Julius Schniewind, Heiligung (1938): „Gottes Gemeinde ist das Volk der „Ge­heiligten“; es kann von jedem einzelnen als einem „Heiligen“ ge­sprochen werden. Jeder einzelne für sich ist durch Gottes Ruf und Wort getroffen, jeder einzelne für sich in der Taufe Gott geweiht. Aber jeden einzelnen trifft das Wort nur aus dem Mund der Ge­meinde.“

Heiligung

Von Julius Schniewind

Diese Ausführungen sollen sich eng an die Bibel anschließen. Die biblischen Aussagen werden in sich selbst das rechte Wort für die Fragen sein, von denen unser gegenwärtiges Leben bewegt wird. Ihre Erläuterung wird wiederholt mit Worten der reformatorischen Bekenntnisschriften gegeben; aber die Stimme der Kirche will nur die Antwort sein auf die Stimme der Apostel und Propheten, die in der Bibel zu uns redet. — Die Bibelstellen werden möglichst nach dem Wortlaut der Lutherbibel angeführt; doch sind manchmal Ab­weichungen vom Luthertext erforderlich, und manchmal wird in den Text selbst ein Wort der Erläuterung eingefügt.

1. Heiligung ist Durchheiligung unseres Lebens

Wenn wir das Wort „Heiligung“ hören, denken wir an die Durch­heiligung unseres Lebens. Unser Leben, das wir in dieser Weltzeit hier führen mit Leib, Seele und Geist, soll für Gott heilig, soll Gott geweiht sein.

In der Tat, die Bibel ruft uns zu solcher Heiligung auf. „Jaget der Heiligung nach, ohne welche niemand den Herrn sehen wird“ (Hebr. 12, 14). „Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, daß ihr meidet die Unzucht und ein jeglicher wisse seinen Leib zu halten in Heiligung und Ehren; denn Gott hat uns nicht berufen zu Unreinig­keit, sondern in Heiligung“ (1. Thess. 4, 3. 4. 7). „Weil wir Gottes Verheißungen haben, so laßt uns von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes uns reinigen und fortfahren in der Heiligung in der Furcht Gottes“ (2. Kor. 7, 1). Solche Worte umspannen unser ganzes Leben, vom Innersten unseres Sinnes bis in die Einzelheiten unserer Taten. Es sind Worte des Befehls, des Gebotes, der Mahnung, des Zuspruchs.

Es geht bei der Heiligung um die Gegenwart des heiligen Gottes. Die Heiligkeit Gottes will unser ganzes Leben umspannen. Die Bibel Alten und Neuen Testaments beschreibt, was das heißt.

Das Alte Testament kennt heilige Stätten, Tage, Berge, Ämter, heiliges Besprengungswasser, heilige Ordnungen des Gottesdienstes und des Lebens. Da ist der eine heilige Berg Gottes, auf dem der Tempel steht. Der Tempel ist Gottes Heiligtum, er umschließt das Heilige und Allerheiligste. Aber dieser irdische Tempel ist nur ein schwaches Abbild des unnahbaren Heiligtums, in dem Gott wohnt, den der Himmel und aller Himmel Himmel nicht fassen können.

Der heilige Gott, das ist der unnahbare Gott, der Majestätische, weit erhaben über alles, was irdisch heißt, erhaben über Welt und Tod, weit geschieden von allem, was sündig heißt. Er beruft sich ein heiliges Volk, das sein Eigentum ist, ihm geweiht aus der Welt heraus, abgesondert von allem Profanen und Irdischen, von allem, was Sünde und Frevel heißt. So geht denn durch das ganze Alte Testament die Mahnung zur Heiligung, und das Neue Testament nimmt sie auf: „Ihr sollt heilig sein, denn Ich bin heilig“ (3. Mose 11, 44 = 1. Petr. 1, 15. 16). Das Gesetz des Alten Testaments meint mit allen seinen Einzelbestimmungen, daß das gesamte Leben vom Geringsten bis zum Wichtigsten, vom Alltäglichsten bis zur Feier des Versöhnungsfestes Gott geweiht ist, dem Unnahbaren. Es gilt, sich heiligen, sich reinigen, dem Gebot Gottes folgen, das den ganzen Menschen bis ins Letzte fordert.

Das Neue Testament nimmt, was das Alte Testament im Abbild und Vorbild beschreibt, für die Gemeinde Christi auf. Gottes Volk ist geheiligt, Gott geweiht nach Leib und Seele. Die Heiligung um­spannt alle Beziehungen. Der ungläubige Mann, mit einer Christin durch die Ehe verbunden, ist geheiligt durch die Frau, die ungläu­bige Frau geheiligt durch den Mann, ja die Kinder sind um ihrer Eltern willen Gott geheiligt und geweiht (1. Kor. 7, 14). Wenn man die Mahnungen der Paulusbriefe liest (etwa 1. Thess. 4, 1-12 oder Eph. 4, 17-5, 21; Kol. 3, 1-17), so zeigt sich, wie hier alle Gebote Gottes umspannt werden. Alle Übertretung der Gebote Gottes kann in dem einen Wort zusammengefaßt werden, das Luther mit „Geiz“ übersetzt (1. Kor. 5, 11; 6, 10; Eph. 4,19; 5,3.5; Kol. 3, 5; 1. Thess. 4, 6): immer mehr haben wollen, aufgehen in dem, was von dieser Welt ist und zu dieser Welt gehört; die Dinge dieser Welt zum Götzen machen und sie über alles lieben. Dies aber ist der Wandel, ist die Lebensgestalt, die der Heiligkeit Gottes widerspricht. Heilig sein heißt: „Von der Welt abgesondert und Gott zugesondert sein.“ Mit der Heiligung ist eine neue Gestalt des Lebens gegeben, wo der Zorn und der Zank, der Geiz und die Gier, und was sonst der Ge­genwart Gottes widerstreitet, überwunden ist. Und die Heiligung umspannt dann alles, Glaube und Liebe und „Zucht“, das heißt die verständige und nüchterne Beurteilung der Dinge (1. Tim. 2, 15; 2. Tim. 1, 7; besonders Röm. 12, 3). — Paulus wagt von sich zu sagen, daß er in der Heiligkeit Gottes gewandelt sei (2. Kor. 1, 12), und der Hebräerbrief (12, 10) schreibt, daß Gott uns züchtige, damit wir an seiner Heiligkeit Anteil haben.

Ohne diese Heiligung wird niemand den Herrn sehen (Hebt. 12, 14), wird niemand vor dem Weltrichter bestehen. Er selbst aber wird es wirken, Gott unser Vater und unser Herr Jesus, daß bei der Wiederkunft Jesu die Seinen unsträflich sind in Heiligkeit, daß Christi Herrlichkeit an seinen Heiligen erscheint (1. Thess. 3, 11. 13; 5, 23. 24; 2. Thess. 1, 10).

2. Gott ist der Heilige

Gott selbst ist der Heilige. Er ist der Unnahbare. Er wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann. Wer ihn sieht, der muß ster­ben. „Wehe mir, ich vergehe! denn ich habe den König, den Herm Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.“ Kein Mensch kann ihn, den Unnahbaren, sehen, ohne zu vergehen. Denn er ist heilig, wir aber sind unheilig. Er ist Licht, wir aber sind unrein. „Wehe mir, ich ver­gehe! denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen“ (Jes. 6, 5). Der Prophet, der dies ruft, hört den Lobgesang der Seraphim (Jes. 6, 3): „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!“ Er möchte in den Lobgesang mit einstimmen, aber seine Lippen sind unrein.

Gott heißt „der Heilige in Israel“. Er ist der Unnahbare, aber er hat sich ein Volk erwählt, das geringste unter den Völkern (5. Mose 7, 7), das ihn fort und fort verläßt und verstößt. Doch er hat sich eben diese Menschen ausgewählt, daß sein heiliger Name an ihnen kund werden soll. Sein Name ist unnennbar und unfaßlich, ist heilig. Dennoch, er hat sich einen Namen gegeben, bei dem man ihn nennen und kennen kann. Er will, daß sein Name bei den Seinen und durch die Seinen geheiligt wird (3. Mose 22, 32; 5. Mose 32, 41). Man soll an seinem Volk sehen, wer der Heilige, der Unnahbare sei, der eine Gott Himmels und der Erden. Luther sagt richtig, der Name Gottes werde geheiligt, „wo das Wort Gottes lauter und rein gelehrt wird und wir auch heilig, als die Kinder Gottes danach leben“.

Nun aber erzählen die Geschichten des Alten Testaments immer neu, wie Israel Gottes Namen entheiligt und vor allen Völkern Gottes Ehre schändet (3. Mose 22 32; 5 Mose 32, 51; vgl. Röm. 2 23f.). Aber Gott selbst erweist sich als heilig in seinen Gerichten )3. Mose 10, 3; 1. Sam. 6, 20). Er selbst wird seinen bei den Menschen entheiligten Namen heiligen, wird ihn zu Ehren bringen Jes. 29, 23; 48, 11; 52, 5 f.; Hes. 36, 23-27). Und im Vaterunser lehrt Christus uns darum bitten, daß sich diese Verheißung erfülle, daß Gott seinen von uns geschändeten Namen selbst zu Ehren bringe. Dies Gebet erfüllt sich in allem, was Jesus ist und tut. Durch ihn und in ihm wird Gottes Name geheiligt, geehrt, offenbart.

Aber schon die ganze alttestamentliche Gesetzgebung ist ein Hin­weis auf diese neue Zeit. Gott selbst ist es, der das unheilige Volk heiligt, ein Volk, das sich an diese sichtbare Welt verliert im Dienst des Baal und aller Naturgötter, im eigenwilligen Widerstreben gegen Gottes Wege. Er selbst, Gott, heiligt sich dies Volk. Er rechnet diese Unheiligen zu sich. Er nennt sie seine „Heiligen“. Er selbst, Gott, stiftet die Opfer, durch die man sich ihm, dem Unnahbaren, Heiligen, nahen darf. „Heiligen“ kann soviel wie „opfern“ heißen; eine Gabe wird „Gott geheiligt“, wird geweiht und geopfert. Gott selbst ordnet den Dienst des Heiligtums, in dem er gegenwärtig sein will. — All dies, sagt das Neue Testament, besonders der Hebräer­brief, weist über sich hinaus. Jesus ist gekommen und hat sich selbst für uns geheiligt, hat sich Gott geweiht. Er ist Priester und Opfer zugleich. Er hat uns den Weg zu Gottes ewigem Heiligtum bereitet. Er selbst ist der Weg.

3. Jesus ist der Heilige Gottes

So sagen es die Dämonen (Mk. 1, 24), die unheiligen Geister, die den einen Heiligen erkennen, der die Macht des Satans überwindet. Ebenso aber sagt es Petrus im Namen aller Jünger (Joh. 6, 69). Dies ist das Letzte, was die Jünger an Jesus bindet, was sie hindert, ihn gleich all den andern zu verlassen. Sie haben geglaubt und er­kannt, daß er der Heilige Gottes ist; sie aber sind die Unheiligen. Er hat Worte des ewigen Lebens; sie aber sind ohne ihn dem ewigen Tode verfallen. Jesus ist der Heilige und Gerechte (Apg. 3, 14), er hat kein Unrecht getan — aber die Menschen haben ihn alle ver­worfen. Jesus ist „der Heilige und Wahrhaftige“ (Offb. 3, 7); da­mit empfängt Jesus Gottes eigene Namen (Jes. 6, 3; 65, 16).

Er ist der Heilige, denn der Vater hat ihn geheiligt und in die Welt gesandt (Joh. 10, 36). Gott hat ihn geheiligt, denn auf ihm ruht der Geist des Herrn, der Geist der Gegenwart Gottes. Er hat den Geist ohne Maß (Joh. 3, 34). Der Geist bestimmt sein ganzes Sein (Lk. 1, 35), all sein Wirken (Lk. 3, 16. 22; 4, 1); wehe dem, der den Geist Gottes lästert, den Heiligen Geist, der sich in Jesu Wirken und Wort offenbart (Mk. 3, 29; Mt. 12, 32). Hier sind die bösen Geister besiegt. Hier ist der Satan besiegt. Hier ist Gottes Herrschaft, in der alle Herrschaft des Argen, der Sünde, des Leides, des Todes überwunden ist (Mt. 12, 28).

Jesus ist „der heilige Knecht“ Gottes (Apg. 4, 27. 30). Vom Knecht Gottes spricht das 2. Buch Jesaja, besonders dessen 53. Kapitel. Es ist der gehorsame Knecht, auf dem der Geist Gottes ruht (Jes. 61, 1), der sein Leben hingibt für das dem Tode verfallene Leben der vielen, von allen verworfen und verachtet, mit Schmach überhäuft; Gott aber erweckt ihn vom Tode, führt ihn zur Ehre, zur Herrlich­keit und Herrschaft. Als dieser Knecht Gottes betet Jesus: „Ich heilige mich selbst für sie, daß auch sie geheiligt seien in Wahrheit“ (Joh. 17, 19). Er weiht sich selber Gott, gibt sein Leben Gott zum Opfer hin, da er gehorsam ist bis zum Tode und die Macht des Satans bis in die letzte Versuchung überwindet. Nun sind die Seinen, die er zu sich rechnet, mit ihm geheiligt. Er ist die Wahrheit (Joh. 14, 6), und alle Lüge, alle Finsternis hat kein Recht mehr an die Seinen. „Heiliger Vater“, so betet er, „heilige sie in der Wahrheit, Dein Wort ist Wahrheit“ (Joh. 17, 11. 17). Gott selbst hat ihn, den Meister und Herrn, geheiligt und nimmt seine Jünger als die Seinen an, in Jesu Wahrheit, der die Lüge und die Finsternis überwindet. Diese Wahrheit aber ist in seinem Wort. Jesus selbst ist die Wahr­heit, und seine Worte sind Wahrheit (Joh. 1, 17 f.; 8, 45 f.; 18, 37), und er selbst ist das Wort (Joh. 1, 1).

Und nun wendet der Hebräerbrief die alttestamentliche Opfer­sprache auf Jesus an (Hebr. 10, 10. 14. 29; 13, 12). Wir sind ge­heiligt ein für allemal durch das Opfer des Leibes Jesu Christi. Mit einem Opfer hat er in Ewigkeit vollendet, die geheiligt werden. Jesu Blut heiligt uns. — Jesus hat sein ganzes Leben, das er hier als Mensch, als unser Bruder lebte, hat seinen Leib für uns dahin­gegeben, hat sein Leben in den Tod gegeben, hat sein Blut für uns vergossen. So hat er sein Leben Gott geweiht, Gott geheiligt, in der Tat des vollkommenen Gehorsams (Hebr. 5, 8), in der Überwin­dung aller Versuchung (Hebr. 4, 15), in der Erfüllung des Willens Gottes (Hebr. 10, 9 f.). Gott selbst hat Jesus geheiligt, hat ihn zu uns, in unsere Not, in unseren Tod gesandt; und wir sind ihm ge­heiligt – er schämt sich nicht, uns Brüder zu heißen (Hebr. 2, 11).

Jesus Christus ist unsere Heiligung. Dies wird ausdrücklich 1. Kor. 1, 30 so gesagt. Nicht: Er spendet uns die Heiligung; sondern: er ist unsere Heiligung. Er ist der Heilige Gottes, und wir sind „in ihm“ geheiligt (1. Kor. 1, 2). Oft reden die Apostel von diesem „in ihm“, „in Christus“. Er schließt sich mit den Seinen zusammen, er schließt die Seinen in sich ein. Was der König tut, gilt seinem ganzen Volk. Was das Haupt ist, gilt dem ganzen Leib. Er hat sich für seine Gemeinde hingegeben, daß er sie heiligte, und hat sie gereinigt durch das Wasserbad im Wort (Eph. 5, 25 f.). In Christi Opfertat ist die Gemeinde heilig, rein und unsträflich, keine Anklage kann sie treffen. Das wird ihr im Wort zugesprochen; und das Wort wird jedem einzelnen für sich in seiner Taufe zugesprochen: Dein altes Leben gilt nicht, ist versenkt wie in einer Flut, aber Christus ist dein Leben (Eph. 5, 26 f.).

Christus ist unsere Heiligung, da er unsere Gerechtigkeit ist. In 1. Kor. 1, 30 steht das nebeneinander: Christus ist unsere Weisheit, und das heißt, daß er unsere Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung ist. Durch ihn können wir vor Gottes Richterthron bestehen. Christus ist unsere Gerechtigkeit. Da er unser Herr ist, wir seine Sklaven sind, sind wir nun Sklaven der Gerechtigkeit geworden (Röm. 6, 16. 18. 19). Damit aber ist unser ganzes Leben hier, mit Leib und Seele, mit Vernunft und allen Gliedern Gott geweiht und heilig (Röm. 6, 19). Die Heiligkeit ist die Frucht der Gerechtigkeit (Röm. 6, 22). Die Gerechtigkeit aber wird uns durch Gottes Wort zuge­sprochen (Röm. 6, 17). Dies Wort ist eine Lehre, die man hören und lernen kann, der wir übergeben worden sind und die sich unsere Herzen zum Horchen und Gehorchen unterwirft. Und dies Wort wird dem einzelnen in der Taufe zugesprochen (Röm. 6,1-11). „Ihr seid abgewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden im Namen des Herrn Jesus Christus und im Geist unseres Gottes (1. Kor. 6, 11). Hier ist alles zusammengefaßt, Taufe, Heiligung, Gerechtigkeit. Die Reihenfolge dieser Stücke kann wechseln; denn es ist alles ein und dasselbe, nur von verschiedenen Seiten gesehen, die Reinigung (Taufe), die Weihung an Gott (Heiligung), die Gerech­tigkeit vor Gottes Gericht. Im Namen Jesu Christi als des Herrn wird uns dies zugesprochen; der Geist Gottes spricht es uns im Wort zu. Gott selbst, unser Gott, sendet den Heiligen Geist, wie Gott selbst es ist, der Christus heiligt, in die Welt sendet, in unseren Tod gibt.

Gott selbst, der Heilige, heiligt uns: Was im Alten Testament vor­gebildet wurde, ist in Jesus erfüllt. Alle Zeugnisse des Neuen Testa­ments sprechen von Gottes Tat. Christus ist der Heilige Gottes, mit Gottes eigenem Namen genannt, vom Vater geheiligt (Mk. 1, 24; Joh. 6, 69; Offb. 3, 7; Joh. 10, 36). Der heilige Vater heiligt uns in der Wahrheit, und Jesus ist die Wahrheit und heiligt sich für uns (Joh. 17, 11. 17. 19). Gott hat Jesus geheiligt, und wir sind nach Gottes Willen in ihm geheiligt (Hebr. 2, 11; 10, 9 f.; vgl. 1. Thess. 4, 3). Gott hat Christus für uns gemacht zur Heiligung, Gerechtig­keit und Erlösung (1. Kor. 1, 30). — Gott selbst ist es, der uns ruft in seinem Wort und uns eben dadurch heiligt, Geist samt Leib und Seele (1. Thess. 5, 24. 23). Gott, der uns in seinem Wort gerufen hat und heilig ist, befiehlt uns: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig“ (1. Petr. 1, 15 f.). Gott hat uns gerufen mit heiligem Ruf, nicht nach unseren Werken, sondern nach seinem Vorsatz und nach der Gnade, die uns in Christus Jesus gegeben ist (2. Tim. 1. 9).

4. Wir werden geheiligt in der Heiligung des Geistes

Luther überschreibt den dritten Artikel des Glaubensbekenntnisses: „Von der Heiligung“.

Die Heiligung des Geistes ist nicht ein Zweites neben Jesus Christus, der unsere Heiligung ist. Im Wort 1. Kor. 6, 11 stand beides in einem, der Name des Herrn Jesus und der Geist unseres Gottes. Der Heilige Geist weiß nichts anderes als Christus. Alles, was der Geist tut, besteht darin, daß er an Jesu Worte erinnert (Joh. 14, 26), daß er Jesus verherrlicht (Joh. 16, 14), daß er uns an Jesus als unseren Herrn bindet (1. Kor. 12, 3). Luther sagt im Großen Kate­chismus: „Das Heiligen ist nichts anderes denn zu dem Herrn Christus bringen, solch Gut zu empfahen, dazu wir von uns selbst nicht kommen könnten.“

Der Heilige Geist redet in Gottes Wort, und nur in Gottes Wort. Gottes Geist und Gottes Wort gehören in der ganzen Bibel aufs festeste zueinander. Luther schildert im Kleinen Katechismus das Werk des Geistes, indem er das Evangelium beschreibt: im Evan­gelium ruft uns der Geist, erleuchtet uns, schenkt uns den Glauben, und darin heiligt er uns. Alles, was Gott an uns tut, tut er an uns durch sein Wort; dies Wort aber wird durch Gottes Geist uns zu­gesprochen. Alles, was Christus für uns ist, wird uns zugesprochen im Wort, und nur im Wort, das uns gepredigt, verkündet, ins Herz gesenkt wird. Melanchthon sagt (in der Apologie des Augsburgischen Bekenntnisses), es sei „die Frucht der Predigt, daß wir, mit dem Blut Christi besprengt, geheiligt werden, daß der alte Adam getötet (werde) und der Geist zunehme“.

Der Heilige Geist ist die Gegenwart Christi. Geheiligt im Heiligen Geist (Röm. 15, 16), das ist dasselbe wie: geheiligt in Christo Jesu (1. Kor. 1, 2). Der Herr ist der Geist (2. Kor. 3, 17).

Der Heilige Geist ist Gottes Geist, ist Gottes eigene Gegenwart. Es ist nicht zufällig, daß wir vom „Heiligen“ Geist reden, obschon der biblische Sprachgebrauch auch „den Geist“, den Geist Gottes, Christi Geist, den Geist Jesu kennt. Aber die ehrfürchtigste Nen­nung ist die häufigste: der Heilige Geist. Der Heilige Geist nimmt an Gottes Heiligkeit teil. Gottes Geist ist unnahbar und heilig wie Gott selbst. Wehe dem, der den Geist Gottes entrüstet, ihn empört, betrübt, ihm lügt oder gar ihn lästert. Aber eben dieser unnahbare Geist Gottes ist es, der uns Gott weiht, uns für Gott heiligt.

Darum wird auch in der Bibel nie so geredet, als strömte der Geist Gottes, der in Christus wohnt, unmittelbar von Christus auf uns über. Wo so geredet wird, wird leicht die Heiligkeit Gottes ver­gessen. Der Heilige Geist weiß nur von dem Christus, der sich für uns dahingegeben hat und für uns eintritt, ohne den wir keinen Augenblick vor Gott bestehen können. Von der Pfingstrede des Petrus an sind alle Worte des Heiligen Geistes nichts anderes als Predigt Christi. Wo Christus vor Augen gemalt wird als der Ge­kreuzigte, da wird der Geist Gottes empfangen (Gal. 3, 2. 5). Der Geist ist der Zeuge Christi, der in die Herzen hinein bezeugt, daß Christus der Herr ist (1. Joh. 5, 10; Offb. 1, 9; 19, 10; 1. Kor. 12, 3). Wenn die Apostel, die Zeugen des Auferstandenen, ihn verkünden, dann bekräftigt der Heilige Geist Gottes dies Zeugnis an den Her­zen (Joh. 15, 27. 26; Apg. 5, 32). Paulus hat es uns beschrieben, wie in seinem unscheinbaren missionarischen Wort der Geist Gottes selbst geredet und sich bezeugt hat (1. Thess. 1, 5 f.; 1. Thess. 1, 4-13; 1. Kor. 1, 17-2, 5; Röm. 15, 16-19 u. a.). Der Geist ist es, der die Liebe Gottes uns ins Herz hinein zuspricht, der Geist, der uns als Gottes Eigentum versiegelt (Röm. 5, 5; 2. Kor. 1, 22), der Geist, der uns beten lehrt: Abba Vater (Röm. 8, 15. 26).

Der Heilige Geist schafft, wie das Glaubensbekenntnis sagt, die Ge­meinschaft der Heiligen. „Gemeinschaft“ ist das Wort für die Wir­kung des Geistes, wie die Gnade als Jesu Christi und die Liebe als Gottes Tat bezeugt wird (2. Kor. 13, 13).

Die Gemeinschaft des Heiligen Geistes ist die Gemeinschaft der Heiligen. Über sechzigmal im Neuen Testament (wie schon oft im Alten Testament, s. o.) heißt der Name für Gottes Volk, für Gottes Gemeinde: „Die Heiligen“. Gottes Gemeinde ist das Volk der „Ge­heiligten“; es kann von jedem einzelnen als einem „Heiligen“ ge­sprochen werden. Jeder einzelne für sich ist durch Gottes Ruf und Wort getroffen, jeder einzelne für sich in der Taufe Gott geweiht. Aber jeden einzelnen trifft das Wort nur aus dem Mund der Ge­meinde. Jeden einzelnen ruft das Wort in die Gemeinde der Hei­ligen, in den Dienst der Heiligen, in die heilige Schar Gottes, die Gott geweiht ist; die nicht mehr sich selbst, sondern Gott gehört, nicht mehr dem Satan, der Welt, dem Tode verfallen ist, sondern Gott zu eigen ist.

Das Leben dieser Heiligen ist ein heiliges Opfer von Leib und Leben (Röm. 12, 1 f.). Die Gemeinde ist eine heilige Priesterschar (1. Petr. 2, 5), deren Gebet Gott als Opfer annimmt (Offb. 5, 8; 8, 3 f.). Geduld und Glauben der Heiligen hält dem Tode und der Ver­folgung stand (Offb. 13, 10; 14, 12), der Glaube, der auf Gott ge­worfen ist, die Geduld, die auf Gott harrt. Der Heiligen gerechte Taten stehen vor Gott, und ihr Blutopfer ist vor ihm unvergessen (Offb. 19,8; 17, 6; 6,10 f.).

Dies alles aber ist nicht und in nichts die eigene Heiligkeit der Christen. Das Gebet ist das Eintreten des Geistes für die Heiligen (Röm. 8, 27), der Glaube beruht in der Erleuchtung des Geistes, welcher immer neu den Heiligen Gottes den Blick öffnet für Gottes verborgene Welt (Eph. 1, 18; Kol. 1, 12 u. a.). Und alles, was Ge­staltung und Wandel des Lebens heißt, ist nur dadurch bestimmt, daß Gott uns von sich aus geheiligt hat. „Unzucht aber und alle Unreinigkeit oder Geiz lasset bei euch nicht einmal genannt werden, wie es den Heiligen ziemt“ (Eph. 5, 3). Tat und Wort wird durch das bestimmt, was Gott ein für allemal an uns getan hat. Was „ziemt“ sich denen, die Gott zu seinem Lichte rief? Christus hat die Seinen, einst Gottes Feinde, mit Gott versöhnt, daß er sie darstellte heilig und unsträflich und ohne Tadel vor dem Angesicht Gottes (Kol. 1, 21 f.); das wird ihnen im Wort des Evangeliums immer neu zugesprochen (Kol. 1, 5 f. 23), und es gilt nur, in diesem Wort zu bleiben (Kol. 1, 28; 3, 16); dies Wort trägt als Zuspruch und Mah­nung die Kraft der Erfüllung in sich selbst: „So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Er­barmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld“ (Kol. 3, 12) — und wie nur sonst die apostolischen Mahnungen lauten.

Es ist immer neu merkwürdig, wie Paulus es wagt, alle seine Ge­meinden mit größter Zuversicht „die Heiligen“ zu nennen, auch die, deren Schäden offenkundig sind und die er unter Furcht und Tränen, unter bittersten Kämpfen zu Christus zurückrufen muß. Aber er weiß es, und alle Apostel wissen es, daß Christi Opfer ein für allemal gilt, daß das Wort des Geistes Gottes kein vergebliches Wort ist. Er weiß es, daß auch seine strafenden, drohenden, warnen­den Worte die Macht in sich haben, das selbst zu erfüllen, was sie sagen. Der Zuspruch, daß Christus unsere Heiligung ist, hat in sich die Kraft, von der Macht und Herrschaft der Sünde und des Satans zu lösen. Es gilt nur, beständig und immer neu unter diesem Zu­spruch zu bleiben.

„Wer Unrecht tut, der tue fernerhin Unrecht; und wer unrein ist, sei fernerhin unrein; und wer gerecht ist, der tue fernerhin Gerech­tigkeit; und wer heilig ist, der sei fernerhin heilig. Siehe ich komme bald.“ (Offb. 22, 11 f.)

5. Irrwege der Heiligung

Solange die Gemeinde Christi besteht, ist sie immer neu auf zwei Abwegen von der Heiligung fortgeführt worden. Sie hat entweder die Heiligkeit vergessen, die ihr zugesprochen ist, oder sie hat den Weg der eigenen Heiligkeit gewählt.

Die Worte des Neuen Testaments, die zu uns redeten, waren weit­hin gegen den Gegner gerichtet, der die Heiligkeit der Gemeinde vergißt. Der Kampf der meisten Paulusbriefe, der Johanneischen Schriften, fast möchte man sagen, der ganzen zweiten Hälfte des Neuen Testaments, geht vornehmlich gegen diesen Gegner, der die Gemeinde verführt, die Heiligkeit Gottes zu vergessen. „Wie stimmt Christus mit Belial? Was hat der Tempel Gottes gemein mit den Götzen?“ (2. Kor. 6, 15. 16.) „Wer aber anders lehret und lebet, denn das Wort Gottes lehret, der entheiligt unter uns den Namen Gottes. Davor behüte uns, himmlischer Vater!“

Der andere Abweg ist der Weg der eigenen Heiligkeit. Jesu Kampf gegen die Pharisäer, Paulus’ Kampf im Römer- und Galaterbrief gilt diesen Feinden des Evangeliums. Was sich damals im Judentum zutrug, hat sich in der Geschichte der Kirche fort und fort wieder­holt. Die Heilige Schrift, der heilige Name Gottes, unsere heilige Sitte, Übung und Gewohnheit werden der Deckmantel, hinter dem man die eigene Bosheit versteckt. Es ist im Grunde derselbe Feind, es ist im Grunde die gleiche Feindschaft gegen Gottes Heiligkeit wie die heidnische Feindschaft gegen Gottes Gebote, nur daß sie sich hier fromm verkleidet. Die Reformatoren haben diesen Kampf des Neuen Testaments erneuert. Sie wissen von den „verzweifelten“, „stolzen“, „frechen“ Heiligen, denen die einfachen Zehn Gebote Gottes als lächerlich gering gelten, die aber das Erste Gebot nun und nimmer erfüllen, das Gebot der Heiligung Gottes und seines Namens; statt dessen suchen sie die eigene Heiligkeit, die Ehre des eigenen Namens, die eigene Verherrlichung. Dies Erste Gebot, so sagen unsere Be­kenntnisschriften, wird nur durch das Wunder des Heiligen Geistes erfüllt, da, wo Christus unser Herr ist, da, wo wir von uns selber weg auf ihn gewiesen sind und bleiben. „Christus bleibt der einige Mittler und Versöhner (auch), wenn wir in ihm neu geboren sind.“ Dann aber freilich geschehen Werke eines neuen heiligen Wandels, so schlicht, wie es der Kleine Katechismus beschreibt, daß nämlich alle Gebote erfüllt werden, wo das Erste Gebot erfüllt wird. „Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen“; wir „sollen Gott fürchten und lieben, daß wir …“ Das Erste Gebot wird erfüllt im Glauben an Christus, und der Glaube wird uns im Wort zugesprochen, und „wegen des Glaubens sind unsere Werke heilig“, Werke, die Gott um Christi willen annimmt.

Quelle: Hans Asmussen, Rechtgläubigkeit und Frömmigkeit, Bd. 1, Berlin: Furche Verlag, 1938, S. 9-20.

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