Karl Barth zur Atombewaffnung 1957: „Die Menschen im Westen und im Osten sollen aufstehn gegen den Wahnsinn, der in dieser Sache im Gange ist. Sie sollen damit eine politische Tatsache ersten Ranges schaffen, mit der auch die Regierungen und die Presse werden rechnen müssen. Es geht nicht um Prinzipien oder Ideologien und Systeme. Es geht nicht um Machtfragen. Es geht ums Leben, es geht um sie: die Menschen.“

Es geht ums Leben

Von Karl Barth

Hier die Stellungnahme des bekannten Basler Theologen Karl Barth zur Erklärung der 18 deutschen Atomphysiker[1]:

Der Appell von Dr. Albert Schweitzer an die Männer der Wissen­schaft, sie möchten der Menschheit über die Vorbereitungen zum Atomkrieg «die Wahrheit sagen», ist nicht ungehört geblieben. Die Physiker als die in dieser Sache zuständigen Fachleute — zuletzt 18 angesehene deutsche Vertreter dieser Wissenschaft — haben uns die Wahrheit, wie sie sich ihnen auf Grund ihrer Erkenntnis darstellt, ge­schaffen. Ich fasse zusammen:

1. Was man heute «kleine» oder «taktische» Atombomben nennt, sind Waffen, deren Wirkung der 1945 auf Hiroshima abgeworfenen ähnlich ist.

2. Es gibt keine technischen Möglichkeiten, große Bevölkerungs­teile vor der ausrottenden Wirkung der «großen» Wasserstoffbombe, aber auch vor jenen «kleinen» Waffen sicher zu schützen.

3. Ein Weitergehen der sogenannten «Atomversuche» wird in ab­sehbarer Zeit die radioaktive Verseuchung der Erde so weit fort­geschritten sein lassen, daß überall Gefahr für das Leben besteht.

Die Bekanntgabe dieser Wahrheit ist, von den hohen politischen Stellen und der großen politischen Presse («Die Welt» machte eine Ausnahme und bejahte den Appell. Red.) als unbefugte Einmischung in einen Bereich bezeichnet und behandelt worden, in welchem sie sich für allein zuständig halten. Man vertröstet uns damit, daß die Bemühungen um eine kontrollierte Abrüstung weitergehen sollen. Man läßt aber keinen Zweifel daran, daß die Vorbereitungen zum Atom­krieg mit Einschluß der praktischen Versuche unterdessen fortgesetzt werden. Es bleibt nur übrig, von denen, die die öffentliche Macht und das öffentliche Wort haben, an die Menschen zu appellieren: Sie sol­len sich solche Abweisung nicht gefallen lassen. Sie sollen die Sache in ihre eigenen Hände nehmen. Sie sollen ihrer Regierung und ihrer Presse mit allen Mitteln zu verstehen geben, daß sie weder ausrotten noch ausgerottet werden wollen, auch nicht zur Verteidigung der «freien Welt», auch nicht zur Verteidigung des Sozialismus! Sie sollen den Verantwortlichen im Westen und im Osten ein Halt zurufen, daß ihnen die Ohren gellen.

Schluß mit der Vorbereitung des Krieges mit Waffen, die ihn für alle Beteiligten von vornherein sinnlos machen, Schluß auch mit der gegenseitigen Bedrohung mit der Anwendung solcher Waffen! Sofor­tiger Schluß mit den offenbar schon im Frieden für uns alle lebens­ge­fährlichen Experimenten! Die Menschen im Westen und im Osten sollen aufstehn gegen den Wahnsinn, der in dieser Sache im Gange ist. Sie sollen damit eine politische Tatsache ersten Ranges schaffen, mit der auch die Regierungen und die Presse werden rechnen müssen. Es geht nicht um Prinzipien oder Ideologien und Systeme. Es geht nicht um Machtfragen. Es geht ums Leben, es geht um sie: die Menschen. Sie sollen der Sache der primitivsten Vernunft, bevor es zu spät ist, zu ihrem Recht verhelfen.

Das ist es, was ich zu der durch die Erklärung der Atomphysiker geschaffenen Lage zu sagen habe.

Radio Warschau wendet sich telegraphisch an Prof D. D. Karl Barth

E. P. D. Professor Karl Barth in Basel hat am 3. Juni ein vom Pol­nischen Radio Warschau am 31. Mai aufgegebenes und am 1. Juni in Basel eingetroffenes Brieftelegramm folgenden Inhalts erhalten:

«Der Stadtrat von Warszawa wandte sich an die Stadtbehörden von Hiroshima mit dem Vorschlag, an alle Städte der Welt den Appell zu richten, sich der Forderung nach Abschluß einer internationalen Verständigung über das Verbot der Kernwaffenexperimente, als einem ersten Schritt zur Verständigung über das Verbot der Anwendung aller Massenvernichtungswaffen, anzuschließen. Was denken Sie über die Möglichkeit und Notwendigkeit einer derartigen Verständigung unter Berücksichtigung der bereits auf internationalem Forum eingebrachten Vorschläge? Der Polnische Rundfunk versichert, daß die Antwort ver­öffentlicht wird. Polskie Radio.»

Darauf hat Prof. Barth am 3. Juni geantwortet:

«Wir warten auf Taten, nicht auf Verhandlungen. Aufrichtig und glaubwürdig ist der Friedenswille derjenigen Weltmacht, die zuerst, ohne Rücksicht auf das Verhalten der Gegenseite, und verbindlich ihren Verzicht auf weitere Kernwaffenexperimente aussprechen wird. Karl Barth.»

Quelle: Neue Wege. Beiträge zu Religion und Sozialismus 51 (1957), Heft 4, S. 110-112.


[1] Ursprünglich erschienen in Stimme der Gemeinde, 1. Mai 1957.

Hier der Text als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s