnade seines Wortes, seiner Begegnung. Da können wir nur hingehen und den Weg gehen, wo es zur Prüfung, zur Erprobung des Glaubens, zum Kampf des Glaubens kommt, können nur eben Glauben halten und das Heil Gottes sehen: ihn, Jesus, der zu uns kommt in Wort und Sakrament; ihn sehen als »Helfer wert«, ihn rufen, ihm Großes und Kleines zutrauen und diesen Heiland aller Welt zugleich bei uns auf dem Plan sehen, wie er alles neu macht, daß Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige rein werden und Tote auferstehen und den Armen das Evangelium verkündigt wird, damit auch wir im Glauben ihn täglich preisen: »Gelobet sei mein Gott, mein Heiland groß von Tat!«.

Quelle: Paul Schempp, Predigten aus den Jahren 1939-1955, aus dem Nachlass herausgegeben von Ernst Bizer, Bad Cannstatt: Müllerschön 1960, 112-121.

Hier die Predigt als pdf.

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