Jürgen Roloff, Predigt über Matthäus 2,1-12: „Wir haben mit unseren theologischen Gedanken die Zeugnisse Gottes von seinem Heilshandeln durchdrungen und durchforscht, wir haben ge­lernt, damit umzugehen – so meinen wir wenigstens. Wie leicht kommt es aber dazu, daß wir dieses Wissen dazu benutzen, um uns vor dem lebendigen Handeln Gottes abzuschirmen!“

Predigt über Matthäus 2,1-12

Von Jürgen Roloff

Jedes Jahr habe ich mich als Kind darüber gefreut, daß der Schluß der Weihnachtszeit durch eine besondere Attraktion verschönt wurde: Da kamen nämlich die Heiligen drei Könige zur Weihnachtskrippe hinzu. Prächtige Gewänder hatten sie an und Kronen auf ihren Häup­tern, so daß man sie als Könige auch recht erkennen konnte. Auf Ka­melen ritten sie, und mit sich führten sie ein Gefolge von Dienern, die kostbare Geschenke herbeischleppten. Besonders geheimnisvoll er­schien mir, daß der eine von ihnen schwarze Hautfarbe hatte. Natür­lich wußte ich auch die Namen der Könige: Kaspar, Melchior und Balthasar. Und über ihnen und dem Stall von Bethlehem schwebte der mächtig große Stern mit einem langen goldenen Schweif. Das war – so meinte ich – ein guter, angemessener Abschluß der Weihnachts­geschichte, die den armseligen Beginn der Geburt im Stall wettmach­te.

Heute weiß ich, daß es in dieser Erzählung des Matthäusevangeliums nicht um Könige geht, sondern um Magier – Sterndeuter und Astrolo­gen -, also um Leute aus einem für unsere Begriffe recht obskuren Milieu; ich weiß auch, daß von der Dreizahl nichts im Evangelium steht und daß die Namen ebenso spätere Erfindung sind wie die schwarze Hautfarbe des einen. Vor allem aber weiß ich, daß der heu­tige kirchliche Feiertag mit seinem theologisch richtigen Namen „Epi­phanias“ heißt, „Fest der Erscheinung des Herrn“. Das ist das Thema dieses Tages, daß Jesus Christus, der Herr der Welt, als Mensch in diese Welt hineintritt, daß in der Verborgenheit seines Menschseins die Herrlichkeit Gottes aufleuchtet. Nun ist diese unsere Welt nicht mehr sich selbst überlassen: Durch sein Kommen wird sie herausge­fordert. Dinge und Menschen geraten in Bewegung. Dieses Thema von Epiphanias ist mit dem Thema von Weihnachten eng verwandt, und man hat in der Alten Kirche, vor allem im Osten, auch die Geburt Jesu selbst am Epiphaniastag gefeiert. Nun ist bei uns zwar seit lan­gem Weihnachten ein eigener Festtag; trotzdem ist Epiphanias nicht gegenstandslos geworden. Geht es an Weihnachten um das Geheim­nis der Menschwerdung Gottes, seiner Herablassung in unsere Welt, so denken wir an Epiphanias vor allem an die Folge dieses Gesche­hens, daran, wie es sich auswirkt, wenn die verborgene Herrlichkeit des Gottessohnes auf die Menschen zukommt.

Man hat immer wieder versucht, die Taufe Jesu zur Mitte des Epipha­niasfestes zu machen, weil sie dieses Zukommen Jesu auf die Men­schenwelt am deutlichsten darstellt, insofern als sie vom Beginn sei­nes aktiven Wirkens handelt. So hat auch kein geringerer als Martin Luther dagegen gewettert, daß die Hauptsache von Epiphanias, die Offenbarung der Herrlichkeit Christi in der Taufe, durch das „Ge­schwätz von der Ankunft der drei Könige“ verdrängt werde. Aber auch er hat nichts daran ändern können, daß dieser 6. Januar im Be­wußtsein der Christen „der Dreikönigstag“ geblieben ist. Denn die Magier – oder „Könige“ – gehören zu den volkstümlichsten bibli­schen Gestalten. Weil sich ihr Bild schon in den Kindertagen einge­prägt hat, weil es im Brauchtum bis heute lebendig ist, darum be­stimmt es auch für uns in erster Linie das Gesicht dieses Feiertages. Dagegen können auch die besten theologischen Argumente nichts ausrichten!

Aber müssen wir das wirklich bedauern oder gar deswegen ein schlechtes Gewissen haben? Sicher nicht! Wir müßten das nur, wenn diese Geschichte eine das Geschehen des Erscheines Jesu Christi in der Menschenwelt märchenhaft verschönernde und damit entstel­lende Geschichte wäre. Aber eben das ist sie nicht. Sie gehört zu jenen großen biblischen Erzählungen, die zwar so klar und bildhaft sind, daß jedes Kind sie verstehen kann, die aber mit uns wachsen, oder besser: die immer wieder neue Räume auftun, in die wir mit unserem Verstehen hineinwachsen können, ohne damit jemals zu Ende zu kommen. Sie umschreibt das Wunder der Erscheinung Jesu in dieser Welt, und sie verweist mit großer Klarheit auf deren Folgen: Men­schen bekommen es mit diesem Wunder zu tun, und es bestimmt ihr Verhalten in ganz verschiedener Weise.

Da sind nämlich drei Gruppen von Menschen , die uns im ersten Teil dieser Geschichte begegnen, von denen sich jede anders verhält.

Die Magier aus dem Osten kommen nach Jerusalem. Sie sagen, die Erscheinung des Sterns habe sie veranlaßt, die weite Reise zu machen und den zu suchen, auf den der Stern verweist: den neugeborenen Kö­nig der Juden. Das klingt erstaunlich. Hat es also eine besondere himmlische Erscheinung gegeben, mit der Gott denen, die über das nötige Wissen zu ihrer Deutung verfügten, die Wege seines Handelns bewiesen haben sollte? Man hat denn auch immer wieder versucht, der Geschichte an diesem Punkt Recht zu geben. So haben Astrono­men ausgerechnet, daß im letzten Lebensjahr des Königs Herodes tat­sächlich eine besondere Sternkonstellation im Osten beobachtet wer­den konnte. Es mag sogar sein, daß die Erinnerung daran in diese Ge­schichte eingegangen ist. Aber der Evangelist Matthäus will uns nicht sagen, daß man durch die Astronomie oder gar Astrologie die Wege Gottes erkennen könne! Für ihn ist der Zug der Magier nach Jerusa­lem nicht das Ergebnis von geheimnisvollen Rechenkunststücken, sondern ein von Gott gewirktes Wunder. Denn der Stern ist in seinen Augen ebensowenig ein Himmelsphänomen, sondern das Symbol des Messiaskönigs, der Israel verheißen ist. Von dem Stern, der in Jakob aufgeht, spricht ja schon das uralte Orakel Bileams im vierten Mose- buch, und es meint damit den Messias. Und die Endzeitprophetie des dritten Jesajabuches kündigt an, daß in den letzten Tagen die Herr­lichkeit des Herrn leuchtend über Jerusalem aufgehen werde. Dann werden Völker sich diesem Licht zuwenden und Könige seinem strah­lenden Glanz entgegenströmen. Es war denn auch diese Weissagung, der die volkstümliche Überlieferung später entnehmen wollte, daß die Magier Könige gewesen sein müßten. Der Evangelist Matthäus voll­zieht diese Gleichsetzung jedoch noch nicht, aber er deutet an: Das, was Israels Hoffnung für das Ende der Zeiten war, das Hinzuströmen der Weltvölker nach Jerusalem, der Stadt des Heils, nimmt jetzt, mit Jesu Erscheinen, seinen Anfang. Es ist Gott selbst, der auf wunder­bare Weise Menschen in Bewegung setzt, so daß sie den finden kön­nen, den er in die Welt gesandt hat. Es ist Gott selbst, der damit seine Verheißung erfüllt.

In Jerusalem treffen die Magier tatsächlich einen König an, der den Anspruch erhebt, König der Juden zu sein. Es ist der König Herodes, dem die Geschichtsschreiber wegen seiner glänzenden Machtentfal­tung und wegen seines politischen Geschicks den Beinamen „der Große“ verliehen haben. Er und sein Hofstaat, die Mächtigen in Jeru­salem, sind die zweite Menschengruppe, die unsere Geschichte vor­stellt. Als sie von der Geburt des anderen Königs erfahren, ist ihre Re­aktion eindeutig: Angst, Abwehr und Intrige. Herodes gibt zwar vor, den neuen König anbeten zu wollen wie die Magier, und er sendet sie nach Bethlehem mit dem Auftrag, den Ort des Kindes auszukund­schaften, damit er ihnen folgen könne. Aber wir wissen aus dem Er­zählungsfortgang: In Wirklichkeit gab es für ihn nur eines, die Ver­nichtung des Konkurrenzkönigs.

War das nur ein Mißverständnis? Hätte Herodes sich möglicherweise anders verhalten, wenn er gewußt hätte, daß dieser neue König nicht nach politischer Macht streben, sondern für sich und die Seinen auf Macht und Recht verzichten würde? Hätte er ihn vielleicht doch ange­betet, wenn man ihm deutlich gemacht hätte, daß dieses Kind als ein­ziges Machtmittel die Macht der Liebe Gottes für sich beanspruchen würde? Nein, Herodes sah hier wohl klarer als manche von uns, die da meinen, die Macht des Kindes sei nur eine Macht, die es mit der In­nerlichkeit des Menschen zu tun habe, die aber die äußeren politi­schen Verhältnisse nicht berühre. Er wußte sehr genau, daß da, wo die Botschaft von der Herrschaft Gottes ausgerufen wird, Gott selbst sein Recht auf seine Schöpfung durchsetzen will; er wußte, daß da, wo das geschieht, Gott Menschen sucht, die seinem Willen Raum ge­ben. Damit aber wird die Macht des selbstherrlichen Menschen, der die ganze Welt seinem Willen unterstellen will, in ihre Schranken ge­wiesen. So zeichnet sich hier erstmals ein Konflikt ab, der die gesamte irdische Geschichte Jesu begleiten sollte. Der Titel „König der Juden“ erscheint im Matthäusevangelium nur noch ein zweites Mal, nämlich als Inschrift über dem Kreuz von Golgatha, die den Schuldspruch, der zur Hinrichtung Jesu führte, angab. Israel hat seinen ihm von Gott gesandten König abgelehnt, weil er dem Macht- und Herr­schaftsanspruch der Führer des Volkes in die Quere kam. So verweist das Verhalten des Königs Herodes schon voraus auf das Kreuz. Wir würden die Geschichte gefährlich verharmlosen, wenn wir meinten, Herodes stünde hier lediglich für das damalige Volk Israel. Er steht in Wirklichkeit für alle, die die Macht des selbstherrlichen Menschen durchsetzen wollen und denen dabei das Kind in der Krippe in die Quere kommt mit seiner Botschaft, daß Gott diese Welt nicht sich selbst überlassen und der Willkür von Menschen preisgegeben hat. Die dritte Menschengruppe erscheint mir am unheimlichsten und be­drohlichsten: die Priester und Schriftgelehrten. Sie ruft Herodes zu sich, um ihren fachkundigen Rat einzuholen: Ist es – so will er wissen – möglich, daß ein solches königliches Kind, wie es die Magier su­chen, geboren wurde, und wo wird man es zu suchen haben? Diese Theologen sind um eine Antwort nicht verlegen. Sie verweisen auf die Ankündigung des Propheten Micha, daß der Heilskönig aus Bethle­hem in Juda kommen solle, aus der Stadt Davids, weil er der Sohn und Erbe Davids sein werde.

Die Experten wissen also Bescheid. Sie kennen Gottes Wege aus der Schrift, und darin sind sie den Magiern aus dem Osten unendlich überlegen. Aber dieses Wissen bringt sie nicht in Bewegung. Keine Spur von Beunruhigung ist bei ihnen zu erkennen, keine Spur einer Absicht, sich den Magiern etwa anzuschließen und mit ihnen nach Bethlehem zu gehen, um dort einem Kind zu huldigen. Haben sie ins­geheim die Möglichkeit gefürchtet, dort in Bethlehem etwas zu ent­decken, was über ihre theologischen Leitsätze hinausgehen, diese in Frage stellen könnte? Jedenfalls verwenden die Experten ihr Wissen ausschließlich dazu, dem König Herodes zu Diensten zu sein. Sie ma­chen sich so letztlich zu Komplizen seiner Mordpläne.

Hier ist nicht nur ein Irrweg jüdischer Schriftgelehrten gezeichnet, sondern hier wird die Gefahr sichtbar, in der christliche Theologen und Pfarrer stehen, ja in der die ganze Kirche immer wieder steht: Wir haben mit unseren theologischen Gedanken die Zeugnisse Gottes von seinem Heilshandeln durchdrungen und durchforscht, wir haben ge­lernt, damit umzugehen – so meinen wir wenigstens. Wie leicht kommt es aber dazu, daß wir dieses Wissen dazu benutzen, um uns vor dem lebendigen Handeln Gottes abzuschirmen! Wir lassen uns nicht mehr beunruhigen durch Gottes Wege, weil wir meinen, die Re­geln, nach denen Gott handelt, zu kennen und über sie so zu verfügen, daß wir nur je nach Bedarf auf sie zurückgreifen können. Unser Wis­sen über Gott dient uns dann dazu, zu begründen, daß die Welt so bleiben kann, wie sie ist, und daß wir selbst so bleiben können, wie wir sind. Die Theologen wissen von der Geburt des Kindes in Bethlehem – aber sie bleiben, wo sie sind, sie bleiben, wie sie sind. Für sie verändert sich nichts.

Nur die Magier machen sich auf den Weg. Und im Grunde ist das, was ihnen den Weg weist, nicht dieses Wissen der Fachleute, sondern die Hand Gottes selbst, von dem sie so wenig wissen: Der Stern zieht voran. Von den drei Menschengruppen, die in Jerusalem aufeinan­dertreffen, sind die Magier die einzigen, die das Ziel erreichen. Dieses Ziel, von dem die zweite Szene der Geschichte handelt, wird durch drei Aussagen umschrieben: Sie sahen das Kind; sie beteten an; sie brachten Geschenke dar. Dieses Sehen ist kein Feststellen und Kon­statieren, daß die astronomischen Berechnungen richtig waren und daß die Wirklichkeit mit den Vorstellungen, die die Magier sich vor­her gemacht hatten, ohne Rest übereinstimmt. Hier werden Men­schen stumm vor dem Wunder der Erscheinung Gottes in der Welt. Sie trauen diesem Kind zu, daß es für sie Heil und Rettung bringt, und dies, obwohl solches Zutrauen eigentlich aller sinnvollen Erwartung widerspricht. Was sollte nach solcher Erwartung der König Israels für Heiden bedeuten können, die jenseits der Zugehörigkeit zum jüdi­schen Volk standen, denen keine Zusage der Erwählung gegeben war? Gegen alle solchen Fragen und Zweifel lassen sich die Magier auf das Handeln Gottes ein. Sie trauen darauf, daß die Erscheinung Gottes in der Welt diese Welt verändern kann. Die Geschenke (aus de­ren Dreizahl man übrigens auf die Dreizahl der Magier geschlossen hat) sind Zeichen der Liebe und Dankbarkeit, Antwort auf das ge­glaubte und erfahrene Heil. Die Magier können schenken, weil sie selbst Beschenkte sind. Und eben das ist Anbetung: ein Ineinander von Sich-beschenken-lassen und Schenken, ein Stillwerden vor dem, der seine Herrlichkeit aufleuchten läßt in unserer Welt von Gleichgül­tigkeit, Sorge und Tod. Das Kind anbeten, das heißt, unsere Dunkel­heit in sein Licht stellen und vor ihm alles abladen, was uns belastet, unseren Unglauben, unseren Zweifel, unsere Angst.

Diese Geschichte hat ein offenes Ende. Ich meine damit weniger, daß sie uns nichts sagt über das weitere Geschick der Magier, außer dem, daß diese auf einem anderen Wege, als auf dem sie gekommen waren, in ihre Heimat zurückkehren. Ich meine damit vor allem, daß diese Geschichte nicht Abschluß, sondern Anfang sein will. Sie ist eben nicht, wie ich als Kind gemeint hatte, der feierliche, versöhnliche Schlußakkord der Weihnachtsgeschichte, sondern sie ist der Anfang der Geschichte des menschgewordenen Jesus Christus, der Anfang der Geschichte von Menschen mit ihm.

Das Matthäusevangelium endet mit einer Szene, die in einem ent­scheidenden Punkt an diese Magiergeschichte erinnert: Die Jünger, jene also, die zu Jesus gehören, fallen vor dem Auferstandenen, der sich vor ihnen als der Herr der Welt geoffenbart hat, anbetend nieder. Das Evangelium will uns auf den Weg der Anbetung ziehen, uns zu Weggenossen der Magier hin zum Sohne Gottes machen. Uns alle, auch die von uns, die sich jetzt noch wie Herodes an ihre Macht klam­mern, auch die, die sich hinter die Mauern ihres angeblichen Exper­tenwissens über Gott zurückgezogen haben. Noch ist der Weg nach Bethlehem für uns offen. Noch lädt uns der Stern ein, der nichts ande­res ist als jener Lichtglanz, der von der Erscheinung des Menschge­wordenen selbst ausgeht. Kommt, laßt uns ihm folgen und anbeten!

Quelle: Wolfgang Bub/Christian Eyselein/Günter R. Schmidt, Lebenswort. Erlanger Universitätspredigten. Manfred Seitz zum 60. Geburtstag, Erlangen: Junge & Sohn, 1988, S. 76-82.

Hier die Predigt als pdf.

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