Albrecht Goes, Das Geschenk: „Einen Apfel hast du mir geschenkt. Das ist kein geringes Geschenk: eilig, nur so obenhin danke schön zu sagen, scheint mir nicht erlaubt zu sein. Ein Apfel: man muß einen Augenblick nachdenken. Es ist etwas Endgültiges um ihn, der Glanz der Vollkom­menheit.“

Das Geschenk

Von Albrecht Goes

Du hast mir etwas geschenkt, und ich darf dir danken. Einen Apfel hast du mir geschenkt. Das ist kein geringes Geschenk: eilig, nur so obenhin danke schön zu sagen, scheint mir nicht erlaubt zu sein.

Ein Apfel: man muß einen Augenblick nachdenken. Es ist etwas Endgültiges um ihn, der Glanz der Vollkom­menheit. Auch andere Früchte sind rühmenswert: die Kirsche, die Pflau­me, die Himbeere, die Zitrone. Aber sie alle sind viel eher ein Teil. Er, der Apfel, ist ein Ganzes. Mag die Birne süßer sein mit ihrem goldenen Saft, mag eine Quitte im Laub das ganze Morgenland herbeirufen oder doch die südländischen Feste, mag auch die Nuß warten wie ein Geheimnis – der Apfel ist mehr als sie. Er ist herb und mild zugleich, süß und heilkräftig, er ist beides: saftig und fest. Wie beim Honig meint man zu spüren, daß seine Kraft unmittelbar ins Blut übergehe, seine Sommerfülle, seine Herbstgesundheit.

Orangen – oh, ich erinnere mich: es sind Kinderbälle, gleich und gleich, man träumt sie in der Fülle, in der Mehrzahl gewiß. Aber der Apfel ist einer. Eine Persön­lichkeit, ein männliches Wesen, ein Er. (Hat man’s be­dacht: es heißt die Stachelbeere, die Mirabelle, die Apri­kose – aber der Apfel.) Man tut recht daran, ihn so in der Einzahl zu schenken, daß es der aufmerksame Sinn nacheinander gewahr werde: die Gestalt zuerst, die fest­liche Kugelform, die kleinen Verjüngungen zur Spitze hin, den Bauernstolz, der in die Breite geht. Die Schale dann, ihre Glätte oder ihre Lederart, ihr Gold, ihr Gelb, ihr Rot, ihr Gestreif und Gesprenkel. Brich fünf Äpfel vom Zweig, da ist keiner dem andern gleich. Und dann beiß hinein! Schälen und entkernen – eine artige Tafel Zeremonie mag es sein, aber das richtige ist es nicht. Man muß mit fröhlichen Kräften zupacken dürfen; und siehe, man kostet vieles zugleich. Leben vom Lebensbaum, Frucht aus immerwährender Fruchtbarkeit, den Duft der Som­merwiesen, das Aroma der edlen Art und selbst noch die Geduld des Gärtners.

Wohl, es gibt Verwandtschaften, eine Art Vetternschaft gibt es zwischen dem Apfel und dem Pfirsich, der Ananas, der Zitrone vielleicht. Aber er hält auf sich und läßt sich nicht verwechseln.

Ein männliches Wesen nannten wir ihn; aber wie – deutet er nicht in Bild und Gleichnis zur Mutterbrust hin und zur nährenden Liebe?

Daß er mächtig sei, Streit zu erwirken, durch Eris und Paris, ja selbst in Evas Hand – daran denken wir ein andermal. Diesen hier hast du mir geschenkt. Segenskräfte sind mit deiner Hand. Was von ihr kommt, ist lauter Wohltat.

Quelle: Albrecht Goes, Von Mensch zu Mensch. Bemühungen, Frankfurt a.M.: S. Fischer, 31953, S. 171f.

Hier der Text als pdf.

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