Heinrich Vogel über das selige Sterben (Vom dankbaren Leben): „Wir sind im Begriff, im Zeitalter des Massentodes und seines »man stirbt« das Geheimnis unseres ei­genen Sterbens zu verfehlen in Selbstbetäubung und in Selbstbe­trug. Indem wir versuchen, Selbst-Behauptung noch im Sterben durchzuhalten, verlieren wir uns selbst; denn aus dem Selbst ist der Tod nicht zu bestehen!“

Vom seligen Sterben. Aus Briefen an einen Freund

Von Heinrich Vogel

»Was aber dann …«? Ich weiß: Du würdest mir die Antwort an der Stelle nicht ersparen, wo die Frage uns am härtesten, jedenfalls un­abweisbar auf die Brust gesetzt ist: in unserm eigenen Sterben. Zwar wiegt die Frage nach der Zukunft der ganzen Menschheit, ja. nach der neuen Welt Gottes, dem neuen Himmel und der neuen Erde, eigentlich unendlich viel schwerer als die nach einem so win­zigen Teilchen, wie wir es sind. Aber ich verstehe Dich nur zu gut, wenn Du mir schreibst: Das von dem Kommenden und seinem Reich Gesagte läsest Du zwar mit einer tiefen Zustimmung. Du kä­mest Dir auch gerade nach dem dort Gesagten einigermaßen klein­bürgerlich und schäbig vor, inmitten des Universums noch nach der Zukunft Deines eigenen Ich zu fragen. Du würdest die Frage aber einfach nicht los, zumal Deine Frau …! Ach, Du brauchst da gar nicht fortzufahren, ich verstehe Dich nur zu gut, gerade im Blick auf die Verklammerung mit dem Individualismus. Ja, in einer Dei­ner Formulierungen setzt Du mir, was mein eigenes Fragen betrifft, geradezu die Pistole auf die Brust: »Was ist es um die Zukunft mei­nes eigenen Ich«? Darum darf ich Dich beim Wort nehmen und im Blick auf mich selbst fragen: Was ist es um mein eigenes Sterben, meinen mir bevorstehenden Tod?

Verstehst Du: Ich möchte nicht all das von unzähligen anderen Sterblichen und auch von mir selbst über Vergänglichkeit, Tod und Sterben Gesagte um eine Variante bereichern, sondern mich der Frage stellen, wie sie mir (und denn je jedem Menschen) auf die Brust der eigenen Existenz gesetzt ist: der Frage nach dem eigenen Sterben! Freilich, kaum daß ich’s ausgesprochen habe, muß ich mir ins Wort fallen: Das ist doch unmöglich! Müßte nicht das eigene Sterben antizipieren können, wer real davon reden wollte?! Wie soll der Mensch, der doch weder die Stunde noch die Weise seines Sterbens im Wissen vorausnehmen kann, recht davon reden?! Wenn überhaupt, dann nur im Hören, im Hören des Wortes, das über den Tod Macht hat, und dessen Verheißung gerade dem ster­benden Menschen, je diesem einzelnen sterbenden Menschen gilt. So bitte ich Dich also, das vom Sterben unter dem Vorzeichen des dankbaren Hoffens zu Sagende nicht als Selbstaussage, sondern als die über uns zu hörende Wahrheit zu hören. Das darf natürlich nicht ausschließen, daß Du das, was ich davon zu sagen vermag, kritisch prüfst, ob es wirklich gehörte, das heißt: aus der Botschaft der Schrift vernommene Rede und nicht etwa doch – sei es schon wider Willen – getarnte Selbstaussage ist.

Selbstaussagen wären alle Aussagen, die aus der empirischen Wahr­nehmung der physisch-psychischen Phänomene des Sterbens bezie­hungsweise des Todes gewonnen wären, aber auch alle Aussagen, die aus der Versenkung in das Bewußtsein, in der Gestalt von ideel­len Postulaten der Sehnsucht erwüchsen. Die Sicht der ersteren Gruppe, die sich auf die Tatsache der allgemeinen Sterblichkeit der Menschheit und denn aller Kreatur berufen kann, kulminiert in den Thesen von der Endlichkeit der befristeten und damit abge­schlossenen Zeit. Ihre trivialste Gestalt ist die Behauptung, daß mit dem Tode »alles aus« sei. Die andere Gruppe von Aussagen postuliert in spekulativer Sehnsucht eine Unsterblichkeit, die erst durch den Tod hindurch in der Befreiung des wahren Selbst bzw. der »Seele«, von der sterblichen Hülle gewonnen würde. Als die eindrücklichsten Exempel dieser (jeder Mystik wesenseigenen) These steht mir der platonische, aber auch der indische Unsterb­lichkeitsglaube vor Augen. Platon (ich denke besonders an die Meditationen des seiner Hinrichtung entgegensehenden Sokrates im Phädon) besinnt sich in jener, in die Tiefen des wahren Selbst hinabsteigenden Anamnesis (der »Er-innerung«) auf die in diesem Selbst gegebenen Ideen des Wahren, des Guten und des Schönen, ja, des Göttlichen. Seine, den nahen Tod verachtende Schlußfolgerung ist die, daß der Mensch der Teilhabe (der Metoche) am Göttlichen unsterblich sein muß. Auf die Substanz gesehen begeg­net dasselbe mystische Postulat in der indischen Teilhabe des Athman (des wahren Selbst) am Brahman, das als das all-eine, wahre, als das alles durchdringende absolute Sein den Menschen die vergänglichen Schleier des Maja, dem das irdische Dasein zu­gehört, abstreifen und ihn, gegebenenfalls durch eine Seelenwan­derung hindurch, die Unsterblichkeit in der Vereinigung mit dem Brahman erreichen läßt.

Wer auch nur am Rande darauf gestoßen ist, in welchem Ausmaß die christliche Auferstehungshoffnung mit der Unsterblichkeits-Mystik in der christlichen Frömmigkeit (bis in unsere Kirchenlieder hinein) vermischt wurde, wird den radikalen Ernst des Gegensatzes zwischen allen Selbst-Aussagen und dem Bekenntnis zur gehörten Wahrheit empfinden. Die Unsterblichkeits-Postulate – das gilt noch und wieder von Blochs Behauptung einer für den Tod exterri­torialen Zone des Ursitzes der Hoffnung! – getrosten sich alle des menschlichen Selbst, versteht sich: des wahren, des todes-exterritorialen Selbst. Die in der gehörten Wahrheit gegründete Hoffnung der Auferstehung zum ewigen Leben gründet allein und ausschließ­lich in dem realen Mysterium der Stellvertretung, also in dem an un­serer Stelle getöteten und um unsertwillen auferstandenen Christus.

Du fragst: Was bedeutet das für mein Sterben? Zu allererst, daß ich dem schon gestorbenen Tod entgegengehe! »Ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christo in Gott. Wenn aber Christus, euer Leben, sich offenbaren wird, dann werdet ihr auch offenbar werden mit ihm in der Herrlichkeit«. Darum kann der Apostel dazu aufrufen: »Seid ihr nun mit Christo auferstanden, so suchet, was droben ist, da Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes« (Kolosser 3,1ff.). Das, »was droben ist«, ist nicht eine platonische Ideenwelt oder ein hinduistisches Brahman und dergleichen mehr, sondern der Christus, der den Tod (unsern Tod!) durch seinen Tod getötet hat, und mit dem wir als dem Auferstandenen zusammengehören. Alles, gerade im eigenen Sterben, entscheidet sich an der Frage, wem wir gehören. Lautet die Antwort letztlich doch: Uns selbst, so sind wir verloren und bleiben der Todeswelt verhaftet, der wir zu­gehören. Darf die Antwort aber lauten: Christus, dem für uns Ge­storbenen und Auferstandenen, so sind wir aus dem Tode schon durchgedrungen zum Leben, das keinen Tod mehr kennt. »Jesus spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe, und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst Du das?« (Evangelium Johannes 11,25-26). Darum antwortet der Heidelberger Katechismus auf die Frage: »Was ist Dein einziger Trost im Le­ben und im Sterben? Daß ich mit Leib und Seele, beides, im Leben und im Sterben, nicht mein, sondern meines getreuen Heilandes Je­su Christi eigen bin, der mit seinem teueren Blut für alle meine Sünden vollkömmlich bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teu­fels erlöst hat …«

Ja, diese Frage ist dem einzelnen, je mir auf die Brust gesetzt. Es geht um mein Sterben, das mir keiner meinesgleichen abnehmen kann, das mir aber schon abgenommen ist durch den, der dazu al­lein fähig und willig ist, den menschgewordenen Gottessohn. Das in seinem Namen beschlossene Wort läßt den Glaubenden die gehörte Antwort bejahen. Sie ist es, die mich behaftet mit dem »Du bist der Mann« (2. Samuelis 12,7). Sie ist es, die mich freispricht mit dem »Dir sind Deine Sünden vergeben« (Markus 2,5). Sie ist es, die in meinem Sterben noch mich bekennen läßt: »Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir« (Galater 2,20).

Das hat mit »Individualismus« wahrhaftig nichts zu tun. Es geht hier auch nicht nur um eine seltsame geistliche Unterstreichung der Tatsache, daß jeder Mensch höchst »individuell« sterben muß, – wie er ja auch »individuell« geboren wurde. Es wäre auch ein Mißverständnis, hier so etwas wie eine christliche »Parallele« zu der existentialistischen Interpretationsthese vom »Sein zum Tode« er­kennen zu wollen. Bei aller Bedeutsamkeit, die dem Satz von der »Jemeinigkeit« des »Seins zum Tode« gegenüber dem »man stirbt« zukommt, ist unsere Frage nach dem Sterben als dem je meinen Sterben radikal durch das Coram Deo und das In Christo bestimmt. Das »Ich« und »Mein«, um das es hier geht, ist durch den Anruf des Wortes Gottes konstituiert. Das gilt nicht nur für das ganze Leben eines Christen, sondern in be­sonderer Weise noch einmal für mein Sterben. Wir werden noch zu erkennen haben, von welcher Bedeu­tung das für die Frage nach dem »seligen Sterben«, ja, der »verhei­ßenen ewigen Seligkeit« ist.

Zunächst gilt es – in der Absage an die uns so naheliegenden Versu­che, ins Allgemeine und Unverbindliche empirisch oder auch spe­kulativ auszuweichen –, daß das Sterben (als mein Sterben!) schon das Leben in Christus bestimmt. Bereits in der Taufe als dem Be­gräbnis der in den Tod Christi Getauften (Römer 6,3) ist das Vor­zeichen des Lebens gesetzt, das nicht in sich selbst gründet, sondern allein in der Selbsthingabe des Herrn und seiner Liebe. Wenn Ster­ben heißt: Sich selbst entnommen werden, dann beginnt dieses Sterben (es ist wahrhaftig ein »seliges Sterben«!) schon in der Taufe und bestimmt die Nachfolge des Gekreuzigten in jedem Schritt, und zwar in der hoffenden Dankbarkeit. Ist der Verlust dieser Sicht nicht wesentlich daran schuld, daß wir im Begriff sind, im Zeitalter des Massentodes und seines »man stirbt« das Geheimnis unseres ei­genen Sterbens zu verfehlen in Selbstbetäubung und in Selbstbe­trug? Indem wir versuchen, Selbst-Behauptung noch im Sterben durchzuhalten, verlieren wir uns selbst; denn aus dem Selbst ist der Tod nicht zu bestehen! Wenn aber das Mit-gekreuzigt- und Mit-gestorben-Sein unser Leben durch Christus, mit Christus und in Chri­stus schon in seinem Ursprung bestimmt, dann ist der Tod als das Ende der uns gegönnten Zeit der Bewährung die Freigabe zu einem neuen Weg in der durch nichts mehr gehinderten oder bedrohten Zugehörigkeit zu dem Herrn, dem wir im Leben und im Sterben, in Zeit und Ewigkeit gehören. »Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum wir leben oder ster­ben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus auch gestorben und auferstanden und wieder lebendig geworden, daß er über Tote und Lebendige Herr sei« (Römer 14,7-9).

Du schreibst mir: So nachdenklich Du über die dem eigenen Tod gegenüber ohnmächtigen »Selbst-Aussagen« geworden seist, – das mit der Taufe und dem Tod sei zuviel für Dich. Du meinst, unter Tausend würden auf die Frage, womit sie den Gedanken an ihre Taufe zusammenbrächten, keine Zehn sein, die an den Tod däch­ten, und unter den Zehn vielleicht einer, der den Tod auf die Taufe bezöge, und dieser eine müsse dann ja wohl ein ausgewachsener Theologe sein! Daß ich nicht lache! Aber Du magst leider recht ha­ben, – bis auf die Illusion mit dem Theologen! Aber vergiß nicht, daß ich Dir ja nicht Selbst-Aussagen des menschlichen, auch nicht des christlich-frommen Selbst-Verständnisses vortragen wollte, sondern gehörte (im Zeugnis der Schrift gehörte!) Wahrheit! Und ist es da nicht wunderbar und wahrhaft tröstlich zu hören, daß der Getaufte seinen Tod schon hinter sich hat, vor sich aber das Leben in Christus und mit Christus?! Ist es nicht befreiend zu hören, daß der Anfangden Gott in der Taufe mit mir machte, sich durchhält in dem Ende der mir geschenkten Zeit? Ist unsere Existenz dann nicht in der dankbaren Hoffnung von Anfang zu Anfang gespannt? Ja, dann ist es sinnvoll und wahrhaft begründet, wenn jener erste Anfang durch das Sakrament der Taufe, jener zweite im Zeichen einer letzten Feier des Heiligen Abendmahls steht und stehen darf. Damit sehe ich mich vor Deine mir in erneuter Dringlichkeit wie­derholte Frage nach dem seligen Sterben gestellt.

Laß mich an dieser Stelle eine meiner Erinnerung unvergeßlich ein­geprägte Anekdote erzählen. Du weißt wohl um meinen, in aller Öffentlichkeit geführten Kampf gegen den »Dibelianismus«, insbe­sondere gegen alle christlichen Front- und Parteibildungen als eine verfehlte Antwort auf den militanten Atheismus unserer Tage. Nun also: Als der Bischof Dibelius seinen 85. Geburtstag feierte, waren in seiner Dahlemer Villa Himmel und Erde, die Vertreter von Staat und Kirche zur Gratulationscour angetreten. Der alte Bischof war – in kerzengerader Haltung – für jeden präsent, erwiderte jedem, der zu ihm herantrat, seinen Dank. Als auch ich, sein – das darf ich sa­gen – alter befreundeter Gegner, ihm meinen Glück- und Segens­wunsch aussprechen wollte, ließ er mich gar nicht erst zu Wort kommen, sondern sagte zu mir: »Ach Bruder Vogel, ich habe nur noch einen Wunsch: Der liebe Gott möchte bald ein Ende mit mir machen und mir das schenken, was die Väter das selige Sterben nannten« – Ich will in meinem Bericht hier nicht fortfahren, son­dern nur hinzufügen, daß die Erfüllung dieses Wunsches, der wohl der Wunsch eines jeden Christen in Gedanken an sein Sterben sein möchte, nicht an die Umstände des Sterbens, etwa an eine leichte und sanfte Gestalt meines oder Deines Sterbens gebunden ist. »Se­lig« sterben kann auch noch der in eine Gaskammer Hineingepreßte, aber auch noch der in einer Intensiv-Station am Tropf hängende Mensch. »Selig«, – das hängt nicht an Umständen und auch nicht an der Bewußtseinslage, die vielleicht ganz durch die Schmerzen oder ihre Betäubung bestimmt ist. »Selig« ist das Sterben des Menschen, der nicht sich selbst gehört, der darum sich in die Arme und in den Schoß dessen betten und fallen lassen darf, dessen Eigentum er ist, weil dieser Herr sich ihm zu eigen gab. Er darf sich als ein in den Abgrund des Todes Stürzender fallen lassen, wie ein kleines Kind sich (gestatte das simple Gleichnis!) vom Schrank fallen läßt in die zum Auffangen geöffneten Arme seines Vaters, ohne jeden Zwei­fel an dem Vater, der die (im Wort der Schrift) geöffneten Arme etwa zurückziehen könnte. Als Siegel dieser Zusammengehörigkeit mit seinem Herrn wird er noch einmal, wenn irgend möglich, ge­meinsam mit den um sein Sterbebett Versammelten das Mahl der Gemeinschaft mit dem begehen, dem er gehört. Ihm geht er entge­gen, zu ihm, nicht zum Tode breitet er die Arme aus. Er betet nicht: »Komm, süßer Tod«, sondern: »Ja, komm Herr Jesu«! Ihm, dem Kommenden darf ich in meinem Sterben zugewandt sein. Mein Sterbebett steht im Advent.

Das ist das von aller Selbstquälerei und ihren Zweifeln befreiende Geheimnis des seligen Sterbens. Da mag er denn mit Paul Gerhardt (der mit dieser Strophe seines Liedes gestorben ist) singen (selbst wenn er keinen Ton mehr herausbringt): »Kann uns doch kein Tod nicht töten, sondern reißt unsern Geist aus viel tausend Nöten« …

Oder wendest Du ein: So, wie ich rede, redet halt einer, der noch nicht im Sterben liegt, und, sagst Du, was hilft es mir, daß ein Paul Gerhardt so sterben konnte? Ja, das ist wahr, keiner von uns kann sein Sterben, das reale Sterben antizipieren. Wenn einer auch schon in jungen Jahren die Wahrheit darüber erkannt hätte, so läßt sich die Erfahrung der Wahrheit doch nicht antizipieren, und das ist gut so! Sonst wäre weder der Heilige Geist noch die Gegenwart Christi not, um die Stimme der den Tod tötenden, zum Leben erwecken­den und in den Advent des Kommenden stellenden Wahrheit zu hören. Darum gilt gerade auch im Blick auf das eigene, auf mein Sterben: »Lasset Eure Lenden umgürtet sein und Eure Lichter brennen, und seid gleich den Menschen, die auf Ihren Herrn war­ten!« (Lukas 12,35). Was uns aber erwartet, wenn wir auf Ihn war­ten, ist seine Hochzeit, die Hochzeit, die er, wie wir in der Offenba­rung Johannis hören (Offenbarung Johannes 19,6-7), mit seiner Braut, der Gemeinde, halten wird. Auf dieser Hochzeit dabei sein dürfen, nicht wahr, das wäre doch die ewige Seligkeit.

Aber, fällst Du mir ins Wort, werde ich denn dabei sein? Wartet auf mich nicht der Richter, dessen Gericht ich entgegensehe?! Ja­wohl, wir gehen dem Gericht entgegen, und ich wiederhole den Satz: »Wer das Jüngste Gericht leugnet, leugnet die Jüngste Gna­de«! Wer aber ist der Richter dieses Gerichtes? Kein anderer als der Gerichtete, der sich dem Gericht ausgeliefert hat, dem wir nicht entrinnen können und das unser keiner bestehen kann. Der an un­serer Stelle gerichtete Richter ist es, dem wir entgegengehen, ja dem wir entgegensterben. Darum steht mein Sterbebett im Licht seines Advents. Darum darf mein Sterben von jener Vorfreude erfüllt sein, deren vom Heiligen Geist entzündetes Licht noch unter der tiefsten Verhüllung durch Schmerzen und Leiden nicht erlischt. Der Geist, der sich mit unserm Verstummen und Seufzen so identi­fiziert, wie wir es im Römerbrief (8,26-27) hören, läßt das arme Windlicht auch vom Todessturm nicht ausblasen.

»Und die andern« fragst Du mich. Zuerst dachte ich, Du mein­test alle diejenigen, die zu solch einem Sterben nicht fähig sind, und die es einigermaßen irreal oder doch pathetisch-senti­mental anmutet, das im »Advent stehende Sterbebett« nun obendrein in das Licht einer Vorfreude zu rücken, wie sie ein Kind vor Weihnachten empfindet. Nun, ich leugne nicht, daß ich dabei unwillkürlich das Gesicht eines mir nahestehenden alten Verwandten vor Augen ha­be, der (von Lungenkrebs befallen) dem unentrinnbaren Tode wis­send entgegensah. Er lag auf seinem letzten Lager – ich kann es nicht anders ausdrücken – wie ein Kind, das sich auf Weihnachten freut, so daß all die Trostsprüche, mit denen ich mich auf diesen Krankenbesuch gerüstet hatte, unausgesprochen blieben. Aber das ist ja wahr: Die Gnade solch eines Sterbens ist keinem verfügbar. Nur sollten wir darum nicht ihre Möglichkeit leugnen, zumal sie nicht in unserer Erlebnisfähigkeit, sondern in dem Weihnachtswun­der gründet, in dem Gott mit uns tauschte.

Dann aber, als ich Deinen Brief weiterlas, wurde mir klar, daß Du bei den »andern« an die um das Sterbebett Versammelten als an die noch Überlebenden dachtest, die in Kürze zu »Hinterbliebe­nen« werden sollen. Wer denkt, wenn schon vom Sterben die Rede sein soll, wirklich an sie?! Sind sie es nicht, die das Sterben oft am schwersten machen? – Wenn Du von mir an dieser Stelle keine pa­storal-theologischen, seelsorgerlichen Ratschläge erwarten wirst, so laß mich nur auf eine zwiefache Chance hinweisen, die der Ster­bende, gerade wenn er dem Kom­menden »entgegenstirbt«, doch – hätte, – »hätte«, so Gott Gnade gibt: Seine Hoffnung auf Gott zu bezeugen und: die, um die er sich sorgt, zu segnen. Was die erste »Chance« betrifft, so wirst Du bei der Verbindung des Sterbens mit dem Zeugnis-Ablegen vor allem an das Sterben des Märtyrers den­ken, der mit seinem Tod den bezeugt, um des willen er den Tod erleidet. Du weißt, daß es in der Zeit der frühen, verfolgten Kirche so etwas wie eine Martyriums-Sehnsucht gegeben hat. Aber nicht das meine ich, und schon gar nicht die Wertung des Martyriums als eines Verdienstes, das wohl gar die Heiligsprechung begründete. Das »Martyri­on«, das Zeugnis, weist ja gerade von sich weg, indem es auf den darin Bezeugten hinweist. Daß ein Sterbender dies, nur noch dies tun darf, ist sein Privileg! Das ist denn auch sein Triumph, denn der von ihm bis in den Tod bezeugte Herr ist der Sieger, dem er noch im Sterben zugehört. – Dasselbe gilt auch von dem schlich­ten Zeugnis eines Sterbenden, dessen Tod (etwa ein Krebs-Tod) als solcher keinen Zeugnis-Charakter hat, der aber – und sei es nur noch in seinem Wunsch nach dem gemeinsamen Vater-unser, sein Ja und Amen zu der Gnade dessen spricht, in dessen Arme er sich fallen lassen darf.

In engster Einheit damit steht die Chance, zuletzt noch einmal seg­nen zu dürfen. Und ist es nicht eine Chance des uns segnenden Got­tes, daß unser letztes Wort ein segnendes, nicht ein hassendes oder verzweifeltes Wort sein darf?! Dabei denke ich nicht nur an den Se­gen des Vaters oder der Mutter über ihren Kindern, nicht nur an die Fürbitte für die Nächsten, sondern auch die Fernen, auch die Feinde. Wunderbar begegnet uns das in dem Bericht über das Mar­tyrium des Stephanus … »und steinigten Stephanus, der betete und sprach: Herr Jesu, nimm meinen Geist auf! Er kniete aber nieder und schrie laut: Herr, behalte ihnen diese Sünde nicht! Und als er das gesagt, entschlief er.« (Apostelgeschichte 7,58-59). Gerade mit dieser Segensbitte bezeugt er den Herrn, der am Kreuz betet: »Va­ter vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!« (Lukas 23,34).

Muß ich nach dem allen mich noch einmal der Frage nach dem »In­dividualismus« zuwenden, der sich in verkappter, sublimierter Ge­stalt nach der ewigen Seligkeit ausstreckte?! Ich halte diese Frage­stellung trotz unserer gar nicht zu leugnenden religiösen Selbstsucht doch für so pervers, wie wenn man die Vorfreude eines Kindes auf das ihm von seinem Vater versprochene Geschenk als »Egoismus« diskreditierte. Und ob der »Egoismus« darin zur Stelle wäre, so wä­re das Vorzeichen des Ganzen doch durch die Güte des Vaters be­stimmt, der die Vorfreude des Kindes ihm erst ermöglicht und gönnt. Es geht ja – außer dem Gleichnis geredet – um die überströ­mende Güte des Gottes, der in seinem innergöttlichen Wohlgefal­len (des Vaters an dem Sohn durch den Geist) der in sich selige Gott ist, der Gott, von dem Karl Barth so schön sagte, daß in ihm ein »ewiges Jauchzen« ist. Der Gott, der als der Schöpfer dem von ihm in das Sein und Wesen gerufenen Geschöpf die Daseins- und Lebensfreude gönnte, verheißt als der Erlöser dem versöhnten, wiedergewonnenen Geschöpf die Teilnahme an seiner Seligkeit, einer ewigen Lebensfreude, die von keinem Tod und von keiner Trennung, von keinem Kampf und keinem Zweifel mehr weiß. Darauf hoffen sollte »Egoismus« sein?! Hoffen heißt hier nur dan­ken, bis zuletzt nur noch danken. Schrecklich jene Anmerkung Kants (in der »Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Ver­nunft«), der auf die Frage nach dem, was zuletzt noch einem Ster­benden zu sagen wäre, ausdrücklich nur noch einmal die Einschär­fung des moralischen Gesetzes gelten lassen will und das Angebot der Gnade ausdrücklich für »Opium« erklärt! Das dürfte in einem viel tieferen Sinne antichristlich sein als jene törichte, oberflächli­che marxistische Verleumdung des Gnadenangebotes als Opium im Namen der gebotenen sozialen Revolution. In Wahrheit darf der Sterbende sich in die schon ausgebreiteten Arme dessen fallen las­sen, der bereit ist, ihn aufzufangen. Im Erlöschen dieses seines Ich-Be­wußtseins darf er noch sprechen »Ich will schauen Dein Antlitz in Gerechtigkeit. Ich will satt werden, wenn ich erwache, an Dei­nem Bilde« (Psalm 17,15).

Das ist die ewige Seligkeit: Gott schauen dürfen, wie er ist, Gott selbst in seiner göttlichen Herrlichkeit. Das Reich seines Friedens, seiner Freiheit und Freude durchleuchtenden Herrlichkeit wird er­füllt sein von der großen, nicht mehr verstummenden Doxologie: Gott ist Gott. Gott ist Gott, ist darin nicht wirklich alles beschlossen, letzte Antwort für alles Fragen, ewige Stillung jeden Hungers und Durstes, ewige Heilung jeder Wunde? Gott ist Gott, –dann ist ja alles, alles gut. Gott ist Gott, der Gott, der sich an unsere Niederla­ge preisgab, der unsern Tod und unsere Hölle übernahm, Er ist Gott. Er wird so evident werden, daß kein Zweifel und keine Leug­nung mehr möglich sein werden. Gott ist Gott, das ist weder mit dem Allah il Allah noch mit den Sehnsuchtspostulaten einer speku­lativen Identitäts-Philosophie zu verwechseln, das ist der ewige Lobgesang, der von aller Kreatur in der neuen Welt Gottes auf­steigt, in dem sie auch alle vor seinem Angesicht vereinigt sein werden.

Du fragtest: »Werden wir wiedersehen, die wir hier lieb hatten«? Ja, wir werden sie dann erst wirklich sehen, so sehen, wie Gott sie sieht! – Und Du fragst: Wird die Gemeinschaft in der neuen Welt Gottes auch die nicht-menschlichen Kreaturen, auch die Tiere der alten Welt miteinbefassen? Ich weiß es nicht. Zwar redet der Apo­stel in jener Römerbrief-Stelle von dem »ängstlichen Harren der Kreatur, das auf die Offenbarung der Kinder Gottes wartet«, und versiegelt sie, die doch der Vergänglichkeit unterworfen ist, »auf Hoffnung« (Römer 8,19 20). Was das aber bedeutet, weiß ich nicht, und ich halte es mit Calvins Warnen, da nicht weiterreden zu wollen, wo die Schrift schweigt. Eines glaube ich allerdings aus der Verheißung des neuen Himmels und der neuen Erde (Offenbarung 21,1 ff.) entnehmen zu können: Die verheißene Zukunft ist viel größer als alles, was wir davon zu denken wagen oder überhaupt denken können. Sie leuchtet auch noch über dem geringsten Würmlein und Grashalm. Das sage ich auf die Gefahr hin, daß Du mich nun doch damit verspottest, ich lehrte die Auferstehung der Maikäfer! Da Gott aber nicht ein Tier, sondern Mensch wurde, bescheide ich mich mit dem Licht der Verheißung, die dem Menschen gilt, ohne freilich die Mit-Kreaturen vergessen zu können, die der Apostel mit unter die uns leuchtende Hoffnung rückt.

Wer dankt, der hofft, und wer hofft, der dankt. So laß mich schlie­ßen eben mit der Verheißung des neuen Jerusalems als der »ihrem Mann geschmückten Braut«: »Und ich hörte eine große Stimme von dem Stuhl, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Men­schen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.« (Offenbarung 21,3-4).

Gott ist Gott

Amen.

P.S. Als eine kleine Gabe post festum – aber müßte ich nicht sagen: ante festum? – schicke ich Dir noch einen Versuch, das in den letz­ten Briefen Gesagte in einem schlichten Lied zu »verdichten«.

Sterbegebet

Mein Sterbebett steht im Advent,
ich warte auf Dein Kommen;
ob Leib und Seele sich auch trennt,
Du willst zum Heil mir frommen.

Ich freu mich, wie ein Kind sich freut,
wenn es schon bald weihnachtet,
wie sehr mein Fleisch den Tod noch scheut,
mein Geist zu Dir schon trachtet.

Herr, muß ich das Gericht bestehn,
Dich hat es längst getroffen;
und muß ich auch vor Dir vergehn,
Du läßt mich auf Dich hoffen.

So lasse sterbend ich mich fall’n
getrost in Dein Erbarmen;
und muß ich scheiden nun von all’n,
ich bleib in Deinen Armen.

Mit Deinen Armen Du umfaßt auch sie,
die um mich weinen;
der Du Dich uns vereinigt hast,
wirst uns in Dir auch einen.

Gott segne euch, ich bitt’ auf euch
herab des Vaters Segen;
bitt’ für die arme Welt
zugleich auf ihren dunklen Wegen.

Mein Sterbebett steht im Advent,
Du riefst mich schon bei Namen;
Dein Morgenstern am Himmel brennt,
ja, komm, Herr Jesu, Amen!

Quelle: Heinrich Vogel, Vom dankbaren Leben. Briefe an einen Freund, GTB 341, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 1979, S. 132-144.

Hier der Text als pdf.

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