Hannah Arendt über das gedankenlose Böse (Vom Leben des Geistes): „Könnte vielleicht das Denken als solches – die Gewohnheit, alles zu untersuchen, was sich begibt oder die Aufmerksamkeit erregt, ohne Rücksicht auf die Ergebnisse und den speziellen Inhalt – zu den Bedingungen gehören, die die Menschen davon abhalten oder geradezu dagegen prädisponieren, Böses zu tun?“

Vom gedankenlosen Bösen

Von Hannah Arendt

Was das Faktische betrifft, so hat meine Beschäftigung mit der Geistes­tätigkeit zwei recht verschiedene Ursprünge. Der unmittelbare Anstoß ergab sich aus mei­ner Anwesenheit beim Eichmann-Prozeß in Jerusalem. In meinem Bericht über ihn sprach ich von der „Banalität des Bösen“. Dahinter stand keine These oder Theorie, doch irgendwie ahnte ich, daß diese Formu­lierung unserer literarischen, theologischen und philosophischen Denktradition über das Böse entgegenlief.

Das Böse, so haben wir gelernt, ist etwas Dämonisches; seine Ver­körperung ist der Satan, der „vom Himmel fallt als ein Blitz“ (Luk. 10,18), oder Luzifer, der gefallene Engel („Auch der Teufel ist ein Engel“ – Unamuno), dessen Sünde der Hochmut ist („stolz wie Luzifer“), jene superbia, zu der nur die Besten fähig sind: sie möchten Gott nicht dienen, sondern sein wie er. Böse Menschen, so heißt es, handeln aus Neid, sei es aus Enttäuschung darüber, daß ihnen der Erfolg ohne eigenes Verschul­den versagt blieb (Richard III.), oder aus dem Neid eines Kain, der Abel erschlug, denn „der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer; aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an“ (1. Mos. 4,4-5). Oder sie han­deln aus Schwäche (Macbeth); oder um­gekehrt aus jenem mächtigen Haß heraus, den das Böse für das reine Gute empfindet (Jago: „Ich hasse den Mohren; mein Grund kommt von Herzen“; Claggarts Haß auf Billy Budds „barbarische“ Unschuld, den Melville eine „Verworfenheit von Natur“ nennt), oder aus Begierde, der „Wurzel aller Übel“ (radix omnium malorum cupiditas).

Ich aber stand vor etwas völlig anderem und doch unbestreitbar Wirklichem. Ich war frappiert von der offenbaren Seichtheit des Täters, die keine Zurückführung des unbestreitbar Bösen seiner Handlungen auf irgendwelche tieferen Wurzeln oder Beweggründe ermög­lichte. Die Taten waren ungeheuerlich, doch der Täter – zumindest jene einst höchst akti­ve Person, die jetzt vor Gericht stand – war ganz gewöhnlich und durchschnittlich, weder dämonisch noch ungeheuerlich. Nichts an ihm deutete auf feste ideologische Überzeugungen oder besondere böse Beweg­gründe hin; das einzig Bemerkenswerte an seinem früheren Verhalten wie auch an sei­nem jetzigen vor Gericht und in den voran­gegangenen Polizeiverhören war etwas rein Negatives: nicht Dummheit, sondern Gedan­kenlosigkeit. Im Rahmen des israelischen Gerichtsverfahrens und der Gefängnisord­nung funktionierte er ebensogut wie seiner­zeit unter dem Naziregime, doch wenn er vor Situationen stand, für die es keine sol­chen routinemäßigen Verhaltensvorschriften gab, so war er hilflos, und seine von Kli­schees durchsetzte Sprache im Zeugenstand führte zu einer Art makabrer Komödie, genau wie es während seiner Amtszeit der Fall gewesen sein mußte.

Klischees, gängige Redensarten, konventionelle, standardisier­te Ausdrucks- und Verhaltensweisen haben die gesellschaftlich anerkannte Funktion, gegen die Wirklichkeit abzuschirmen, gegen den Anspruch, den alle Ereignisse und Tat­sachen kraft ihres Bestehens an unsere den­kende Zuwendung stellen. Wollte man die­sen Anspruch ständig erfüllen, so wäre man bald erschöpft; Eichmann unterschied sich von uns anderen lediglich darin, daß er überhaupt keinen solchen Anspruch kannte. Dieses Fehlen des Denkens – eine durchaus normale Erfahrung im Alltagsleben, wo wir kaum die Zeit, geschweige denn die Nei­gung haben, innezuhalten und nachzuden­ken – rief mein Interesse wach.

Ist böses Handeln (Unterlassungs- wie auch Begehungssünden) möglich, wenn nicht nur „niedrige Motive“ (wie es im Rechtswesen heißt) fehlen, sondern überhaupt jedes Motiv, jede spezielle Aktivität des Interesses oder Wollens? Ist Bosheit, wie immer man sie definieren möge, ist dieser „Wille zum Bösen“ vielleicht keine notwendige Bedin­gung des bösen Handelns? Hängt vielleicht das Problem von Gut und Böse, unsere Fähigkeit, Recht und Unrecht zu unterschei­den, mit unserem Denkvermögen zusam­men? Gewiß nicht in dem Sinne, daß das Denken jemals die gute Tat hervorbringen könnte, als ob „Tugend lehrbar“ und lernbar wäre – nur Gewohnheiten und Sitten lassen sich lehren, und wir wissen nur zu gut, wie erschreckend rasch sie verlernt und verges­sen werden, wenn neue Verhältnisse eine Veränderung unserer Sitten und Verhaltensweisen erfordern. (…) Die Gedankenlosigkeit, vor der ich stand, ergab sich weder aus einem Vergessen vorhandener – guter – Sitten und Gewohnheiten noch aus Dummheit im Sinne der Verstehensunfähigkeit, ja nicht einmal im Sinne des „moralischen Defekts“, denn sie machte sich ebenso in Situationen bemerkbar, die nichts mit sogenannten ethischen Entscheidungen oder Gewissensfragen zu tun hatten.

Es drängte sich folgende Frage auf: Könnte vielleicht das Denken als solches – die Gewohnheit, alles zu untersuchen, was sich begibt oder die Aufmerksamkeit erregt, ohne Rücksicht auf die Ergebnisse und den speziellen Inhalt – zu den Bedingungen gehören, die die Menschen davon abhalten oder geradezu dagegen prädisponieren, Böses zu tun? (Das Wort „Ge-wissen“ selbst [engl. „con-science“] deutet jedenfalls darauf hin, denn es bedeutet ja „bei sich wis­sen“, was bei jedem Denkvorgang der Fall ist.) Und wird nicht diese Hypothese durch alles gestützt, was man über das Gewissen weiß, nämlich daß ein „gutes Gewissen“ in der Regel nur wirklich schlechten Menschen zuteil wird, Kriminellen und ähnlichen Ele­menten, während nur „gute Menschen“ eines schlechten Gewissens fähig sind? Anders ausgedrückt, in Kantischer Sprache: Nachdem mir aufgefallen war, daß ich mich nolens volens „in den Besitz eines Begriffs gesetzt“ hatte (Banalität des Bösen), kam ich nicht um die quaestio iuris herum, „mit wel­chem Recht man denselben besitze und ihn brauche“.

Hannah Arendt, Vom Leben des Geistes, Bd. 1: Das Denken, München: Piper, 1979, S. 13-15.

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