Martin Luther über die Mysterien (Geheimnisse) Gottes in seiner Auslegung zu 1. Korinther 4,1: „Mysterium ist, wenn du hörst die Dinge, die du in deinem Glauben behältst, dass Christus, Got­tes Sohn, von einer Jungfrauen geboren, ge­storben, auferstanden sei; und das alles um Vergebung unsrer Sünde. Denn dieser Dinge sieht das Auge keines, begreift die Vernunft keines.“

Über die Mysterien Gottes (Auslegung zu 1. Korinther 4,1)

Von Martin Luther

Nun hat Gott auch ein Haus, das sind wir selbst, die christliche Kirche, darin sind die Pfarrherren und Bischöfe Hauskundige und Haushalter, die des Hauses warten sollen, mit Speise versorgen und das Gesinde regieren. Aber seine Güter sind nicht leiblich. Darum scheidet St. Paulus die Haushalter Gottes von allen andern leiblichen Haushaltern. Jene, die geben sichtlich Brot und regieren die Körper; aber diese geben unsichtliche Speise und regie­ren die Seelen: darum nennt er sie mysteria. Das ist auch alles aus der Weise kommen, dass wir nicht mehr wissen, was der Haushalter sei oder heiße, und wer die mysteria sind. Sie meinen, wenn sie taufen, Messe halten und an­dere Sakramente reichen, so haben sie die mysteria gehandelt, und ist jetzt kein Mysterium tüchtig denn die Messe; wiewohl sie auch nicht wissen, warum es mysterium müsse heißen.

Ich kann heutigen Tages kein Deutsch finden auf das Wort mysterion, und wäre gleich gut, dass wir blieben bei demselbigen griechischen Wort, wie wir bei vielen mehr sind geblieben. Es heißet ja so viel, als secretum, [arcanum], ein solch Ding, das aus den Augen getan und verborgen ist, das niemand sieht, und geht gemeiniglich die Worte an; als, wenn etwas gesagt wird, das man nicht ver­steht, spricht man: Das ist verdeckt, da ist et­was hinten, das hat ein mysterion, da ist etwas Verborgenes. Eben dasselbige Verbor­gene heißt eigentlich Mysterium, ich heiße es ein Geheimnis.

Was sind denn nun die mysteria Gottes? Nichts anderes denn Christus selbst, das ist, der Glaube und Evangelium von Christo; denn alles, was im Evangelia gepredigt wird, das ist von Sinnen und Vernunft ferne gesetzt und aller Welt verborgen, mag auch nicht er­langt werden, denn allein durch den Glauben; wie er auch selbst sagt Matthäus 11,25: „Ich bekenne dir, Herr, Vater Himmels und der Erden, dass du diese Dinge verborgen hast den Weisen und Verständigen, und hast sie offen­baret den Kleinen“; und Paulus 1. Korinther 2,8: „Wir predigen die Weisheit Gottes in der Heimlichkeit verborgen, welche keiner dieser Welt Fürsten erkannt hat.“

Und dass ichs aufs klärlichste sage: Mysterium ist, wenn du hörst die Dinge, die du in deinem Glauben behältst, dass Christus, Got­tes Sohn, von einer Jungfrauen geboren, ge­storben, auferstanden sei; und das alles um Vergebung unsrer Sünde. Denn dieser Dinge sieht das Auge keines, begreift die Vernunft keines; ja, wie St. Paulus 1. Korinther 1,23 sagt: „Es ist eitel Torheit vor den Klugen, und eitel Ärgernis vor den Heiligen.“ Denn wie ists möglich, dass Natur erkenne oder Vernunft bekenne, dass dieser Mensch, Christus, sei unser Leben, Heil, Friede, Gerechtigkeit, Erlösung, Kraft, Weisheit, Herr aller Kreaturen und Gott, und alles, was die Schrift von ihm sagt? Niemand kann davon wissen, denn der es aus dem Evangelia hört und glaubt, es ist zu ferne von Sinn und Vernunft.

So sind nun Gottes mysteria nichts anderes, denn die Dinge oder Güter, die von Christo durchs Evangelium gepredigt werden, und die allein der Glaube fasst und behält. Davon sagt Paulus 1.Timotheus 3,16, [da er auch von diesen Sachen redet, und lehrt, wie er wandeln soll im Hause Gottes]: „Es ist ein öffentlich groß mysterion des göttlichen Wan­dels, das da ist offenbaret im Fleisch, rechtfer­tiget im Geist, erschienen den Engeln, geprediget den Heiden, geglaubt von der Welt, aus­genommen zur Herrlichkeit.“ Das ist alles von Christo gesagt, welcher ist offenbaret im Fleisch. Denn er hat gewandelt unter den Menschen, die Fleisch und Blut hatten, und er auch selbst; aber dennoch blieb er Mysterium. Denn dass er Christus, Gottes Sohn, das Leben, der Weg, die Wahrheit und alles Gute wäre, war verborgen.

Doch ist er „rechtfertiget im Geist“, das ist, die Gläubigen durch den Geist haben ihn dafür angenommen, erkennet und gehalten. Denn dies Rechtfertigen ist zu verstehen nach der Weise Lukas 7,29: „Alles Volk und auch die Zöllner rechtfertigen Gott“; item Psalm 51,6: „Auf dass du gerechtfertiget werdest in deinem Worte“; das ist alles so viel gesagt: Wer an Christum glaubt, der gibt ihm recht, bekennt, dass wahr sei, dass er allein unser Leben, Ge­rechtigkeit, Weisheit sei, und wir Sünder, tot und verdammt sind; denn das ist er und wills auch sein. Und wer ihn dafür hält, der recht­fertiget ihn in seinem Geist; wer es aber nicht tut, steht auf seinen Werken, will nicht ver­dammt lasten sein, was er ist, der hadert mit ihm und verdammt ihn. [Aber Christum also rechtfertigen, das geschieht von niemand, denn der den Heiligen Geist hat, dessen Werk ist es allein. Fleisch und Blut kann es nicht tun, ob es gleich vor Augen und Ohren offenbarlich dargestellt und gepredigt wird.]

Von der Rechtfertigung ist auch das Römer 1,4 gesagt: „Er ist erweiset Gottes Sohn in der Kraft, nach dem Geist, der da hei­liget.“ Als sollte er sagen: In den Ungläu­bigen ist er nichts, und nicht allein schwach, sondern auch gar verdammt. Wo aber Hei­lige sind, die im Geist leben, der sie heiligt, bei denen ists kräftiglich und groß gehalten, dass er Gottes Sohn sei; denn es ist ihnen erweiset und beschlossen festiglich.

Nun hätte St. Paulus hier wohl kön­nen sagen also: Wir sind Haushalter der Weis­heit Gottes, oder der Gerechtigkeit Gottes, oder dergleichen; sintemal Christus das alles ist, wie er sagt 1.Korinther 1,30: „Er ist uns von Gott gemacht zur Weisheit, und Gerechtig­keit, und Heiligung, und Erlösung.“ Aber das wäre stücklich gewesen; darum wollte er auf einen Haufen mit Einem Wort begreifen alle diese Güter, die von Christo zu predigen sind, und nennt es Geheimnisse. Als sollte er sagen: Wir sind geistliche Haushalter, die wir sollen austeilen Gottes Gnade, Gottes Wahrheit; und wer kann sie erzählen insonderheit? Ich wills kürzlich begreifen, und sagen: Es sind Gottes Geheimnisse. Nennt sie darum Ge­heimnisse und verborgene Dinge, dass sie allein mit Glauben erlangt werden. Also tut er Römer 1,4 auch: da er mit Einem Wor­te wollte alles begreifen, wie Christus ist offenbaret im Fleisch, rechtfertiget im Geist, geprediget den Heiden etc., wie gesagt ist aus 1.Timotheus 3, spricht er kürzlich auf Griechisch oristheis, definitus. Summa Summarum: Er ist erweiset, be­schlossen, angenommen und gehalten für Got­tes Sohn, von Engeln, Heiden, Welt, Himmel und jedermann, dieweil er dafür ist offenbaret, rechtfertiget, erschienen, geprediget, geglaubet, ausgenommen etc. Darum nennt ers auch hier Geheimnisse und 1 Timotheus 3. ein Geheimnis. Es ist doch Ein Ding, Christus ists ganz und gar, Ein Geheimnis und viel Geheimnisse; denn viel heimliche Güter wir von ihm haben.

Auch ist das zu merken, das St. Paulus noch dazu tut, und spricht: „die Geheimnisse Gottes“, das ist, solche verborgene Dinge, die Gott gibt und in Gott sind. Denn der Teu­fel hat auch seine Geheimnisse, wie Offenbarung 17,5 spricht: „Sie hat an ihre Stirn geschrie­ben Geheimnisse Babylon“ etc.; item, Offenbarung 17,7: „Ich will dir zeigen das Geheimnis der Hure von Babylon“ etc. Das sind solche Ge­heimnisse, darüber der Papst und die Geist­lichen jetzt Haushalter sind; denn sie geben vor, ihre Lehre und Werk führen zum Him­mel, und ist dahinten eitel Tod und Hölle allen, die dran glauben. Aber dies sind Gottes Geheimnisse, da Leben und Seligkeit in­nen ist.

So haben wir nun des Apostels Mei­nung in diesen Worten, dass ein Diener Christi sei ein Haushalter in den Geheimnissen Gottes, das ist, er soll sich dafür halten und halten lassen, dass er nichts anderes denn die Dinge predige und dem Gesinde Gottes gebe, denn die Christus ist und in Christo sind; das ist, er soll das lautere Evangelium, den reinen Glau­ben predigen, wie allein Christus sei unser Le­ben, Weg, Weisheit, Kraft, Preis und Selig­keit etc., und dass unser Ding eitel Tod, Irrtum, Torheit, Unkraft, Schande und Verdammnis sei. Wer anders predigt, den soll kein Mensch für Christi Diener noch Haus­halter in göttlichen Gütern halten, sondern wie des Teufels Boten vermeiden.

Quelle: Adventspostille von 1522: Epistel am dritten Adventssonntag, 1.Korinther 4,1-5 (WA 10 I 2, 126,6-129,16).

Hier der Text als pdf.

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