Claus Westermann, Was ist das für eine Geschichte, die das Alte Testament erzählt?: „Sie ist darin von der Geschichte, wie sie die moderne Geschichtswissenschaft versteht, unterschieden, daß das hier Geschehende zwischen Gott und Mensch, zwi­schen dem Schöpfer und seiner Schöpfung geschieht. Der im 19. Jahrhundert geprägte Geschichtsbegriff kann dann für eine Theologie des Alten Testa­ments nicht allein maßgebend sein, weil er ein Wirken Gottes als Bestandteil der Geschichte von vornherein ausschließt.“

Was ist das für eine Geschichte, die das Alte Testament erzählt?

Von Claus Westermann

1. Was ist das für eine Geschichte, die das Alte Testament erzählt? Sie ist darin von der Geschichte, wie sie die moderne Geschichtswissenschaft versteht, unterschieden, daß das hier Geschehende zwischen Gott und Mensch, zwi­schen dem Schöpfer und seiner Schöpfung geschieht. Der im 19. Jahrhundert geprägte Geschichtsbegriff kann dann für eine Theologie des Alten Testa­ments nicht allein maßgebend sein, weil er ein Wirken Gottes als Bestandteil der Geschichte von vornherein ausschließt. Im Alten Testament gehört zu allem Geschehenden das Wirken und Reden Gottes; Wirklichkeit ohne Wir­ken Gottes gibt es für den Menschen des Alten Testaments noch nicht. Das die Geschichte Bewegende geschieht zwischen Gott und Mensch; M. Buber spricht von dialogischem Geschehen[1]. Es ist in der Erschaffung des Menschen begründet; Gott hat den Menschen nach seinem Bild zu seiner Entsprechung geschaffen, damit etwas zwischen ihm und diesem Geschöpf geschehe.

Die Diskussion darüber, ob die Theologie des Alten Testaments die hi­storisch nachweisbare Geschichte oder die Glaubensvorstellung Israels von dieser Geschichte zum Gegenstand haben solle, die zwischen G. v. Rad und F. Hesse begann[2], ging auf beiden Seiten von falschen Voraussetzungen aus; denn beide setzen den Unterschied von Wirklichkeit und Glaubenswirklichkeit voraus. Was das Alte Testament von der Wirklichkeit sagt, das sagt es von Gott; was es von Gott sagt, das sagt es von der Wirklichkeit.

Damit unterscheidet sich die im Alten Testament erzählte Geschichte von dem in der historischen Wissenschaft gebrauchten Geschichtsbegriff. Dieser ist an der politischen Geschichte oder Volksgeschichte orientiert, d. h. der Ge­schichte der staatlich organisierten menschlichen Gemeinschaft. Maßgebend ist dabei die Dokumentierbarkeit geschichtlichen Geschehens; historisch veri­fizierbar ist, was in historischen Dokumenten nachgewiesen werden kann. Solche Dokumente entstanden erst im Zusammenhang mit staatlicher Organi­sation; die Geschichtsschreibung setzt die staatliche Organisation voraus[3]. Hierin liegt eine Grenze der historischen Wissenschaft: sie ist begrenzt auf Ge­schehendes, das dokumentiert ist. Diese Grenze zeigt sich vor allem bei der Er­forschung der Frühgeschichte der Menschheit, mit der sich andere Wissen­schaften beschäftigen, vor allem die Ethnologie, die es mit primitiven Völkern zu tun hat, wo sie im allgemeinen nicht mit historischen Quellen oder histori­schen Dokumenten arbeiten kann. Da sie sich mit Völkern, Stämmen und son­stigen Gruppen im vorhistorischen Stadium beschäftigt, muß sie mit anderen Gegebenheiten rechnen, die den Kriterien der historischen Wissenschaft nicht entsprechen. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Der Geschichtsschreibung geht die Erzählung voraus; Erzählung aber stellt Geschehendes anders dar als Ge­schichtsschreibung, sie erzählt wirklich Geschehenes, aber nicht so, daß es als ‚historisch‘ bestimmt werden könnte. Der Zeitrechnung in Geschichtsdaten geht die Zeitrechnung in Genealogien voraus; hier gilt dasselbe.

Diese beiden Beispiele treffen auch für das Alte Testament zu: Es umgreift das vorhistorische und das historische Stadium einer Gruppe. Eine Folgerung daraus ist, daß man die Alternative historisch-unhistorisch auf einen Teil der Texte des Alten Testaments anwenden kann, aber nicht auf alle, z.B. nicht auf die Vätergeschichte. Eine andere Folgerung daraus ist, daß sich im Alten Testament eine strenge Sonderung des Historischen vom Religiösen nicht durchführen läßt.

Der wichtigste Unterschied aber liegt darin, daß das Wirken Gottes uni­versal ist, daß es das Ganze des Geschehenden vom Anfang bis zum Ende um­faßt. Das ‚Historische‘ läßt sich aus diesem umfassenden Geschehen nicht einfach herauslösen.

Diese Geschichte vollzieht sich in drei Kreisen: In ihrer Mitte ist die Ge­schichte des Gottesvolkes, die der politischen, historisch darstellbaren Ge­schichte eines Volkes zwischen anderen Völkern entspricht; in einem weiteren Kreis ist sie die Geschichte der ‚family of man‘, der Generationen von Familien und ihrer einzelnen Glieder in ihrem persönlichen, durchaus unpolitischen Lebensbereich, wie sie in den Vätergeschichten dargestellt ist. Im weitesten Kreis ist sie die Geschichte der in Völker gegliederten Menschheit als ganzer auf der Erde als ganzer, wie sie Gegenstand des Urgeschehens am Anfang und der Apokalyptik am Ende ist. Das entspricht der Konzeption des Jahwisten, die sich in der Zusammenfügung der Urgeschichte (Gen. 1-11) mit der Väter­geschichte (Gen. 12-50) und mit der Volksgeschichte (vom Exodus bis zur Landnahme) zeigt. Sie tritt deutlich in der Einleitung zur Vätergeschichte zu­tage (Gen. 12,1-3), in der die Verheißung an Abraham nicht auf Israel, das Volk Gottes, begrenzt ist, sondern rückblickend auf die Völker in die sich die Menschheit verzweigt hat (Gen. 10), die Völker der Erde in der Segensverhei­ßung umschließt: „in dir sollen sich segnen alle Geschlechter der Erde.“

2. Aber auch der im 19. Jahrhundert geprägte und von dessen Geschichts­begriff abhängige Begriff der Heilsgeschichte kann für eine Theologie des AT nicht oder doch nicht allein bestimmend sein[4]. Im Unterschied zu einem eng gefaßten Begriff der Heilsgeschichte redet das Alte Testament von einem Ge­schehen zwischen Mensch und Gott, das nicht auf die Geschichte der Ret­tungstaten beschränkt werden kann. Zwar beginnt die Geschichte des Volkes Israel mit einer Rettungstat Gottes, und das Bekenntnis zu Gott als dem Retter bleibt für sie bestimmend bis in das Neue Testament hinein; aber einmal steht dem Retten Gottes sein Richten gegenüber, und zu dem rettenden tritt das segnende Wirken Gottes, das den Rettungstaten Gottes nicht ein- oder unter­geordnet werden kann. Das zeigt sich im Aufbau des Pentateuch daran, daß die Mitte (Exodus bis Numeri) von Gottes Retten, der Rahmen (Genesis und Deuteronomium) überwiegend vom Segnen Gottes bestimmt sind. Die enge heilsgeschichtliche Erklärung des Alten Testaments setzt voraus, daß das Wir­ken Gottes als Heilswirken im wesentlichen durchgehend das gleiche ist und auf die gleiche Größe des Gottesvolkes bezogen sei. Aber die Eigenart der im Alten Testament erzählten Geschichte liegt gerade darin, daß das Wirken Gottes nicht vom Anfang bis zum Ende das gleiche ist, und nicht immer auf die gleiche Größe Volk bezogen ist, sondern in einer universalen Konzeption alle wichtigen Gemeinschaftsformen der Menschheitsgeschichte umfaßt, in deren Mitte das Gottesvolk und seine Geschichte steht: die Familie, der Stamm, das Volk und die Kultgemeinde, und darüber hinaus die Menschheit als ganze. Alle Bereiche menschlichen Lebens haben an ihr teil, Wirtschaft, Kultur, Sitte, Sozialleben, Politik, die alle irgendwo zu dem gehören, was zwischen Gott und den Menschen geschieht, und das ist und muß verschieden sein in einer Familie, einem Stamm im Prozeß des Seßhaftwerdens, einer Dorf­gemeinschaft mit Agrarwirtschaft und einem Königshof. Alles hat dabei seinen Sinn und seine Notwendigkeit: Was die Väter auf ihren Wanderungen und in ihren Familien von Gott und mit Gott erfuhren, die aus Ägypten Aus­ziehenden am Schilfmeer, in der Wüste und am Sinai, die Erfahrungen der ein­wan­dernden Stämme in ihren Kämpfen um das Wohnen im Lande. Es gehören dazu die neuen Erfahrungen der Berufung eines Führers, die Begegnung mit den Heiligtümern der Seßhaften, die Erfahrung des Segens Gottes in der neuen Form der Ackerbauwirtschaft mit ihren Jahresfesten, die Übernahme des Königtums mit neuen Verheißungen und neuen Gefahren bis hin zum Durch­leiden des Zusammenbruchs, der von den Propheten längst angekündigt war, zu den Demütigungen des Exils und dem neuen Anfang als Kultgemeinde der Provinz eines Großreiches. Diese vielgestaltige Wirklichkeit, dargestellt in viel­gestaltigen Sprachformen, wird vom Wirken Gottes umfaßt, sie wird von den Worten Gottes bewegt und aus ihr erhebt sich die Antwort.

Quelle: Claus Westermann, Theologie des Alten Testaments in Grundzügen, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1978, S. 8-10.


[1] M. Buber, 1923 und 1954, dazu H. H. Schrey, Erträge der Forschung 1.

[2] F. Hesse, KuD 4; ders., ZThK 57 und G.v. Rad, Einleitung zur 4. Auflage seiner AT-Theologie.

[3] A. Alt, Josua, KlSchr. 1,176-192; M. Noth, RGG3 II, 1498-1501.

[4] Die klassische Darstellung von K.v. Hofmann. In kurzer Form gibt einen guten Begriff F. Delitzsch, Gen. Komm. 277-284.

Hier der Text als pdf.

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