James D. Watsons Vortrag „Die Ethik des Genoms. Warum wir Gott nicht mehr die Zukunft des Menschen überlassen dürfen“ (2000): „Ich sehe daher nur unnötiges Leid durch Gesetze entstehen, die auf der Grundlage der Macht willkürlicher religiöser Eingebungen die Geburt erblich behinderter Kinder erzwingen, obwohl die Eltern es vorziehen würden, solche Schwangerschaften abzubrechen, weil sie hoffen, daß ihr nächstes Kind gesund sein wird.“

Wie manche Naturwissenschaftler respektlos über andere Menschen und deren Leben zu reden wissen, zeigt James D. Watsons in seinem Vortrag „Die Ethik des Genoms. Warum wir Gott nicht mehr die Zukunft des Menschen überlassen dürfen“ aus dem Jahr 2000. Dort schreibt er:

Starker Widerstand gegen Programme zur Verhinderung der Geburt schwer genetisch behinderter Kinder kommt von Menschen, die glauben, daß alles menschliche Leben die Existenz Gottes widerspiegelt und daher mit allen Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen, versorgt und unterstützt werden sollte.

Diese Menschen glauben auch, daß erblich behinderte Föten die gleichen existentiellen Rech­te haben wie jene, denen ein gesundes und produktives Leben gegeben ist. Solche Argumente sind allerdings nicht überzeugend für all jene von uns, denen die religiös motivierte Behauptung der Unantastbarkeit des Lebens nicht einleuchtet und die statt dessen glauben, daß menschliches und anderes Leben nicht von Gott geschaffen wurde, sondern durch einen evolutionären Prozeß entsteht, der den Darwinschen Prinzipien der natürlichen Auslese folgt.

Dies bedeutet indes keineswegs, daß Menschen keine Rechte hätten. Natürlich haben sie solche, aber diese Rechte sind nicht auf eine göttliche Schöpfung zurückzuführen, sondern auf soziale Verträge, die Menschen untereinander abschließen, weil sie erkannt haben, daß menschliche Gesellschaften ihre Existenz nur durch Regeln sichern können, die Stabilität und Vorhersagbarkeit garantieren. Eine der wichtigsten dieser Regeln ist das in praktisch allen Gesellschaften gültige Verbot der Tötung von Mitmenschen, wenn nicht notwendige Selbstverteidigung geboten ist. Ohne diese Regel wäre die Überlebensfähigkeit einer menschlichen Gesellschaft entscheidend eingeschränkt und niemand könnte sicher sein, daß ihm all jene erhalten bleiben, die er liebt und von denen er abhängig ist.

Andererseits würde die Abtreibung eines genetisch behinderten Fötus nicht das Leben derjenigen einschränken, in deren Welt dieses Kind sonst hineingeboren worden wäre. In einem solchen Fall sollte tatsächlich vielmehr die Erleichterung darüber im Vordergrund stehen, daß niemand gezwungen wurde, ein Kind zu lieben und zu unterstützen, dessen Leben niemals Anlaß zur Hoffnung auf Erfolge gegeben hätte.

Ich sehe daher nur unnötiges Leid durch Gesetze entstehen, die auf der Grundlage der Macht willkürlicher religiöser Eingebungen die Geburt erblich behinderter Kinder erzwingen, obwohl die Eltern es vorziehen würden, solche Schwangerschaften abzubrechen, weil sie hoffen, daß ihr nächstes Kind gesund sein wird.

Läßt man im Namen Gottes unnötige persönliche Tragödien geschehen, so wird dies sowohl diejenigen aufbringen, die nach weniger dogmatischen Regeln leben, als auch viele Anhänger von religiösen Gruppierungen, deren Führer die absolute Unantastbarkeit allen menschlichen Lebens verkünden. Letztere werden sich nämlich fragen, ob die Worte Gottes, so wie sie hier ausgelegt werden, tatsächlich wichtiger sind als die Gesundheit ihrer Kinder oder der Kinder ihrer Freunde.

Auf lange Sicht ist es unvermeidbar, daß jene Instanzen, die von ihren Anhängern verlangen, sich im Namen Gottes Leid zuzumuten, sich mit ihren immer hohler klingenden moralischen Verkündigungen isolieren, bis man sie schließlich ignorieren wird.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.09.2000, Nr. 224, S. 55.

Hier der Text als pdf.

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