Eberhard Jüngel, Neu – Alt – Neu: Theologische Aphorismen (2002): „Das Selbstverständliche, Vertraute, Bewährte, Verlässliche, Lebenserfahrene, aber auch das Langweilige, Abgewirtschaftete, Veraltete, dunkel Gewordene und sich immer mehr noch Verfinsternde – das sind die teils weichen, teils harten Opponenten des Neuen. Es sind, wie gesagt, deren viele.“

Neu – Alt – Neu: Theologische Aphorismen

Von Eberhard Jüngel

Das Neue hat viele Opponenten. Oft haben sie so gute Namen wie vertraut und selbstverständ­lich, bewährt und verlässlich. Auch Lebenserfahrung und Tradition gehören dazu. In einigen Kulturen sind alte Menschen der Inbegriff natürlicher Autorität. Und im apokalyptischen Schrifttum ist es der Ausdruck höchsten Respektes, wenn Gott kurz und knapp «der Alte» genannt wird. Er war schon immer da. Und man kann jederzeit auf ihn zurückkommen.

Das Neue mutet demgegenüber anders und fremd an, und im Extremfall ist es ganz anders und überaus fremdartig. Doch mit der Zeit verliert selbst das Allerneueste seine Fremdheit und Andersartigkeit. Es bürgert sich sozusagen ein und wird peu à peu nun seinerseits immer vertrauter und schliesslich auch selbstverständlich. Das neugeborene Kind wächst heran, es wird erwachsen, alt und älter, gewinnt seinerseits an Lebenserfahrung. Und wenn’s gut geht, stirbt das einstmals Neugeborene am Ende wie Hiob alt und lebenssatt. Das so betrachtete Neue ist gegenüber seinen ursprünglichen Opponenten durchaus kompromissbereit. Und die Opponenten sind es auch. Aus neu wird alt.

Doch das Neue kann auch als die kompromisslos ersehnte Alternative zum Bisherigen auf den Plan treten oder auf den Plan gerufen werden. Wenn die Gegenwart langweilig, sterbenslang­weilig wird, dann mutet das Neue wie ein in einer langen qualvollen Nacht herbeigesehnter Sonnenaufgang an, der, selber «all Morgen frisch und neu», auch uns neue, frische Zukunft verheisst. Nach alttestamentlicher Überlieferung hebt die rettende Erneuerung menschlichen Lebens durch Gott in der Tat bei Sonnenaufgang an, also in jener seltsamen Zwischenzeit, in der die doch recht triviale Feststellung überaus tröstlich werden kann: «Die Nacht ist vorge­drungen, der Tag ist nicht mehr fern . . .»

Die blosse Fortsetzung des Bisherigen kann überaus quälend werden. Nicht nur die Beschwer­den des Alters, sondern auch die Angst vor der ermüdenden Wiederkehr stets des Gleichen veranlasste die Griechen zu der Meinung: Wen die Götter lieben, den lassen sie jung sterben. Der ennui ist keineswegs ein Signet nur der Neuzeit. Die mittelalterlichen Mönche wurden nicht selten von der zwischen lähmender Lustlosigkeit, massloser Traurigkeit und geistlichem Überdruss spielenden acedia heimgesucht, gegen die nur Erneuerung des geistlichen Lebens Hilfe versprach. Und die alten Apokalyptiker haben sogar die ganze Weltgeschichte als eine Wirklichkeit verstanden, die längst «ihre Jugend verloren hat» und deshalb wie alles Veraltete nun beschleunigt dem ganz anderen, dem neuen Äon entgegentreiben muss. Es gibt dann, wie schon Kohelet klagt, nichts Neues mehr unter der Sonne.

Das Selbstverständliche, Vertraute, Bewährte, Verlässliche, Lebenserfahrene, aber auch das Langweilige, Abgewirtschaftete, Veraltete, dunkel Gewordene und sich immer mehr noch Verfinsternde – das sind die teils weichen, teils harten Opponenten des Neuen. Es sind, wie gesagt, deren viele.

Das Alte hingegen, so scheint es, hat nur einen Opponenten. Es wehrt sich gegen das Neue und gegen dieses allein. Denn wenn das Neue kommt, muss das Alte weichen. Es sei denn, es würde gelingen, das neu auf uns Zukommende zu integrieren. Das ist nicht ausgeschlossen. Dafür, dass das gelingen kann, steht die Institution der römisch- katholischen Kirche gut, der man schon deshalb Respekt nicht versagen kann. Und es gibt natürlich die alten Geschichten, die, wenn sie geschehen, alsbald wieder neu sind – wie die von Heinrich Heine besungene tragische Liebesgeschichte:

Ein Jüngling liebt ein Mädchen, / die hat einen andern erwählt . . . / Es ist eine alte Geschich­te, / doch bleibt sie immer neu; / und wem sie just passieret, / dem bricht das Herz entzwei.

Doch wenn das Alte nicht neu bleibt, wenn es sich vielmehr dem Neuen verweigert, wenn es das Kommende nicht integrieren will oder wenn dieses sich nicht integrieren lässt, dann ruft man im Namen des Neuen «zum letzten Gefecht». Und das bedeutet Revolution. Sie bietet das Neue gegen das Alte auf. Ihre Vorboten treten gern im Gewande des Alten auf. Hegel hat es eindrücklich beschrieben: «Der Geist hat mit der bisherigen Welt . . . gebrochen» und «löst ein Teilchen nach dem anderen auf». Das Wanken der bestehenden Welt «wird nur durch einzelne Symptome angedeutet: Der Leichtsinn und die Langeweile, die im Bestehenden ein­reissen, die unbestimmte Ahnung eines Unbekannten sind Vorboten, dass etwas Anderes im Anzuge ist. Dieses allmähliche Zerbröckeln, das die Physiognomie des Ganzen nicht verän­derte, wird durch den Aufgang unterbrochen, der, ein Blitz, in einem Mal das Gebilde einer neuen Welt hinstellt.»

Nicht nur Hegel hat das so eintretende Neue ausdrücklich begrüsst. Doch was sich derart blitzartig als Novum einstellt, muss keineswegs immer erfreulich sein. Es gibt Ereignisse des Neuen, die sind wirklich «nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch gerade ertra­gen». So treten nach Rilke Engel, den Zusammenhang der Welt elementar unterbrechend, in die Wirklichkeit ein – jeder von ihnen ein Angelus Novus.

Auch die Bibel kennt den Engel des Herrn als eine Macht, die zunächst einmal Schreckerfah­rungen auslöst. Er muss sich selber mit einem «Fürchtet euch nicht!» eigens erträglich ma­chen. Sogar der die Ankunft des neuen Menschen verkündigende Weihnachtsengel tritt so, das Alte elementar unterbrechend, unter die Hirten: «Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkün­dige euch grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.»

Mit der Weihnachtsgeschichte hebt allerdings eine ganz neue Dialektik von alt und neu an. Auch hier ein neugeborener Mensch, ein Kind in der Krippe! Doch dass ein Mensch zur Welt kommt, dass da ein Neugeborener auf den Plan tritt, das ereignet sich täglich. Solche Novität altert schnell. Das wahrhaft Neue, das sich in ihr verbirgt, sieht man ihr keineswegs an. Denn wahrhaft neu ist dies, dass Gott mit dem gottlosen Menschen zusammenleben und eben da­durch das Leben des alten Adam von Grund auf erneuern will. Doch das kann man nicht se­hen, noch nicht. Die grosse Freude, die allem Volk widerfahren soll und die darin besteht, dass heute der Heiland geboren ist, die war in der weltlichen Neuigkeit der Geburt eines Kin­des so tief verborgen, dass sie eigens angesagt werden musste.

Dass das wahrhaft Neue verborgen zur Welt kommt, dass es auf das Wort angewiesen ist und nur auf das Wort angewiesen sein will, um sich wirkungsvoll bemerkbar zu machen, dass es keine Anleihen bei irgendeiner weltlichen Gewalt macht, um sich durchzusetzen – das unter­scheidet es von den Neuigkeiten dieser Welt, die die Sprache in der Regel zur Propaganda instrumentalisieren. Und auf Propagandaworte folgen nur zu oft rücksichtslos Taten. Das wahrhaft Neue hingegen war – Goethe hin, Goethe her – schon im Uranfang das schöpferische Wort. Und solange das Neue nur in der schöpferischen Macht des Wortes präsent ist, bleibt es neu, veraltet es nicht. Genau darin aber, dass es nicht mehr veraltet, ist es das wahrhaft Neue. Es erregt Staunen und führt von einem Staunen zum andern.

Der Weihnachtsengel erregt solches Staunen. Dass der allmächtige Schöpfer seine erneuernde Kraft in den engen Grenzen eines gewaltsam beendeten Menschenlebens zur Geltung bringen will – das ist wahrhaft neu und wahrhaft staunenswert. Und dass dies allem Volk zugute kom­men soll, dass also uralte scheinbar unaufhebbare Gegensätze wie der Gegensatz von Herr und Knecht, aber auch der ganz andere Gegensatz von Juden und Heiden aufgehoben werden und Feindschaft zwar nicht unbedingt in Freundschaft, wohl aber in anständige Gegnerschaft verwandelt wird – das ist wahrhaft neu und wahrhaft staunenswert. Und Staunen heisst in diesem Fall: hellwach werden. «Die Wachenden haben eine gemeinsame Welt», hatte Heraklit behauptet. Die, die dem zur Welt gekommenen Gott vertrauen, die Glaubenden also, sind derart Wachende. Sie haben eine gemeinsame Welt, in der man an den Ängsten und Nöten der Nächsten und der Fernsten partizipiert, in der man aber erst recht sich mit den Freuenden zu freuen vermag.

Doch wenn das wahrhaft Neue kommt, dann gilt es, gerade in der nun gemeinsamen Welt zu unterscheiden zwischen dem, was in ihr Zukunft hat, und dem, was nun wirklich hoffnungslos veraltet ist und es deshalb verdient, zu vergehen. Vom wahrhaft Neuen her kann man auch in der alten Welt Erneuerungsfähiges entdecken. Die an Gottes Advent Glaubenden wissen sich deshalb herausgefordert, in diesem Sinne penetrant zu unterscheiden. Ihr Glaube ist ein emi­nent kritischer Glaube. Denn sie kennen Gott als den, der definitiv unterscheidet zwischen dem, was eigentlich unmöglich ist und deshalb auch nicht sein soll, und dem, was sein Wort möglich macht. Solche Möglichkeiten sind mehr als die sich repetierende Wirklichkeit, die den Angefochtenen vollends zur Verzweiflung zu bringen vermag. Und der Verzweiflung gegenüber hat nur der Platzhalter des Neuen eine Chance: die Zukunft eröffnende Möglich­keit. Kierkegaard hat es pointiert formuliert: «Wenn einer ohnmächtig wird, so ruft man nach Wasser, Eau de Cologne, Hoffmannstropfen; aber wenn einer verzweifeln will, so heisst es: schaff Möglichkeit, schaff Möglichkeit . . .!»

Das wahrhaft Neue und Staunenswerte sind die nicht aus dem Alten extrapolierbaren, sondern uns von weither zugespielten Möglichkeiten. Um sie wahrnehmen und ergreifen zu können, muss man allerdings jene der Urteilskraft der Wachenden entspringende hohe Kunst des Unter­scheidens praktizieren. Sie ist eine unserem Leben zugute kommende Kunst. Es kommt unserem Leben zugute, wenn wir in ihm zu unterscheiden vermögen zwischen dem, was wahrhaft neu ist und eben deshalb erneuernd wirkt, und dem, was mehr oder weniger alt ist, um dann innerhalb des Alten mit dem Lackmus des Neuen noch einmal zu unterscheiden zwischen dem hoffnungslos Veralteten und dem, was auch im höchsten Alter noch Zukunft hat. Wer – so – unterscheidet, hat mehr vom Leben.

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 21. Dezember 2002.

Hier der Text als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s