Karl Barth, Des Christen Wehr und Waffen (1940): „Auch der aufrichtigste Friedensfreund steht heute vor einer letztlich sehr einfachen Frage: Bist du des ausdrücklich und unzweideutig vorliegenden Programms gewahr geworden, laut dessen ganz Europa und später einmal die ganze Erde zur „Interessensphäre“ oder zum „Lebensraum“ eines bestimmten europäischen Volkes gemacht werden soll?“

Des Christen Wehr und Waffen (1940)

Von Karl Barth

I.

Wer seine Bibel kennt, denkt bei diesem Thema ganz von selbst an die merkwürdige Stelle im 6. Kapitel des Briefes an die Epheser (V. 10-17), wo der Apostel die Christen auffordert, „stark zu sein in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke“, und wo er diese Aufforderung einkleidet in die Einladung, die Waffenrüstung — Luther hat übersetzt: den „Harnisch“ — Gottes anzuziehen, den Gürtel der Wahrheit, den Panzer der Gerechtigkeit, die Stiefel der Bereitschaft für das Evangelium des Friedens, den Schild des Glaubens, den Helm des Heils, das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes, damit wir so „an dem bösen Tage Widerstand tun und Alles wohl ausrichten und das Feld behalten möchten“. — Wir beginnen mit einigen Bemerkungen zur Erklärung dieser Bibelstelle.

Ihr ist hinsichtlich des ganzen Wesens des Christenstandes zunächst dies zu entnehmen: Ein Christ sein heißt, einem Kampf und zwar einem Endkampf entgegengehen. Der Kampf ums Dasein, den wie jedes Lebewesen so auch der Mensch und als Mensch auch jeder Christ zu kämpfen hat, kann hier nicht gemeint sein und auch nicht das, was 1. Tim. 6, 12 als der gute (wörtlich: der schöne) Wettkampf des Glaubens zur Ergreifung des ewigen Lebens beschrieben wird. Der Kampf ums Dasein und der Kampf des Glaubens sind unsere gegenwärtigen, unsere täglich zu bestehenden Kämpfe. Hier aber ist deutlich von einem uns erst bevorstehenden Kampf die Rede. Dieser Kampf wird größer und verhältnismäßig viel schwerer und folgenreicher sein als alle äußeren und inneren Kämpfe, die wir jetzt und täglich zu bestehen haben. Diese unsere jetzigen und täglichen Kämpfe verhalten sich zu jenem nur so, wie sich Sport und Exerzieren zum Krieg verhalten. Jener aber, der Endkampf, wird der wirkliche Krieg sein. Was wir als Krieg kennen, wird daneben nur eine kleine Unruhe gewesen sein. Und neben dem [124] Feind, mit dem wir es dann zu tun haben werden, wird jeder Feind, mit dem der Christ jetzt kämpfen muß: auch der schlimmste, nämlich er selber! um von allen Anderen gar nicht zu reden, ein harmloser Geselle sein. Jener Endkampf wird nicht „schön“, sondern schlechterdings gefährlich, sein Tag wird ein „böser Tag“ sein. Es wird in jenem Endkampf ums Ganze, es wird um Leben oder Tod, um Sein oder Nichtsein gehen. Er wird kein vorläufiger Kampf sein, in welchem man wohl auch unterliegen dürfte, weil ihm ja weitere, glücklichere Kämpfe vielleicht folgen werden. Wenn wir in jenem künftigen Kampf unterliegen sollten, dann sind wir ganz, endgültig unterlegen, dann sind wir verloren. Das ist der Christenstand: das Leben in der Erwartung jenes künftigen Kampfes. Weil der Apostel darum weiß, darum fordert er die Christen auf, stark zu sein. Sie sollen stark, sie sollen gerüstet sein für jenen Endkampf.

In Erwartung dieses Endkampfes besteht der ganze Christenstand darin, daß wir eine Waffenrüstung und zwar eine ganze, vollständige, lückenlose Waffenrüstung anziehen: zum Schutz und zur Verteidigung vor allem, aber auch zum Angriff. Das ist es, was jenes Wort ausdrückt, das Luther mit „Harnisch“ übersetzt hat. Unter „Harnisch“ verstand man noch zu Luthers Zeit eben die ganze, die komplette Ausrüstung eines Kriegers. Eben auf diese Ganzheit kommt es hier an. Es wird in jenem Endkampf nicht genügen, nur teilweise, nur ein bißchen stark zu sein, nur diese oder jene Schutzoder Trutzwaffe zu besitzen. Für die äußeren und inneren Kämpfe, die wir jetzt und täglich zu bestehen haben und in denen es noch nicht ums Ganze geht, mag es genügen, teilweise gerüstet zu sein. Wir müssen aber in jenem Endkampf auf Alles gefaßt sein und haben dementsprechend ein Ganzes nötig zur Gegenwehr. Schlechterdings nichts wird dann übersehen, vergessen und versäumt sein dürfen, wenn wir nicht doch verloren sein sollen. Im Hinblick auf jenen Endkampf bedarf es totaler Rüstung. Und eben das Anziehen dieser totalen Rüstung ist der Christenstand.

Es handelt sich aber bei dieser Waffenrüstung des Christen nicht um irgendwelche menschlichen Eigenschaften, Möglichkeiten, Unternehmungen und Taten. Die Christen vergessen das so leicht und sollten es doch nicht vergessen, weil sonst auch bei dem besten Willen, sich zu rüsten, doch alles umsonst ist. Die totale [125] Waffenrüstung, von der der Apostel redet, gehört uns nicht und steht auch sonst nicht zu unserer Verfügung. Die Einladung, diese Waffenrüstung anzuziehen, ist also weder eine Anweisung zu innerer Vertiefung, Bereicherung, Reinigung oder Verbesserung, noch auch eine Aufforderung zu irgendwelchen Verhaltungsweisen oder Handlungen. Die Aufforderung des Apostels darf also z. B. ja nicht im Sinn der in den letzten Jahren unter uns verbreiteten Botschaft von der „moralischen Aufrüstung“ verstanden werden. Denn was hier genannt wird als die einzelnen Teile, die zusammen das Ganze dieser Waffenrüstung ausmachen: die Wahrheit, die Gerechtigkeit, die Bereitschaft für das Evangelium des Friedens, der Glaube — an einer anderen, ähnlichen Stelle (1. Thess. 5, 8) hat Paulus hier auch die Liebe genannt — das Heil, der Geist oder das Wort Gottes — das alles sind ja, wie die Christen wissen müssen, Dinge, die nicht ihnen, die überhaupt nicht den Menschen, die keiner Kreatur gehören, die auch keine Kreatur sich selber nehmen und verschaffen, die keine Kreatur handhaben kann. Die Wahrheit — das ist nämlich nach der Bibel Gott selbst, der sich enthüllt und offenbart und erkennbar macht. Die Gerechtigkeit ist Gott selbst, der in seiner großen Barmherzigkeit seine Ordnung, sein Reich aufrichtet. Die Bereitschaft für das Evangelium des Friedens ist Gott selbst, der unsere Ohren und Herzen heiligt, damit wir ihn vernehmen und aufnehmen können und wollen. Der Glaube und die Liebe sind, lange bevor sie unser Glaube und unsere Liebe sind, Gott selbst in der Güte und Treue, in der er sich uns zuwendet. Das Heil ist Gott selbst als unser Erretter und als unser ewiges seliges Lebensziel. Und was ist der Geist oder das Wort Gottes Anderes als wieder Gott selbst, der in seiner Herrlichkeit nicht allein sein, sondern, indem er mit uns redet als mit seinen Freunden, zu uns kommen und unser Gott sein will? Es reden also alle diese großen Worte von einer und derselben Wirklichkeit, wie wenn ein und derselbe Berg von vielen verschiedenen Seiten her abgebildet oder beschrieben würde. Und diese Wirklichkeit ist Gottes Wirklichkeit. Ihm gehört das alles. Er verfügt über das alles. Er tut das alles. Er ist das alles. Wir verstehen jetzt schon, warum der Apostel von einer ganzen, vollständigen, lückenlosen Waffenrüstung redet. Sie ist eben, wie er zweimal ausdrücklich sagt, Gottes Waffenrüstung. [126]

Ja, Gott selbst ist diese Waffenrüstung, er selbst, unser Gott, ist, wie es in dem bekannten Lied heißt: „ein‘ feste Burg“ und „ein‘ gute Wehr und Waffen“. Wie sollte die Rüstung da nicht ganz und vollständig sein? Gott übersieht, vergißt und versäumt nichts. Gott leidet keinen Mangel. Gott hat und begeht keine Fehler. Gott hat keine schwache Stelle. Gott ist allmächtig. Eben dieser Waffenrüstung Gottes bedarf es aber, um am bösen Tag Widerstand zu leisten, alles wohl auszurichten und das Feld zu behalten. Gottes selbst bedarf es dazu! Hüten wir uns vor allem Ersatz und wenn er noch so blank und gewaltig aussähe! Hüten wir uns, wenn es um unsere Rüstung für diese letzte Gefahr und Entscheidung geht, vor allen Wahrheiten, Gerechtigkeiten, Bereitschaften, vor allem Glauben und vor aller Liebe, vor allen Geistern und Worten, die nicht Gott selber, seine Eigenschaften und Taten, seine Engel und Gaben sind! Wo und wie sie uns auch dienlich sein mögen: im Endkampf des bösen Tages werden sie uns nichts helfen und wenn wir ihrer ein ganzes Zeughaus voll zur Verfügung hätten! Im Endkampf des bösen Tages werden wir wie David im Kampf gegen Goliath gar nicht wenig genug Kriegszeug aus unserem eigenen Zeughaus mit uns schleppen können. Es könnte uns nur im Wege sein! Der Apostel sagt, daß wir stark sein sollen in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. Wenn wir nicht in der Stärke Gottes stark sind, dann werden wir im Endkampf des bösen Tages ganz und gar schwach und also verloren sein.

Denn diesen bösen Tag werden wir auch mit unseren besten menschlichen Eigenschaften, Unternehmungen und Taten nicht überstehen, den Feind, der uns an diesem Tag begegnen wird, werden wir aus uns selbst nicht überwinden können. Dieser böse Tag ist nämlich der letzte, der jüngste Tag, an welchem mit dem Leben jedes Einzelnen von uns auch die Geschichte der ganzen Menschheit, auch die Geschichte der Kirche, dahinten liegen, vergangen und abgeschlossen sein wird wie ein zu Ende gelesenes Buch, so daß an mir und an dir und an allem, was alle Menschen — auch an dem, was die jetzt so besonders begnadigten Christen — in dieser Zeit gedacht, gesagt und getan haben, nichts mehr zu verändern und zu verbessern sein wird. Dann, wenn diese unsere Zeit münden wird in die Ewigkeit, dann wird der Feind gegen uns aufstehen und wir werden mit ihm kämpfen [127] müssen. Und nicht Fleisch und Blut wird dieser Feind sein, sagt der Apostel: kein Mensch und nichts Menschliches, dem wir wieder menschlich begegnen könnten. Sondern gegen die „listigen Anschläge (wörtlich: die Methoden) des Teufels“ werden wir dann zu bestehen, mit den Mächten und Gewalten, die die Herren dieser Welt sind, mit den bösen Geistern im Himmel werden wir dann zu kämpfen haben. Das Gottwidrige und darum Unmenschliche, dem doch der Mensch in unbegreiflicher Verblendung das Tor geöffnet hat, so daß es in die Welt kommen und in der Welt (in den niedrigsten, aber auch in den höchsten, den himmlischen Räumen dieser Welt!) zur Herrschaft kommen konnte — der Feind, der jetzt noch in einer gewissen Verborgenheit erst seinen Samen auswirft (Matth. 13, 25), als drohend brüllender Löwe erst umhergeht und sucht, wen er verschlinge (1. Petr. 5, 8), er wird dann erst — Alles, was wir jetzt von ihm wissen oder zu wissen meinen, wird dann nur ein Kinderspiel gewesen sein — in seiner ganzen Macht und Pracht und unter dem Aufgebot aller seiner Scharen sich erheben und offenbar werden. Und dann wird dieser Feind im Angesichte Gottes und Gott verhöhnend zu uns und zu allen Menschen sagen: Ihr alle gehört mir! Habt ihr nicht heimlich und offen in allen Stücken immer wieder mir gedient? Habt ihr mir nicht tausendmal Treue geschworen und gehalten? Habt ihr nicht mit euren Lastern und mit euren Tugenden (mit euren Tugenden vielleicht noch mehr als mit euren Lastern!), in euren Freuden und in euren Schmerzen, in eurem Leben und in eurem Sterben mein Reich bestätigt und groß gemacht? Bin ich nicht in Wahrheit der Gott gewesen, den ihr geliebt und auf den ihr euer Vertrauen gesetzt habt? Und könnt ihr euch über mich beklagen? Seid ihr nicht im Großen und im Kleinen meine Sklaven, aber auch meine Günstlinge gewesen? Habe ich euch nicht Treue gehalten wie ihr mir? Wißt ihr, was ihr mir alles zu verdanken habt? Sind nicht eure besten Werke Zeugen meines Geistes, meiner Kunst und Wissenschaft, meiner Macht? Habe ich es nicht um euch verdient, ist es nicht billig, daß ihr nun auch in der Ewigkeit mein seid, wie ihr es in der Zeit gewesen seid? Habe ich nicht alles Recht auf euch? Wie sollte ich nun nicht auch alle Macht über euch haben? Es wird an jenem Tage geschehen, wie es in dem alten Pfingstliede heißt: daß „der Feind wird das [128] Leben verklagen“. Und dann wird der Feind nach uns greifen als nach solchen, die ihm verfallen sind. Ja, dann werden wir protestieren und uns wehren wollen. Denn dann werden unsere Augen offen sein und wir werden erkennen, daß er wirklich der Feind ist, daß er es als Widersacher Gottes auch mit uns Menschen nie gut gemeint hat. Wir werden dann geblendet im Schein des ewigen Feuers stehen, das derer wartet, welche diesem Feind wirklich verfallen sind. Wir werden dann entsetzt gewahr werden, wie sehr wir uns haben täuschen lassen. Und dann werden wir die Hände vor die Augen halten und beteuern: so hätten wir es trotz allem doch nicht gemeint, so sehr und so tief seien wir dem Gottwidrigen und Unmenschlichen doch nicht verhaftet gewesen, so sehr habe es uns an allerlei göttlichen und menschlichen Regungen, Bestrebungen und Errungenschaften denn doch nicht gefehlt. Der Mensch sei doch im Grunde gut, werden wir dann vielleicht immer noch zu stammeln wagen. Aber eben mit solchen Waffen werden wir dann, wenn „die feurigen Pfeile des Bösen“ auf uns zukommen, nicht bestehen. Diese Pfeile sind scharf und brennend und gut gezielt. Durchdringend klar wird es dann sein, daß uns das, was wir an guten Gedanken, Worten und Werken aus unserem eigenen Sein und Leben heraus vorbringen und dem Feind entgegenhalten möchten, zu unserer Verteidigung nicht genügt, weil das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens tatsächlich auch im Urteil Gottes böse ist von Jugend an (Gen. 6, 5), daß also der Feind scheinbar das größte Recht, nämlich das Recht des Gerichtes Gottes gegen uns hat. Wir würden ihm gehören, wir wären ihm verfallen, wenn dieser böse Tag uns nicht eben mit der Waffenrüstung Gottes angetan finden, wenn an diesem Tage nicht Gott selbst als der gerechte Richter für uns sein und die Anklage, den Angriff und Zugriff des Feindes zunichte machen sollte. Wird Gott für uns sein, „ein‘ gute Wehr und Waffen“, wer wird dann an jenem Tage wider uns sein? Aber weniger und etwas Anderes als diese Waffenrüstung wird uns dann nicht retten. Wäre Gott dann nicht für uns, so müßte Alles wider uns sein, so wäre die Schlacht verloren, bevor sie angefangen hat. Den Kampf bestehen und im Kampf siegen werden also nicht wir, sondern die Wahrheit wird bestehen und siegen, die Gerechtigkeit, die Bereitschaft für das Evangelium des Friedens, der Glaube und [129] die Liebe, das Heil, der Geist und das Wort Gottes — kurz, Gott selbst in der ganzen Wirklichkeit der Gnade, in der er unser Gott ist. „Der Herr wird für euch streiten und ihr werdet stille sein (Ex. 14, 14). Der wird kämpfen und siegen, „der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöset, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit“ (Ps. 103, 3-4). Vor ihm wird sich der ganze Anspruch des Feindes in Lüge auflösen und darum seine ganze Macht in Staub und Rauch. Er wird die ganze höllische Gefahr jenes Tages verscheuchen mit einem einzigen Hauch seines Mundes. Denn er wird an jenem Tage trotzen und sagen, daß unsere Sache seine Sache ist, daß wir nicht dem Feind, sondern ihm gehören, weil er uns (Jer. 31, 3) je und je geliebt und darum — nicht weil wir es verdient hätten, nicht weil er nicht wüßte, was für ein Gemächte wir sind (Ps. 103, 14), sondern wegen der Gerechtigkeit der Liebe, mit der er uns von Ewigkeit her liebte — zu sich gezogen hat aus lauter Güte. Und er wird diesen seinen Anspruch auf uns wahrmachen gegenüber seinem und unserem Feinde. Daß wir dann werden sagen dürfen: Immanuel! d. h. Gott mit uns!, das wird der Kieselstein sein, den wir dann gegen den Riesen Goliath schleudern und mit dem wir ihn töten werden. Stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke, d. h. indem er, der Herr, für uns auf dem Plane sein wird, werden wir an jenem Tage Widerstand tun und Alles wohl ausrichten und das Feld behalten, so daß er endlich und zuletzt doch kein böser, sondern ein guter, ja der herrlichste von allen Tagen sein wird. Es wird dann erfüllt sein, was verheißen ist: „Das Volk, das im Finstern wandelt, siehet ein großes Licht und über die da wohnen im dunkeln Lande, scheint es helle. Du machst des Jubels viel; du machst groß seine Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freuet in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilet. Denn du hast das Joch ihrer Last und die Rute ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie zur Zeit Midians. Denn die einherstampfenden Stiefel und die blutigen Kleider werden verbrannt und mit Feuer verzehrt werden. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben und die Herrschaft ist auf seiner Schulter und er heißt: Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewigvater, Friedefürst, auf daß seine Herrschaft groß werde [130] und des Friedens kein Ende auf dem Stuhle Davids und in seinem Königreiche, daß er es zurichte und stärke mit Gericht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth“ (Jes. 9, 1-6).

Und eben mit diesem Prophetenwort ist nun eigentlich schon gesagt, was das heißt, daß wir im Hinblick auf jenen kommenden bösen Tag die Waffenrüstung Gottes anziehen sollen und dürfen. Was ist das für ein Anziehen? Die Antwort kann nur das fröhliche Bekenntnis und der fröhliche Glaube sein: „Denn ein Kind ist uns geboren und ein Sohn ist uns gegeben.“ Indem wir das mit dem Munde bekennen und mit dem Herzen glauben: uns geboren, uns gegeben! ziehen wir die Waffenrüstung Gottes an, in der wir im Endkampf des bösen Tages bestehen und siegen werden. Denn Gott selbst, der an jenem Tage für uns sein und Alles recht machen wird, hat einen Namen und ist eine Person. Unter diesem Namen und in dieser Person hat Gott sich uns gleich gemacht, hat Gott die ganze Schuld der menschlichen Bosheit und Torheit auf sich genommen, hat er die ganze ewige Strafe und Not, die dieser Schuld folgen mußte, selbst getragen und hinweggetragen, so daß sie uns von Rechts wegen nicht mehr angerechnet und vorgehalten werden kann — und hat Gott umgekehrt den Menschen seines eigenen göttlichen Lebens teilhaftig gemacht, so daß er nun ihm dienen darf in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit. Unter diesem Namen und in dieser Person hat Gott den Feind, die gottwidrige und unmenschliche Gewalt in der Welt ein für allemal unmöglich gemacht, so daß sie am jüngsten Tage in ihrer ganzen stolzen Erhebung und Offenbarung nur noch zu spät kommen kann, so daß sie es ist, die dort die Schlacht verloren haben wird, noch bevor sie begonnen hat. Die Waffenrüstung, die wir anziehen sollen und dürfen, um dort siegreich zu bestehen, ist also Gott selbst unter diesem Namen und in dieser Person. Dieser Name ist ein göttlicher und ein menschlicher Name und so ist diese Person eine göttliche und eine menschliche Person, Gottessohn und Menschensohn in Einem und eben so „uns geboren“ in der Krippe von Bethlehem und „uns gegeben“ am Kreuz von Golgatha. Dazu geboren und gegeben, daß wir sie „anziehen“, d. h. daß wir uns unter diesen Namen stellen und in dieser Person verbergen sollen und dürfen, daß wir in diesem Gottessohn und [131] Menschensohn unseren Vertreter, unser Haupt, unsern Herrn für jenen Tag anerkennen und eben in dieser Anerkennung jetzt schon dankbar unseren Lebenstag leben und so uns auf jenen Tag vorbereiten möchten. Denn wir werden an jenem Tage sein, wie wir jetzt gelebt haben: entweder nackt und bloß wir selbst unter unserem eigenen Namen und in unserer eigenen Person, geschmückt mit dem Feigenblatt unserer eigenen Güte und Vortrefflichkeit, für die der Feind an jenem Tage nur ein höhnisches Gelächter haben wird, oder gerüstet, gewaffnet bis auf die Zähne und unüberwindlich um unseres Vertreters, Hauptes und Herrn willen, unter seinem Namen und in seiner Person. Er wird dann gewaltig dastehen und sein Krieg, der Messiaskrieg, wird der Krieg jenes Tages sein: sein auch der Sieg in diesem Krieg. Aber werden wir zu den Seinen gehören, für die da gekriegt und gesiegt werden wird? Wir haben allen Anlaß, uns unsere Lebenszeit — die einzige Zeit, die wir haben — dazu dienen zu lassen, daß wir an jenem Tag bekleidet und nicht bloß erfunden werden möchten (2. Kor. 5, 3), wehrhaft, und nicht wehrlos. Eben damit wir dann wehrhaft seien, wird uns zugerufen: Ziehet an die Waffenrüstung Gottes! Ziehet den neuen Menschen an! (Eph. 4, 24; Kol. 3, 10). Oder nun eben wörtlich: Ziehet an den Herrn Jesus Christus! (Röm. 13, 14). Weil es aber in der Stelle Gal. 3, 27 ausdrücklich heißt: „Ihr Alle, die ihr auf Christus getauft seid, ihr habt Christus angezogen!“ darum ist dieses Anziehen, zu dem der Apostel die Christen an unserer Stelle auffordert, offenbar schlicht dahin zu verstehen: daß wir immer aufs neue eben das sein sollen und dürfen, was wir schon sind, nämlich solche, für die Jesus Christus schon gestorben und schon auferstanden ist, die also schon unter seinem Namen stehen, in seiner Person schon aufgehoben und geborgen sind, die in ihm ihren Vertreter, ihr Haupt und ihren Herrn für jenen Tag heute schon haben. Wir sollen und dürfen nichts Neues, nichts Besonderes tun, wir sollen und dürfen nur wiederholen — mit dem Bekenntnis unseres Mundes und mit dem Glauben unseres Herzens unseren Stand als Christen, den wir in der Taufe empfangen haben, wiederholen, bestätigen und bekräftigen. Wir sollen und dürfen es nur sein Bewenden! — aber nun wirklich jeden Tag unseres Lebens und in jeder Beziehung sein Bewenden! — haben lassen bei dem, was Gott [132] unter jenem Namen und in jener Person, was Jesus Christus für unser Bestehen und Siegen an jenem Tag schon getan hat. Dazu haben wir Zeit, diese unsere Lebenszeit: um es dabei immer aufs neue sein Bewenden haben zu lassen. Wenn das Alles, wirklich Alles ist, was zu geschehen hat, dann verstehen wir, daß derselbe Apostel, der uns hier auf den fernen furchtbaren Kampf an der Schwelle von der Zeit zur Ewigkeit vorbereiten will, Gott auch einfach Dank sagen kann, „der uns (jetzt schon!) den Sieg gegeben hat durch unseren Herrn Jesus Christus“ (1. Kor. 15, 57). Das eben ist die Vorbereitung der Christen für jenen Tag: daß ihr Lebenstag erfüllt sei von dieser Danksagung. Uns ist ein Kind geboren und ein Sohn ist uns gegeben! [133]

II.

Es kann nun gar nicht anders sein, als daß das Thema „Des Christen Wehr und Waffen“ neben dieser biblischen Erinnerung heute auch noch ganz andere Gedanken in uns wach ruft. Am Horizont unseres ganzen Lebens steht ja heute wie eine finstere Wolkenwand der andere Krieg, in welchem nun doch Menschen gegen Menschen stehen und zu dem es nun doch auch einer sehr menschlichen Rüstung bedarf, der aber, ob es uns gefällt oder nicht, auch uns Chri­sten aufs höchste angeht: der Krieg, der draußen seit dem Herbst des letzten Jahres teils furchtbar ausgebrochen ist, teils erst recht furchtbar auszubrechen droht und an dem auch wir Schweizer, auch wir Christen in der Schweiz durch die nötigen Vorbereitungen zum Schutz unserer Freiheit und Neutralität beteiligt sind, wobei wir nicht wissen können, ob wir nicht auch noch in ganz anderer Weise daran beteiligt werden. Wir müssen und wollen nun in aller Ruhe auch von diesem Krieg und von der Rüstung auf ihn reden. Es darf uns nicht wundern, wenn wir damit zunächst auf einen ganz anderen Boden und in eine ganz andere Luft kommen.

Warum ist heute Krieg und warum muß auf ihn gerüstet werden? Es wäre unzutreffend, wenn man heute so ohne weiteres vom Weltkapitalismus oder vom Völkerhaß, vom Imperialismus der großen Staaten oder von den Machenschaften der Rüstungsindustrie oder von der Kriegslust hoher Militärkreise als von den Ursachen des Krieges reden, oder wenn man ihn im allgemeinen aus dem Mangel an Verständnis und gutem Willen unter den Menschen erklären woll­te. Einige von diesen Faktoren sind gewiß auch heute wirksam. Aber diese Dinge sind es nicht, die heute zum Krieg geführt haben. Mag der Hinweis auf sie vor 25 Jahren mehr oder weniger richtig gewesen sein, so werden besonnene Friedensfreunde diese Schlagworte heute besser nicht mehr in den Mund nehmen. Und gerade Christen sollten das bestimmt nicht tun. Es genügt heute nicht, wenn man den Krieg einen Wahnsinn nennt, der in allerlei Irrtum und Bosheit der Menschen seinen alleinigen Grund habe.

Alle vernünftigen Menschen und noch ganz anders alle Christen sind sich darüber einig, daß der Krieg unter allen Umständen etwas unsagbar Schreckliches ist, zu dessen Vermeidung fast kein Preis zu hoch sein kann. Fast kein Preis! Es gibt nämlich einen Preis, der mit gutem Gewissen auch zur Vermeidung dieses Schrecklichen, auch zur Erhaltung des Friedens nicht bezahlt werden kann. Dieser Preis ist im letzten Herbst gefordert worden und weil dieser Preis nicht bezahlt werden konnte und durfte, darum haben wir heute Krieg, darum mußte und muß sich auch die Schweiz für die Möglichkeit des Krieges rüsten und bereit halten. Es bedeutete nämlich der Friede, der den Völkern Europas im letzten Herbst angeboten wurde, die weitere Ausdehnung der Herrschaft eines Geistes, der in Wahrheit ein Ungeist ist: ein Geist der bewußten Lüge, des absichtlichen Unrechts, der grundsätzlichen Menschenverachtung und Menschenvergewaltigung. Man kann ihn, nachdem er nun sieben Jahre lang Zeit hatte, sich zu offenbaren, nicht mehr anders als so verstehen und bezeichnen. Die Herrschaft dieses Ungeistes ist das, was noch schlimmer ist als der Krieg. Und weil nur der Friede zur Wahl stand, der die Anerkennung der sich ausbreitenden Herrschaft dieses Ungeistes bedeutet hätte, darum mußte im letzten Herbst der Krieg gewählt werden.

Man kann diesmal nicht wie 1914 sagen, daß die, die dies taten, Gründe hatten, den Krieg ihrerseits zu wünschen. Man kann diesmal auch nicht sagen, daß sie zu seiner Vermeidung nicht das Menschenmögliche getan haben. Sie taten es bis hart an die Grenze, vielleicht schon bis über die Grenze dessen, was zu verantworten war. Viele von uns sind schon im Herbst des [134] Jahres 1938, viele noch früher, erschrocken darüber, daß man es um des Friedens willen so weit kommen ließ. Der Friede, den wir in den letzten Jahren hatten, war ein so teuer erkaufter Friede, daß man sich seiner nicht mehr freuen konnte. Aber wie dem auch sei, man hat sich diesmal um den Frieden bemüht, bis es nicht mehr ging, bis die Vergeblichkeit alles Ratens, Warnens und Bittens offenkundig war. Man wählte den Krieg, als das Maß nicht nur voll war, sondern überlief. Dies ist es, was man sich vor Augen halten muß, wenn man heute den römischen Papst, die Bischöfe der skandinavischen evangelischen Kirchen, die Gruppenbewegung und andere christliche und sonstige Kreise — als wäre davon Gutes zu erwarten, als wüßte man nicht, mit wem und was es auch der aufrichtigste Friedensfreund heute zu tun hat — um irgend einen sofortigen Frieden um jeden Preis sich bemühen sieht.

Auch der aufrichtigste Friedensfreund steht heute vor einer letztlich sehr einfachen Frage: Bist du des ausdrücklich und unzweideutig vorliegenden Programms gewahr geworden, laut dessen ganz Europa und später einmal die ganze Erde zur „Interessensphäre“ oder zum „Lebensraum“ eines bestimmten europäischen Volkes gemacht werden soll, dem man eingeredet hat, daß es zur Rolle eines Herrenvolkes über alle anderen Völker befähigt und bestimmt sei und das in den letzten sieben Jahren systematisch und mit allen Mitteln zur Ausübung dieser Rolle erzogen und dressiert worden ist? Bist du dir im Klaren darüber, daß die Ausführung dieser Absicht dies bedeuten würde, daß wir Alle und unsere Kinder uns vor der Gewalt und unter die Herrschaft jenes Ungeistes beugen und uns in einen Zustand finden müßten, in welchem man nur entweder als ein mit den Wölfen heulender Wolf oder in einem unwürdigen Versteckspiel mit der herrschenden Macht oder aber als Unterdrückter und Mißhandelter leben kann? Ist es dir bekannt, daß es denen, die diese Absicht haben, mit dieser Absicht unerbittlicher, fanatischer Ernst ist und daß daran zu glauben, daß sie etwa mit sich reden lassen könnten, eine freundliche aber gefährliche Phantasie ist? Ist es dir ferner bekannt, daß diese Absicht nicht Rede und Papier und also nicht bloße Absicht geblieben, sondern bereits in einer ganzen Reihe von höchst sichtbaren und einschneidenden Taten mit der Präzision eines Uhrwerks und mit der [135] Unaufhaltsamkeit einer Lawine ins Werk gesetzt worden ist? Was hast du dazu zu sagen und wie gedenkst du dazu Stellung zu nehmen? Kannst du es verantworten, der Ausführung jenes Programms keinen Widerstand entgegenzusetzen? Und wenn du das nicht verantworten kannst, welchen anderen Widerstand hättest du vorzuschlagen gehabt oder würdest du heute vorschlagen als eben den, der im letzten Herbst nach langem, wohlverständlichem und wohlberechtigtem Zögern gewählt worden ist? Wenn du aber keinen anderen Widerstand weißt, dann kannst und darfst du diesen Krieg keinen Wahnsinn nennen, der als solcher möglichst schnell gestoppt werden müßte, dann kannst und darfst du denen, die ihn gewählt haben und wählen mußten, nicht in den Arm fallen wollen. Das ist es, was heute auch der aufrichtigste Friedensfreund — und das sind wir hoffentlich alle — sich fragen und zum Schluß sich selber sagen muß.

Zu diesem Krieg muß leider im vollen Bewußtsein um die Schrecklichkeit jedes Krieges Ja gesagt werden. Dieser Krieg gleicht dem, was die Feuerwehr mit Bedacht aber auch mit Energie zu unternehmen versucht, um ein brennendes Haus zu löschen, damit nicht die ganze Straße in Brand gerate, obwohl dabei durch das Wasser vielleicht ebensoviel beschädigt und zerstört wird, wie durch das zu löschende Feuer. Er gleicht einer vom Arzt hoffentlich sachkundig durchgeführten Operation, bei der wohl ziemlich viel Blut, vielleicht auch ein ganzes Glied des Patienten geopfert, bei der sogar dessen Leben in akute Gefahr gebracht werden muß, um, weil alles Andere nichts mehr hilft, vielleicht so sein Leben zu retten. Er gleicht dem, was die Polizei, was aber auch Eltern und Lehrer gelegentlich tun müssen, wenn sie dem Ordnungsbrecher, der anders nicht zu belehren ist, ohne Lust aber auch ohne Sentimentalität, in Maß und Form — damit die Unordnung nicht allgemein werde — eine feste Hand zeigen, obwohl das für beide Teile sicher ein peinliches und auch gefährliches Unternehmen sein wird. Würde alles willkürliche und überflüssige derartige Tun der Feuerwehr, des Arztes oder des Lehrers ein Frevel sein, so gibt es doch tatsächlich Fälle, wo ihr Tun kein Frevel, sondern in seiner ganzen Bedenklichkeit, Peinlichkeit und Gefährlichkeit ein rechtes und notwendiges Tun ist. Wenn nicht Alles täuscht, befinden wir uns heute hinsichtlich des Krieges in der Lage, daß das Gefährliche [136] um der Vermeidung des noch Gefährlicheren willen nicht unterlassen werden kann. Hinsichtlich der Abwehr, in die Finnland dem Rußland Stalins gegenüber auf einmal verwickelt worden ist, werden das wohl nur Wenige zu bestreiten wagen. Es handelt sich aber auch bei dem anderen, größeren und uns noch direkter angehenden Abwehrkrieg ganz schlicht um den Versuch, die „Revolution des Nihilismus“ aufzuhalten, die unserem Leben alles nehmen würde, was es lebenswürdig macht. Es besteht Anlaß, dessen zu gedenken, daß es bei ihrem Triumph gerade um die Freiheit in der alle andere Freiheit gegründet ist, nämlich um die Freiheit, das Evangelium zu hören und zu verkündigen, getan wäre. Der Ungeist weiß wohl, was er gerade von der Kirche zu befürchten hat. Dürfte er seinen Weg zu Ende gehen, dann würde auch keine Kirche mehr sein. Der Versuch, seinen Triumph zu verhindern, ist notwendig und so auch die zu diesem Versuch erforderliche Rüstung.

An diesem Versuch und an der Rüstung darauf sind auch wir Schweizer beteiligt. Unsere Mobilisation mit Allem dem, was sie für fast jede Familie unseres Volkes an Sorge und an persönlichen und wirtschaftlichen Opfern mit sich bringt und noch bringen wird, die ganze gewaltige Anstrengung für unsere Armee, die der Mobilisation in den letzten Jahren voranging und die sie nun weiter wird begleiten müssen— das ist unser bescheidener Beitrag zur Lösung der großen europäischen Frage, unser Teil an der Verantwortung des Versuchs, jenes Schlim­mere abzuwehren. Wir sind also keine bloßen Zuschauer gegenüber dem, was draußen geschieht und sich vorbereitet. Sondern das eben ist unsere besondere aktive Teilnahme an diesem Geschehen. Wir bedanken uns für die freilich auch von manchen Schweizern gehegte Vorstellung, als wäre unsere Rolle gewissermaßen die eines dispensierten, aus der Verpflichtung zur Mitarbeit und zur Beitragsleistung entlassenen Aktivmitgliedes der Völkergemeinschaft. Wir bejahen und wollen ein freies Europa, in dem wir mit der Bereitschaft zur Verteidigung unserer Grenzen die freie Schweiz bejahen und wollen. Wir bejahen dieses freie Europa in unserer, in der durch unsere Lage und Geschichte uns zugewiesenen Weise. Die freie Schweiz ist nach ihren eigenen feierlich abgegebenen Erklärungen die neutrale Schweiz. Unsere Neutralität bedeutet nicht, daß wir [137] uns im Ruhestand befinden. Sie bedeutet nicht, daß wir nicht wissen und nicht auch offen sagen dürften und müßten, daß es in der Entscheidung, in die die europäische Völkergemeinschaft heute gestellt ist, auch um unsere eigene Sache geht. Wie wäre die neutrale Schweiz die freie Schweiz, wenn wir das etwa nicht wissen und nicht offen sagen dürften und müßten? Ich bekenne mich allerdings persönlich zu der Ansicht, daß es unsrer würdiger und daß vielleicht viel schon geschehenes Unheil zu vermeiden gewesen wäre, wenn wir unsere Neutralität schon lange nicht mehr nur als unsere schweizerische Privatangelegenheit, sondern im Rahmen eines Schutz- und Trutzbündnisses mit den übrigen kleineren Staaten Europas vertreten und behauptet hätten. Sie kann aber auch in der Isolierung, in der wir sie heute vertreten und behaupten, auf gar keinen Fall unsere Verurteilung zur weltgeschichtlichen Inaktivität bedeuten. Wie würden wir uns sonst unserer eigenen Geschichte gegenüber schämen müssen! Und wie gefährlich könnte sonst die Frage: „Kleiner Mann, was nun?“ eines Tages — nämlich dann, wenn die Anderen gehandelt haben werden, während wir in der Loge saßen — über uns kommen? Unsere Neutralität bedeutet schlicht, daß wir von uns aus keinen Krieg anfangen und von uns aus in keinen anderen Krieg eingreifen werden. Von einer „ewigen“ Neutralität der Schweiz hätte man wohl besser nicht geredet: von ihr so wenig wie von einem „ewigen“ Deutschland; denn was ewig ist, darüber haben Menschen nicht zu befinden. Es genügt völlig, daß wir zu einer, so viel an uns liegt, beständigen Neutralität in diesem Sinn entschlossen sind. Dazu müssen wir allerdings auch heute entschlossen sein. Wir können uns von uns aus nicht an diesem Kriege beteiligen wollen. Es wäre angesichts unsrer feierlichen früheren Erklärungen Wortbruch, wenn wir das täten. Wir würden uns damit, auch wenn wir es noch so gut meinten, derselben Treulosigkeit schuldig machen, die eine der schlimmsten Eigenschaften eben des Ungeistes ist, dem heute gewehrt werden muß. Wir haben die bedrohte europäische Ordnung an unserem Teil damit aufrecht zu erhalten, daß wir unsere versprochene und garantierte Neutralität aufrecht erhalten. Mit jener ist ja auch diese bedroht. Und gerade indem wir diese zu schützen versuchen, schützen wir an unserem Teil auch jene. Das ist für uns der Sinn dieses Krieges: [138] daß wir das tun müssen. Dazu stehen unsere Soldaten an unserer Grenze. Dazu müssen die Lasten unserer Mobilisation von uns Allen getragen sein. Darum ist das Alles der Mühe wert. Es ist also auch das, was bei uns geschehen muß, wirklich nicht ein Wahnsinn, unter den man sich nur murrend und mit Widerstreben zu beugen hätte. Es ist auch nicht nur eine schweizerische, sondern, indem es das auch ist, eine menschliche Notwendigkeit, die Betätigung unserer Solidarität mit der Entscheidung, der die europäische Völkergemeinschaft unserer Zeit eines Tages verantwortlicherweise nicht mehr ausweichen konnte. [139]

III.

Was aber hat das miteinander zu tun: der künftige Kampf der Christen und die Rüstung auf ihn, von der die Bibel redet — und der Krieg und die Kriegsrüstung, die heute unsere Gedanken (und nicht nur unsere Gedanken) beschäftigen? Auf diese Frage müssen wir nun noch Antwort geben.

Stellen wir vor allem dies fest: Auch der heutige Krieg gehört zu den Nöten, Aufgaben und Kämpfen der Zeit, die noch nicht die Endzeit ist, sondern die Zeit der göttlichen Geduld, die uns dazu gegeben ist, damit wir die Waffenrüstung Gottes anziehen möchten für den großen Kampf der Endzeit. Er gehört zum Kampf ums Dasein; er gehört in seiner Weise auch zu dem „guten Kampf des Glaubens“. Er gehört aber noch zu der Vorbereitung jenes großen, des entscheidenden Kampfes. Es geht im heutigen Krieg um lebenswichtige Dinge, aber noch nicht um Sein oder Nicht-Sein, noch nicht um die ewige Seligkeit oder Verdammnis. Er kann für die nächsten Jahrzehnte oder auch Jahrhunderte unermeßliche Bedeutung bekommen; er wird aber sicher weder im Guten noch im Bösen eine letzte, unwiderrufliche, unabänderliche Entscheidung bringen. Es wird wohl noch mehr derartige Kriege geben müssen auf Erden. Und wenn er der letzte Krieg wäre, so wäre er darum doch auch im Diesseits noch nicht die letzte Not und Bedrängnis. Nach ihm werden andere Zeiten sein und andere Nöte, Aufgaben und Kämpfe: andere Gelegenheiten, die Waffenrüstung Gottes anzuziehen. So ernst der heutige Tag ist, er ist eben noch nicht der jüngste Tag.

— Es ist ein Trost, das zu wissen. Dieser Krieg kann uns Schweres, vielleicht Schreckliches bringen. Er wird uns aber sicher nicht hindern können, das Eine zu tun, was immer not ist: die Waffenrüstung Gottes anzuziehen für den Gotteskrieg am Ende aller Tage. Dieser Krieg kann einen ganz anderen Ausgang nehmen, als wir es hoffen und wünschen. Er kann uns aber die Hoffnung auf den Sieg in jenem letzten Krieg bestimmt nicht nehmen. Noch ist Gnadenzeit, auch mitten in diesem Krieg: noch dürfen wir von ihr Gebrauch machen. Es bedeutet freilich auch eine Mahnung, das zu wissen, daß der heutige Tag noch nicht der jüngste Tag ist. Diese Unterscheidung muß uns nämlich bewahren vor der Überheblichkeit und Einbildung, die in diesem Krieg so etwas wie einen heiligen Krieg, wie einen Kreuzzug sehen möchte, in welchem die Heere des Lichtes die Sache Gottes zum Siege zu führen hätten. Welchen Täuschungen über uns selbst würden wir uns da hingeben und welche Enttäuschungen müßten wir dann erwarten, auch wenn Alles nach unserem Ermessen noch so gut endigen würde! Es gibt nur einen heiligen Krieg und das ist auch dieser Krieg sicher noch nicht. Wir werden die Sache, um die es heute geht, nicht nüchtern und nicht demütig genug als eine in unsere sehr menschlichen Hände gelegte sehr menschliche Sache betrachten und behandeln können. — Aber dieser Trost und diese Mahnung können nicht bedeuten, daß der heutige Krieg und der Endkampf des jüngsten Tages nichts miteinander zu tun hätten, so daß es uns Christen erlaubt oder gar befohlen wäre, die Sache, um die es im heutigen Krieg geht, anderen Leuten zu überlassen. Denn warum ist zu allen Zeiten und heute in so besonderer Weise Krieg und Kriegsgeschrei in der Welt? Wirklich nicht von ungefähr, sondern darum, weil die Dinge dieser Welt zu allen Zeiten und so auch in unserer Zeit jenem jüngsten Tag entgegeneilen wie alle Bäche und Flüsse dem Meere. Ist sie doch die Welt, in deren Mitte der menschgewordene Sohn Gottes verworfen und ans Kreuz geschlagen, durch die Kraft Gottes aber von den Toten auferweckt wurde am dritten Tage. Und ist es doch eben dieser blutige Kampf der Finsternis gegen das Licht, der am jüngsten Tag in jenem letzten Aufstand des Bösen noch einmal gewaltig sichtbar, dann aber auch noch gewaltiger und endgültig niedergeschlagen werden wird. Die Frucht, die dann [140] reif sein wird, ist als Same heute schon mitten unter uns. Solche notvollen Gegensätze und Entscheidungen wie die des heutigen Krieges würden sich uns nicht aufdrängen, es müßte um das Leben und um das, was mehr wert ist als das Leben: um seine Würde, um ein bißchen Recht, Ordnung und Freiheit in der Welt nicht so bitter gestritten werden, wie es heute (bei aller Relativität dieser Güter und bei aller Fragwürdigkeit dieses Unternehmens) nötig ist, wenn die Welt nicht von jenem ihrem Ende her bestimmt wäre zu einem Schauplatz vorläufiger, menschlicher Gegensätze und Entscheidungen, in denen sich die furchtbare Gefährdung, aber auch der wunderbare Triumph des Messiaskrieges des jüngsten Tages ankündigt. Erst ankündigt, aber doch schon ankündigt! Krieg und Kriegsgeschrei gehören zu dieser Ankündigung. Nicht nur sie, aber auch sie sind die Schatten und Geburtswehen, die der künftigen Offenbarung und Entfaltung, aber auch Entlarvung und Erledigung des Bösen vorangehen müssen. Jesus Christus wäre nicht gekreuzigt und auferstanden, wenn es anders sein könnte. Indem die Christen solche sind, die ihre Zeit, auch die heutige Kriegszeit, dazu brauchen dürfen und müssen, um die Waffenrüstung Gottes anzuziehen, werden jene Ankündigungen gerade ihnen nicht fremdartig sein, werden gerade sie sich über jene Schatten und Geburtswehen nicht wundern, werden gerade sie sich vor den Zeichen des Endes nicht verstecken und sich gegenüber den Sorgen und Aufgaben, die sie mit sich bringen, nicht für unverantwortlich halten können. Getröstet und gemahnt durch den ihnen gegebenen Ausblick auf das Ende und also im Tiefsten furchtlos und im Tiefsten nüchtern und demütig, werden sie die Ersten sein, auch den heutigen Krieg in seiner ganzen Menschlichkeit ernst zu nehmen. Daß sie heute die Waffenrüstung Gottes anziehen und schon angezogen haben für jenen Krieg, das wird sich darin zeigen und bewähren, daß sie furchtlos, nüchtern und demütig ihren Anteil auf sich nehmen auch an diesem, dem heutigen Krieg. Wie sollte sich das denn heute anders zeigen und bewähren können? Doch nicht darin, daß sie die Köpfe in den Sand stecken, wie der Vogel Strauß, wenn der Jäger kommt.

Eine zweite Feststellung: Wir haben im heutigen Krieg auf eine menschlich gestellte Frage menschlich zu antworten. Es ist [141] eine schwere Frage und die Antwort ist noch schwerer. Wir stehen aber auch heute noch nicht vor jener für uns unmöglich zu beantwortenden Frage des großen Verführers und Versuchers. Gegen den Ungeist, der in diesem Kriege der Feind ist, kann mit menschlichem Geist und gegen seine Gewalt kann und muß — weil er selber es jetzt auf menschliche Gewalt ankommen lassen will — mit menschlicher Gewalt gestritten werden. Die für uns unbesiegliche Macht des Widergöttlichen und Unmenschlichen, die sich einst unter Berufung auf das Recht und Gericht Gottes selbst gegen uns erheben wird, ist im heutigen Krieg noch nicht auf dem Plan. — Auch das ist zunächst ein Trost. Es besteht kein Anlaß, dem heutigen Feind gegenüber in eine Art erschaudernde Bewunderung zu versinken, um dann die Hände in den Schoß zu legen und ihn schalten und walten zu lassen. Es besteht vielmehr Anlaß, ihm gegenüber zu tun, was wir heute die Finnen in vorbildlicher Weise tun sehen: zu beten und zu arbeiten — auch zu arbeiten, was in diesem Fall leider heißen muß: zu schießen. Noch ist es dazu nicht zu spät. Wenn nämlich das geschehen wird, was Offenb. 20 beschrieben ist, wenn dereinst der Satan, das Tier aus dem Abgrund und der falsche Prophet noch einmal „für eine kleine Zeit“ los sein werden, dann wird das doch noch eine ansehnlichere Sache sein als die ganze Dynamik, die heute den Frieden fürs Erste unmöglich gemacht hat. Dann wird es freilich für alles Arbeiten und Schießen, dann wird es sogar zum Beten zu spät sein. Dann wird es heißen: „Mit unsrer Macht ist nichts getan!“ Aber eben mit diesem Feind haben wir es heute noch nicht zu tun. Und eben darum ist es für das Alles noch nicht zu spät, sondern kann und soll mit unserer Macht noch Einiges getan werden. Es liegt freilich auch wiederum eine Mahnung in diesem Unterschied. Ich las in einer kürzlich gehaltenen Rede des Rektors der jüdischen Universität in Jerusalem die Behauptung, daß der Mann, den man mit Namen und Vornamen als den eigentlichen Schuldigen dieses Krieges zu bezeichnen pflegt, eine Inkarnation des Teufels sei. Man kann es verstehen, daß gerade ein Jude heute so reden kann. Wir würden aber als Christen nicht wohl daran tun, diese Behauptung zu wiederholen. Man übertreibt damit und das darf auch heute nicht geschehen. Man nimmt damit jenen Mann zu wichtig und man vergißt vor allem, daß die Akten Gottes [142] auch über ihn uns nicht einsichtig und daß sie jedenfalls noch nicht geschlossen sind. Was wissen wir letztlich von ihm als dies, daß Jesus Christus auch für ihn gestorben und auferstanden ist und daß wir auch für ihn und gerade für ihn zu beten haben? Es genügt völlig, wenn wir uns darüber klar sind, daß wir es in diesem Mann, in allen seinesgleichen und in den von ihm Verführten und Regierten mit den armen Opfern eines sehr realen, aber doch sehr menschlichen Ungeistes zu tun haben. — Aber nun ist mit diesem Trost und dieser Mahnung wieder nicht gesagt, daß der Feind und seine Drohung leicht zu nehmen wären. Ist er nicht der Böse, der am jüngsten Tage zu jenem Endkampf aufstehen wird, so ist er doch offenbar dessen Voranzeige, so wäre doch auch er unmöglich ohne den Bösen des jüngsten Tages. Es ist nie von ungefähr, wenn wiedereinmal ein solcher Ungeist in der menschlichen Geschichte sein Wesen treibt, wenn dann nach vielen erfolgreichen Täuschungsversuchen plötzlich oder allmählich sein tyrannischer Charakter, seine mörderische Natur offenbar wird, wenn dann die große Verlegenheit um ihn her entsteht, weil alle vorläufigen menschlichen Mittel ihm gegenüber versagen, wenn dann schnell oder langsam die Erkenntnis sich durchsetzt, daß das Haus brennt, daß der Patient todkrank ist und daß etwas Radikales für ihn und also gegen den Ungeist getan werden muß. Es ist nie von ungefähr, wenn die Menschen wieder einmal in die wahrlich verzweifelte Situation geraten, daß sie, um Schlimmeres zu verhüten, das Schlimme wählen müssen: sich um eines solchen Ungeistes willen gegeneinander zu erheben, zu bewaffnen und auf Leben und Tod zu bestreiten. Daß das notwendig werden kann, das hat mit der Wirklichkeit des Bösen am Ende aller Tage sehr viel zu tun. Es ist offenbar die jenem Endkampf vorangehende, die Macht und das Recht des Bösen an jenem Tage vorbereitende und begründende Verführung, die dann am Werke ist. Namenlos oder vielmehr unter allerlei unscheinbaren, manchmal geradezu wohlklingenden menschlichen Namen, Ansprüchen, Gedankengängen, Interessen und Bestrebungen versteckt es sich jetzt und ist doch unterirdisch jetzt schon an eben dem Werk, das dann in grandioser Vollkommenheit uns bedrohen wird. Wenn es also wahr ist, daß die Menschen, die solche Situationen wie die dieses Krieges schaffen, arme Menschen sind, über die ein Gottesurteil zu fällen [143] und zu vollstrecken uns nicht zukommt — wenn es vielleicht wahr ist, daß gerade die Hauptfigur dieses Krieges ganz einfach ein kranker Mann ist —[1] so ist es doch auch wahr, daß man solchen Menschen nicht einfach ihren Lauf lassen darf, daß ihnen, wenn sie als Opfer und doch auch als Instrumente der Verführung einmal erkannt sind, Halt geboten und zwar ohne Furcht und mit allen Mitteln Halt geboten werden muß. Es geht nicht darum, sie zu richten und zu strafen. Sie sind in Gottes Hand. Man kann sich aber der Verführung, man kann sich ihrer Lüge und ihres Unrechts nicht wissentlich mitschuldig machen, indem man sie gewähren läßt. Man muß dem Bösen auch in seinen Voranzeigen widerstehen. Wie könnten die Christen der Aufforderung, die Waffenrüstung Gottes anzuziehen für den jüngsten Tag, am heutigen Tag gehorsam sein, wenn sie nicht willig und bereit wären, dem heute menschlich sich anzeigenden Feind nun eben menschlichen Widerstand, und zwar ernstlichen, mit Gut und Blut zu leistenden Widerstand, entgegenzusetzen? Ein Christ ist ein Mensch, der erhobenen Hauptes der letzten Entscheidung entgegengeht. Wie könnte ein solcher heute parteilos bleiben, wie könnte er der vorläufigen Entscheidung, die heute von uns gefordert ist, ausweichen wollen? Gerade weil er getröstet und gemahnt ist durch sein Wissen um den Unterschied zwischen dem letzten und dem heutigen Feind, wird er diesem gegenüber zu wählen und zu entscheiden, wird er ihm mannhaft zu begegnen wissen.

Wir schließen mit einer dritten Feststellung: Wie der heutige Krieg ein menschlicher Krieg und der Feind, gegen den es heute geht, ein menschlicher Feind ist, so sind auch die Mittel, die wir heute in dieser Sache brauchen, menschliche Mittel, die mit der Herrlichkeit der Waffenrüstung Gottes nicht zu vergleichen sind. Es ist ja alles das furchtbare Gerät, das heute zur Durchführung dieses Krieges überall hergestellt und aus der ganzen Welt zusammengetragen wird, wirklich etwas ganz Anderes als jene Gotteswaffen der Wahrheit, der Gerechtigkeit, des Glaubens, des Wortes und des Geistes, die im Messiaskrieg [144] des jüngsten Tages unser Schutz und Trutz sein werden. Das gilt aber doch auch von der großen moralischen Anstrengung, die jetzt überall gemacht werden muß und gemacht wird, auch von dem, was man bei uns die „geistige Landesverteidigung“ nennt und doch auch von den religiösen Stützen und Hilfen, die man heute den Völkern und so auch unserem Volk von vielen Seiten löblicherweise zu erhalten und neu zu geben versucht. Wir befinden uns mit dem Allem sehr deutlich im menschlichen Bereich und das bedeutet auch: im Bereich des Irrtums, der Sünde und des Todes. Wir haben bei dem Allem nicht die reinen und auch nicht die starken Hände, die wir am jüngsten Tage, weil Gott selbst dann unsere Unreinheit bedecken und unsere Verkehrtheit gutmachen und für uns streiten wird, haben werden. Nochmals gesagt: Krieg unter Menschen ist eine entsetzliche Sache. Und er ist auch ein schwache Sache. Denn wie gering ist die Sicherung und Besserung, die wir uns auch nur im Diesseits mit diesem letzten und verzweifelten Mittel menschlicher Entscheidung verschaffen können. Und vollends gegen den eigentlichen Feind, den Feind des jüngsten Tages würden wir mit unserer ganzen materiellen, geistigen und religiösen Rüstung von heute vergeblich streiten. Für jenen Streit wird die Waffenrüstung Gottes allein gut genug sein. — Auch das ist ein Trost. Wir dürfen uns bei aller Entsetzlichkeit und auch bei aller Schwäche dessen, was heute geschehen kann und muß, dessen freuen, daß dieses unser ganzes Kriegswesen seine Zeit hat, die einmal zu Ende sein wird und daß wir dereinst anders und besser als so dastehen werden. Wir dürfen uns in dem heutigen Zustand, wo wir uns nicht besser als so zu helfen wissen, wohl freuen auf den Zustand, wo Gott uns Allen in seiner vollkommenen Weise helfen wird. Noch einmal ist hier freilich auch eine Mahnung zu bedenken. Das britische Blaubuch über den Ausbruch des gegenwärtigen Krieges schließt mit dem schönen Wort: May God defend the right! „Möge Gott das Recht verteidigen!“ Nun, das wird Gott als Herr und Regent auch der gegenwärtigen Weltgeschichte unter allen Umständen tun. Es wird auch das Geschehen unserer Tage auf alle Fälle ein Zeichen seines Tages und also seines kommenden Reiches sein müssen. Und wer diesen Krieg nicht gewollt, sondern das Menschenmögliche zu seiner Vermeidung getan hat, wer nun aber auch ehrlich entschlossen und bereit ist, seinerseits [145] zu wagen, was gewagt werden muß, der darf Gott so anrufen. Und sehr klar ist auch das letzte Wort des sehr instruktiven Buches von Winston Churchill Step by Step (London 1939): Who can doubt, that all will come right, if we persevere to the end? „Wer kann zweifeln daran, daß Alles recht kommen wird, wenn wir ausharren bis ans Ende?“ Wir werden aber, da unsere Rüstung zu diesem Krieg eine so ganz andere ist als die Gottes, zu bedenken haben: Es wird zwar „Alles recht kommen“, denn Gott wird bestimmt sein Recht, er wird aber nicht notwendig unser Recht oder was wir dafür halten, er wird auch nicht notwendig unsere Schweizer Grenzen, unsere Freiheit und Neutralität verteidigen. Er ist an keine Fahne gebunden. Er kann sein Recht in der Weltgeschichte auch so verteidigen, daß er die vermeintlich oder wirklich böse Sache, heute also jenen Ungeist, dessen Herrschaft wir uns unter allen Umständen und bis zum Ende widersetzen müssen, lange weit und breit siegen und triumphieren läßt. Gott kann uns im Zeichen des Geschehens unserer Zeit mehr von der Macht der Finsternis und weniger von seiner eigenen Macht über die Finsternis zu erkennen geben wollen als uns lieb ist. Er kann damit gerade die Vertreter der besseren Sache unter sein Gericht stellen und zur Buße rufen wollen. Ein einziger Blick auf die Unreinheit und Ohnmacht unserer menschlichen Rüstung muß uns warnen davor, die Gnade, um die wir beten dürfen, für unser Recht zu halten. Gott ist nicht uns, sondern wir sind auf alle Fälle Gott verpflichtet. Wir müssen, nein wir dürfen bereit sein zum Ausharren in diesem Gehorsam, d. h. aber dazu, Gott auch dann zu ehren und zu lieben, wenn er in der besonderen Frage dieses Krieges nicht für, sondern in irgend einem bitteren Ende gegen uns sein sollte: daraufhin, daß er am jüngsten Tage umsomehr und erst recht der sein wird, der für uns ist. — Aber nun ist es auch hier so, daß solcher Trost und solche Mahnung ja gerade darin ihren Sinn und ihre Kraft haben, daß wir heute und hier schon die Waffenrüstung Gottes anziehen dürfen und sollen. Eben darum können sie uns dem, was wir heute und hier zu denken und zu tun, zu wagen und zu leiden haben, nicht entfremden. Die die bessere, die unvergleichliche Waffenrüstung Gottes anziehen und schon angezogen haben, die dem letzten, dem bösen und endlich guten Tage in jener Dankbarkeit entgegengehen, die [146] werden es gerade deshalb nicht verschmähen, von den unreinen und schwachen Mitteln des vorläufigen Streites, in den wir heute gestellt sind, den gebotenen Gebrauch zu machen. Der Trost und die Mahnung der Ewigkeit können uns wahrlich nur dazu anleiten, in der Zeit gehorsam zu sein. Wir können aber Gott in der Zeit nur gehorsam sein mit den Mitteln, die wir haben. Daß sie unsere Mittel und daß sie der Welt des Irrtums, der Sünde und des Todes nur zu angemessen sind, das erlaubt uns nicht, auf ihren Gebrauch zu verzichten und damit ungehorsam zu werden. Ohne jenen Trost und jene Mahnung könnten und dürften wir sie wahrlich nicht in die Hand nehmen. Da wir jenen Trost und jene Mahnung haben, werden wir sie fest in die Hand nehmen. Gerade die, die wissen, daß zuletzt Gott allein Recht hat und Recht spricht und Recht behält — gerade sie werden, um das zu bezeugen, der Frage nach ein bißchen menschlichem Recht auch nicht ausweichen und das, was sie davon erkannt haben, durch die Tat zu verantworten wagen. Die Furcht Gottes macht nicht furchtsam sondern mutig. Die Liebe Jesu Chri­sti macht nicht schwach sondern stark. Der Heilige Geist ist, wie Luther gesagt hat, kein Skeptiker sondern er ist der Geist der Entscheidung, der auch entschiedene Leute macht. Mit unsrer Macht wird dann, wenn es gilt, vom ewigen Tod errettet zu werden für das ewige Leben, nichts, gar nichts getan sein. Das müßten aber merkwürdige Christen, merkwürdige Träger der Waffenrüstung Gottes sein, die heute nicht entschlossene: in Dankbarkeit entschlossene Menschen wären.

Das ist es, was der Kampf des jüngsten Tages und der Krieg des heutigen Tages miteinander zu tun haben.

Vortrag, gehalten in verschiedenen Gemeinden des Kantons Bern in den ersten Monaten 1940 über das vom bernischen Synodalrat gestellte Thema des damaligen „Kirchensonntags“.

Quelle: Karl Barth, Eine Schweizer Stimme: 1938-1945, Zollikon-Zürich: EVZ 1945, 123-146.


[1] Der in Parenthese stehende Satz mußte bei der ersten Veröffentlichung dieses Vortrags unleserlich gemacht werden!

Hier der Text als pdf.

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