Hans Joachim Iwands Predigtmeditation zu Matthäus 25,31-46 (1950): „Unser sich so schmückendes und brüstendes christliches Abendland sollte sich durch diesen Text einmal ins Licht des künftigen Gerichts stellen, dann würde sich zeigen, was Stroh und Stoppeln sind und was als Silber und Gold im Weltenfeuer des über uns kommenden Endgerichts bestehen wird. Die Flüchtlinge, die verbrannten Städte, die geschändeten Menschen in Lagern und Zwangsarbeit — sie sind die Bewährung, die Jesus meint, wenn er kommen wird „in seiner Herrlich­keit“.

Predigtmeditation zu Matthäus 25,31-46 (1950)

Von Hans Joachim Iwand

Dieser Text gehört zu den eindrucksvollsten aus dem ganzen Neuen Testament. Warum eigentlich? Offenbar darum, weil Jesus das Gericht ganz anders darstellt, als wir es erwarten. Man könnte fragen (und immer wieder haben das die Ausleger getan), wo hier die Dogmatik bleibt? Sie scheint völlig der Ethik das Feld geräumt zu haben. Infolgedessen ist unser Text immer wieder von denen gegen das Bekenntnis zu Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, ins Feld geführt worden, die daraus ein humanistisches oder auch ein religiös-soziales Programm machen wollten. Und doch verwehrt schon der Eingang diese Deutung. Denn „das Bild vom Weltgericht ist nicht eigentlich ein Gleichnis“ (Schniewind). Gleichnishaft ist nur das an Ezechiel 34 erinnernde Bild von dem von Gott selbst gesetzten Hirten, der die Lämmer von den Böcken scheidet. Daß aber Jesus, der zum Kreuz geht, unmittelbar vor der Salbung in Bethanien und dem letzten Mahl mit seinen Jüngern, so von der Wiederkunft des Königs-Hirten redet und der Versammlung der Völker vor seinem Thron, umgeben von dem Hofstaat der Engel, das bedeutet nicht mehr und nicht weniger als daß nun eben in der Hand dieses einen Menschen das Weltgericht liegen wird. Und wenn etwa Luther in der einzigen Predigt, die er über unseren Text gehalten hat, am Ende auf Deutschland zu sprechen kommt (1537; angesichts der Türkengefahr) — „denn was soll auch Gott anders dazu tun, er muß beide, Türken und Teufel über uns Raum lassen“ (!)[1], so hängt das offenbar damit zu­sammen, daß für ihn das Geschehen auf Erden Zeichen ist jenes kommenden, hereinbrechenden Endgerichts. Von da aus bekommt der Text sein besonderes Ge­wicht. In solchen Gerichtszeiten erkaltet die Liebe und die Frömmigkeit sinkt herab zu Worten ohne Taten und zu Zeremonien, die von den Menschen vollzogen werden, als ob sie damit das hereinbrechende Unheil bannen könnten. So muß man die von dem wiederkommenden Herrn am Tun der Barmherzigkeit er­kannte Gemeinde sehen, in dieser von Ungerechtigkeit, Selbstsucht und Kälte über­quellenden Welt stehend, dadurch als die „Seinen“ erwiesen, daß sie Zeugen und Täter der göttlichen Barmherzigkeit sind.

II.

Damit hängt nun das andere zusammen, die Frage nach den „geringsten Brüdern“[2]. E. Schlink hat ganz eindeutig gesagt, „die geringsten Brüder sind diejenigen, die in der Nachfolge Christi arm, obdachlos, gebunden werden gleich ihrem Herrn“[3]. Auch Schlink denkt dabei an die „messianischen Wehen“. Aber ihm ist unser Textwort Spruch des Königsrichters an die Völker, in dem diese Lohn und Strafe je nach Stellung zu der christlichen Gemeinde zu erwarten haben. Schlink will jenen Bruderbegriff vermeiden, der ohne Bezug auf Christus ge­wonnen wird. Er hat darin ohne Frage recht. Aber ist die Alternative richtig, die er der Verkündigung damit stellt? Selbstverständlich wird Jesus hier nicht das „Teilen“ einer Räuberbande, die miteinander das letzte Stück Brot bricht, als ein ihm ge­schehenes Werk herausstellen. „Ein turk helt alium ut bruder“[4]. Aber ist damit schon gesagt, daß diese geringsten Brüder Glieder der Gemeinde sein müssen? Ganz anders A. Schlatter: „absichtlich ist hier das, was die Liebe tut, von allen besonderen Voraussetzungen befreit. Es werden nur Leistungen genannt, die im Bereich eines jeden liegen, für die es keine theologische Unterweisung bedarf“[5]. Es ist offenbar, daß der König das Gericht nach den Werken vollzieht und daß die hier geltende Norm, die auch der Jude übt, ebenso „für alle Völker verwendbar ist“[6]. J. Schniewind sieht das Neue darum nicht in der Aufstellung einer „christ­lichen“ Norm, sondern in der „Tat und im Urteil über die Tat“. Ihm ist das Ent­scheidende, daß die Tat „nur bei denen geschieht, die vom eigenen Tun nichts wissen“[7]. Auch hier wird man fragen dürfen, ob damit die Pointe getroffen ist, denn ein „Nichtwissen“ ist ja beiden, den „Gesegneten meines Vaters“ und denen, die zur „ewigen Pein“ verdammt werden, gleich eigen. Es betrifft weniger das Wissen um die Tat, als darum, daß sie damit Ihn, den sie jetzt richtenden König, gespeist, getränkt, gekleidet und besucht, bzw. ihm dies alles nicht getan haben. Und so, wie die Täter der Barmherzigkeit nicht gerechtgesprochen werden, weil sie gewußt haben, daß Er es war, der hungerte, nackt, bloß, heimatlos, an den Rand der Straße gedrängt und in Kerker und Verließe geworfen war, so werden auch die Nicht-Täter nicht entschuldigt, weil sie es nicht gewußt haben. Das Wissen um die Bedeutung, die der Nächste und seine Not hat, rechtfertigt ebensowenig wie sein Fehlen entschuldigt (vgl. Lk. 16,27ff.). Nicht der Täter bezieht sich auf die Identität zwischen dem König und seinen Geringsten Brüdern (dieser Tatbestand „stört“ nicht die ethische Einsichtigkeit des Willens Gottes), sondern der Richter offenbart sie im Endgericht! Das Gesetz Gottes ist also gerade darum, weil es uns darauf verweist, den Nächsten in seiner Not zu lieben, auf jenen Tag bezogen, da Er (der Weltenrichter) erweisen wird, daß er selbst damit in seinem Incognito uns nahe war.

III.

Es handelt sich also nicht darum, daß wir Christus mit den Armen, Elenden und verfolgten identifizieren, sondern er selbst tut es, hat es getan und wird es tun! Er bleibt ohne Speise und Trank in denen, die nackt und bloß vor unserer Tür liegen. Was für eine höllische Pein bereiten wir uns, indem wir so blind an „seinen“ Brüdern vorübergehen. Es erhebt sich ja von hier die entscheidende Frage an die Welt von heute, ob sie nicht begreift, daß eben durch Jesus Christus das Verhältnis zum Nächsten enthüllt worden ist als ein solches, das Himmel und Hölle, Gottesreich und Aufbruch satanischer Gewalten in sich schließt? Wir stehen ja schon mitten drin in dem, was Jesus Christus hier zeichnet. Das Feuer schwelt bereits, aber wir meinen, wir werden es noch einmal stillen können! Hier ergibt sich nun auch die theologische Lösung der eingangs gestellten Frage: nicht das, was ich mit dem anderen gemein habe, macht ihn mir zum Bruder (das wäre humanistisch-ideali­stisch), sondern was ich habe und er nicht hat! Die Not, der Jammer, die Ver­lassenheit, das Elend, der Hunger, die Sklaverei und die Ketten — sie machen ihn mir zum Bruder. Und nun nicht so, daß ich mich in ihn „geistig“ versetze, sondern daß ich etwas tun muß, ich muß ihn kleiden, Haus und Heimat geben, ihn besuchen (und mich damit derselben Schmach aussetzen) etc. Das Endgericht wird nach den Werken erfolgen und nicht nach „Gesinnungen“.

Es mühte also wohl so sein, daß, wenn ich einmal am Gekreuzigten vorüber gekommen bin und ich dies „Haupt voll Blut und Wunden“ gesehen habe, ich es überall wiederfinden werde. Was wollen denn alle, die in unserem Evangelium ihre Dogmatik gefährdet sehen?! Wessen Dogmatik dadurch gefährdet ist, er stehe nun auf der Kanzel oder sitze unter ihr (und unter der Kanzel gibt es ja auch sehr viel selbstsichere Dogmatik, die oftmals das regiert, was auf der Kanzel gesagt wird!), der mag sie getrost fahren lassen, denn hier — im Evangelium vom Welt­gericht durch den wiederkommenden Christus — zeigt sich, daß Dogmatik und Ethik eins sind. Nur weil er, der Knecht Gottes von Jesaja 53, für uns gelitten hat, weil er diese Existenz eines heimatlosen, armen und elenden Bruders zu der Seinen gemacht hat und weil wir nun auf diesem Wege gerettet und selig werden konnten (Hebr. 2,10), darum werden wir ihn nicht lieben, wenn wir die Armen nicht lieben, und wir werden die Armen nicht lieben können, ohne eben damit (ohne es fassen zu können) ihm zu begegnen. Darum sind die Armen der Schatz der Kirche. „Der Mitmensch in seiner Bedrängnis, Schande und Qual stellt uns vor die Armut und Heimatlosigkeit, vor die Wundmale, vor den Leichnam, an das Grab Jesu Christi“[8], weit entfernt also, unser Evangelium lesen und begreifen zu können ohne das, was Jesus in seinem stellvertretenden Leiden (und sein ganzes Leben war in diesem Sinne stellvertretendes Leiden) für uns getan hat, ist es vielmehr Inbegriff einer aus dem Kreuz entspringenden, die Welt rettenden und richtenden, von Gott in seinem Erbarmen gesetzten Solidarität. Jede Gemeinde, jede Kirche und vor allem unser sich so schmückendes und brüstendes christliches Abendland sollte sich durch diesen Text einmal ins Licht des künftigen Gerichts stellen, dann würde sich zeigen, was Stroh und Stoppeln sind (man muß nur einmal im EPD den Wochenzettel kirchlicher Ereignisse lesen!) und was als Silber und Gold im Weltenfeuer des über uns kommenden Endgerichts bestehen wird. Die Flüchtlinge, die verbrannten Städte, die geschändeten Menschen in Lagern und Zwangsarbeit — sie sind die Bewährung, die Jesus meint, wenn er kommen wird „in seiner Herrlich­keit“. Sein Gesicht könnten wir dort erkennen! Es könnte uns, es müßte uns einfach herausholen aus unserer Sattheit, Sicherheit und Frömmigkeit. Es mühte uns deutlich machen, welche Stunde geschlagen hat und daß, was wir jetzt tun oder nicht tun, keine Ewigkeit rückgängig machen wird.

Man könnte, in Abwandlung eines berühmten Wortes, im Hinblick auf die sinnlose Zertrennung der Menschheit, die wir zur Zeit erleben, fragen: Soll der Knoten der Geschichte so aufgehen, daß das Evangelium an die Armen fortan ohne Jesus Christus oder gar gegen ihn und das Evangelium von Jesus Christus nicht mehr als das Evangelium an die Armen verstanden wird? Daß Jesus und die Armen auseinandergerissen werden, sie ohne ihn und er ohne sie? Begreifen wir denn nicht, daß die soziale Frage einen Unterton hat, den kein Mensch, der vom Kreuz her kommt, überhören kann und daß sie heute eine Dringlichkeit annimmt, die die Entscheidung jedem einzelnen vor die Türe legt? Es ist das Besondere an unserem Text, daß er die Menschen vor dem Richterstuhl Jesu Christi nackt zeigt, herausgenommen aus den Gehäusen ihrer Weltanschauungen und religiösen bzw. antireligiösen Meinungen, jenseits aller Maßstäbe, nach denen sie sich unter­einander rechtfertigen und verdammen, ohne das schützende Gitter gesellschaftlicher Vorurteile, nackt, gesehen vom Bruder her, gerichtet allein nach ihren eigenen Taten!

Lieder: Kommt Brüder, laßt uns gehen … Das sollt ihr Jünger Jesu nicht vergessen …

Quelle: Hans Joachim Iwand, Predigtmeditationen, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1963, S. 244-247.


[1] WA. 22, 423,1.

[2] Vgl. W. Brandt, Die geringsten Brüder. Jahrbuch der Theolog. Schule Bethel 1937. Es wäre wünschenswert, wenn dieser auch praktisch-theologisch so wichtige Aufsatz leichter zugänglich gemacht würde.

[3] In „Herr tue meine Lippen auf“ Bd.1, S. 258.

[4] WA. 45, 325,31.

[5] A. Schlatter, Der Evangelist Matthäus.

[6] A. Schlatter, Der Evangelist Matthäus.

[7] J. Schniewind, Das Evangelium nach Matthäus.

[8] Dieses Zitat stammt aus dem Abschnitt: Das Lob Gottes (K. Barth, Kirchliche Dogmatik I, 2), in dem ich die theologische Interpretation des Nächsten in der vollkommensten, unserer Stelle genau gerechtwerdenden Form wiederfinde, S. 474. Dort auch wichtige Worte gegenüber der falschen, lediglich die Not unsichtbar machenden Weltverbesserung.

Hier der Text als pdf.

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