Martin Luther Vorrede auf die Offenbarung S. Johannis (1530): „Dies Buch – meine ich – zeige ja genug gräuliche, ungeheure Tiere, scheußliche, feindselige Engel, wüste und schreckliche Plagen. Ich will der andern großen Gebrechen und Mängel schweigen, welche doch allzumal sind in der Christenheit und unter den Christen gewesen, so dass freilich alle Vernunft unter solchem Wesen die Christenheit hat müssen verlieren.“

Vorrede auf die Offenbarung S. Johannis (1530)

Von Martin Luther

Mancherlei Weissagung findet man in der Christenheit. Etliche weissaget also, daß sie der Propheten Schrift auslegt, davon Paulus 1. Kor. 12 und 14 und an mehr Orten sagt. Diese ist die nötigste, und man muß sie täglich haben, als die das Wort Gottes lehret, den Grund der Christenheit legt und den Glauben verteidigt, und in Summa, die das Predigtamt regieret, erhält, bestellt und ausrichtet. Etliche weissagt von künftigen Dingen, die nicht zuvor in der Schrift stehen. Und diese ist dreierlei.

Die erste tut’s mit ausgedrückten Worten, ohne Bilder und Figuren, wie Mose, David und dergleichen Propheten mehr von Christo weissagen, und wie Christus und die Apostel von dem Antichrist und falschen Lehrern etc.

Die zweite tut’s mit Bildern, aber setzt doch daneben auch die Auslegung mit ausgedrückten Worten, wie Joseph die Träume auslegt und Daniel Träume und Bilder auslegt.

Die dritte, die es ohne Worte oder Auslegung mit bloßen Bildern und Figuren tut, wie dies Buch der Offenbarung und vieler heiliger Leute Träume, Gesichte und Bilder, welche sie vom heiligen Geist haben; wie Apg. 2(17) Petrus aus Joel predigt: »Eure Söhne und Töchter sollen weissa­gen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Ältesten sollen Träume träumen.«

Und solange solche Weissagung ungedeutet bleibt und keine gewisse Auslegung kriegt, ist’s eine verborgene, stumme Weissagung und noch nicht zu ihrem Nutz und Frucht gekommen, den sie der Christenheit geben soll, wie denn auch diesem Buch bisher gegangen. Es haben wohl viele sich dran versucht, aber bis auf den heutigen Tag nichts Gewisses aufgebracht; etliche viel ungeschickts Din­ges aus ihrem Kopf hineingebräuet. Um solcher ungewissen Auslegung und verborgenen Verstandes willen ha­ben wir’s bisher auch lassen liegen, sonderlich weil es auch bei etlichen alten Vätern geachtet, daß es nicht S. Johannis des Apostels sei, wie im 3. Buch der Historia Ecdesiastica Kap. 25 stehet, in welchem Zweifel wir’s für uns auch noch lassen bleiben. Damit doch niemand gewehret sein soll, daß er’s halte für S. Johannis des Apostels oder wie er will.

Weil wir aber dennoch gerne die Deutung oder Auslegung gewiß hätten, wollen wir den andern und hohem Geistern Ursachen nachzudenken geben und unsere Gedan­ken auch an Tag geben, nämlich also: Weil es soll eine Offenbarung sein künftiger Geschichten, und sonderlich künftiger Trübsale und Unfälle der Christenheit, achten wir, das sollt der nächste und gewisseste Griff sein, die Auslegung zu finden, wenn man die vergangenen Geschichten und Unfälle, in der Christenheit bisher ergan­gen, aus den Historien nähme und dieselbigen gegen diese Bilder hielte und also auf die Worte vergliche. Wenn sich’s alsdann würde fein mit einander reimen und eintref­fen, so könnte man drauf fußen, als auf eine gewisse oder zum wenigsten als auf eine unverwerfliche Auslegung.

Demnach halten wir, wie der Text zwar selbst gibt, daß die ersten drei Kapitel, die von den sieben Gemeinden und ihren Engeln in Asia reden, nichts anderes wollen, als einfältiglich anzeigen, wie dieselbigen dazumal gestanden oder sich bessern sollen. Über das lernen wir draus, unter dem Wort Engel hernach in andern Bildern oder Gesichten verstehen Bischöfe und Lehrer in der Christenheit, etliche gut, wie die heiligen Väter und Bischöfe, etliche böse, wie die Ketzer und falschen Bischöfe, welcher jedoch mehr in diesem Buche stehen als jener.

Im vierten und fünften Kapitel wird vorgebildet die ganze Christenheit, die solche zukünftigen Trübsale und Plagen leiden soll. Da sind 24 Älteste vor Gott (das sind alle Bischöfe und Lehrer einträchtig), mit dem Glauben gekrönet, die Christum, das Lamm Gottes, mit den Harfen loben, das ist, predigen, und mit Rauchfässern dienen, das ist, im Beten sich üben. Das alles zu Trost der Christen, daß sie wissen sollen, die Christenheit solle dennoch bleiben in künftigen Plagen.

Im sechsten gehen an die künftigen Trübsale. Und erstlich die leiblichen Trübsale, als da sind Verfolgung von der weltlichen Oberkeit, welche ist der gekrönete Reiter mit dem Bogen auf dem weißen Roß; item, Krieg und Blut, welche ist der Reiter mit dem Schwert auf dem roten Roß; item, teure Zeit und Hunger, welche ist der Reiter mit der Waage auf dem schwarzen Roß; item, Pestilenz und Drü­se, welche der Reiter im Todesbilde auf dem fahlen Roß ist. Denn diese vier Plagen folgen gewiß allezeit über die Undankbaren und Verächter des Worts Gottes, neben andern mehr, Zerstörung und Änderung der Oberkeiten, bis an den jüngsten Tag, wie am Ende des sechsten Kapitels gezeiget wird, und die Seelen der Märtyrer solches auch treiben mit ihrem Geschrei.

Im siebenten und achten Kapitel gehet an die Offenbarung von geistlichen Trübsalen; das sind mancherlei Ketzerei. Und wird abermals vorher ein Trostbild gestehet, wo der Engel die Chri­sten zeichnet und den vier bösen Engeln wehret, auf daß man abermals gewiß sei, die Chri­stenheit werde auch unter den Ketzern fromme Engel und das reine Wort haben, wie auch der Engel mit dem Rauchfaß, das ist, mit dem Gebet zeiget. Solche guten Engel sind die heiligen Väter, als Spyridon, Athanasius, Hilarius, und das Concilium Nicaenum und dergleichen.

Der erste böse Engel ist Tatianus mit seinen Enkratiten, welche die Ehe verboten, item, aus Werken fromm sein wollten wie die Juden. Denn die Lehre von Werkhei­ligkeit mußte die erste sein wider das Evangelium, bleibt auch wohl die letzte; nur daß sie immer neue Lehrer und andere Namen kriegt, wie Pelagianer etc.

Der zweite ist Marcion mit seinen Kataphrygern, Mani­chäern, Montanisten etc., die ihre Geisterei rühmen über alle Schrift und fahren wie dieser brennende Berg zwischen Himmel und Erden, wie bei uns der Müntzer und die Schwärmer.

Der dritte ist Orígenes, der durch die Philosophie und Vernunft die Schrift verbittert und verderbet hat, wie bei uns die hohen Schulen bisher getan.

Der vierte ist Novatus mit seinen Katharern, welche die Buße versagten, und vor andern die reinsten sein woll­ten. Der Art waren die Donatisten hernach auch. Unsere Geistlichen aber sind schier alle viererlei. Die Gelehrten, welche die Historien wissen, werden dies wohl auszurechnen wissen; denn es wäre zu lang, alles zu erzäh­len und zu beweisen.

Im neunten und zehnten hebt sich der rechte Jammer an. Denn bisher die leiblichen und geistlichen Trübsale fast ein Scherz gewesen sind gegen diese künftigen Plagen. Wie auch der Engel am Ende des achten Kapitels selbst anzeiget: Es sollen drei Wehe kommen, welche Wehe sollen die andern drei, das ist, der fünfte, sechste, siebente Engel, ausrichten und damit der Welt ein Ende. Hier kommen beide, geistliche und leibliche Verfolgung, zusammen; derselbigen sollen drei sein. Die erste groß, die zweite noch größer, die dritte am allergrößesten.

So ist nun das erste Weh, der fünfte Engel, Arius, der große Ketzer, und seine Gesellen, der die Christenheit so greulich geplagt hat in aller Welt, daß wohl der Text hier sagt: Die frommen Leute wären lieber gestorben, als solches zu sehen; und haben doch solches müssen sehen, ohne zu sterben. Ja, er spricht, der Engel aus der Höllen, genannt Verderber, sei ihr König; als wollten sie sagen, der Teufel reite sie selbst. Denn sie nicht allein geistlich, sondern auch leiblich mit dem Schwert die rechten Christen verfolget haben. Lies die Geschichte von den Arianern, so wirst du diese Figur und Wort wohl verstehen.

Das andere Weh ist der sechste Engel, der schändliche Mahomed mit seinen Gesellen, den Sarazenen, welche mit Lehren und mit dem Schwert der Christenheit große Plage angelegt haben. Neben und mit demselbigen Engel, damit solch Weh desto größer sei, kommt dazu der starke Engel mit dem Regenbogen und bittern Buche, das ist, das heilige Papsttum mit seinem großen geistlichen Schein. Die messen und fassen den Tempel mit ihren Gesetzen, stoßen den Chor hinaus, und richten eine Larvenkirche oder äußerliche Heiligkeit an.

Im elften und zwölften werden zwischen solchen bösen Wehen und Plagen zwei Trostbilder gestellet; eins von den zwei Predigern, und eins von der schwangern Frau, die ein Knäblein ohne des Drachen Dank gebiert. Damit ange­zeigt wird, daß dennoch etliche fromme Lehrer und Chri­sten bleiben sollen unter den zwei vorigen Wehen und dem dritten künftigen Wehe. Und laufen nun die letzten zwei Wehe miteinander und greifen zugleich die Christenheit zur Letze an, und der Teufel damit endlich dem Faß den Boden ausstößet.

So kommt nun im dreizehnten Kapitel (auf die Posaunen des letzten unter den sieben Engeln, der im Anfang des zwölften Kapitels blaset) desselbigen siebenten Engels Ge­schäft, das dritte Wehe, nämlich das päpstliche Kaisertum und kaiserliche Papsttum. Hier kriegt das Papsttum auch das weltliche Schwert in seine Gewalt und regiert nun nicht allein mit dem Buch im zweiten Wehe, sondern auch mit dem Schwert im dritten Wehe. Wie sie denn rühmen, daß der Papst beide, geistliches und weltliches Schwert, in seiner Macht habe. Hier sind nun die zwei Tiere: eins ist das Kaisertum, das andere mit den zwei Hörnern das Papst­tum, welches nun auch ein weltlich Reich worden ist, doch mit dem Schein des Namens Christi. Denn der Papst hat das gefallene römische Reich wieder aufgerichtet, und von den Griechen zu den Deutschen gebracht; und ist doch mehr ein Bild vom römischen Reich als des Reichs Körper selbst, wie es gewesen ist. Dennoch gibt er solchem Bilde Geist und Leben, daß es dennoch seine Stände, Rechte, Glieder und Ämter hat und gehet etlichermaßen im Schwang. Das ist das Bild, das wund gewesen und wieder heil geworden ist.

Was aber für Greuel, Wehe und Schaden solch kaiserlich Papsttum getan habe, ist jetzt nicht zu erzählen. Denn erstlich ist die Welt durch sein Buch voll worden aller Abgötterei mit Klöstern, Stiften, Heiligen, Wallfahrten, Fegfeuer, Ablaß, Unehe und unzählig mehr Stücken der Menschenlehre und Werke etc. Zum andern, wer kann erzählen, wie viel Blut, Mord, Krieg und Jammer die Päpste haben angerichtet mit Selbst-Kriegen und mit Reizen der Kaiser, Könige, Fürsten untereinander? Hier gehet nun und läuft des Teufels letzter Zorn miteinander im Schwang: dort gegen Morgen das andere Wehe, Maho­med und die Sarazenen, hier gegen Abend Papsttum und Kaisertum mit dem dritten Wehe. Zu welchen, als zur Zugabe, der Tür­ke, Gog und Magog, auch kommt, wie im zwanzigsten Kapitel folgen wird, und also die Chri­stenheit in aller Welt und zu allen Seiten mit falschen Lehren und Kriegen, mit Buch und Schwert, aufs allergreulichste und jämmerlichste geplagt wird. Das ist die Grundsuppe und die endliche Plage. Darauf folgen nun fast eitel Trostbil­der vom Ende solcher aller Wehe und Greuel.

Im vierzehnten Kapitel fängt an Christus zuerst mit dem Geist seines Mundes zu töten (wie S. Paulus sagt) seinen Antichrist, und kommt der Engel mit dem Evangelio wider das bittere Buch des starken Engels. Und stehen nun wiederum Heilige, auch Jungfrauen um das Lamm her, und predigen recht. Auf welches Evangelium folget des zweiten Engels Stimme, daß die Stadt Babylon fallen soll und das geistliche Papsttum untergehen. Weiter folget, daß die Ernte gehalten wird und die, welche am Papsttum wider das Evangelium beharren, aus der Stadt Christi in die Kelter göttlichen Zorns geworfen werden. Das ist, durchs Evangelium werden sie, als von der Christenheit abgeson­dert, verurteilt zum Zorn Gottes. Welcher ist viel, und die Kelter gibt viel Bluts. Aber vielleicht mag doch wohl etwa eine redliche Strafe und Urteil vorhanden sein über unsere Sünden, die über die Maßen und überreif sind.

Darnach im fünfzehnten und sechzehnten Kapitel kommen die sieben Engel mit den sieben Schalen; da nimmt das Evangelium zu und stürmet das Papsttum an allen Enden durch viele gelehrte fromme Prediger und wird des Tieres Stuhl, des Papstes Gewalt, finster, unselig und verachtet. Aber sie werden alle zornig und wehren sich getrost. Denn es gehen drei Frösche, drei unsaubere Geister aus des Tieres Maul, reizen damit die Könige und Fürsten wider das Evangelium. Aber es hilft nicht; ihr Streit geschieht doch zu Harmagedon. Die Frösche sind die Sophisten, wie Faber, Eck, Emser etc., die viel quaken wider das Evangelium, und schaffen doch nichts und bleiben Frösche.

Im siebzehnten Kapitel wird das kaiserliche Papsttum und das päpstliche Kaisertum ganz von Anfang bis ans Ende in ein Bild gefasset, und gleich in einer Summa vorgestellt, wie es nichts sei (denn das alte römische Reich ist längst dahin), und sei doch (denn es sind ja etliche Länder und dazu die Stadt Rom auch noch da). Solch Bild wird hier vorgestellet, gleichwie man einen Übeltäter öffentlich vor Gericht stellet, daß er verurteilt werden soll; auf daß man wisse, wie dies Tier soll nun bald auch verdammt und, wie S. Paulus saget, durch die Erscheinung der Zukunft unsers Herrn zerstöret werden. Welches fangen an, wie er im Text sagt, auch des Papsttums Schutzherren, die es jetzt so schützen, daß die Geistlichen gar schier nacket sitzen werden.

Im achtzehnten gehet nun an solche Zerstörung und geht die herrliche große Pracht zu Boden, und hören auf die Stifträuber und Pfründendiebe, die Kurtisanen. Denn auch Rom hat darum müssen geplündert und durch ihren eigenen Schutzherrn gestürmet werden, zum Anfang der endlichen Zerstörung.

Dennoch lassen sie nicht ab, suchen, trösten, rüsten und wehren sich; und, wie er hier sagt im neunzehnten Kapitel, nun sie mit der Schrift und Büchern nicht mehr können, und die Frösche ausgequakt haben, greifen sie mit Ernst dazu und wollen’s mit Gewalt ausführen, sammeln Könige und Fürsten zum Streit. Aber sie laufen an. Denn der auf dem weißen Rosse, der Gottes Wort heißet, der gewinnet, bis beide, Tier und Prophet, ergriffen und in die Hölle geworfen werden.

Indes nun solches alles gehet, kommt im zwanzigsten Kapitel auch herzu der Letzetrank, Gog und Magog, der Türke, die roten Juden, welche der Satan, der vor tausend Jahren gefangen gewesen ist und nach tausend Jahren wieder los worden, bringet. Aber sie sollen mit ihm auch bald in den feurigen Pfuhl. Denn wir achten, daß dies Bild, als ein sonderliches von den vorigen, um der Türken willen gestellet sei, und die tausend Jahr anzufan­gen sind um die Zeit, da dies Buch geschrieben ist, und zur selbigen Zeit auch der Teufel gebunden sei. Doch muß die Rechnung nicht so genau alle Minuten treffen. Auf die Türken folget nun flugs das jüngste Gericht, am Ende dieses Kapitels, wie Dan. 7 (7. 8) auch zeiget.

Zuletzt im einundzwanzigsten wird der endliche Trost gebildet, daß die heilige Stadt soll vollends bereitet und als eine Braut zur ewigen Hochzeit geführet werden, daß Christus alleine Herr sei und alle Gottlosen verdammt samt dem Teufel in die Hölle fahren.

Nach dieser Auslegung können wir dies Buch uns zunut­ze machen und wohl gebrauchen. Erstlich, zur Tröstung, daß wir wissen, daß keine Gewalt noch Lüge, keine Weisheit noch Heiligkeit, kein Trübsal noch Leid werden die Christenheit unterdrücken, sondern sie soll endlich den Sieg behalten und obliegen. Zum andern, zur Warnung wider das große, gefährliche, mannigfaltige Ärgernis, das sich begibt an der Christenheit. Denn weil so mächtige Gewalt und Schein sollte wider die Christenheit fechten und sie ganz ohne alle Gestalt unter so viel Trübsalen, Ketzereien und andern Gebrechen verborgen sein, ist’s der Vernunft und Natur unmöglich, die Christenheit zu erken­nen; sondern sie fällt dahin und ärgert sich an ihr, heißt das christliche Kirche, welches doch der christlichen Kirche ärgeste Feinde sind, und wiederum heißet das verdammte Ketzer, die doch die rechte christliche Kirche sind, wie bisher unter dem Papsttum, Mahomed, ja bei allen Ketzern geschehen ist. Und verlieren also diesen Artikel: Ich glaube eine heilige christliche Kirche. Gleichwie auch jetzt etliche Klüglinge tun, weil sie Ketzerei, Zwietracht und mancher­lei Mangel sehen, daß viel falsche, viel lose Christen sind, urteilen sie flugs und frei, es seien keine Christen da. Denn sie haben gehöret, daß Christen sollen ein heilig, friedsam, einträchtig, freundlich, tugendreich Volk sein; demnach meinen sie, es dürfe kein Ärgernis, keine Ketzerei, kein Mangel, sondern eitel Friede und Tugend da sein.

Diese sollten dies Buch lesen und lernen, die Christenheit mit andern Augen als mit der Vernunft ansehen. Denn dies Buch (meine ich) zeige ja genug greuliche, ungeheure Tiere, scheußliche, feindselige Engel, wüste und schreck­liche Plagen. Ich will der andern großen Gebrechen und Mängel schweigen, welche doch allzumal sind in der Christenheit und unter den Christen gewesen, so daß freilich alle Vernunft unter solchem Wesen die Christenheit hat müssen verlieren. Wir sehen ja hier klar, wie viel grausames Ärgernis und Mangel vor unsern Zeiten gewe­sen sind, da man doch meinet, die Christenheit habe am besten gestanden, so daß unsere Zeit ein goldenes Jahr gegen jene wohl zu rechnen wäre. Meinst du nicht, die Heiden haben sich auch daran geärgert und die Christen für mutwillige, lose, zänkische Leute gehalten?

Es ist dies Stück (»Ich glaube eine heilige christliche Kirche«) ebensowohl ein Artikel des Glaubens als die an­dern. Darum kann sie keine Vernunft, wenngleich sie alle Brillen aufsetzt, erkennen. Der Teufel kann sie wohl zudecken mit Ärgernissen und Rotten, daß du dich müssest dran ärgern. Ebenso kann sie Gott auch mit Gebrechen und allerlei Mangel verbergen, daß du mußt darüber zum Narren werden und ein falsch Urteil über sie fassen. Sie will nicht ersehen, sondern erglaubt sein. Glaube aber ist von dem, das man nicht siehet, Hebr. 11 (1). Und sie singet mit ihrem Herrn auch das Lied: »Selig ist, der sich nicht ärgert an mir.« Es ist ein Christ auch wohl sich selbst verborgen, daß er seine Heiligkeit und Tugend nicht siehet, sondern eitel Untugend und Unheiligkeit siehet er an sich. Und du grober Klügling wolltest die Christenheit mit deiner blinden Vernunft und unsaubern Augen sehen?

Summa, unsere Heiligkeit ist im Himmel, wo Chri­stus ist, und nicht in der Welt, vor den Augen, wie ein Kram auf dem Markt. Darum laß Ärgernis, Rotten, Ketze­rei und Gebrechen sein und schaffen, was sie vermögen. Wenn allein das Wort des Evangelii bei uns rein bleibt und wir’s lieb und wert haben, so sollen wir nicht zweifeln, Christus sei bei und mit uns, wenn’s gleich aufs ärgste gehet; wie wir hier sehen in diesem Buch, daß Christus durch und über alle Plagen, Tiere, böse Engel dennoch bei und mit seinen Heiligen ist und endlich obliegt.

WA.DB 7, 406-420.

Quelle: Luthers Vorreden zur Bibel, herausgegeben von Heinrich Bornkamm, Göttingen: Vandenhoeck u. Ruprecht, 31989, S. 220-230.

Hier der Text als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s