Über Schuld und Neuanfang nach 1945
Von Reinhold Schneider
Ein Vorgang, der fast ohne Beispiel ist, rollte in wenigen Jahren vor unsern Augen ab. Inmitten unseres Landes hat sich eine Macht erhoben, die unter beharrlicher, ja grundsätzlicher Mißachtung der Gebote Gottes, der Freiheit der Person und des Glaubens, des Rechtes zu gewaltiger Größe emporwuchs. Als sie die Welt zu gewinnen, zum mindesten zu überschatten schien, wurde sie zerschmettert. Unser Vaterland liegt unter den Trümmern begraben; es ist selber zu einem ungeheuren Trümmerberg geworden. Unerhörtes Leiden, Opfer echten Heldenmuts scheinen verloren zu sein: wüßten wir nicht, daß jenseits irdischen Sieges, irdischer Niederlage allein der Sieg des Christen gilt und wider die Vergeblichkeit entscheidet. Kaum jemals ist der Vermessenheit der Herausforderung die Antwort mit solcher Wucht, solcher Schnelligkeit gefolgt. Gottes Walten ist offenbar geworden. Wir haben es schaudernd erfahren, wer der Herr der Geschichte ist, worum die Geschichte eigentlich geht. Als eine Versuchung können wir die abgelaufenen zwölf Jahre betrachten: unserm Volke wurde dem Scheine nach die Macht der Erde geboten, und es wurde gefragt, was es für diese Macht geben wolle; etwa seine Seele, seinen Glauben, sein Recht, das Glück seiner Nachbarn. Wir richten nicht, wir möchten nur davor warnen, das, was geschehen ist, oberflächlich zu sehen. Himmel und Hölle haben miteinander gerungen, Engel und Drachen, und der Mensch stand dazwischen und sollte sich entscheiden.
Dem furchtbaren Wetterschlag folgte die Stille, die noch auf uns lastet. Unser Volk hat seine Sprache, seine Haltung noch nicht gefunden. Es müßte jetzt vor das Kreuz seines Leidens treten und vor ihm mit seinem Gewissen sich besprechen. Wenn die entsetzliche Erfahrung für uns und die Welt nicht verlorengehen soll, so dürfen wir über das Geschehene nicht hinweggehen. Ein jeder frage sich selbst, welchen Anteil er daran hat: ob er im Angesichte des Versuchers Jesus Christus bekannt oder verleugnet hat; ob er tätig oder leidend in die Zeit verflochten war; was er bereit gewesen wäre zu opfern für den Sieg der falschen Macht, die eine Macht ohne Liebe gewesen ist. Wir müssen, eh wir die ungeheuren Aufgaben, die vor uns liegen, zu verstehen, zu ergreifen suchen, in das Innerste zurück. Hier begegnen wir unserer Schuld. Sie kann nicht geleugnet werden: vor Gott nicht, vor uns nicht, vor unseren Nächsten nicht… Wenn noch ein Anfang vor uns liegt, die Möglichkeit eines erneuerten, wahrhaftigen, frommen Lebens, so kann er nur mit den Worten Mea culpa gemacht werden. Wir sind schuldig geworden an Gottes Gebot, der Schöpfung, am Menschen; ein furchtbarer Haß auf den Menschen, die an Wahnwitz grenzende Sucht, ihm seine Krone zu nehmen und ihn zu vernichten, ist ein Kennzeichen der zertrümmerten Macht gewesen.
Wer seiner Schuld begegnet, kann sich wandeln; er kann wiedergeboren werden; wer ihr ausweicht, nicht. Wer sich zur Sühne entschließt, der weiß, daß ihm ein Wert eigen ist, den er erhöhen, aufs neue bewähren kann. Wer schuldig ist und nicht sühnt, wirft diesen Wert hinweg. Wir wissen, daß schwerlich eine Schuld begangen wird, die nicht weithin über die Welt sich verzweigt. Aber nicht darum geht es heute, sondern darum, daß im Bekenntnis, im Willen zur Erneuerung ein Anfang gemacht wird. Wer nicht gestorben ist in der vergangenen Zeit, wird in der beginnenden nicht leben. Die Not des Tages, Schmach und Erniedrigung dürfen uns nicht hindern, Einkehr zu halten bei uns. Wir müssen bei uns, in Wahrhaftigkeit, beginnen. Wohl drängen sich uns Vorwürfe auf die Lippen als Antwort auf die Vorwürfe der Welt. Wir untersuchen in dieser Stunde Recht und Unrecht solcher Vorwürfe nicht. Wir hören die erschütternde Anklage der Gemarterten, Überfallenen, Vertriebenen und schweigen. Auch wären unsere Vorwürfe so machtlos, wie wir selber sind. Und so sprechen wir die Worte Mea culpa, die ja mehr als Worte sind: eine Haltung, die Bereitschaft, als Sühne das auf uns lastende und noch heranziehende gewaltige Leid zu tragen. Indem wir diese Haltung finden, werden unsere Kräfte wachsen. Ohne Haltung ertragen wir das Leid nicht. Unter der Gewalt der Schuld und des Leides sind wir noch einmal zu Brüdern geworden. Was die Zeit uns auferlegt, wird uns fester vereinen, als jede Macht es vermöchte. Denn nun ist es das Herz und die Not, die uns einen.
Aber wir wissen auch, daß niemand vor den Altar treten und die Worte „Mea culpa“ hören kann, ohne einzustimmen. Indem wir diese Worte auf uns nehmen als das uns einende Wort, dürfen wir hoffen, daß die Welt ihnen antworte, sei es heute, sei es morgen. Unser Glaube an den Menschen ist durch die vergangenen Jahre nicht zerstört, er ist vielmehr bestätigt worden: der Mensch erhob sich gegen die seelenlose Macht des Versuchers; der Mensch wird heute oder morgen den Bruder verstehen, der seine Schuld bekannt hat und sie sühnen will. Denn dieser Geprüfte hat ein Wort zu sagen an alle, und als Sprecher dieses Wortes wenden wir uns heute, in der Tiefe der Not und Erniedrigung, an die Welt. Es ist eine todesernste Stunde, voll von Gefahren, voll von großen Verheißungen. Wir haben den Bösen gesehen und seine Macht und sind von ihm überwältigt worden. Nun aber sagen wir allen: Wachet! Werdet nicht schuldig wie wir! Erkennt die Gewalt der Anfechtung in der Geschichte, die der Mensch in seiner Hoffart nicht mehr erkennen und anerkennen wollte. Die Anfechtung wird wieder- und wiederkehren, in immer anderer Gestalt; sie kann über ein jedes Volk kommen, wie sie über uns gekommen ist. Der nur wird ihr widerstehen, der die Geister prüft, ob sie aus Gott sind, und bekennt, daß Jesus Christus im Fleische gekommen ist. Mit der ganzen Kraft unseres Herzens, christlicher Sorge für alle, um alle – welche Sorge auch in der Erniedrigung dem Christen als Last und Würde bleibt – bitten wir die Völker, unsere Schuld nicht zu vergrößern, nicht zu tun, was hier geschehen ist. Wir flehen so aus Liebe zu Gott und um der Völker selber willen; denn das Verbrechen am Menschen, dessen Zeuge wir geworden sind, wurde vom Bösen erdacht, der ein Menschenmörder ist von Anfang an. Er hat dieses Verbrechen in die Welt gebracht, damit es sich fortpflanze, um alle zu verderben. Viel furchtbarer als das Leid des Mißhandelten ist ja das Leid der Zerstörung, das an der Seele des Täters geschieht. Darum bitten wir in diesem Augenblick mit verzehrender Sorge alle, den Geist zu besiegen, der den Menschen verderben will…
Wir glauben, diese Mahnung unserem Volke schuldig zu sein und zugleich der Welt und den Toten allen. Das unsägliche Leid darf nicht verlorengehen für das Leben der Völker; die Gnade, die Gottes Barmherzigkeit in der Schuld verborgen hat, muß errungen werden. Es ist die Gnade der Wandlung, der Herzensveränderung, der Wiedergeburt, erneuter Einsicht in die Wirklichkeit unseres Lebens vor Gott, eines neuen Trachtens und Denkens. Wir glauben, daß die Stunde einer großen Gnade aufgegangen ist; wir wissen nicht, wie lange sie währt; wir verbergen uns die Schatten nicht, die uns bedrohen. Aber wir flehen noch einmal auf das inständigste die Gewissen, die Herzen, die Geister an, daß sie sich erforschen, erkennen, bekehren, ehe der Tag und seine Not die Menschen wieder ergreift und fortreißen will. Wir müssen fest geworden sein vor dem Kreuz dieser Zeit, eh wir beginnen zu arbeiten und zu wirken; und wir bitten die Völker der Welt, das Wort, das wir erlitten haben, auszunehmen im Herzen und mitzuhelfen, daß die Schuld sich nicht vergrößere, vielmehr der Mensch, wie Gott ihn gewollt, in seiner königlichen, verantwortungsschweren, furchtbar angefochtenen Freiheit geachtet werde; denn er allein wird auf dem Trümmerfelde bauen, eine gerechte Ordnung, nach der die Völker dürsten, herstellen können.
Aus: Badisches Landesarchiv, Handschriften-Abteilung, Karlsruhe
Quelle: Dieter Petri/Jörg Thierfelder (Hrsg.), Vorlesebuch Kirche im Dritten Reich. Anpassung und Widerstand, Lahr: Kaufmann, 1995, S. 392-395.