Karl Barth, Die christlichen Kirchen und die heutige Wirklichkeit (1946): „Warum erlaubt man es den Kirchen, ihr Licht, das die Welt nötig hat, unter den Scheffel zu stellen? Die Welt wäre gut beraten, wenn sie ihnen das nicht mehr allzulange erlauben würde.“

Die christlichen Kirchen und die heutige Wirklichkeit (1946)

Von Karl Barth

Was heißt Wirklichkeit? Gewiß ganz einfach: all das, was gestern geschah, heute geschieht und morgen geschehen wird, erlebt, erlitten, empfunden von den Völkern und von den einzelnen, beschrieben und gedeutet von den Zeitungen, sich selbst offenbarend und sich selbst noch mehr verhüllend in den Worten der Staatsmänner. Aber die Wirklichkeit ist doch das Geheimnis in all diesem Geschehen, das Jenseits, das in diesem Diesseits verborgen ist, das mächtige Leben, das in dem, was uns Jahr für Jahr, Tag für Tag, als die Welt des Menschen sichtbar und hörbar wird, nur zu vernehmen ist, nicht sich erschöpfen kann. Die Wirklichkeit ist das Dasein, für das die Menschheit und jeder einzelne Mensch immer wieder verantwortlich werden, dessen Kosten sie immer wieder zu bezahlen haben, dem sie nicht nur als Zuschauer beiwohnen können, sondern das sie immer wieder selber gestalten müssen, um dann auch ernten zu dürfen oder zu müssen, was sie gesät haben. Die Wirklichkeit ist die Geschichte als das immer sich erneuernde Angebot, als in verschiedenen Formen immer wiederkehrende Gelegenheit — die Geschichte als unser eigenes positives oder negatives, kluges oder törichtes Verhältnis zu diesem Angebot — die Geschichte als das Ereignis, in welchem wir ihre Gelegenheiten verstehen oder mißverstehen, in welchem sie uns fruchtbar werden oder unfruchtbar bleiben, in welchem sie uns zum Segen oder zum Fluch und in der Regel wohl zu beidem werden.

Das alles gilt auch von der heutigen Wirklichkeit: von der Wirklichkeit der Welt nach dem zweiten großen Krieg und von den künftigen Entwicklungen, die sich nun, wo es so viel schwerer scheint, nach dem Krieg auch den Frieden zu gewinnen, anbahnen wollen. Die heutige Wirklichkeit besteht nicht nur in den Machtverhältnissen, wie sie nun geworden sind und weiter sich zu entfalten im Begriff stehen — nicht nur in den Spannungen, deren friedliche Lösung oder deren gefährliche Entladung wir nur zu erwarten haben — nicht nur in den [102] neuen Hoffnungen und Befürchtungen, die uns dabei bewegen, und in den neuen Erfahrungen, mit denen wir uns unterdessen auseinanderzusetzen haben. Sie besteht auch darin, daß in dem allem ein Geheimnis, ein Jenseits, ein mächtiges Leben auf dem Plan ist, an welchem wir aktiv beteiligt sind, weil es uns etwas sagt, auf das wir — und wäre es auch nur durch Schweigen — antworten müssen, weil es uns aufruft und damit unser Verhalten zu ihm von vorneherein zu einem Akt des Gehorsams oder Ungehorsams macht. Die heutige Wirklichkeit ist bestimmt auch die Entscheidung, in welcher wir von der uns heute gebotenen Möglichkeit und Gelegenheit den rechten oder einen unrechten oder — was noch schlimmer sein könnte — gar keinen Gebrauch machen.

Die christlichen Kirchen aber sind die Stätten, wo laut und vernehmbar dies verkündigt werden müßte: daß die wahre Wirklichkeit heute wie zu allen Zeiten durch den Willen und in der Tat Gottes begründet und zu ihrem Ziele geführt wird. Ich versuche es, das Größte mit den einfachsten Worten zu bezeichnen: Der Wille Gottes ist die Treue, in der er sich selbst zu des Menschen Verbündetem, zu seinem Nächsten und Beistand machen wollte. Die Tat Gottes ist das Werk seiner Gnade, in der er sich selbst in Jesus Christus für den Menschen dahingegeben, seine Sache zu seiner eigenen gemacht und ein für allemal zum guten Ende geführt hat, so daß uns heute und zu allen Zeiten nur dies übrig bleibt: von seiner Vergebung und von der Hoffnung auf seine Offenbarung und also in der Dankbarkeit der durch ihn schon Befreiten zu leben. Der Gott, der will und der so gehandelt hat, begründet und regiert die Wirklichkeit, heute wie zu allen Zeiten. Er ist der Herr der Geschichte. Und so ist Jesus Christus die wahre Wirklichkeit, das wahre Geheimnis und Jenseits und Leben auch im heutigen Geschehen. Wir täuschen uns über die Wirklichkeit, wenn wir sie anders sehen. Wir machen uns Illusionen, die Völker und die einzelnen, die Staatsmänner und die Massen irren sich in ihren Entscheidungen, in dem Gebrauch oder Nicht-Gebrauch der ihnen heute gebotenen Möglichkeiten und Gelegenheiten, sofern sie dabei von anderswoher kommen als von der Erkenntnis dieser wahren Wirklichkeit. Und es kann nichts anders sein, als daß ihnen die angebliche, die vermeintliche, die falsch verstandene Wirklichkeit so oder so, früher oder später, zum Verderben werden muß. Jesus Christus, der die wahre Wirklichkeit ist, ist die Errettung, die für alle bereit steht, aber nur Er, nur diese wahre Wirklichkeit. Das ist die Botschaft, die die christlichen Kir­chen heute wie alle Zeit laut und vernehmbar verkündigen dürften und müßten.

Wäre es doch so, daß man jetzt fortfahren dürfte: eben so geschieht es denn auch. Die christlichen Kirchen sind tatsächlich der Ort, wo diese Botschaft und sie allein [103] mit ganzer Kraft und in großer Klarheit, in völligem Ernst und in der hellsten Freude ausgerichtet und der ganzen Welt vernehmbar wird! Wäre es doch so, daß man jetzt das versichern dürfte: Ja, hier in den christlichen Kirchen befinden wir uns gewissermaßen im Herzen der heutigen Wirklichkeit und darum in der heilsamen Höhe über ihren Widersprüchen, hier werden die falschen Ideen unserer Zeit durchschaut und unschädlich gemacht, ihre falschen Hoffnungen begrenzt, ihre unnötigen Drohungen gebannt, von hier geht ein Wort aus, das nach allen Seiten Aufrichtigkeit und Weisheit, Geduld und Entschlossenheit, Verantwortlichkeit und Solidarität atmet, und also ein vielleicht kleines aber zuverlässig helles und hilfreiches Licht verbreitet! Wäre es doch so, daß die christlichen Kirchen z. B. im heutigen Deutschland nur damit beschäftigt wären, dem deutschen Volk rückhaltlos das eine zu sagen, daß der böse Traum, an dem es nun beinahe zugrunde gegangen ist, nach Gottes Willen und durch Gottes Entscheidung und Tat schon vor zweitausend Jahren endgültig ausgeträumt ist, und daß darum keinerlei Grund besteht, ihn heute in irgendeiner Form weiter zu träumen, wohl aber tiefster Grund und stärkste Möglichkeit, auf neuen Wegen einen neuen Mut zu einem neuen Deutschland zu beweisen! Wäre es doch so, daß die christlichen Kirchen dem kommunistischen Osten ein Gesicht zeigen würden, in welchem auch er statt der frommen Heimtücke eines endlich und zuletzt doch nur auf die Erhaltung des kapitalistischen Wirtschaftssystems bedachten Abendlandes Jesus Christus und also des Menschen längst geschaffene, aber nun eben gründlich und allseitig zu bestätigende Freiheit erkennen dürfte! Wäre es doch so, daß die christlichen Kirchen im Westen den Mut hätten, ihren Gläubigen und ihrer ganzen Umgebung deutlich zu machen, daß die Gottlosigkeit, die Jesus Christus ans Kreuz gebracht und die er in seiner Auferstehung widerlegt hat, nicht die theoretische Gottlosigkeit der „Atheisten”, sondern die praktische Gottlosigkeit der Frommen, der Vertreter der „christlichen Zivilisation” seiner Zeit gewesen ist, und daß die Konsequenz dieser Tatsache, nämlich die schon lange fällige Buße und Umkehr der Gerechten nun streng und fröhlich gezogen werden dürfe. Wäre es doch so, daß es in den christlichen Kirchen heute überall hörbar wäre: Es ist kein menschlicher Krampf, der nicht in Jesus Christus schon gelöst, keine menschliche Höhe, die in ihm nicht schon erniedrigt, keine menschliche Niedrigkeit, die in ihm nicht schon erhöht, kein menschlicher Widerspruch, der in ihm nicht schon erschüttert, keine menschliche Hoffnung, die in ihm nicht schon überboten und in ihrem tiefsten Sinn erfüllt wäre! Ja, wäre es doch so! Könnte man es den christlichen Kirchen doch zusprechen, daß sie inmitten der heutigen Wirklichkeit die bescheidenen, aber soliden und zuversichtlichen Träger dieser unwidersprechlichen [104] und unentbehrlichen Botschaft sind, die Stätten, wo die wahre Wirklichkeit auch heute und gerade heute erleuchtend, tröstlich und mahnend für sich selber spricht!

Es hat nun aber — wir müssen die Dinge nehmen wie sie sind — nicht den Anschein, als ob die christlichen Kirchen heute in ihrer Funktion von irgendeiner Seite ernstlich anerkannt und gewürdigt oder auch nur aufmerksam beachtet wären. Der von ihren offiziellen Wortführern gelegentlich erhobene Anspruch, daß bei der Neugestaltung der Dinge nach dem Kriege auch sie gehört werden müßten, hat keinerlei Echo gefunden. Es gibt Bereiche — ich denke an alle die, in denen der Kommunismus das entscheidende Wort hat —, in denen das Wort der Kirchen geradezu suspekt und zum vornherein unerwünscht ist, weil es als Bestandteil der Ideologie einer vormals herrschenden Klasse doch nur der Reaktion dienen könne. Es gibt andere Bereiche, in denen die Kirchen zwar wohlwollend geduldet oder sogar respektvoll anerkannt sind: nämlich als eine von der Wirklichkeit weit entfernte Sache des Sonntags, der inneren Erbauung, des metaphysischen Bedürfnisses, wobei alle darüber einverstanden sind, daß sie harmlos, d. h. aber, daß sie praktisch unbrauchbar und bedeutungslos seien. Und es gibt noch andere Bereiche, in denen die Möglichkeit eines Zusammenhangs der christlichen Botschaft mit den Fragen des Völkerlebens, des Staates und der Wirtschaft, die Möglichkeit, daß es sich in ihnen um die Ankündigung der wahren Wirklichkeit handeln könnte, überhaupt noch nie gestellt worden ist.

In den christlichen Kirchen ist es weithin üblich, das alles auf die Hartnäckigkeit der sündigen Menschen zurückzuführen, denen der Geist Gottes fremd sei, die das ihnen verkündigte Wort von seiner Treue und Gnade durchaus nicht hören, verstehen und annehmen, die darum die Bedeutung der Kirchen in der heutigen Wirklichkeit nicht würdigen und, was ihnen von daher gesagt wird, nicht beherzigen könnten. Und nun kann es keine Frage sein, daß die Menschheit heute wie zu allen Zeiten ein reichlich verstocktes Geschlecht ist, das es sich selber schwer genug macht, sich die ihm von Gott angebotene Hilfe zugutekommen zu lassen. Es muß aber einmal offen ausgesprochen werden, daß es keine gute Sache wäre, wenn sich die christlichen Kirchen mit der Beschwerde über die allgemeine Verstocktheit der Welt — wie gut sie minier begründet sein mag — auch nur von ferne zufrieden geben wollte. Zu den hartnäckigen Menschen, denen der Geist Gottes fremd ist und die von Natur viel lieber auf sich selbst als auf Jesus Christus vertrauen, gehören nämlich auch und gar nicht zuletzt die kirchlich gesinnten und vor allem auch die in der Kirche mit besonderen Verantwortungen betrauten Menschen. Und es wäre wohl am Platz, den Spieß einmal umzukehren, und zu fragen: wie es denn mit dem Geist Gottes in den Kirchen selber stehe? ob [105] denn sie selber das Wort von Gottes Treue und Gnade schon gehört, verstanden und angenommen haben, daß sie der Welt gegenüber als dessen Träger und Verkündiger mit dem Gewicht auf den Plan treten können, das sie eigentlich haben müßten und das sie heute zweifellos — nicht haben? Die Unordnung der Welt ist am Tage. Aber sind denn etwa die christlichen Kirchen in Ordnung?

Wäre ich in irgendeinem Land Mitglied der Staatsregierung oder auch einer Parteileitung oder vielleicht der Redaktion eines führenden politischen Blattes, dann wollte ich wohl mit aller Macht dahin wirken, daß die christlichen Kirchen dieses Landes einmal mit aller Macht und in aller Öffentlichkeit vor diese Frage gestellt würden. Woher kommt es eigentlich — so müßten sie gefragt werden —, daß ihr mit dem, was ihr uns zu sagen haben solltet, nicht in ganz anders eindrücklicher und wirksamer Weise auf dem Plane seid? Woher kommt es, daß ihr nicht so redet, daß wir euch beachten und hören müssen? Viel unbekümmerter, viel konsequenter, viel mutiger möchten wir euch sehen. Wir haben zu oft den Eindruck, daß ihr im Grunde — vor was eigentlich? — Angst habt. Wir bemerken so wenig von klaren christlichen Entscheidungen, von verbindlichen christlichen Stellungnahmen, die uns von Bedeutung sein könnten. Wir sehen euch so oft in irgendeiner neutralen Mitte und wohl auch mit der Neigung, euch aus lauter Vorsicht — oder auch in Ermangelung der richtigen Vorsicht! — wieder einmal auf die verkehrte Seite zu stellen. Wir sehen euch so oft zu spät, d. h. erst dann hervortreten, wenn es billig geworden ist, wenn es kein Risiko mehr bedeutet, wenn alle braven Leute ohnehin der Meinung sind, der ihr dann mit christlichen Worten auch noch euren Segen gebt. Wir sehen euch so selten gegen den Strom schwimmen. Und es geht so wenig Helligkeit und Freude von euch aus. Es sind ja in der Regel die Klagen und Anklagen einer älteren Generation, die vielleicht nie richtig jung gewesen ist, in der Regel die Anliegen einer die heutige Wirklichkeit nicht so recht verstehenden Sondergruppe, mit denen ihr euch uns bemerkbar macht. Man atmet nicht leichter in der Luft, die ihr verbreitet. Denn man atmet auch bei euch die Luft eines Gesetzes, einer Weltanschauung, die Luft von Prinzipien und Postulaten, nicht Lebensluft. Und wir werden den peinlichen Eindruck nicht los, daß ihr im Grunde mehr an euch selbst, als, wie ihr vorgebt, an der Ehre Gottes und am Heil der Menschen interessiert seid. Und ebenso könnt ihr uns anderen nicht imponieren, nicht einleuchten, nicht helfen. In diesem Tonfall kann uns eure Botschaft nicht positiv wichtig oder auch nur beachtlich werden. In dieser Sprache sagt ihr uns nichts Neues: nichts, was wir nicht auch ohne euch schon besser wüßten. Wir hören euren Anspruch, eure Verheißungen. Wir denken darüber nach, was er für die heutige Wirklichkeit bedeuten könnte. [106]

Wir können aber nicht finden, daß er durch das, was ihr uns heute zu bieten habt, gerechtfertigt ist. Kommt morgen wieder, kommt aber morgen anders wieder, wenn ihr wünscht, daß man euch in der heutigen Wirklichkeit ernstnehmen soll! — Dies ist es was den christlichen Kirchen, die die Fehler der Welt so gut zu bezeichnen und zu beschreiben wissen, von Seiten der Welt einmal sehr offen gesagt werden müßte.

Es ist wahr, daß man ihnen dabei insofern unrecht tun würde, als es ja in den Kirchen aller Länder auch einzelne, auch ganze Gruppen von solchen gibt, die den Spieß längst umgekehrt, die sich längst eben damit beschäftigt haben, in den christlichen Kirchen eben das zu sagen: Wir selbst sind nicht in Ordnung. Wir selbst müssen erst wieder in Ordnung kommen. Wir selbst müssen nämlich erst wieder glauben lernen, was wir sagen und zu glauben behaupten — müssen erst wieder stehen lernen zu dem, was wir glauben — müssen erst wieder sein lernen, was wir zu sein vorgeben, um dann und damit erst den Anspruch zu rechtfertigen, den wir erheben, und die Funktion erfüllen, die uns in der heutigen Wirklichkeit zukommt. Wir selber müssen uns der wahren Wirklichkeit, von der wir wissen und reden, erst wieder ganz anders anvertrauen, um dann und damit auch der Welt wieder glaubwürdig zu werden. Wir selbst müssen erst wieder christlicher, d. h. kindlichere und treuere Träger und Verkündiger der Christusbotschaft werden. — Es fehlt in der Kirche selbst nicht an Stimmen, die ihr eben dies längst gesagt haben. Aber die das sagen, sind überall die Minderheit, sind überall die Opposition in den christlichen Kirchen. Und es gibt wohl keine politische Diplomatie, die mit ihrer Minderheit und Opposition so wunderbar umzugehen, sie so elegant unschädlich zu machen weiß wie die Diplomatie der Kirchenmehrheiten und der Kirchenregierungen: die Diplomatie derer, die von der an die Kirche selbst zu richtenden Frage nichts wissen möchten. Man täte den Kirchen, wenn man sie von der Welt her in jener Weise anreden würde, darum kein Unrecht, weil sie im ganzen und in ihrem offiziellen Gestalten ein von jener Frage noch gänzlich unerschüttertes Gesicht zeigen. Das gilt von der Kirche in Genf ebenso wie von der Kirche in Rom, von der Kirche in Deutschland ebenso wie von der Kirche in den alliierten Ländern. Sie sind tatsächlich auch nach diesem großen Krieg bestenfalls in einer gewissen Restauration, aber gerade nicht in der ihnen bitter nötigen Reformation begriffen.

Man kann also in der heutigen Wirklichkeit nicht einfach für die Kirchen reden, auf die Kirchen verweisen, als wären sie, mit dem Psalm zu reden, die Berge, von denen uns Hilfe kommt. Man kann und darf freilich auch nicht gegen sie reden; ihre Botschaft ist an sich unwiderleglich und unentbehrlich und sie wäre hilfreich [107] über alle Maßen, wenn es ihnen gegeben wäre, sie besser auszurichten. Man kann und muß aber auf die Erneuerung, auf die Reformation hinweisen, deren die christlichen Kirchen bedürftig, deren sie aber bestimmt auch fähig sind. Sie muß sicher auch von innen kommen: sie muß in den Kirchen selbst aus einer Sache weniger zur Sache vieler werden. Aber ich zweifle nachgerade, ob sie — menschlich geredet — gelingen und siegen kann, wenn ihre Notwendigkeit nicht auch von außen empfunden und eingesehen wird, wenn man den Kirchen nicht auch von außen, wie es im 16. Jahrhundert geschehen ist, durch einen energischen Zuruf und vielleicht auch Eingriff zu Hilfe kommt. Es gibt eine Verantwortlichkeit der Kirchen der Welt gegenüber. Es gibt aber auch eine Verantwortlichkeit der Welt über das, was die Kirchen sind und nicht sind, leisten und nicht leisten. Warum erlaubt man es den Kirchen, ihr Licht, das die Welt nötig hat, unter den Scheffel zu stellen? Die Welt wäre gut beraten, wenn sie ihnen das nicht mehr allzulange erlauben würde.

Quelle: Karl Barth, „Der Götze wackelt“. Zeitkritische Aufsätze, Reden und Briefe von 1930 bis 1960, hrsg. v. Karl Kupisch, Berlin: Käthe Vogt, 1961 S. 101-107.

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