Karl Barth über die zwanziger Jahre in Zwischenzeit (Magnum, 1961): „In der deutschen evangelischen Kirche von damals konnte mir nie so richtig wohl wer­den. Sie entwickelte, dem Staat gegenüber zum erstenmal auf eigene Füße gestellt, ein merkwürdig pompöses Selbstbewußtsein, dem der Gehalt und Tiefgang ihrer Verkündigung nun doch nicht zu entsprechen schien. Schon gab es da und dort „Bischöfe“, solche, die die Bischöfe liebhatten, und solche, die selbst gern Bischöfe werden wollten.“

Zwischenzeit

Von Karl Barth

Was ich, dem an mich ergangenen Wunsch gemäß, hier bieten kann, ist keine geschichtsphilosophische Deutung jener Zeit, da ich dazu das Zeug nicht habe. So begnüge ich mich damit, kurz zu berichten, wie ich die zwanziger Jahre gesehen und erlebt habe.

Sie fielen ungefähr in die Zeit zwischen meinem 35. und 45. Lebensjahr. Im Herbst 1921 war ich von der Schweiz nach Deutschland übergesiedelt, vom Dienst eines Landpfarrers in ein akademi­sches Lehramt. Mir war alles, was ich um mich her zu sehen und zu hören bekam, und vor allem was ich nun selber zu tun hatte, sehr neu. Die Einarbeitung in die mir zugefallene Aufgabe hat mich durch das ganze Jahrzehnt hindurch scharf in Anspruch genommen. Doch konnte es nicht ausbleiben, daß ich von meinen Büchern und Heften auch immer wieder aufzublicken und aufzuhorchen hatte.

Ich sah ein Deutschland, das im Begriff war, sich von dem verlorenen ersten Weltkrieg und seinen Folgen – das Wort „Versailles“, norddeutsch aus­gesprochen, tönte oft wie ein Peitschenknall in meine Ohren – erholen zu wollen, sich aber offen­bar nicht erholen konnte. Ich begleitete die Be­mühungen der wenigen besonnenen Männer, der kleinen gutwilligen Kreise, die die „Weimarer Republik“ und ihre Verfassung ernst nahmen, eine deutsche soziale Demokratie aufbauen und dem Lande einen angemessenen Raum inmitten der ihm zunächst noch mißtrauisch genug gegenüber­stehenden Umwelt in loyaler Weise sichern woll­ten. Ich sah und hörte aber auch die damaligen sogenannten „Deutsch-Nationalen“ – in meinem Erinnerungsbild die unerfreulichsten aller Krea­turen Gottes, die mir je begegnet sind –, die nichts gelernt und nichts vergessen hatten, die jeden, aber auch jeden Versuch, auf jener Basis das Best­mög­liche zu erreichen, torpedierten und damit und mit ihren Hetzreden zur Füllung der Schalen des Zornes, die sich dann in den zwei folgenden Jahr­zehnten über die deutsche Nation ergossen, wohl den wichtigsten Beitrag geliefert haben. Gründlich geirrt habe ich mich damals, in dem bereits auf­steigenden Nationalsozialismus, der mir in seinen Ideen und Methoden, in seinen führenden Gestal­ten von Anfang an nur eben absurd vorkam, keine Gefahr zu erblicken. Ich hielt das deutsche Volk nun doch einfach für zu gescheit, um auf diese Möglichkeit hereinzufallen.

Ich sah und hörte, im Hörsaal und sonst, die da­malige studentische Jugend. Sie gehört zu den lichtesten Punkten meiner Erinnerungen. „Jugendbewegt“ nannte und gab sie sich in jenen Jahren. Indem ich ihr das heiter gutschrieb, habe ich sie in ihrer großen Aufgeschlossenheit und Beweglichkeit nach allen Seiten rasch liebgewonnen. Und sie wurde mir ihrerseits zu einem oft aufregenden, aber immer anregenden Partner, der mich mit seinen Sprüchen, Einsprüchen und Widersprüchen in meiner in voller Entwicklung begriffenen theo­logischen Forschung und Lehre mächtig gefördert hat. Nicht alle, aber manche von denen, mit denen und zu denen ich damals redete, sind dann der in den dreißiger Jahren ausbrechenden totalen Geistesverwirrung mehr oder weniger gründlich zum Opfer gefallen. Andere haben ihr doch mannhaft zu widerstehen gewußt.

Von der schönen Literatur jener Jahrzehnte – sie zeichnete sich aber weithin dadurch aus, daß sie gerade nicht mehr „schön“, sondern nur noch ein ehrlicher Spiegel der aufgerissenen Situation sein wollte – nahm ich mit, was mir in Muße­stunden und Ferienzeiten über den Weg kam. Es waren die Bücher, die nachher von den Bar­baren als „zersetzend“, als „Asphaltliteratur“ verfemt und zum Teil verbrannt wurden. An eigentlichen und bleibenden fruchtbaren Be­geg­nungen, die mir in jener Zeit auf diesem Feld zuteil geworden wären, mag ich mich freilich im Augenblick auch nicht zu erinnern.

In der deutschen evangelischen Kirche von damals, der ich als Theologe besonders verbunden und ver­pflichtet war, konnte mir nie so richtig wohl wer­den. Aus zwei Gründen nicht: sie hatte, jedenfalls in ihren führenden Organen und Kreisen, eine unverkennbare Schlagseite nach der schwarzweißroten Reaktion hin. Und sie entwickelte, dem Staat gegenüber zum erstenmal auf eigene Füße gestellt, ein merkwürdig pompöses Selbstbewußtsein, dem der Gehalt und Tiefgang ihrer Verkündigung nun doch nicht zu entsprechen schien. Schon gab es da und dort „Bischöfe“, solche, die die Bischöfe liebhatten, und solche, die selbst gern Bischöfe werden wollten. Und schon sahen etliche an einem, der Arglist der Zeit spottend, violett gewordenen Himmel den Stern eines ganzen „Jahrhunderts der Kirche“ am Horizont emporsteigen. Beide Tendenzen konnte ich nicht als der Sache der Kirche dienlich an­sehen und habe mich dagegen gestemmt, so gut ich konnte. Als dann in der Folgezeit das „deutsche Christentum“ verschiedener Observanz Ereignis wurde, hat mich das betrübt, aber nicht über­rascht, weil es sich in den zwanziger Jahren in allerlei Vorzeichen nur zu deutlich angekündigt hatte.

In der Theologie, auf meinem eigensten Feld, sah ich die Lage durch drei wichtige Faktoren be­stimmt: einmal dadurch, daß die Vorherrschaft der am Anfang des Jahrhunderts modern gewe­senen „liberalen“, das heißt historisch-psycho­logisch orientierten Richtung zwar schon ziemlich problematisiert, aber noch keineswegs gebrochen war. Sodann durch eine in verschiedenen Varian­ten versuchte Rückkehr zu Luther, speziell zum sogenannten „Jungen Luther“, die später freilich mühelos in einen neuen lutherischen Konfessionalismus übergehen konnte. Endlich durch die Anfänge einer Neubegründung der Theologie auf einer an Kierke­gaard anknüpfenden „Existenz­philosophie“. Wer sich für keinen dieser drei Wege entscheiden konnte, war damals darauf angewiesen, wie die Eidgenossen nach getanem Rütlischwur „sein Vieh zu wintern“, sich also auf seinen eigenen, erst nachher kundzugebenden Vorschlag angemessen vorzubereiten. Das war mein Fall. Noch war ich in allem, was ich in den zwanziger Jahren produziert habe, erst im An­lauf, in der Richtung auf das, worauf ich eigentlich hinaus wollte. Sie waren nicht mehr meine Lehr­lings-, aber immerhin erst meine Gesellenjahre. „Zwischen den Zeiten“ hieß eine Zeitschrift, die damals von einer Gruppe, der auch ich angehörte, begründet und ein knappes Jahrzehnt lang heraus­gegeben wurde. Als eine Zeit „zwischen den Zeiten“ habe ich die zwanziger Jahre gesehen und erlebt. Etwa im Zeichen des dunklen Wortes Jes. 21,12: „Wächter, wie weit ist’s in der Nacht? Der Wächter spricht: Gekommen ist der Morgen und auch die Nacht. Wollt ihr fragen, so kommt wieder und fragt!“

Quelle: Magnum. Zeitschrift für das moderne Leben 4 (1961), Heft 35, S. 38.

Hier der Text als pdf.

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