Martin Luthers vierte Invokavitpredigt am Mittwoch, 12. März 1522: „Gegenüber solchen gutherzi­gen Menschen müssen wir uns ganz anders verhalten als gegenüber den Halsstarrigen. Mit jenen sollen wir Ge­duld haben, uns unserer Freiheit enthalten, weil es uns keinen Schaden oder Gefahr weder an Leib noch Seele bringt, ja vielmehr förderlich ist, und wir daneben unsern Brüdern und Schwestern einen großen Nutzen tun.“

Martin Luthers vierte Invokavitpredigt am Mittwoch, 12. März 1522

Liebe Freunde, wir haben nun gehört die Stücke, die da »müssen« sein, z. B. daß die Messe nicht wie ein Opfer gehalten werde, danach von den Stücken, die nicht »not­wendig«, sondern frei sind, wie z. B. das eheliche Leben, Möncherei und Abschaffung der Bilder. Die vier Stücke haben wir behandelt und gesagt, daß hierin die Liebe der Hauptmann ist; ganz besonders bei den Bildern, daß sie abgeschafft werden sollen, wenn sie angebetet werden sollten, sonst nicht, obwohl ich wollte, sie wären in der ganzen Welt abgeschafft, wegen ihres Mißbrauchs, den man ja nicht leugnen kann. Denn wer ein Bild in die Kirche stellt, der meint, er habe Gott einen guten Dienst und ein gutes Werk erwiesen, was dann richtige Abgöt­terei ist: der größte, vornehmste und höchste Grund, weshalb die Bilder abzuschaffen wären. Den aber habt ihr nicht verdeutlicht, sondern die geringsten Gründe.

Denn ich meine, daß jeder Mensch oder fast alle dafür Verständnis haben, daß das Kruzifix, das da steht, nicht mein Gott ist, sondern nur ein Zeichen, denn mein Gott ist im Himmel. Aber von dem andern Mißbrauch ist die Welt voll. Denn wer würde ein hölzernes oder silbernes Bild in die Kirche hängen, wenn er nicht dächte, Gott einen Dienst damit zu tun? Meint ihr, Herzog Friedrich, der Bischof von Halle und die andern würden so viele silberne Bilder in die Kirchen gezogen haben, wenn sie dächten, das solle vor Gott nichts bedeuten?[1] Dann wür­den sie es ja unterlassen. Dennoch ist diese Ursache nicht genügend, alle Bilder abzuschaffen, zu zerreißen und zu verbrennen. Warum? Wir müssen es doch zugeben: Es gibt noch Menschen, die diese Meinung noch nicht ha­ben, sondern die Bilder gut brauchen könnten. Obwohl das nur wenige sind, können wir das dennoch nicht ver­dammen und sollen’s auch nicht verdammen, was noch irgendein Mensch wohl brauchen kann. Vielmehr solltet ihr gepredigt haben, daß die Bilder nichts wären; Gott frage nichts danach, man täte auch Gott keinen Dienst oder Gefallen damit, wenn man ihm ein Bild machen lasse; sie täten besser, wenn sie einem armen Menschen einen Gulden gäben als Gott ein goldenes Bild, denn dies hätte Gott verboten, jenes nicht. Wenn sie solches gehört hätten, daß die Bilder nichts gelten, hätten sie von selber Abstand genommen und die Bilder wären ohne allen Rumor und Aufruhr zerfallen, wie es denn jetzt gerade in Gang gekommen war.

Deshalb müssen wir uns gut vorsehen, denn der Teufel versucht uns aufs allerlistigste und -spitzigste durch seine Apostel. Obwohl es nun wahr ist, man es auch nicht leugnen kann, daß die Bilder böse seien wegen ihres Mißbrauchs, so haben wir sie dennoch nicht zu verwerfen und zu tadeln, weil man sie mißbraucht. Denn so würden wir ein feines Spiel anrichten. Gott hat 5.Mose 4,19 gebo­ten: »Wir sollen unsere Augen nicht aufheben gegen die Sonne« usw., daß wir sie nicht anbeten, denn sie ist ge­schaffen zum Dienst allen Völkern. Nun gibt es viele Menschen, die Sonne und Sterne anbeten. Wollen wir deshalb zufahren und die Sonne und Gestirne vom Him­mel werfen? Wir werden’s unterlassen. Weiter: Der Wein und die Weiber bringen manchen in Jammer und machen ihn zu einem Narren. Wollen wir deshalb alle Weiber töten und allen Wein verschütten? Weiter: Gold und Silber stiften viel Böses, wollen wir es deshalb tadeln? Ja, wenn wir unsern ärgsten Feind vertreiben wollten, der uns am allerschädlichsten ist, so müßten wir uns selber töten, denn wir haben keinen schädlicheren Feind als unser Herz, wie der Prophet Jeremia sagt: »Das Men­schenherz ist ein trotzig und verzagt Ding« (17,9), oder wie ich es nennen würde: das immer zur Seite ausweicht und so weiter; was würden wir ausrichten?

Deshalb muß man eine gute Kohle haben, wenn man meint, den Teufel schwarz zu machen; denn er ist auch gerne schön, er ist auch auf die Kirchmeß geladen. Aber so kann ich ihn fangen, wenn ich sage: Stellst du die Bilder nicht in die Kirche, weil du meinst, Gott einen Dienst damit zu erweisen? Darauf muß er Ja sagen. Dann schließe du daraus gleich, daß er eine Abgötterei daraus gemacht hat, denn er hat das Bild mißbraucht und sich in dem geübt, was Gott nicht geboten hat. Gottes Gebot aber hat er vernachlässigt, denn er sollte dem Nächsten behilflich sein. Dennoch ist er von mir nicht gefangen, obwohl er eigentlich gefangen ist; er will aber nicht gefangen sein und entläuft mir mit den Worten: Ja, ich helfe den Armen auch; kann ich nicht dem Nächsten geben und gleichwohl daneben Bilder stiften? Trotzdem ist es anders: Denn wer wollte nicht lieber dem Nächsten einen Gulden geben als Gott ein goldenes Bild? Ja, er würde es freilich warten lassen, Bilder in die Kirche zu stellen, wenn er’s glaubte, wie es doch wahr ist, daß er Gott keinen Dienst damit täte.

Darum muß ich’s zugeben: Die Bilder sind weder dies noch das, sind weder gut noch böse, man kann sie haben oder nicht haben. Was aber habt ihr gemacht? Von mir hätte der Teufel das nicht erreichen sollen. Denn ich kann es ja nicht leugnen: Es ist möglich, daß es einen Menschen geben kann, der die Bilder richtig gebrauchen könnte. Wenn man mich etwa fragte, so müßte ich bekennen, daß mich kein Ding ärgern könnte. Und wenn nur ein Mensch auf Erden wäre, der die Bilder richtig ge­brauchte, dann folgerte der Teufel alsbald gegen mich: Ja, weshalb verdammst du denn, was man doch auf gute Weise gebrauchen kann? Den Widerstand hat er dann durchgesetzt, und ich müßte es zugeben. Dahin sollte er es noch lange nicht gebracht haben, wäre ich hier gewe­sen. Durch den Hochmut hat er’s uns abgejagt, obwohl es dem Worte Gottes keinen Nachteil bringt. Darum: Ihr wolltet den Teufel schwarz machen und habt die Kohle vergessen; statt ihrer habt ihr Kreide genommen. Deshalb muß man die Schrift gut kennen, sie dazu rechtzeitig gebrauchen, wenn man mit dem Teufel fechten will.

VON SPEISEN

Nun wollen wir weiter fortfahren und vom Fleischessen reden und wie man sich hierin ver­hal­ten soll. Es ist ja wahr, daß wir frei sind für alle Speisen, Fleisch, Fisch, Eier oder Butter. Das kann ja niemand leugnen. Die Freiheit hat uns Gott gegeben, das ist wahr. Jedoch müssen wir wissen, unsere Freiheit zu gebrauchen und uns hierin anders zu verhalten gegenüber Schwachen und ganz an­ders gegenüber Halsstarrigen. Nun merke du, wie du diese Freiheit gebrauchen sollst.

Zum ersten, wenn du es nicht ohne deinen Schaden entbehren kannst oder krank bist, so kannst du sicher essen, worauf du Lust hast, es ärgere sich darüber, wer da wolle. Und wenn sich gleich die ganze Welt darüber ärgerte, sündigst du dabei nicht, denn Gott kann dir’s sehr wohl zugute halten in Anbetracht seiner Freiheit, mit der er dich begnadet hat, und deiner Notlage, die fordert, daß du es ohne deine Gefahr nicht entbehren kannst.

Zum zweiten, wenn man dich dazu zwingen wollte, wie es denn der Papst getan hat mit seinen närrischen toten Gesetzen: Du solltest nicht am Freitag Fleisch essen, sondern Fisch, Fisch in der Fastenzeit und nicht Eier, Butter und so weiter. Da sollst du dich in keiner Weise von der Freiheit, in die dich Gott gesetzt hat, abdrängen lassen, sondern ihm zum Trotz das Gegenteil tun und sagen: Ja grade, weil du mir verbietest, Fleisch zu essen, und unterstehst dich, aus meiner Freiheit ein Gebot zu machen, eben deshalb will ich dir das zum Trotz essen. Ebenso sollst du ihm in allen andern Dingen tun, die da frei sind. Nimm ein Beispiel: Wenn mich der Papst oder sonst jemand zwingen wollte, daß ich die Mönchskappe tragen solle, die und keine andere, so würde ich die Kappe ihm zum Trotz ablegen; da es nun aber in meinem freien Willen steht, so will ich sie tragen, wenn es mich gelüstet, wenn aber nicht, so will ich sie ablegen.

Zum dritten sind etliche, die noch im Glauben schwach sind, die doch zu unterweisen wären und auch gerne glaubten wie wir. Allein ihre Unwissenheit hindert sie, und wenn ihnen das gepredigt würde, wie uns geschehen ist, wären sie mit uns eins. Gegenüber solchen gutherzi­gen Menschen müssen wir uns ganz anders verhalten als gegenüber den Halsstarrigen. Mit jenen sollen wir Ge­duld haben, uns unserer Freiheit enthalten, weil es uns keinen Schaden oder Gefahr weder an Leib noch Seele bringt, ja vielmehr förderlich ist, und wir daneben unsern Brüdern und Schwestern einen großen Nutzen tun. Wenn wir aber unsere Freiheit ohne Not so frech unserm Nächsten zum Ärgernis brauchten, dann trieben wir den zurück, der sonst mit der Zeit zu unserm Glauben käme.

So handelte auch Paulus, als sich die Juden an ihm ärgerten. Da es einfältige Leute waren, dachte er: Was kann’s schaden, weil sie sich in ihrem Unverstand ärger­ten. Deshalb ließ er seinen Timotheus beschneiden (Apg. 16,3). Aber als sie in Antiochia darauf dringen wollten, daß er Titus beschneiden sollte und müßte, da stand Paulus gegen sie alle (Gal. 2,3), und zum Trotz ließ er ihn nicht beschneiden und behielt damit auch recht. Desglei­chen als Petrus durch seine Freiheit ein falsches Verständ­nis und einen Wahn in die Herzen der Einfältigen brachte durch sein Verhalten; denn wenn er zu den Heidenchri­sten kam, aß er mit ihnen Schweinefleisch und Würste, und als die Judenchristen kamen, da enthielt er sich der Speise und aß nicht wie vorher (Gal. 2,11ff.). Da dachten die, die aus den Heiden zum Glauben gekommen waren: O weh, wir dürfen auch kein Schweinefleisch essen wie die Judenchristen, sondern müssen uns nach dem Gesetz verhalten. Als das Paulus gewahr wurde, daß sie das Verhalten zum Nachteil der evangelischen Freiheit deu­ten wollten, da sprach er zu St. Petrus öffentlich und las ihm eine alte Lektion und sagte: »Wenn du, der du ein Jude bist, heidnisch lebst, warum zwingst du die Heiden, jüdisch zu leben?« (Gal. 2,14) Dementsprechend sollen wir auch leben und unsere Freiheit gebrauchen zu rechter und tauglicher Zeit, damit der christlichen Freiheit nichts ab­gebrochen und unsern Brüdern und Schwestern, die noch schwach sind und solche Freiheit nicht kennen, kein Är­gernis gegeben werde.

Quelle: Martin Luther, Ausgewählte Schriften, hrsg. v. Karin Bornkamm und Gerhard Ebeling, Bd. 1: Aufbruch zur Reformation, Frankfurt a. Main: Insel, 21983, 287-292.


[1] Kurfürst Friedrich und Erzbischof Albrecht von Mainz, der zugleich Bischof von Halle war, hatten berühmte Reliquiensammlungen gestiftet.

Hier die Predigt als pdf.

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