Martin Luthers dritte Invokavitpredigt am Dienstag, 11. März 1522: „Sie sagen: Meinst du, daß wir keinen Glauben haben oder doch Werke ohne Glauben tun? Dann kann ich sie nicht weiter zwingen, sondern muß meine Pfeife wieder in die Tasche stecken; denn wenn sie ein Haarbreit Recht erlangen, machen sie wohl hundert Meilen draus.“

DIE DRITTE PREDIGT D. MARTIN LUTHERS AM DIENSTAG NACH INVOKAVIT (11. März 1522)

Wir haben gehört die Stücke, die da sein müssen und nötig sind, die da geschehen müssen. Das und kein ande­res: Die Winkelmessen oder Privatmessen müssen abge­schafft werden. Denn alle Werke und Dinge »müssen« so sein, wie sie von Gott geboten oder verboten sind, so wie die hohe Majestät sie verordnet hat. Aber man soll keinen an den Haaren davon weg- oder dazu hinziehen. Denn ich kann keinen zum Himmel treiben oder mit Knüppeln hineinprügeln. Das ist deutlich genug gesagt. Ich meine, ihr habt es verstanden.

Nun folgen die Dinge, die nicht notwendig sind, son­dern von Gott frei gelassen, die man halten kann oder nicht, wie ehelich werden oder nicht, ob Mönche und Nonnen aus den Klöstern gehen sollen. Diese Dinge sind frei und dürfen von niemandem verboten werden; wenn sie aber verboten werden, so ist das Unrecht, denn es ist gegen Gottes Ordnung. In diesen Dingen, die da frei sind, wie ehelich werden, soll man sich so verhalten: Kannst du sie ohne deine Beschwerung halten, so halte sie. Aber es darf kein allgemeines Gebot daraus gemacht werden, sondern ein jeder soll frei sein. Ist da also ein Priester, Mönch oder eine Nonne, die sich nicht zurückhalten können, so nehme er eine Frau und sie einen Mann, damit deinem Gewissen geraten werde. Und achte darauf, daß du gerüstet und geharnischt bist, damit du vor Gott und der Welt bestehen kannst, wenn du angefochten würdest, besonders im Sterben vom Teufel.

Es ist nicht genug, wenn du sagen wolltest: Der und der hat es getan, ich bin der Allgemeinheit gefolgt, wie uns der Propst Doktor Karlstadt, Gabriel oder Michael[1] ge­predigt hat. Nein, jedermann muß für sich stehen und gerüstet sein, mit dem Teufel zu streiten: Du mußt dich gründen auf einen starken, klaren Spruch der Schrift, mit dem du bestehen kannst. Wenn du den nicht hast, dann ist es nicht möglich, daß du bestehen kannst. Dann reißt dich der Teufel hinweg wie ein dürres Blatt. Darum: Welche Priester Frauen genommen haben und welche Nonnen einen Mann – zur Errettung ihrer Gewissen –, die müssen auf einem klaren Spruch stehen wie dem des Paulus, obwohl noch mehr solche Sprüche vorhanden: »In den letzten Zeiten werden Menschen vom Glauben abfallen und sich hängen an verführerische Geister und Teufels­lehre« – ich meine, St. Paulus habe es deutlich genug ausgesprochen –, »die verbieten werden die Ehe und die Speisen, die Gott geschaffen hat.« (1.Tim. 4,1) Diesen Spruch wird dir der Teufel nicht umstoßen oder fressen, ja er selbst wird von dem Spruch umgestoßen und gefres­sen werden.

Deshalb: Welcher Mönch oder welche Nonne sich zu schwach finden, die Keuschheit zu wahren, die sehen auf ihr Gewissen. Ist sein Herz und Gewissen so gestärkt, daß er bestehen kann mit gutem Gewissen, der nehme eine Frau und sie nehme einen Mann. Wollte Gott, alle Mön­che und Nonnen hörten diese Predigt und hätten das Verständnis und liefen alle aus den Klöstern und alle Klöster hörten auf, die in der ganzen Welt sind, – das wollte ich. Da sie aber nun das Verständnis nicht haben, denn niemand predigt’s ihnen, und hören, daß man an­derswo die Klöster verläßt, aber gut gerüstet, da wollen sie denen folgen, haben ihr Gewissen noch nicht gestärkt, wissen auch nicht, daß es frei sei, – das ist böse. Da ist es noch besser, draußen böse sein als drinnen. Darum spre­che ich: Was Gott frei gemacht hat, das soll frei bleiben. Ver­bietet dir’s aber jemand, wie es der Papst getan hat, der Antichrist, dem sollst du nicht folgen.

Wer es jedoch ohne Schaden tun kann und dem Näch­sten zu Liebe eine Kappe oder Tonsur trägt als Mönch, zumal es dir an deinem Glauben nicht schadet, der tue es. Die Kappe erwürgt dich nicht, obschon du sie trägst. So, hebe Freunde, ist es klar genug gesagt. Ich meine, ihr solltet’s verstehn und kein Gebot aus der Freiheit machen und sagen: Der Priester hat eine Frau genommen, darum müssen sie alle Frauen nehmen. Grade nicht! Der Mönch oder die Nonne ist aus dem Kloster gegangen, darum müssen sie alle herausgehen. Grade nicht! Der hat die Bilder zerbrochen und verbrannt, darum müssen wir sie alle verbrennen. Grade nicht, liebe Brüder! Oder: Der Priester hat keine Frau, darum darf kein Priester ehelich werden. Gra­de nicht! Denn diejenigen, welche die Keuschheit nicht bewahren können, die nehmen Frau­en; aber die, welche Keuschheit halten, denen ist es gut, daß sie sich zurückhalten können, denn die leben im Geiste und nicht im Fleische. Es soll sie auch ihr gegebenes Gelübde nicht anfechten, wie die Mönche Gehorsam, Keuschheit und Armut geloben, obwohl sie daneben reich genug sind. Denn wir können nichts geloben gegen Gottes Gebot. Gott hat es frei gemacht, ehelich zu werden oder nicht. Und du Narr unterstehst dich, aus dieser Freiheit ein Gelübde gegen Gottes Ordnung zu machen! Darum mußt du eine Freiheit bleiben lassen und nicht einen Zwang draus machen lassen, denn dein Gelübde ist gegen Gottes Freiheit.

Nehmt ein Gleichnis: Wenn ich gelobte, ich wollte meinem Vater aufs Maul schlagen oder jemandem das Seine nehmen, meinst du, daß Gott würde ein Wohlgefallen daran haben? So wenig ich nun das Gelübde halten sollte, meinem Vater aufs Maul zu schlagen, ebenso we­nig sollte ich durch Gelübde erzwungene Keuschheit hal­ten. Denn Gott hat es beiden Seiten anders verordnet. Gott hat verordnet, ich solle frei sein, Fisch oder Fleisch zu essen, und da soll kein Gebot sein. Deshalb übertreten alle Kartäuser, alle Mönche und Nonnen Gottes Ordnung und Freiheit und meinen, wenn sie Fleisch äßen, würden sie verunreinigt.

VON BILDNISSEN

Um nun zu den Bildern zu kommen: Mit den Bildern steht es auch so, daß sie nicht notwendig, sondern frei sind. Wir können sie haben oder nicht haben, obwohl es besser wäre, wir hätten sie gar nicht. Ich bin ihnen auch nicht hold. Um der Bilder willen hatte sich ein großer Streit erhoben zwischen dem Römischen Kaiser und dem Papst. Der Kaiser meinte, er hätte die Gewalt, zu befeh­len, daß keine Bilder sein sollten.[2] Der Papst aber meinte, sie müßten sein. Und beide haben geirrt. Darüber ist auch viel Blut vergossen worden. Aber der Papst war überle­gen, und der Kaiser mußte verlieren. Warum? Weil sie aus der Freiheit ein »Müssen« machen wollten. Das kann Gott nicht leiden. Wolltest du es anders machen, als die hohe Majestät es beschlossen hat? Grade nicht! Du wirst es sein lassen.

Ihr lest im Gesetz, 2.Mose 20,4: »Du sollst dir kein Bild machen oder Gleichnis, weder der Dinge, die im Himmel sind, noch der Dinge auf Erden oder im Wasser.« Darauf steht ihr, das ist euer Grund. Laßt uns nun sehen, was ihr antwortet, wenn unsere Widersacher sagen werden: Das erste Gebot dringt dahin. Wir sollen allein einen Gott anbeten und kein Bild, wie es auch nachher heißt: »Du sollst sie nicht anbeten.« Und die Gegner sagen: Das Anbeten ist verboten, aber nicht das Machen. Und so machen sie uns den Grund wankend und ungewiß. Ja, sprichst du, es steht im Text aber: »Du sollst keine Bilder machen.« Sie entgegnen: Es steht auch da: »Du sollst sie nicht anbeten.« (2.Mose 20,5) Wer will nun in solchem Für und Wider so kühn sein und die Bilder zerreißen? Ich nicht.

Laßt uns nun weitergehn. Sprechen sie nun: Hat nicht Noah, Abraham, Jakob einen Altar ge­baut? Wer will das leugnen? Wir müssen’s zugeben. Weiter: Hat Moses nicht eine eherne Schlange aufgerichtet? So lesen wir’s in sei­nem Buch, 4.Mose 21,9. Wie kannst du denn sagen, Moses habe es verboten? Wir sollen kein Bild machen, aber er machte selber eins. Ich meine, eine Schlange sei doch auch ein Bildnis. Was wollen wir dazu sagen? Wei­ter, lesen wir nicht auch, daß zwei Vögel auf die Bundeslade gemacht waren (2.Mose 37,7)? Wie? Eben da, wo Gott angebetet sein wollte? Hier müssen wir doch beken­nen, daß man Bilder haben und machen darf, aber anbe­ten sollen wir sie nicht, und wenn man sie anbetet, dann sollte man sie zerreißen und abschaffen, wie es der König Hiskia 2.Könige 18,4 tat, als er die von Moses aufgerichtete Schlange zerbrach. Nun, wer will da so kühn sein und sprechen, wenn er da zur Antwort aufgefordert würde: Sie, die Papisten, haben die Bilder angebetet? Sie werden entgegnen: Bist du der Mann, der uns beschuldigen darf, wir hätten sie angebetet? Meint ihr, daß sie das bekennen würden, obwohl es doch wahr ist? Aber wir könnten sie nicht dahin bringen, daß sie das bekennen müßten. Seht, wie schwer haben sie sich getan, als ich nur die Werke außerhalb des Glaubens verworfen habe. Sie sagen: Meinst du, daß wir keinen Glauben haben oder doch Werke ohne Glauben tun? Dann kann ich sie nicht weiter zwingen, sondern muß meine Pfeife wieder in die Tasche stecken; denn wenn sie ein Haarbreit Recht erlangen, machen sie wohl hundert Meilen draus. Deshalb sollte man es gepredigt haben, wie Bilder nichts wären, man täte Gott keinen Dienst damit, daß man sie aufrichte. Dann würden sie wohl von selbst vergehen.

So wie ich es getan habe, machte es Paulus in Athen. Da ging er in ihre Kirchen und besah alle ihre Abgötterei, schlug aber niemanden aufs Maul, sondern trat mitten auf den Markt und sprach: »Ihr Männer von Athen, ihr treibt alle Abgötterei« usw. (Apg. 17,22) Gegen die Abgötter predigte er, aber er riß keinen mit Gewalt weg. Aber du willst zufahren und einen Auflauf anzetteln, die Altäre zerbrechen, die Bilder wegreißen? Meinst du, die Bilder auf diese Weise auszutilgen? Nein, du wirst sie auf diese Weise wohl stärker aufrichten. Wenn du gleich hier die Bilder umstößest, meinst du, du hättest sie zu Nürnberg und in aller Welt umgestoßen? Grade nicht!

St. Paulus, wie wir in der Apostelgeschichte lesen, saß in einem Schiff, in dem die Zwillinge angemalt oder ge­schnitzt waren (28,11). Er ließ sich darin fahren und fragte nicht danach. Er riß sie auch nicht ab. Ei, mußte Lukas so genau die Zwillinge beschreiben? Ohne Zweifel, er hat damit anzeigen wollen, daß die äußerlichen Dinge dem Glauben keinen Schaden zufügen können. Allein: Das Herz darf nicht daran hängen, nicht darauf vertrauen. Solches müssen wir predigen und sagen und das Wort, wie gesagt, allein wirken lassen. Das muß die Herzen der Menschen zuvor gefangennehmen und erleuchten: Wir werden diejenigen nicht sein, die das tun werden. Darum rühmen sich die Apostel ihres Dienstes und Amtes, aber nicht des Erfolges der Ausführung.

Davon ist’s jetzt genug.

Quelle: Martin Luther, Ausgewählte Schriften, hrsg. v. Karin Bornkamm und Gerhard Ebeling, Bd. 1: Aufbruch zur Reformation, Frankfurt a. Main: Insel, 21983, 281-287.


[1] Gabriel Zwilling hatte in Wittenberg heftig gegen Messe, Bilder u. a. gepredigt. Luther wollte ihn schonen und verschleiert deshalb seinen Namen durch Hinzufügung des Erzengels Michael, wohl im Sinne von Gal. 1,8.

[2] Kaiser Leo der Isaurier von Byzanz hatte die Bilder verboten.

Hier die Predigt als pdf.

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