Martin Luther, Ein Sermon in der Kaufmannskirche zu Erfurt gepredigt vom Kreuz und Leiden eines rechten Christenmenschen (1522): „Wenn ich im Bett liege und krank bin oder wenn einer um seines Verbrechens willen durch Feuer, Wasser oder Schwert getötet wird, ist das nicht das Kreuz Christi, sondern das Kreuz Christi ist die Schande und die Verfolgung um der Gerechtigkeit willen. Darum müssen die wahrhaftigen Christen als Ketzer und Übeltäter beschuldigt werden.“

Ein Sermon in der Kaufmannskirche zu Erfurt gepredigt vom Kreuz und Leiden eines rechten Christenmenschen (1522)

Von Martin Luther

Meine lieben Freunde! Es wäre ja nicht nötig gewesen, daß ich euch hier predige. Doch durch besonderes und großes Bitten etlicher Frommer, in Christus Geliebter, – welchen ich das nicht habe abschlagen können -, ließ ich mich über­winden, das Urteil derer nicht groß zu beachten, die viel­leicht sagen, ich stellte mich selbst in den Vordergrund. Als Christus, unser Herr, seine Jünger in die ganze Welt aus­schickte, daß sie predigen sollten, hat er sie nichts anderes geheißen, als das Evangelium zu predigen; denn so hat es Markus im 16. Kapitel (V. 15) geschrieben, wie der Herr sagt: »Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur.« Das gleiche tat er auch, ehe er gekreuzigt ward, wie bei Matthäus im 10. Kapitel (V. 7) 10,7 geschrie­ben ist, als er sprach: »Geht hin und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.« Wen er also zum Prediger oder Apostel macht über sein Wort, dem gibt er auch Worte, wie er reden und was er reden soll. So tut er auch bis auf den heutigen Tag in seiner Gnade, so daß der Prediger nicht das Seine lehrt oder predigt, sondern wie die Apostel die Worte Gottes. Es wird nun notwendig sein, daß ein Christ weiß, was das Evangelium ist, und andererseits, was zu hören und was nicht zu hören ist, damit er nicht unterschiedslos viel hört und auch Gaukelwerk und unnöti­ge Dinge für Wahrheit und für notwendige Dinge hält. Es gibt nun viele, die sich rühmen, wie sie das Evangelium predigen, wie sie Christi Wort ausrufen, obwohl sie doch gar nichts dergleichen tun. Davon kommt es, daß viele be­trogen werden und Dinge glauben, die nicht zu glauben sind. Das aber sind keine rechten Prediger Christi und des Evangeliums, sofern sie anders lehren, als Christus gelehrt und es geboten hat. Es sind auch keine rechten Christen, dieetwas über das hinaus, was da die rechte Lehre des Glau­bens und des Evangeliums ist, hören und annehmen. Denn Christus sagt Joh 10,27: »Meine Schafe hören meine Stim­me. « Wenn sie aber einem Fremden folgen – d. h., wenn sie eine andere Lehre hören und annehmen, die keine Lehre des Glaubens ist -, so sind sie keine richtigen Schafe Chri­sti. Das Evangelium aber ist eine Erzählung und Verkündi­gung des zugesagten Heils und der Seligkeit, des ewigen Lebens durch Vergebung der Sünden, die uns Christus er­worben hat.

Dies nun zu hören und zu predigen, wollen wir ganz bereit und willig sein, wie Paulus von sich selbst zu den Römern sagt und sich des Titels rühmt als eines Zeichens seiner rechten Lehre. So spricht er zu den Römern im 1. Kapitel (V. 1-3): »Paulus, ein Knecht Jesu Christi, zum Apostel berufen, ausgesondert das Evangelium Gottes zu predigen, das er zuvor durch seine Propheten in der Heili­gen Schrift verheißen hat, von seinem Sohn, der ihm von dem Samen Davids geboren ist.« Darum habe ich gesagt, es sei nötig, daß ihr wißt, was ihr hört, und wißt, wovor ihr fliehen sollt. Wer Christus allein predigt und lehrt – wie St. Paulus – und nicht das Seine sucht, nicht seinen Ruhm, seine Ehre, seinen Nutzen und nicht vom Evangelium weg führt, der ist gewiß gesandt, und den soll man hören, des­sen Lehre soll man folgen. Wer aber anders lehrt und glit­zernde, pharisäische Heucheleien vorgibt, wie es jetzt ganz allgemein der Fall ist, nichts davon lehrt, wie man den Ar­men und Bedürftigen helfen und raten soll, sondern alles den feisten und faulen Pfaffen und Mönchen zuwendet, damit von uns viele Kirchen und Klöster gebaut, Messen und Jahresgedächtnisse gestiftet, Brüderschaften, Ablaßbriefe und andere unzählige Gaukeleien erlangt und gekauft wer­den, ebenso auch Fasten, Anrufen der Heiligen oder der­gleichen: Solcher Prediger Lehre soll man nicht hören, denn sie predigen nicht Christus, sondern sich selbst. Chri­stus hat sie auch nicht gesandt, sondern sie sich selbst. So sagt Gott bei dem Propheten Jeremia 23,21: »Ich hatte sie nicht gesandt, und sie liefen doch; ich redete zu ihnen nicht, und sie selbst redeten.« Auch das Ordinationsver­sprechen, das wir Gott gegeben haben, daß wir nichts als allein Christus predigen wollen, fordert hierüber Rechen­schaft vor Gott.

Fragst du irgendeinen, warum er Christ ist, wird er dir nicht antworten: »weil er an Christus glaubt und er durch ihn Rechtfertigung und Seligkeit erhofft«? Wenn er nun der ist, der ohne unsere Werke, ohne unser Verdienst uns allein selig machen kann und will, wozu wollen wir dann auf unsere Werke bauen und ebendiesem unserem Christus nicht vertrauen? Laßt uns alle Werke ansehen und erörtern, die in der ganzen Welt sind und durch Menschen geschehen können, so wirst du doch keines finden, wonach du Christ genannt werden möchtest. Fasten ist ein gutes Werk, wel­ches Christus Mt 4,2 wohl vierzig Tage geübt hat, und Paulus ermahnt an vielen Stellen, daß ein Diener Gottes sich im Fasten übe. Wenn du aber auch bis auf den Tod fastetest und hättest den Glauben an Christus nicht, so wärst du um nichts mehr ein Christ als der Teufel selbst, der nie zu viel ißt, nie zu viel trinkt. Du bist auch nicht mehr ein Christ als ein Jude, der auch bisweilen fastet. Desgleichen ist Beten auch ein gutes Werk, welches Christus Mt 6,5ff gelehrt hat. Wenn du aber gleich Tag und Nacht betetest, bist du deswe­gen noch kein Christ. Viel Beten mit dem Mund macht nämlich keinen Christen, wenn es gleich mit vielem Plap­pern und Schreien vor sich geht. Viele Ketzer und Ungläu­bige, auch der Türke, beten viel mit dem Mund und sind doch keine Christen. Es macht auch weder Kutte noch Ton­sur einen Christen. Darum steht der Christenname über allem, was im Menschen ist. Zu dem Namen kann und vermag aber niemand kommen, außer durch Christus.

Aus diesem folgt, daß die Lehre und die Werke, welche christlich genannt werden wollen, weder menschliche sein noch aus menschlichem Vermögen entstammen dürfen, weil alles, was aus Menschen entspringt, menschlich und unbeständig, kein gutes Werk, viel weniger ein göttliches Werk ist! Darum tun weder unser Fasten, unser Gebet, unsere Kutte noch diese oder jene vorgefaßte oder selbst er­dichtete Lebensweise etwas für ein christliches Leben, son­dern es gilt vielmehr: Wer Christus nicht hat, der hat kein gutes Werk, und alle seine anderen Werke sind nichts. So geht das Evangelium oder die Lehre Christi über alle Kräfte aller Menschen, wie auch Paulus 1Kor 2,9 lehrt, wenn er spricht: »Wir predigen euch das, was kein Auge gesehen hat, kein Ohr gehört hat, auch in keines Menschen Herz gekommen ist.« Obwohl nun dieses ein so mächtiges Ding ist, alle menschliche Vernunft, Kräfte und Vermögen über­steigend, hat uns Gott doch dieselbe geoffenbart durch sei­nen Geist, wie Petrus 1Pet 1,8ff sagt, wenn er spricht: »Um des Glaubens willen aber werdet ihr euch freuen und das Ende eures Glaubens davonbringen, nämlich der Seelen Se­ligkeit. Nach dieser Seligkeit haben die Propheten gesucht und geforscht, die von der Gnade geweissagt haben, die auf euch kommen sollte.« (V. 12) »Denn sie haben es nicht sich selbst, sondern uns verkündigt, was nun euch verkündigt ist, durch die, welche euch das Evangelium verkündigt ha­ben durch den vom Himmel gesandten Heiligen Geist, wel­ches auch die Engel zu schauen gelüstet.« So eine mächtige und gnadenreiche Sache vermeldet und lehrt das Evange­lium, welches die Christen als einziges – weil es überschwenglich groß ist – hören und ergreifen müssen und sollen. Denn das Evangelium offenbart und lehrt nichts an­deres als Christus allein. Nun könnte einer fragen: Wer ist Christus? Antwort: Christus ist Gott und Mensch und ist in der Weise Gott und Mensch, daß er nicht für sich selbst Christus ist, sondern für uns, wie der Prophet Jesaja im 9. Kapitel (V. 6) bezeugt: »Ein Kind ist uns geboren, und der Sohn ist uns gegeben«. Da­durch sollen wir wissen und glau­ben, ohne zu zweifeln, daß Christus für uns gegeben und geboren ist, nach welchem allein wir dann schließlich Chri­sten genannt werden als nach unserem einzigen Hauptmann oder Fürst. Von diesem haben und nehmen wir alles, gleich­wie einer reich genannt wird wegen seiner Reichtümer und Schätze, oder wie eine Frau, welche die Güter ihres Mannes besitzt, den Namen ihres Mannes behält und ein Fürst sei­nen Namen hat wegen seines Fürstentums, ein Bürger von seinem Bürgerrecht her und nicht wegen seines Fastens, seiner Wallfahrt, seines Gebetes, seines besonderen von ihm gewählten Ordens, mag er ein Kartäuser, Predigermönch, Augustiner oder Barfüßer gewesen sein. Wenn nun die fei­nen Herren, welche sich allein des Titels der Weisheit und Erfahrung in allen Dingen rühmen, so etwas hören, sprechen sie: Oh! Hat man vorher nicht auch Christus oder das Evangelium gepredigt? Meinst du, daß wir nicht auch wis­sen, was das Evangelium, Christus oder der Glaube ist? Fürwahr, sprechen sie, wir haben dies alles eher gewußt, bevor wir dich gehört und gesehen haben. Was ist der Glau­be für ein großes Ding, wenn er doch nicht genug zur Selig­keit ist? Warum denn? Die einfältigen Bauern und die Mäg­de im Stall wissen vom Glauben zu reden, darum ist der Glaube nicht genug, sondern man muß auch fasten, beten, Kirchen bauen, Klöster stiften, ein Mönchs- und Nonnenle­ben fuhren und dergleichen Werke tun. Sieh, solche »Blin­denbeschützer und Verführer« (Mt 15,14) sind unsere Klu­gen jetzt, und, wie sie meinen, alle Prediger des Evange­liums. Darum rühmen sie sich, daß sie es sind, welche allein über Christus oder das Evangelium Bescheid wissen und es erkennen, und wollen gleichwohl neben Christus andere Werke mit einführen, welches Christus weder leiden kann noch will. Darum also werden sie vor den Kopf gestoßen, daß sie zurückprallen, und solcherart überwunden, daß sie von nichts weniger wissen als davon, was da Christus, Evangelium, Glaube oder gute Werke sind. Denn so sollte ein christlicher Prediger lehren, daß er nichts anderes weiß noch lehrt als Christus mit seiner eigenen Gerechtigkeit und Güte, so daß der Mensch allein in den rechten Schätzen aller Vollkommenheit Christi seinen Ruhm sucht. Denn alles, was in Christus ist, das gehört uns. Wenn der Mensch in solchem Glauben bestätigt ist, kann er leicht überwinden und hat schon den Teufel, die Hölle und alles Herzeleid überwunden und findet danach endlich die Wahrheit dar­über, wer Christus ist. Er ist nämlich der, »welchen Gott für uns zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung gemacht hat, damit, wie geschrieben steht, ›wer sich rühmt, sich des Herrn rühme‹.« So schrieb Paulus an die Korinther im 1Kor 1,30f, aus welchem Spruch des heiligen Paulus ja klar folgt, daß ein jeder, der da Christus als unsere Gerechtigkeit predigt, notwendigerweise die Ge­rechtigkeit aller Menschen stark zurücktreiben muß, also auch, daß wir aus unseren Werken weder fromm noch ge­recht werden können. Sonst würde Paulus aufs Maul ge­schlagen und als Lügner beschuldigt und Christus verleugnet werden mit all seiner Gerechtigkeit, Weisheit, Heiligung oder Erlösung. Darum flieht solche Traumprediger weit, die euch nicht mehr als Werk- und Menschengerechtigkeit vormachen. Denn wenn sie predigen, daß der Mensch durch seine Werke vor Gott gerecht oder fromm zu werden vermag, so predigen sie nichts anderes, als daß sie sprechen: »Siehe, dein Christus ist dir nicht genug zur Seligkeit oder Gerechtigkeit. Du mußt auch deine Werke, dein Fasten, dein Beten, dein Ordenskleid daneben aufrichten.« Es ist eine ausgesprochen jämmerliche Sache, daran auch nur zu denken, geschweige denn es auszusprechen und besonders es vor dem christlichen Volk zu predigen. Du wirst ja nicht Christ genannt und vor Gott um deiner Fasten, Gebete, Kutte oder dieses oder jenes Ordens willen geachtet, oder weil du eine kleine oder große Tonsur getragen hast, son­dern dann wirst du Christ genannt und vor Gott geachtet, wenn du glaubst, daß dir Christus die Weisheit, Gerechtig­keit, Frömmigkeit, Seligkeit und alles Gute ist. Wenn du so glaubst, dann kannst du vor Gott bestehen, wenn aber nicht, dann bestehst du mit keinem Werk, mit keiner deiner Erfindungen. Darum ist das die Hauptsumme: Wer so an Christus glaubt, daß dieser ihm die Gerechtigkeit und alles Gute ist, der wird erhalten und selig. Wer aber die Gerech­tigkeit auf seine Werke gründet, der verdirbt in seiner Ge­rechtigkeit aus den eigenen Werken.

Nun sprichst du: Was soll man nun tun? Sollen wir nicht gute Werke tun? Sollen wir nicht mehr beten, fasten, Klö­ster stiften, Mönche oder Nonnen werden oder dergleichen Werke tun? Antwort: Es gibt zweierlei gute Werke: Die einen sind die, die nach dem äußeren Anschein als gut ange­sehen werden und doch aus sich selbst nicht so ganz gut sind, wie sie scheinen. Es sind nämlich alles eigene, erdich­tete Werke, von Menschen aufgestellt oder erwählt, als da sind: Eigenes Fasten, eigene besondere Gebete, die Wahl einer besonderen Kleidung oder Ordenszugehörigkeit und das Verrichten von dergleichen Werken, die doch nieman­dem dienen als dem, der diese Werke tut, die jedoch nicht zur Seligkeit fuhren; denn keines von diesen hat Gott gebö­ten. Darum soll dir Christus sein und ist er dir der, der dich erlöst hat von Tod, Teufel und Hölle, wie an die Hebräer 1,3 geschrieben steht: »Christus ist die Reinigung von den Sünden durch sich selbst« und nicht du. Darum ist dein Vorhaben nichts, wenn du denkst: »Ich will dieses oder ein anderes Werk tun, daß ich dadurch meine Sünden tilge oder fromm und selig werden kann.« Denn wenn du mit deinen Werken das zuwege bringen kannst, wäre Christus der Allertörichtste und Närrischste gewesen, der je auf die Erde gekommen ist, indem er soviel erleidet, obwohl du doch selbst hättest für deine Sünden Genüge tun oder fromm und gerecht durch deine Werke werden können. Darum irren alle die, welche soviel auf ihre eigenen Werke, Wege, Rat­schläge oder Vorhaben bauen. Denn wenn sie ihre eigene Gerechtigkeit durch ihre eigenen erdichteten Werke aufrich­ten wollen, sind sie bald nicht mehr der Gerechtigkeit Got­tes unterworfen: damit müssen alle Ablaßbriefe hinfällig werden. Denn sonst würde all unser Glauben ein Misch­masch, wo doch der christliche Glaube auf nichts als Chri­stus allein blickt. Wenn darum unsere eigenen Werke, wie wir sie uns vorgenommen haben, so kräftig und mächtig wären, daß sie uns gerecht und fromm machten, wäre Chri­stus mit seiner Gerechtigkeit vergebens und nichts. Deswe­gen sind wir denn allein Christen, wenn wir Christus ergreifen. Das geschieht, wenn wir allein an ihm hängen mit einem starken Glauben und nicht an eigenen Erfindungen oder an der Hilfe eigener Erfindungen kleben.

Erst wenn wir Christus durch den Glauben ergriffen ha­ben, folgen endlich die guten Werke nach und dann ergrei­fen uns auch die rechtschaffene Güte und die christlichen Werke, das sind die, welche Gott geboten hat und welche der Mensch nicht sich zum Nutzen, sondern zum Dienst an seinem Nächsten tut. Das ist der Fall, wenn er den Nackten bekleidet, den Hungrigen speist, den Durstigen tränkt usw. – wie Christus diese Werke aufzählt in Mt 25,35 ff- und tut aber diese rechtschaffenen Werke ohne alles Vertrauen auf irgendeine Gerechtigkeit, sondern allein um Gottes willen und seinem Nächsten zum Dienste usw.

Wie wird dann der Mensch gerecht oder fromm vor Gott? Paulus antwortet: Wir werden vor Gott fromm und gerecht allein durch Christus, »der uns von Gott zur Weis­heit und zur Gerechtigkeit und zur Erlösung und zur Heili­gung geworden ist« (1Kor 1,30). Darum wird ganz und gar durch den Glauben an Christus gezeigt, welchen Glauben allein alle christlichen Prediger dem Volk als das Hauptstück unserer frohen Botschaft zu predigen sich befleißigen sollen. Das geschieht aber, wenn man das Evangelium predigt, welches von Paulus im 1Kor 1,18 »die Rede oder das Wort vom Kreuz« genannt wird. Gegen dies Wort vom Kreuz streiten alle, die auf ihre Werke und nicht auf die Gerechtig­keit Christi bauen und sprechen: »Ei, sind denn alle gelehr­ten und hohen Schulen für nichts gewesen? Sind denn alle Mönche und Pfaffen, die solches Leben und Wesen angefan­gen haben, Narren gewesen? Sollten alle die verloren oder verdammt sein, die solche verehrungswürdigen Klöster und Stifte gebaut haben? Das kann doch nicht sein! Wie sollten sie alle so unerfahren gewesen sein, daß sie sich darin geirrt haben sollten, daß solche guten Werke jedenfalls zur Selig­keit förderlich sein müssen? Das kann ja nicht sein!«

Gegen solche Beschützer der Blindheit wendet sich Chri­stus seinerseits und will, daß der Mensch durch ihn, nicht durch sich selbst vor Gott gerechtfertigt wird – dieses schmeckt den weltklugen, selbstgerechten Lehrern der Werkgerechtigkeit gar nicht.

Denn wenn du einen Mönch fragst, warum er Mönch geworden ist, antwortet er, daß er selig werden will in dem erwählten Orden und Gewand. Genauso müssen alle die antworten, die da auf die Werke bauen. Aus solcher Ant­wort wird offenbar, daß sie gottlos sind. Was sie nämlich von Gott und von der Gerechtigkeit Christi erwarten sollten, das suchen sie in ihren eigenen Werken und in dem, was sie sich vornehmen, was aber gar nicht zur Seligkeit oder Frömmigkeit dient.

Daraus folgt nun, daß alle, die Christen sein wollen, das Kreuz tragen müssen, von welchem Kreuz alle Mönche und Pfaffen und alle, die sich nur in ihren selbstgewählten Wer­ken üben wollen, gar nichts begreifen oder etwas davon wissen können. Denn wenn du einen anrührst mit einem Wort, dann siehst du, wie ungeduldig und voll von Bitter­keit sie sind. Weil sie nun nicht wissen, was das Evangelium ist, welches – wie zuvor gesagt – Paulus »die Rede oder das Wort vom Kreuz« nennt, und nur an ihrem Gottesdienst – wie sie es nennen – hängen, an äußerlichen Zeremonien, darum können sie nicht zur Erkenntnis der rechten Wahr­heit des Evangeliums oder des Kreuzes Christi kommen. Aber laßt euch nicht durch solche Weltklugen vom Evange­lium und vom Kreuz Christi abschrecken!

Unter dem Kreuz Christi – damit ich noch klarer davon rede – sollt ihr nicht dieses oder jenes Holz verstehen, woran Christus gehangen hat, sondern das Kreuz Christi ist die Schmach und die große Schande, welche Christus unschuldig erlitten hat. Wenn ich im Bett liege und krank bin oder wenn einer um seines Verbrechens willen durch Feuer, Wasser oder Schwert getötet wird, ist das nicht das Kreuz Christi, sondern das Kreuz Christi ist die Schande und die Verfolgung um der Gerechtigkeit willen. Darum müssen die wahrhaftigen Christen als Ketzer und Übeltä­ter beschuldigt werden. Sie müssen von jedermann ver­dammt, verachtet und gerichtet werden, so daß sie sogar jedermann als Wischtuch benützen kann, wie denn der Prophet Ps 25,17 sagt: »Ich bin ein Einsamer und ganz arm«, als wollte er damit sagen: »Mich hat die ganze Welt verlassen, und ich stehe hier ganz allein, von niemand ge­achtet, sondern vielmehr von jedermann verachtet und verschmäht.«

Darum ist das Kreuz Christi unsere ganze Unschuld. Um dieser Unschuld willen kommt alles Herzeleid auf uns zu, und wenngleich nun dies alles kommt, ist es im­mer noch die mütterliche Rute; denn dies alles ist noch nicht für ewig, sondern währt nur eine Zeitlang. Wenn aber solche Angst in der letzten Stunde des Todes kommt, wo einem Welt, Freunde und aller innerlicher Trost verlassen, der doch von Gott herfließen sollte, mit dem man aber auch dann durch den Glauben keinen inne­ren Einklang findet: Da ist dann wirklich Angst und Not. Denn vor den Menschen etwas durch Schmähung zu leiden, ist keine große Sache. Aber wenn Gottes Zorn und Hand mit Ernst über uns ausgestreckt wird: Das ist ein unerträgliches Kreuz für den Menschen und sehr zu fürchten.

Daraus folgt, daß zu einem Christen gehört zu wissen, was Christus gelehrt hat und was das Kreuz Christi ist, und daß er das Evangelium bei seinem Namen bleiben lassen muß, so nämlich, daß es die Rede oder das Wort vom Kreuz ist, welches wir tragen sollen.

Die Weltklugen nennen das »Kreuz tragen«, wenn man ein Stück von dem heiligen Kreuz in ein goldenes Kreuz oder eine Monstranz einfaßt, und wenn der Priester einen Chorrock anzieht, eine Stola um den Hals legt und dann dieses silberne oder goldene Kreuz um die Kirche trägt, es dem Volk zu küssen gibt, damit sie Geld opfern. O welche Narrheit! Um solches Gaukelspiel und solchen abgöttischen Irrtum zu vermeiden, wollte ich das heilige Kreuz zu Asche verbrennen, wenn ich ein Stück davon hätte. Denn Christus hat sein Kreuz getragen und will, daß auch du so dein Kreuz tragen sollst. Darum sprach er Mt 10,38: »Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir folgt, der ist mein nicht wert.« Er sagt nicht: »Nimm mein Kreuz«, sondern: »dein Kreuz und trage das. Laß mein Kreuz liegen, an welchem ich viel Schmähungen gelitten habe! Sieh zu, daß du auch so an deinem leidest, was dir aufgelegt wird.«

Darum ist es nichts, daß wir große Kirchen bauen, große silberne Bilder, mit edlen Steinen eingefaßt, aufrichten las­sen, wenn wir andere bessere Werke, die doch nötiger und von Gott geboten sind, unterlassen. Ebenso hat man ein besonderes Fest und ein abscheuliches Spiel eingerichtet mit dem Rock Christi in Trier. Laßt ihr aber den Rock einen Rock sein, das Kreuz ein Kreuz! Christus ruft uns allein, daß wir seinen hinterlassenen Fußstapfen im geduldigen Tragen unseres Kreuzes nachfolgen sollen, wie er das seine getragen hat.

Überdies gibt es zwei Feste des heiligen Kreuzes im Jahr: eines wird die Auffindung des Kreuzes genannt, welches Fest nach Ostern gehalten wird. Das andere wird die Erhö­hung des heiligen Kreuzes genannt, welches Fest im Herbst gehalten wird. Aber es wäre viel besser, das Kreuz wäre verloren statt gefunden, erniedrigt statt erhöht worden. Nicht daß ich dies verwerfe, sondern um des Mißbrauchs willen, den wir damit eingeführt haben, wäre es viel besser, daß das heilige Kreuz nie gefunden noch erhöht worden wäre. Denn das wäre gut, wenn du in dir das heilige Kreuz durch geduldiges Auf-dich-Nehmen alles Widrigen und Unglücks erhöhtest. Wenn du siehst, daß ein solches Kreuz vorhanden ist, so laß es ein, verschließe dich ihm nicht! Auf diese Weise hast du das heilige Kreuz gefunden. Und wenn du es so gefunden hast, dann erhöhe es denn auch in dir mit Freuden, wie es die heiligen Apostel taten, die da gingen – wie die Schrift Apg 5,41 sagt – »mit Freuden von des Rates Angesicht, weil sie würdig gewesen waren, um des Namens Christi willen Schmach zu leiden«.

Damit hast du, was da heißt, »dein Kreuz tragen«: »Erhö­hen« des Kreuzes Christi oder »Auffinden« ist dasselbe. Es besteht nicht im Opfern oder Küssen oder Besuchen des heiligen Kreuzes, sondern in Geduld in aller empfangenen und erlittenen Ungerechtigkeit. Daraus kannst du leicht entnehmen, warum fast alle Mönche und Pfaffen jetzt strei­ten und schreien gegen das Evangelium und die Wahrheit. Sie sind nämlich sogleich in allen Sachen die Allerungedul­digsten und besonders dann, wenn man ihr Geschäft an­greift, das sie bisher betrügerisch in aller Welt getrieben haben. Darum verbieten sie, die Prediger zu hören, die Christus mit seiner Gerechtigkeit predigen, unvermischt mit der eigenen Frömmigkeit. Sie geben vor, diese seien junge Possenreißer; sie verstünden nichts. Man soll dagegen sie selbst hören wegen ihrer grauen Haare und ihres Alters, wovon allein doch nichts zu der Sache verhilft. Darum, wie alt sie sein mögen, wieviel rote, schwarze oder braune Ba­rette oder sonstige spitze Hüte sie tragen, wenn sie Christus nicht predigen, sondern ihre Werke und Gerechtigkeit, soll man sie fahrenlassen mit ihrer Predigt und allen ihren Träu­men und nur die annehmen, die Christus predigen. Sie al­lein sind zu hören, ungeachtet dessen, ob diese Prediger nach Art des Evangeliums und der Wahrheit verfolgt, ver­jagt, verdammt, getötet werden oder wie immer man mit ihnen umgeht. Entsprechend darf bei dem anderen Teil nicht darauf gesehen werden, wie gewaltig, wie hoch, wie gelehrt nach dem Anschein der Welt die geachtet werden, welche dem Evangelium am allermeisten entgegenstehen. Doch soll man sie nicht verachten, obwohl sie Christus nicht erkennen, sondern Geduld mit ihnen haben, bis sie Gott auch einmal durch seine Gnade erleuchtet. Darum soll man Gott bitten.

Also besteht nun der ganze christliche Stand und sein Wesen darin, daß du fest dem Evangelium anhängst, wel­ches uns allein Christus verkündet und lehrt – und nicht menschliche Lehre oder Werke. Aber laß den falschen Na­men fahren, unter welchem du dich rühmst, ein Christ zu sein! Denn es ist gewiß: Wenn dir jemand neben Christus etwas vorgibt als nötig zur Seligkeit, so fliehe vor ihm wie vor dem Teufel. Das ist nämlich nicht ein schwarzer, fürch­terlicher oder gefärbter Teufel, sondern ein weißer Teufel, der dir unter einer schönen Gestalt des Lebens das Gift des ewigen Todes einflößt.

Seid gewarnt, und seid mit Mut gerüstet gegen solche wohlgesonnen erscheinenden Freunde, die euch die Fall­stricke des ewigen Todes legen, vor denen uns Christus bewahre. Amen.

WA 10 III, 361-371.

Quelle: Martin Luther Taschenausgabe. Auswahl in fünf Bänden, Bd. 1: Die Botschaft des Kreuzes, bearbeitet von Horst Beintker, Berlin: Evangelische Verlagsanstalt, 1981, S. 151-162.

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