Paul Ludwig Landsbergs geistliche Gedichte: „Die Gegenwart ist trostlos mir gestaltet, / Und fern der Hoffnung ist Zukunft Not. / Doch deine Liebe, die mit mir gewalter, / Beherrscht das Leben und beherrscht den Tod.“

Der jüdischstämmige Philosoph Paul Ludwig Landsberg (1901-1944) verstarb am 2. April 1944 im KZ Sachsenhausen. Die Dramaturgie seines Lebens kann es mit Walter Benjamin aufnehmen. Postum erschienen 1952 in der französischsprachigen Zeitschrift Espirit die folgenden geistliche Gedichte (Poèmes spirituels):

Geistliche Gedichte

I

Deine Schönheit schneidend wie ein Schwert
Hat mich so zerteilt, dass nur mit dir,
Doppelwesen, ich noch ganz sein kann.

Deines Leidens tückische Entrückung
Riss dich so hinweg, dass nur im Traum,
Liebstes Licht, ich noch genesen kann.

Langen Harrens streitendes Verlangen
Schütz mich so, dass jede Wandlungsform
Zur Vereinigung mir Hoffnung werd’.

II

So war kein Winter nur von Traum noch verhangen,
Das Herz wagt kaum mehr ein Lebendigsein
Womit ich bin geeint ist mir entgangen
Der dunkle Schleier lässt den Blick nicht ein.

Als ich dich suchte, warst du mir oft nah
Nun bist du mir entrückt, da ich dich fand.
Wenn still gebannt mein Aug in deines sah
Traf wilde Ferne mich so aus der Hand.

Der Schöpfer hab’ Erbarmen, lass uns sterben.
Gib uns im Nichts Vereinigung zurück.
Aus dem Geheimnis, um das Wenige werben,
Lockt unsere Wahrheit, unser letztes Glück.

III

Durch deine Güte ward ich großgezogen,
Die Kräfte deines Segens hab’ ich reich verspürt.
Hat deine Wunderkraft mir stets gelogen,
War Trug das Liebekommen das mich angerührt?

Die Gegenwart ist trostlos mir gestaltet,
Und fern der Hoffnung ist Zukunft Not.
Doch deine Liebe, die mit mir gewalter,
Beherrscht das Leben und beherrscht den Tod.

Ich will nicht wieder unfromm vor dich treten
Und kann doch nur das Eine mir erflehn.
Ich kann nicht lügen, doch ich werde beten:
Herr, lass die Nacht der Welt um uns vergehn.

IV

Solang’ du dauerst, sprach zu mir die Stille,
Bist du dem Triebe noch anheimgegeben.
Du sollst noch fruchten, denn du musst noch leben,
Du sollst noch hoffen und du bist noch Wille.

Du wirst nicht zwischen beiden reichen Weiten,
Wenn du nicht fliehen kannst, so bist du hier;
Bewusstsein lebt am Leib und Mensch im Tier —
Vielfältig Wesen lässt sich doch nicht teilen.

Schlafen und essen, lesen schreiben reden:
Es zerrt dich hin durch allzu lange Stunden,
Schicksal und Zeit, sie lenken dich wie jeden
Zum fremden Ziel, das uns ein Gott erfunden.

Hier die Gedichte als pdf.

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