Augustinus, Von der Haltung der Frommen gegenüber den Bösen (zu Psalm 55,4): „Glaubet nicht, die Schlechten seien umsonst auf dieser Welt! Jeder Böse lebt entweder dazu, dass er gebessert werde, oder er lebt dazu, dass durch ihn ein Guter geübt werde.“

Von der Haltung der Frommen gegenüber den Bösen

Von Aurelius Augustinus

Ich bin verstört vom Lärmen des Feindes, vom Geschrei des Frevlers. Denn Unheil wälzen sie auf mich, und sie befehden mich voller Grimm. (Psalm 55,4)

Glaubet nicht, die Schlechten seien umsonst auf dieser Welt! Jeder Böse lebt entweder dazu, dass er gebessert werde, oder er lebt dazu, dass durch ihn ein Guter geübt werde. Möchten doch, die uns jetzt üben, sich bekehren und mit uns eingeübt werden! Solange sie aber noch uns einüben, wollen wir sie nicht hassen; denn wir wissen nicht, ob ein jeder von ihnen in dem, worin er böse ist, bis zum Ende verharrt. Oft, wenn du einen Feind zu hassen glaubst, hassest du einen Bruder und weißt es nicht. Zu denen, die schon gläubig geworden sind, sagt der Apostel: »Einst wäret ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn.« [Eph 5,8] Also Finsternis in euch — Licht im Herrn. Nun aber ist dir dieser Weg der Güte vorgezeich­net: du sollst die Güte deines Vaters nachahmen, »der seine Sonne über Guten und Bösen aufgehen und über Ge­rechten und Ungerechten regnen lässt« [Matth 5,45].

Du also, der du an deinem Feinde unerträglich leidest – was hast du ihm gewährt? Wenn jener ihn zum Feinde hat, der ihm so Großes gewährte, kannst da du, der we­der die Sonne aufgehen noch über die Erde regnen lassen kann, deinem Feinde gegenüber nicht wenigstens dies eine wahren, dass du auf Erden in Frieden mit ihm bleibst als Mensch guten Willens? Weil dir also dieser Weg der Liebe vorgezeichnet ist, dass du in Nachahmung des Vaters den Feind liebest: wie willst du in diesem Gebot geübt wer­den, wenn du keinen Feind zu erleiden hättest? Sieh also: es ist dir nützlich! Dass Gott die Bösen schont, möge dir dazu nützen, Barmherzigkeit zu üben; denn vielleicht hast auch du, wenn du jetzt gut bist, dich aus einem Schlechten zum Guten gewandelt. Würde also Gott nicht die Bösen schonen, dann würde man auch dich heute nicht danksa­gen sehen. Darum möge, der deiner schonte, auch anderer schonen!         

Augustinus: Erklärung der Psalmen (Enarrationes in Psalmos), zu Psalm 55,4 (= 54,4 in der Vulgata).

Hier der Text als pdf.

1 Kommentar

  1. kleine Bemerkung zu dem schön kurzen Text:

    Wer sind eigentlich die Bösen, wer sind die Guten?
    Die Bösen halten sich ja selber für die Guten, die die Welt und das Leben richtig verstehen, die hier im Diesseits anpacken, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.
    Sie halten die Frommen, wenn nicht für böse, so doch wenigstens für weltfremd. Diese lesen ein Märchenbuch und beten den luftleeren Raum an. So abwegig ist das nicht.

    „Glaubet nicht, die Schlechten seien umsonst auf dieser Welt!“. Beide Seiten brauchen einander, um sich in Frage stellen zu lassen, Zweifel zu durchleben. Aber auch, um das eigene Weltbild zu schärfen und auf der Gegenseite Zweifel zu säen.

    In einem langen Leben können wir selber ein paarmal zwischen der guten und der schlechten Seite wechseln und uns dabei immer gutfinden.

    Wie wäre das Leben langweilig, wenn es anders wäre.

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