Viktor E. Frankl, Was ist der Mensch? (1949): „Überhaupt war das Erlebnis des Konzentrationslagers ein einziges großes Experiment – ein wahres experimentum crucis. Unsere toten Kollegen haben es ehrenvoll bestanden. Sie haben uns bewiesen, daß der Mensch es in der Hand hat, auch unter den ungünstigsten, den unwürdigsten Bedingungen noch Mensch zu bleiben – wahrer Mensch und wahrer Arzt.“

Was ist der Mensch?[1]

Von Viktor E. Frankl

In memoriam … Zum Gedenken …»Was ist der Mensch, daß Du seiner gedenkst?« So lautete eine Frage, die der Psalmist an Gott richtet. Lassen Sie uns diese Frage hier und heute an uns selber richten und fragen: Was waren die toten Kollegen, daß wir an diesem Tage ihrer gedenken? Nun, wie sie von 1938 bis 1945 in Ihrer Mitte, wie sie im Kerker und wie sie in der Verbannung gelebt und gestorben, das wissen Sie oder hat man Ihnen aus früheren Anlässen bereits berichtet. Meine Aufgabe ist es, vor Ihnen Zeugnis abzulegen, wie Wiener Ärzte in den Konzentrationslagern geschmachtet und geendet haben; Zeugnis abzulegen von wahren Ärzten – die als Ärzte gelebt haben und als Ärzte gestorben sind; von wahren Ärzten, die andere nicht leiden sehen, nicht leiden lassen konnten, selber aber zu leiden verstanden, selber das rechte Leiden zu leisten wußten – das aufrechte Leiden.

Es war im Sommer 1942. Allenthalben wurden Menschen, wurden unter ihnen Ärzte deportiert. Da traf ich eines Abends am Praterstern eine junge Dermatologin. Wir sprachen vom Arztsein in dieser Zeit, vom Auftrag des Arztes in dieser Zeit. Und wir kamen auf Albert Schweitzer zu sprechen, den Urwalddoktor von Lambarene, und auf unsere Bewunderung für ihn. Und dann sprachen wir davon, daß wir uns wohl nicht zu beklagen hätten über einen Mangel an Gelegenheit, diesem vorbildlichen Arzt und Menschen nachzueifern: Wir hatten wahrlich Chancen genug, gleich ihm unter denkbar ungünstigen Umständen ärztliche Hilfe zu leisten. Wir hätten wahrlich nicht erst in den afrikanischen Urwald zu reisen gebraucht. Von alledem sprachen wir damals, und wir versprachen einander an diesem Abend, eine solche Chance darin zu sehen, wenn der Tag kommen sollte, da auch wir deportiert würden. Um weniges später war dieser Tag gekommen. Allein, der jungen Kollegin war nicht viel Zeit gelassen, die Chance zu nützen, die sie aus ihrem ärztlichen Ethos heraus in der Deponierung gesehen hatte: Kurze Zeit nach ihrer Ankunft im Lager zog sie sich eine Typhusinfektion zu. Wenige Wochen später war sie tot. Ihr Name ist Dr. Gisa Gerbel. Wir gedenken ihrer.

Dann war da ein Armenarzt aus dem sechzehnten Bezirk – nicht anders bekannt in Wien als unter dem Namen »der Engel von Ottakring«; eine Urwiener Type – ein Mann, der noch im Lager von nichts anderem schwärmte als von Wiedersehensfeiern bei einem Wiener Heurigen, und dann mit seligen Blicken und Tränen in den Augen das Heurigenlied anstimmen konnte: »Erst wenn’s aus wird sein …« Das war der Engel von Ottakring; aber wer hat ihn selbst beschützt, gleich einem Schutzengel – damals, als er in Auschwitz vor meinen Augen vom Bahnhof weg auf die linke Seite dirigiert wurde – und das hieß: direkt in die Gaskammer? Das war der Engel von Ottakring. Sein Name ist Dr. Plautus. Wir gedenken seiner.

Dann war da Dr. Lamberg – der Sohn des ersten Chefarztes der weltberühmten Wiener freiwilligen Rettungsgesellschaft, allen Erste-Hilfe-Schülern wohlbekannt von seinem Lehrbuch her; Dr. Lamberg war ein Weltmann im Aussehen wie im Auftreten. Das weiß jeder, der diesen prächtigen Menschen jemals gesehen hat. Nun, ich habe ihn auch gesehen, als er in einer halb unterirdischen Baracke im Sterben lag, inmitten Dutzender, eng nebeneinanderliegender, halbverhungerter Gestalten; und seine letzte Bitte an mich war: die Leiche, die neben und halb auf ihm lag, doch ein wenig beiseite zu rücken. Das war der einstige Weltmann Dr. Lamberg – einer der wenigen Lagerkameraden, mit denen man selbst noch bei der schwersten Arbeit an Bahngeleisen im Schneesturm philosophische Gespräche führen konnte. Wir gedenken seiner.

Dann waren da Frau Dr. Martha Rappaport, meine einstige Assistentin am Wiener Rothschild-Spital, aber auch schon Assistenzärztin einstmals unter Wagner-Jauregg. Eine Frau mit einem Herzen, das niemanden weinen sehen konnte, ohne selber zu Tränen gerührt zu sein. Wer hat um sie geweint, als sie deportiert wurde? – Das war Frau Dr. Rappaport. Wir gedenken ihrer.

Dann waren da, vom gleichen Spital, ein junger Chirurg, Dr. Paul Fürst, und ein weiterer Arzt, Dr. Ernst Rosenberg. Beide konnte ich im Lager sprechen, kurz bevor sie dort starben. Und es war in ihren letzten Worten kein einziges Wort des Hasses – nur Worte der Sehnsucht kamen über ihre Lippen – und Worte des Verzeihens; denn was sie haßten und was wir hassen, sind niemals Menschen – Menschen muß man verzeihen können; was sie haßten, war nur das System – das die einen in Schuld brachte – und den andern den Tod brachte.

Ich habe wenige Namen genannt, und die nicht dem wissenschaftlichen Rang nach; ich spreche von einzelnen, aber ich meine alle mitsammen. Die Wenigen müssen für die Vielen stehen: denn die Vielen könnte keine Chronik fassen, die von Menschenhand aufgezeichnet würde. Aber sie bedürfen auch gar nicht einer Chronik, sie bedürfen auch nicht eines Gedenksteins, denn jede Tat ist ihr eigenes Denkmal – unvergänglicher als eines, das bloß unserer Hände Werk ist. Denn die Tat eines Menschen läßt sich nicht ungeschehen machen; was getan, läßt sich nicht aus der Welt schaffen. Und es ist nicht wahr, daß es in der Vergangenheit unwiederbringlich verloren sei, sondern in der Vergangenheit ist es untilgbar geborgen.

Es ist richtig: In jenen Jahren wurde das Arzttum geschändet. Aber ebenso wahr ist, daß es in jenen Jahren auch hochgehalten wurde. Die einen Ärzte haben in den Lagern an Todgeweihten experimentiert; aber andere gab es, die hier an sich selbst experimentiert haben, und ich erinnere mich eines Berliner Nervenarztes namens Dr. Wolf, mit dem ich in der finsteren Baracke so manche nächtliche Zwiesprache gehalten hatte, etwa über aktuelle Probleme der modernen Psychotherapie; als er im Lager starb, hielt er das Erlebnis der letzten Stunden in Form einer Selbstschilderung schriftlich fest.

Überhaupt war das Erlebnis des Konzentrationslagers ein einziges großes Experiment – ein wahres experimentum crucis. Unsere toten Kollegen haben es ehrenvoll bestanden. Sie haben uns bewiesen, daß der Mensch es in der Hand hat, auch unter den ungünstigsten, den unwürdigsten Bedingungen noch Mensch zu bleiben – wahrer Mensch und wahrer Arzt. Was denen, die diesen Beweis erbrachten, zur Ehre gereicht, soll aber uns eine Lehre sein, soll uns lehren, was der Mensch ist und was er sein kann.

Was also ist der Mensch? Wir haben ihn kennengelernt, wie vielleicht noch keine Generation vor uns; wir haben ihn kennengelernt im Lager – im Lager, wo alles Unwesentliche vom Menschen weggeschmolzen war; wo alles fortfiel, was einer besessen hatte: Geld – Macht – Ruhm – Glück – wo nur mehr das übrigblieb, was ein Mensch nicht »haben« kann, sondern was er »sein« muß: Was übrigblieb, war der Mensch selbst – verbrannt vom Schmerz und durchglüht vom Leid, wurde er eingeschmolzen auf das Wesentliche in ihm, auf das Menschliche.

Was also ist der Mensch? So fragen wir nochmals. – Er ist ein Wesen, das immer entscheidet, was es ist. Ein Wesen, das in sich gleichermaßen die Möglichkeit birgt, auf das Niveau eines Tieres herabzusinken oder sich zu einem heiligmäßigen Leben aufzuschwingen. Der Mensch ist jenes Wesen, das immerhin die Gaskammern erfunden hat; aber er ist zugleich auch jenes Wesen, das in eben diese Gaskammern hineingeschritten ist in aufrechter Haltung und das Vaterunser oder das jüdische Sterbegebet auf den Lippen.

Das also ist der Mensch. Und nun wissen wir auch die Antwort auf die Frage, die wir uns im Anfang gestellt: Was ist der Mensch, daß wir seiner gedenken? »Er ist ein Schilfrohr«, hat Pascal gesagt, »– aber ein Schilfrohr, das denkt!« Und dieses Denken, dieses Bewußtsein, dieses Verantwortlichsein –, es macht die Würde des Menschen aus, die Würde jedes einzelnen Menschen. Und es liegt ganz und gar immer nur am einzelnen Menschen, ob er sie mit Füßen tritt – oder ob er sie wahrt. So wie das eine das persönliche Verdienst eines Menschen ausmacht – so das andere seine persönliche Schuld. Und es gibt nur persönliche Schuld. Niemals aber dürfte die Rede sein von Kollektivschuld. Freilich, es gibt auch die persönliche Schuld eines Menschen, der zwar »nichts getan« hat – aber so manches unterlassen; unterlassen aus Angst um sich selbst oder aus dem Zittern um seine Angehörigen. Wer aber einem solchen Menschen zum Vorwurf machen will, daß er ein »Feigling« war, der müßte zuvor für seine eigene Person unter Beweis gestellt haben, daß er selber in der gleichen Situation ein Held gewesen.

Und so wollen wir denn nicht nur gedenken, der Toten, sondern auch verzeihen, den Lebenden. Und wenn wir sprechen: Ehre sei den Toten – so wollen wir auch hinzusetzen: – und Friede allen Lebenden, die guten Willens sind.

Quelle: Wiener klinische Wochenzeitschrift, 61. Jahrgang, Nr. 15, 1949, S. 1-4.


[1] Gedenkrede gehalten im Auftrag der Gesellschaft der Ärzte in Wien am 25. März 1949 für die in den Jahren 1938-1945 verstorbenen Mitglieder.

Hier der Text als pdf.

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