Albrecht Goes, Friede sei mit Euch! (zu Silvester): „Wir nehmen Abschied vom Jahr in diesem Gruß, als dem Gruß, der uns trifft und den wir er­greifen. Seht das starke Licht der Verheißung, die den Frie­densboten gehört! Wohl: hier ist eine Arbeit, die von des Menschen Wachheit, Weisheit und Unmittelbarkeit so viel fordert, daß ihr keiner genügen kann.“

Friede sei mit Euch! (Silvester)

Von Albrecht Goes

Das Jahr nimmt Abschied; wir suchen nach einem Wort, in dem wir Abschied nehmen können, so, daß die Ahnung der Geborgenheit uns deutlicher bleibt als die Drohung der Leere, aber die Worte sind unrein, und gerade auch die »letzten Worte« sind vieldeutig und umstritten; selbst das heilige Wort »Friede« ist ein Streitwort unter uns gewor­den. Wie kann es wieder heil werden? Nicht durch unsre Definitionen; in ihnen können wir doch immer nur sagen, was nicht Friede ist. Heil wird es unter uns dann, wenn wir es annehmen als den Gruß Jesu, wie er von ihm ausging am Abend des ersten Ostertags: »Friede sei mit euch!« So — dies berichtet Johannes — habe der Auf erstandene die furchtsam sich verbergenden Jünger gegrüßt, habe ihnen dabei seine Wundmale gezeigt, noch einmal den alten Gruß gesprochen und zugleich den Auftrag gegeben, in die Welt hinaus zu gehen. Mit dem Lebenshauch, dem Hauch des Hei­ligen Geistes, habe er sie angeblasen und damit bevollmäch­tigt, Schuld zu vergeben und Schuld zu behalten.

Friede: das heilige Wort. Das unteilbare Wort. Hier hängt alles mit allem zusammen; wie das Wohlbefinden unsres Leibes etwas Unteilbares ist, so gibt es hier nicht Provinzen des Friedens, die neben den Provinzen des Unfriedens unter uns wirklich blühen können: sagen wir »Friede«, so sind Hausleute und Völker, Stände und Konfessionen, die Nahen und die Fernen gleicherweise gemeint. Was ist ihnen, was ist uns gesagt mit diesem Gruß des Herrn?

Es ist gesagt — daran erinnern uns die Wundmale des Ge­kreuzigten —, daß dieser Gruß uns als die Schuldigen trifft. »Herr, bin ichs?« fragen die Jünger, wenn sie recht fragen, die Jünger gestern und heute, und »Ich bins« antworten sie, wenn sie aus der Wahrheit antworten. Es ist das Nein, das unsre Selbstsucht, das unser streitsüchtiges Herz, unser un­gehorsamer Sinn zu Christus als dem Frieden Gottes sprach und spricht. So sind wir immer aufs neue denn uns, unsrer Verstörung anheimgegeben, unsrem kleinen Streit, unsren großen Kriegen. — »Ich habe den Thunfisch gegessen«, heißt es in der bitteren Klage des japanischen Fischers von 1959: in die Speisen, die uns alter biblischer Text einst als Nah­rung zum Leben rühmte, kriecht der Tod: in die Fische, in die Milch; und der Regen, den Gott niedergehen läßt »über Gerechten und Ungerechten« — durch unsre Machenschaften wird er zum Giftregen. Und nicht genug, daß wir zum Kriege rüsten, wieder und wieder: gerade dort, wo wir uns in leidenschaftlicher Liebe um den Frieden mühen, laufen wir Gefahr, aneinander vorbeizureden: Babylon ist, so scheint es, nun auch schon mitten unter denen, die sich »Freunde des Friedens« heißen möchten.

Wir sind nicht der Entscheidung entnommen. Wenn eine Stimme aus der Schweiz — 1957 — sich so hören läßt: »Ich will lieber mit meinen Kindern in einer Atomexplosion untergehen als unter stalinistischem Druck leben«, dann will auch ich nicht schweigen und also sagen: wenn sich mir die Wahl so stellte, daß ich Verantwortung auf mich nehmen müßte für Kinder, die ohne Augen geboren werden, oder: Verantwortung für Kinder, die in Mühe und Sorge, in hal­ber Lüge und vielfältiger Angst ihren Lebensstand finden und verteidigen müssen, so würde ich — gewiß nicht leich­ten Herzens, aber doch ganz gewiß — das zweite wählen. Und würde freilich hinzufügen: dem, der dieser Entschei­dung — und allen Wegen, die durch eine solche Haltung nötig werden — nicht folgen kann, dem schulde ich, wenn mir Christus, der Herr vom Osterabend, vor Augen steht, wohl mein klares Nein zu seiner Entscheidung, schwerlich aber meine Feindschaft, nie den Haß. Gewiß: die unteilbare Wahrheit, die wir erkannt haben, weil sie uns erkannt hat, werden wir nicht mutwillig der Vermischung mit fremdem Gut preis­geben dürfen: aber zu dem düsteren Dienst, von uns aus trennende Gräben tiefer zu ziehen, rühre ich keine Hand.

Da der Herr uns aussendet, so hat sein Friede zu tun mit der Arbeit, den Boden des Vertrauens zu bebauen, quadrat­zentimeterweise. Was gehört zu dieser Arbeit? Der Mut, das Gesicht verlieren zu können; der Schritt der Beschei­dung, viele Schritte der Bescheidung. Es gewinne Raum unter uns die Einsicht in das Fragmentarische unsrer Ord­nungen, sprich: Gesellschaftsordnungen, Wirtschaftsord­nungen, Staatssysteme. Es folge die Abkehr von jedem Pha­risäis­mus; es wachse die Einsicht, daß es in vielen Bereichen Wege, überhaupt Wege, nur noch gibt, wenn wir das Fremde verstehen als das »andere, das uns ergänzt«.

»Pax«: so steht es über Briefen, die aus Polen zu uns kom­men, und »Friede« — »Schalom« — schließen Briefe aus Israel: was bedeutet der Friedensgruß, wenn er in diesen Briefen so auf uns zukommt? Er bedeutet nicht weniger als — die Vorleistung, die gibt, ohne genau zu wissen, ob der Empfänger die Gabe wert ist; er bedeutet die Provokation der Liebe. Wir denken bei dem Wort »Provokation« an un­freundliche Akte; es gibt aber eine Bereitschaft, darauf zu setzen, daß der fremde Andere zu seinem besseren, ja zu seinem besten Selbst befreit werden kann. Die nüchterne Geschichte der Völker, die so reich an Grausamkeiten, Bitterkeiten und Vereisungen ist, kennt auch dafür starke und tröstliche Beispiele; und kennte sie auch dergleichen nicht, so müßten doch wir, solange es heute heißt, damit begin­nen, die Mächtigen der Welt eines sehen zu lehren, dieses eine: das Antlitz der Menschen, die ihnen anvertraut sind, und das heißt: den Schlaf der Kinder und das Lächeln der Mütter, die Männer, die ruhigen oder eiligen Schrittes an ihre Arbeit gehen, die geduldigen Augen der Ärzte und die ungeduldigen Träume der Künstler, das immerwährende Keimen und Blühen der Felder, die Blumen und die große Musik, die schweigenden Berge und die dahinziehenden Ströme, Städte, die aus Trümmern erstehen; dies alles, was zum Menschen gehört; und sie würden begreifen, daß dies Wirklichkeit ist, die eine lebendige Wirklichkeit, und also nichts, was man aufs Spiel setzen darf, auf ein tödliches Spiel.

So lautet das Ja, das aus dem Friedensgruß kommt. Und wie lautet das Nein, das nun doch auch zum Wesen einer freien Entscheidung gehört? »Mene, mene, tekel, upharsin«: die Worte über der Waage, da »gewogen und zu leicht be­funden« wird, sie können auch so leise ausgesprochen wer­den wie in den sechs Zeilen, die Matthias Claudius »Auf den Tod der Kaiserin« — Maria Theresia ist gemeint — einst schrieb: »Sie machte Frieden! Das ist mein Gedicht. / War ihres Volkes Lust und ihres Volkes Segen / Und ging ge­trost und voller Zuversicht / Dem Tod als ihrem Freund ent­gegen. / Ein Welterobrer kann das nicht. / Sie machte Frie­den! Das ist mein Gedicht.« »Ein Welterobrer kann das nicht«: wie vieles auch ein Welteroberer zu können meint und wirklich kann: plötzlich steht er vor der niedergehen­den Schranke des Gerichts, in der nun »Schuld behalten« wird: hier wird von Wegen, von Lebens- und Sterbens­weisen gesprochen, die allein dem geduldigen, dem verzich­tenden, dem demütigen Sinn zugehören können, ihm und keinem anderen: »Ein Welterobrer kann das nicht.«

Dies alles bedenken wir: unsre Schuld, unsren Zweifel, unsre Arbeit, unsre Verantwortung in Ja und Nein. Wird uns dies, da wir die Summe ziehen, in die Resignation trei­ben, in die Schwermut des Verzichts, hinter die Riegel der Furcht? Furcht vor wem? Voreinander, vor uns selbst viel­leicht? Daß ein einzelner wider allen Augenschein viel ver­mag, das haben wir oft gehört und manchmal ausgespro­chen; am guten Tag glauben wir daran. Aber nicht allewege ist »guter Tag«.

Hier müßte unsre Besinnung enden. »Am Abend aber, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren, kam Jesus und trat mitten ein«: kein Riegel gilt, kein Ende. Denn in ihm ist lauter Anfang.

»Friede sei mit euch!« Wir nehmen Abschied vom Jahr in diesem Gruß, als dem Gruß, der uns trifft und den wir er­greifen. Seht das starke Licht der Verheißung, die den Frie­densboten gehört! Wohl: hier ist eine Arbeit, die von des Menschen Wachheit, Weisheit und Unmittelbarkeit so viel fordert, daß ihr keiner genügen kann. Doch ist es viel, daß sie uns Pflicht nimmt, daß sie uns in Pflicht nimmt. Urlaub wird nicht gegeben; selbst der mitternächtige Stundenschlag erlaubt keine Unterbrechung.

Quelle: Albrecht Goes, Worte zum Fest, Hamburg: Furche Verlag 1959, S. 43-47.

Hier der Text als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s