Julius Schniewind, Jesus auf dem See (Matthäus 14,22-33): „Jesu Handeln und Jesu Macht wird mit Gottes Macht und Gottes Willen gleichgesetzt. Aber das war nicht anders in Geschichten wie der vom Gelähmten und in Worten wie der Antwort an den Täufer. Derselbe Jesus aber, der neben Gott gestellt wird, ist der, der alle seine Wunder, auch die größten, als Betender von Gott empfängt.“

Jesus auf dem See (Matthäus 14,22-33; vgl. Markus 6,45-52)

Von Julius Schniewind

22 Und er trieb die Jünger, ins Boot zu steigen und ihm vorauf zu fahren, ans andere Ufer hin, während er selbst die Menge entließe. 23 Und als er die Menge entlassen hatte, stieg er auf einen Berg, allein für sich, um zu beten. Als es aber Abend geworden war, war er dort allein. 24 Das Boot aber war schon viele Stadien weit vom Land entfernt und wurde von den Wogen bedrängt, denn der Wind war ihnen entgegen. 25 In der vierten Nacht­wache aber kam er zu ihnen und wandelte auf dem See. 26 Als ihn aber die Jünger auf dem See wandeln sahen, erschraken sie sehr und sagten, es sei ein Gespenst, und schrieen vor Furcht. 27 Sogleich aber redete Jesus zu ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s, fürchtet euch nicht!
28 Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, wenn du es bist, so befiehl mir, zu dir über das Wasser zu kommen. 29 Er aber sprach: Komm! / Und Petrus stieg aus dem Boot und wandelte über das Wasser und kam zu Jesus. 30 Als er aber den Wind sah, geriet er in Furcht, und er begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! 31 Sogleich aber streckte Jesus seine Hand aus und ergriff ihn und spricht zu ihm: Kleingläubiger, warum zweifelst du? 32 Und als sie in das Boot stiegen, legte sich der Wind. 33 Die aber, die im Schiff waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist in Wahrheit Gottes Sohn.

Unsere Erzählung ist der Anfang einer Reihe von Berichten (14,22-16,12), in denen Markus und Matthäus allein stehen, ohne Lukas (s.z. Mk.6,45 ff.). Sie tragen, ebenso wie die Erzählungen 19,1-9 und 20,20-28, eine besondere Eigenart (Procksch), die an bestimmte Züge der Streitgespräche Mk.2/3 und der matthäischen Bergpredigt erinnert. – Unsere Erzählung steht in festem Zusammenhang mit der vorhergehenden Geschichte, ebenso bei Markus und Johannes- ihr Wortlaut bleibt nahe bei Markus. Doch wird die Not der Jünger noch dringlicher beschrieben: sie sind kurz vor Morgengrauen (V.24) weit draußen auf dem See (ein Stadion ist etwa 200 Meter); Jesu Erscheinung (V.26) mehrt noch die Todesangst. – Vor allem hat Matthäus zwei besondere Züge. Deren erster ist das Bekenntnis der Jünger: Du bist in Wahrheit Gottes Sohn. Damit wird scheinbar dem Petrusbekenntnis vorgegriffen (16,16); doch ist auch das Petrusbekenntnis nicht gemeint als Äußerung einer Er­kenntnis, die erst in diesem Augenblick bei den Jüngern durchgebrochen wäre (s.z. 16,20). Und im Rahmen des Matthäusevangeliums fanden wir nicht nur, wie bei Mar­kus, den Namen Gottessohn als das Ehrenwort der Taufstimme (3,17) und als Be­kenntnis der Dämonischen (8,29); sondern auch die Versuchungsgeschichte war von der Gottessohnschaft Jesu her gestaltet (4,3.6), und was die Bergrede von der Gottes­sohnschaft der Jesusjünger sagte (5,9.16.45.48), das stammte aus der Gottessohnschaft Jesu (s.z. 6,9). Befremdlich ist nur, daß in unserer Geschichte dies Bekenntnis daran zu erwachsen scheint, daß Jesus rein äußerlich seine übernatürliche Macht und Art erweist. Doch auch dieser Machterweis steht, wie alle anderen Wunder Jesu, im Dienst der Hilfsbedürftigen (V.24). Wohl aber soll die Geschichte, ähnlich wie die von der Stillung des Sturmes (s.z. 8,27 und Mk. 4,41), an alttestamentliche Worte er­innern, in denen Gott selbst geschildert wird (vgl. zu unserer Geschichte noch Ps. 77,20; Hi. 9,8). Jesu Handeln und Jesu Macht wird mit Gottes Macht und Gottes Willen gleichgesetzt. Aber das war nicht anders in Geschichten wie der vom Gelähmten (9,3.5.6) und in Worten wie der Antwort an den Täufer (11,5.10.14). Derselbe Jesus aber, der neben Gott gestellt wird, ist der, der alle seine Wunder, auch die größten, als Betender von Gott empfängt (s.z. Mk. 1,40-43; 7,34); er betet (V.25) den Abend spät bis tief in die Nacht – und dann begegnet er den Jüngern auf dem See. – Der zwei­te Sonderzug unseres Berichtes ist uns aus bildlichen Darstellungen vertraut: die Geschichte vom sinkenden Petrus. Sie wird auch von solchen, die sie für Legende halten, hoch bewertet. Man beruft sich etwa auf Goethes Urteil (Gespräch mit Eckermann, 12.2.1831): Es sei in dieser Geschichte „die hohe Lehre ausgesprochen, daß der Mensch durch Glauben und frischen Mut in schwierigsten Unternehmen siegen werde, dagegen bei anwandelndem geringsten Zweifel sogleich verloren sei“. Aber gerade dies ist mit der Geschichte nicht gemeint. Der Glaube, den Jesus erwartet, und dem der Kleinglaube entgegensteht (s.z. 6,30; 8,26), ist etwas ganz anderes als „Glaube und frischer Mut“. Er ist vielmehr ausschließlich auf Gott bezogen, auch in den äußeren Nöten des Lebens; so Jesu Worte Mk.11,22f.; Mt. 17,20 (vgl. Mk. 16,17f.). Das Wunder selbst ist freilich einzigartig: ein Naturwunder, das einem Jünger ganz für ihn allein begegnet. Man erklärt unsere Geschichte aus dem Glauben, daß der Jünger mit Christus über die Wasser des Todes schreite; aber die Belege für diesen Glauben sind unsicher. Oder man denkt an den Einfluß einer buddhistischen Legende: von einem Mönch wird erzählt, der, solange er des Buddha gedenkt und in der „Ver­senkung“ beharrt, ungefährdet über das Wasser gehen kann, doch in dem Augenblick sinkt, wo die Konzentration nachläßt. Aber damit wird die innere Kraft des religiösen Menschen gefeiert, der, wie es heute noch in Indien geübt wird, die Naturüberlegenheit seiner religiösen Kräfte erprobt. In unserer Erzählung aber handelt Petrus auf direkten Befehl Jesu; und dieser Befehl ist dadurch veranlaßt, daß Petrus selbst in Eigenwilligkeit das Wunder herbeiruft; doch angesichts der drohenden Gefahr er­wacht sein Zweifel. Zweifel aber bedeutet nicht, wie im Goethewort, Mangel an Selbstvertrauen; sondern der Zweifel ist Unglaube gegenüber dem Worte Gottes, wie es in Jesu Befehl zu Petrus spricht (vgl. 21,21 Par.; Apg. 10,20; Röm. 4,20). Petrus kommt zu Jesus (V.29), und obgleich er schon bei ihm ist, wird ihm plötzlich (V.30) der Eindruck des Sturmes und der Wogen übermächtig, und er beginnt zu sinken. An beiden erwähnten Zügen hat man Anstoß genommen. Einige Handschriften erleichtern V. 29: (er wandelt über das Wasser,) „zu Jesus zu kommen“. Ebenso wun­dern sich neuere Ausleger, daß Petrus erst jetzt und nicht schon im Kahn von dem Eindruck der Wogen überwältigt wird. Beide auffälligen Züge aber sind gerade be­zeichnend für das, was Zweifel heißt. – In der Geschichte der Kirche ist unsere Er­zählung immer ein Urbild für den Zweifel gewesen; dieser ist ja nichts Ungewöhnliches, sondern das Neue Testament rechnet mit ihm, als einer Gefahr gerade für die Christen (28,17, s.z. Mk. 16,11.13.14; Phil. 2,14; Röm. 14,1.23). Aus Bismarcks Leben wird erzählt (A.G. Meger, Bismarcks Glaube, 41933, S. 57), daß er unsere Geschichte aus sich selbst bezogen hat. Im Zimmer eines Bekannten sieht er sein eigenes Bild, „besah es, schüttelte dann mit dem Kopf und sagte: ,Das soll ich sein, das bin ich nichts Er drehte sich um, Zeigte auf ein Bild vom sinkenden Petrus und sagte: ,Das bin ich.‘“ Unsere Geschichte hat ja nichts von einer Heiligenlegende. Vielmehr ist ihr Ziel, Petrusʼ „Unfähigkeit zum Glauben darzutun“ und zu zeigen, „wie unmöglich so der Glaube für den Jünger ist“ (Schlatter). Aber Petrus ruft: „Herr, hilf mir!“ Er nennt Jesus bei seinem letzten Namen: Heiland, Helfer (s.z. Mk. 5,34); und gerade aus diesem Ruf letzter Not klingt der Glaube, den Jesus erwartet (s.z. 8,8-10; Mk. 9,24). Übrigens weist unsere Geschichte auch sprachliche Anzeichen dafür auf, daß sie nicht aus einer späteren Zeit der Apostelverehrung, sondern aus der Urgemeinde stammt.

Quelle: Julius Schniewind, Das Evangelium nach Matthäus übersetzt und erklärt (1936), NTD 2, Göttingen 111964, S. 178-180.

Hier der Text als pdf.

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