Martin Luther, Vorrede zum Römerbrief (1522): „Das aber ist die rechte Freiheit von der Sünde und vom Gesetz, von der Paulus bis ans Ende dieses Kapitels schreibt, dass es die Freiheit bietet, nur Gutes zu tun mit Lust und recht zu leben ohne den Zwang des Gesetzes. Deshalb ist diese Freiheit eine geistliche Freiheit, die nicht das Gesetz aufhebt, sondern zeigt, was vom Gesetz gefordert wird, nämlich Lust und Liebe, womit das Gesetz gewissermaßen zur Ruhe gebracht wird und nicht mehr anzutreiben und zu fordern hat.“

Vorrede zum Römerbrief (1522)

Von Martin Luther

Dieser Brief ist das rechte Hauptstück des Neuen Testamentes und enthält das allerlauterste Evangelium, würdig und wert, dass ein Christenmensch diesen Brief nicht nur Wort für Wort auswendig lernt, sondern täglich damit umgeht wie mit dem täglichen Brot für die Seele. Niemals kann er jedenfalls zu viel und zu gründlich gelesen oder betrachtet werden. Und je mehr er behandelt wird, desto kostbarer wird er und umso besser schmeckt er. Deshalb will ich auch meinen Dienst dazu tun und durch diese Vorrede einen Eingang bereiten, soweit mir Gott hilft, damit er desto besser von jedermann verstanden wird. Denn er ist bisher durch Glossen und mancherlei Geschwätz übel verfinstert worden, wo er doch an sich ein helles Licht darstellt, völlig ausreichend, die ganze Heilige Schrift zu erleuchten.

Zuerst müssen wir uns mit der Sprache beschäftigen und wissen, was Paulus mit den folgenden Worten meint: mit Gesetz, Sünde, Gnade, Glaube, Gerechtigkeit, Fleisch, Geist und dergleichen, sonst ist das Lesen darin nicht von Nutzen.

Das Wörtchen »Gesetz« darfst du hier nicht auf menschliche Weise verstehen, dass es eine Lehre ist, welche Werke zu tun oder zu lassen sind, wie es bei Menschengesetzen zutrifft, weil man dem Gesetz mit Werken entspricht, ohne dass das Herz dabei sein muss. Gott aber richtet nach dem Grund des Herzens, deshalb fordert sein Gesetz auch diesen Grund des Herzens und lässt sich mit Werken nicht abspeisen, sondern lehnt die Werke, die nicht aus dem Grund des Herzens kommen, als Heuchelei und Lügen ab. Daher heißen alle Menschen nach Psalm 116 Lügner, sofern keiner aus dem Grund des Herzens weder Gottes Gesetz hält noch halten kann, denn jeder findet bei sich selbst Unlust zum Guten und Lust zum Bösen. Wo es keine freie Lust zum Guten gibt, da ist der Grund des Herzens nicht beim Gesetz Gottes, da herrscht dann ganz sicher auch Sünde und verdient man den Zorn Gottes, auch wenn nach außen viele gute Werke und ein ehrbares Leben vorhanden zu sein scheinen.

Daher folgert Paulus in Kap. 2, dass die Juden alle Sünder sind, und sagt, dass allein die Befolger des Gesetzes bei Gott gerechtfertigt sind. Er will damit sagen, dass niemand durch Werke allein das Gesetz erfüllt, sondern sagt einem Juden vielmehr: Du lehrst, man solle nicht ehebrechen, aber du brichst die Ehe. Ebenso sagst du: Womit du einen andern richtest, damit verdammst du dich selbst, weil du eben das selbst tust, was du richtest. Als wollte Paulus sagen: Du lebst äußerlich fein säuberlich nach den Werken des Gesetzes und richtest diejenigen, die nicht so leben, und weißt überhaupt jedermann zu belehren. Den Splitter siehst du im Auge der anderen, aber den Balken in deinem eigenen Auge übersiehst du.

Denn wenn du auch nach außen das Gesetz mit Werken aus Furcht vor Strafe oder aus Liebe zum Lohn befolgst, so tust du doch das alles ohne freie Lust und Liebe zum Gesetz, sondern mit Unlust und Zwang, wolltest lieber anders handeln, wenn es das Gesetz nicht gäbe. Daraus ergibt sich dann, dass du dem Gesetz im Grunde deines Herzens feind bist. Was taugt es denn, dass du andere lehrst, nicht zu stehlen, wenn du im Herzen selbst ein Dieb bist und es auch nach außen hin gern wärest, wenn du es wagtest? Auch wenn das äußerliche Werk auf die Dauer bei solchen Heuchlern nicht ausbleibt: So belehrst du andere, aber dich selbst nicht, weißt auch selbst nicht, was du lehrst, hast ohnehin das Gesetz noch nie richtig verstanden. Darüber hinaus vermehrt das Gesetz noch die Sünde, wie Paulus in Kap. 5 sagt, und zwar deshalb, weil ihm der Mensch nur umso mehr feind wird, je mehr es fordert, was er nicht umsetzen kann.

Deshalb sagt er in Kap. 7: »Das Gesetz ist geistlich.« Was bedeutet das? Wenn das Gesetz leiblich wäre, so wäre ihm mit Werken genuggetan. Da es aber geistlich ist, tut ihm niemand genug, wenn nicht alles, was du tust, aus dem Grund des Herzens kommt. Aber ein solches Herz gibt niemand als der Geist Gottes, der den Menschen so auf das Gesetz vorbereitet, dass er von Herzen Lust zu dessen Einhaltung gewinnt und dann alles weder aus Furcht noch Zwang, sondern aus freiem Herzen tut. Also ist das Gesetz geistlich, das mit diesem geistlichen Herzen geliebt und erfüllt sein will – und einen solchen Geist erforderlich macht. Wo der nicht im Herzen ist, da bleibt es bei Sünde, Unlust, Feindschaft gegen das Gesetz, das doch im Prinzip gut, gerecht und heilig ist.

So gewöhne dich nun an die Rede, dass es eine ganz andere Sache ist, die Werke des Gesetzes zu tun und das Gesetz wirklich zu erfüllen. Die Werke des Gesetzes betreffen alles, was der Mensch dem Gesetz entsprechend tut und aus seinem freien Willen und eigenen Kräften auch tun kann. Weil aber unter und neben solchen Werken im Herzen Unlust und bloßer Zwang zum Gesetz herrschen, sind diese Werke alle verloren und ohne Nutzen. Das meint Paulus in Kap. 3, wo er sagt: »Durch die Werke des Gesetzes wird vor Gott kein Mensch gerechtfertigt.« Daher siehst du nun, dass die Schulzänker und Sophisten Verführer sind, wenn sie lehren, sich mit Werken auf die Gnade vorzubereiten. Wie kann sich jemand mit Werken auf Gutes vorbereiten, der kein gutes Werk ohne Unlust und Unwillen im Herzen tut? Wie soll das Werk Gott gefallen, das aus unlustigem und widerwilligem Herzen hervorgeht?

Das Gesetz erfüllen bedeutet in Wirklichkeit: mit Lust und Liebe sein Werk tun und frei, ohne den Zwang des Gesetzes, weiter: göttlich und rechtschaffen leben, als gäbe es weder Gesetz noch Strafe. Eine solche Lust zu frei gestalteter Liebe aber gibt der Heilige Geist ins Herz, wie Paulus in Kap. 5 sagt. Der Geist aber wird nur in, mit und durch den Glauben an Jesus Christus gegeben, wie Paulus in seiner Vorrede sagt. So kommt der Glaube nur durch Gottes Wort oder das Evangelium, das Christus predigt, dass er nämlich Gottes Sohn und Mensch ist, gestorben und auferstanden um unsertwillen, wie es im 3., 4. und 10. Kapitel heißt.

Daher kommt es, dass nur der Glaube rechtfertigt und das Gesetz erfüllt, denn er bringt den Geist aufgrund von Christi Verdienst. Der Geist aber macht ein williges und freies Herz, wie das Gesetz es fordert. So gehen denn die guten Werke aus dem Glauben selbst hervor. Das meint Paulus in Kap. 3, nachdem er die Werke des Gesetzes verworfen hat, wobei es so klingt, als wolle er das Gesetz mit dem Glauben völlig aufheben: Nein, heißt es in Wirklichkeit, wir richten das Gesetz durch den Glauben allererst auf, das heißt: Wir erfüllen es mit dem Glauben.

»Sünde« bedeutet in der Schrift nicht nur das äußere Werk des Leibes, sondern alles das, was sich mit regt und bewegt beim äußeren Tun, nämlich der Grund des Herzens mit allen Kräften, so dass das Wörtchen »tun« bedeuten soll: wenn der Mensch ganz der Sünde verfällt. Denn es geschieht kein äußeres Werk der Sünde, an dem der Mensch nicht ganz mit Leib und Seele beteiligt ist. Und vor allem sieht die Schrift ins Herz und auf die Wurzel und den Hauptquell aller Sünde, der der Unglaube auf dem Grund des Herzens ist. So dass also gilt: Wie nur der Glaube rechtfertigt sowie Geist und Lust zu guten äußerlichen Werken hervorbringt, so sündiget der Unglaube immer, hetzt das Fleisch auf und macht ihm Lust zu bösen äußeren Werken, wie es Adam und Eva nach Genesis, Kap. 3, im Paradies geschah.

Daher bezeichnet Christus schon den Unglauben als solchen als Sünde, wenn er nach Johannes, Kap. 16, sagt: »Der Geist wird die Welt strafen wegen der Sünde, dass sie nicht an mich glauben.« Deshalb muss, ehe überhaupt gute oder böse Werke als gute oder böse Früchte hervortreten, zuvor im Herzen Glaube oder Unglaube da sein als Wurzel, Saft und Hauptkraft aller Sünde, die in der Schrift deshalb auch als Kopf der Schlange und Haupt des alten Drachen bezeichnet wird, den der Same der Frau, nämlich Christus, zertreten muss, wie es Adam versprochen wurde.

»Gnade« und »Gabe« unterscheiden sich dadurch, dass »Gnade« eigentlich Gottes Huld oder Gunst bedeutet, die er in sich selbst gegen uns hegt, woraus er auch geneigt ist, Christus sowie den Geist mit seinen Gaben in uns zu gießen, wie dies aus Kap. 5 deutlich wird, wo Paulus sagt: »Gnade und Gabe ist vielen reichlich widerfahren durch die Gnade des einen Menschen Jesus Christus.« Wenn nun zwar die Gaben und der Geist in uns täglich zunehmen, wir aber dennoch nicht vollkommen sind, so dass also noch böse Lust und Sünde in uns übrigbleiben, die gegen den Geist ankämpfen, wie er in Kap. 7 sowie im Galaterbrief, Kap. 5, sagt und wie in Genesis, Kap. 3, der Streit zwischen dem Samen der Frau und der Schlange versprochen ist, so bewirkt die Gnade doch so viel, dass wir vor Gott als völlig gerechtfertigt erscheinen. Denn seine Gnade teilt sich nicht und gibt es nicht stückweise, wie es bei den Gaben der Fall ist, sondern er nimmt uns ganz und gar in seine Huld auf, dank dem Fürsprecher und Vermittler Christus, und dies alles deshalb, weil in uns die Gaben angefangen haben zu wirken.

So verstehest du dann das siebente Kapitel, in dem sich Paulus noch einen Sünder schilt und doch im achten Kapitel sagt, es sei nichts Verdammenswertes an denen, die in Christus sind, der unvollkommenen Gaben und des Geistes wegen. Wegen des ungetöteten Fleisches sind wir noch Sünder, aber weil wir an Christus glauben und im Geist einen Anfang gemacht haben, ist uns Gott so zugetan und gnädig, dass er diese Sünde weder beachtet noch richtet, sondern nach dem Glauben an Christus mit uns verfahren wird, bis die Sünde getötet ist.

»Glaube« ist nicht gleichbedeutend mit menschlicher Einbildung oder einem Traum, was viele für Glauben halten. Und wenn sie sehen, dass das Leben mit diesem Glauben nicht besser wird, noch gute Werke daraus entspringen, wo sie doch vom Glauben so viel hören und selbst darüber reden, so verfallen sie in den Irrtum und sagen, der Glaube sei nicht genug, man müsse Werke tun, wenn man gerechtfertigt und selig werden wolle. Das kommt daher, dass sie, wenn sie das Evangelium hören, voreilig handeln und sich aus eigenen Kräften den Gedanken im Herzen bilden, der besagt: »ich glaube«. Das halten sie dann für einen rechten Glauben. Aber wie dies ein menschlicher Einfall und Gedanke ist, der niemals bis zum Grund des Herzens vordringt, so bewirkt er auch nichts und es folgt auch keine Besserung daraus.

Der wahre Glaube aber ist ein göttliches Werk in uns, das uns verwandelt und aus Gott neu gebiert nach Johannes, Kap. 1, den alten Adam abtötet, uns zu ganz anderen Menschen an Herz, Gemüt, Sinn und allen Kräften macht und den Heiligen Geist mitbringt. Oh, es ist ein lebendiges, wirkendes, tätiges, mächtiges Ding um den Glauben, so dass es unmöglich ist, dass er nicht ohne Unterlass Gutes bewirkt. Er fragt auch nicht, ob gute Werke zu tun sind, sondern bevor man fragt, hat er sie schon getan und ist immerfort weiter tätig. Wer aber keine Werke dieser Art tut, ist ein glaubensloser Mensch, tappt und sieht sich um nach Glaube und guten Werken, ohne zu wissen, was Glaube oder gute Werke sind, redet und schwätzt dafür umso mehr vom Glauben und guten Werken.

»Glaube« bedeutet eine lebendige, unerschütterliche Zuversicht auf Gottes Gnade, so gewiss, dass er tausendmal dafür sterben würde. Solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher Gnade macht fröhlich, beharrlich und angenehm vor Gott und allen Kreaturen, was alles der Heilige Geist im Glauben bewirkt. Daher ist der Glaubende ohne Zwang willig und bereit, jedermann Gutes zu tun, jedermann zu dienen, alles zu leiden, Gott zu Liebe und Lob, der ihm solche Gnade erzeigt hat, so dass es unmöglich ist, die Werke vom Glauben zu scheiden, ebenso unmöglich, wie Brennen und Leuchten vom Feuer geschieden werden kann. Deshalb hüte dich vor deinen eigenen falschen Gedanken und vor unnützen Schwätzern, die klug sein wollen, vom Glauben und guten Werken zu urteilen und dabei die größten Narren sind. Bitte Gott darum, dass er in dir Glauben wecke, sonst bleibst du wohl ewig ohne Glauben, du magst denken oder tun, was du willst oder kannst.

»Gerechtigkeit« ist nun solcher Glaube und heißt »Gottes Gerechtigkeit« oder »Gerechtigkeit, die vor Gott Bestand hat«, und zwar deshalb, weil es Gottes Gabe ist und den Menschen dazu bereitmacht, dass er jedermann gibt, was er schuldig ist. Denn durch den Glauben wird der Mensch von der Sünde befreit und gewinnt Lust an Gottes Geboten, womit er Gott die Ehre gibt und ihm zurückzahlt, was er ihm schuldig ist. Den Menschen dient er willig, womit er kann, und bezahlt damit ebenfalls jedermann. Solche Gerechtigkeit können Natur, freier Wille und unsere Kräfte allein nicht zuwege bringen, denn wie niemand sich selbst den Glauben geben kann, so kann er auch den Unglauben nicht wegnehmen. Wie will er denn eine einzige kleinste Sünde wegnehmen? Darum ist nach Kap. 14 alles falsch, Heuchelei und Sünde, was außer dem Glauben oder im Unglauben geschieht, es strahle falschen Glanz aus, so gut es kann.

»Fleisch« und »Geist« darfst du hier nicht so verstehen, dass »Fleisch« nur das bedeutet, was die Unkeuschheit betrifft, und »Geist«, was das Innere im Herzen angeht. Vielmehr nennt Paulus wie Christus nach Johannes, Kap. 3, »Fleisch« alles, was aus Fleisch geboren ist, also den ganzen Menschen mit Leib und Seele, mit Vernunft und allen Sinnen, weil eben alles am Menschen nach dem Fleisch trachtet. So sollst du auch denjenigen »fleischlich« nennen, der ohne den Besitz der Gnade von hohen geistlichen Sachen viel erdichtet, lehrt und schwätzt, wie du das aus den »Werken des Fleisches« lernen kannst, sofern Paulus auch Ketzerei und Hass »Werke des Fleisches« nennt und in Kap. 8 sagt, dass durch das Fleisch das Gesetz geschwächt wird, was nicht nur für die Unkeuschheit, sondern für alle Sünden gilt, am allermeisten aber für den Unglauben, der das allergeistlichste Laster darstelle.

Andererseits bezeichnet Paulus auch den als »geistlich«, der mit den alleräußerlichsten Werken umgeht, wie etwa Christus, als er den Jüngern die Füße wusch, und Petrus, als er auf den See ausfuhr und fischte: so dass »Fleisch« für einen Menschen steht, der innerlich und äußerlich lebt und wirkt, was dem Nutzen und dem zeitlichen Leben des Fleisches dient. »Geist« aber steht für den, der inwendig und auswendig lebt und wirkt, was dem Geist und dem zukünftigen Leben dient.

Ohne das rechte Verständnis dieser Wörter wirst du weder diesen Brief von Paulus noch sonst ein Buch der Heiligen Schrift jemals verstehen. Darum hüte dich vor allen Lehrern, die diese Worte anders verwenden, seien sie auch, wer sie wollen: Hieronymus, Augustin, Ambrosius, Origenes und ihresgleichen oder noch höhere Gestalten. Nun wollen wir zum Brief selbst kommen.

So wie es einem evangelischen Prediger gebührt, zuallererst durch die Erklärung des Gesetzes und der Sünde alles zu strafen und als Sünde zu bezeichnen, was nicht aus dem Geist und Glauben an Christus gelebt wird, womit die Menschen zur Erkenntnis ihrer selbst und ihres Jammers geführt werden, so dass sie demütig werden und Hilfe suchen, so tut es auch Paulus und fängt im ersten Kapitel damit an, dass er die groben Sünden und den Unglauben straft, die öffentlich am Tage liegen, wie es die Sünden der Heiden waren und noch sind, die ohne Gottes Gnade leben, und sagt, es werde durch das Evangelium Gottes Zorn vom Himmel offenbart über alle Menschen um ihres gottlosen Wesens und ihrer Untugend willen. Denn auch wenn sie genau wissen und es täglich erkennen, dass es Gott gibt, so ist doch die Natur von sich aus, außerhalb der Gnade, so böse, dass sie Gott weder dankt noch ihn ehrt, sondern sich selbst verblendet und ohne Unterlass immer schlimmer wird, bis sie nach Götzendiensten auch noch die schändlichen Sünden unverschämt samt allen Lastern ausübt und diese noch dazu bei den anderen ungestraft lässt.

Im zweiten Kapitel dehnt er solche Strafe weiter auf diejenigen aus, die äußerlich fromm scheinen, aber heimlich sündigen, wie es die Juden tun, die alle Heuchler sind, die ohne Lust und Liebe gut leben, aber im Herzen Gottes Gesetz feind sind und doch andere Leute gern verurteilen, wie es die Art aller Blender ist, dass sie sich nach Matthäus, Kap. 23, selbst für rein erachten und doch voll Geiz, Hass, Hochmut und Unflat aller Art stecken. Diese sind es eben, die Gottes Güte verachten und aufgrund ihrer Verhärtung seinen Zorn auf sich ziehen. So dass Paulus als ein rechter Erklärer des Gesetzes niemanden von ihnen ohne Sünde bleiben lässt, sondern all denen den Zorn Gottes ankündigt, die aus der Natur oder ihrem freien Willen recht zu leben glauben. Er lässt sie um nichts besser sein als die öffentlichen Sünder, ja er sagt, sie seien verstockt und unbußfertig.

Im dritten Kapitel wirft er sie alle beide auf einen Haufen und sagt, einer sei wie der andere: alle gleichermaßen Sünder vor Gott. Nicht dass die Juden Gottes Wort nicht gehabt hätten. Aber obwohl viele nicht daran geglaubt haben, ist es deshalb mit dem Glauben und der Wahrheit nicht aus. Nebenbei führt er dabei den Spruch aus Psalm 51 an, dass Gott gerecht bleibt in seinen Worten. Danach kommt er darauf zurück und beweist wiederum durch die Schrift, dass die Juden alle Sünder sind und durch die Werke des Gesetzes niemand gerechtfertigt werde, sondern dass das Gesetz nur dazu gegeben wurde, um die Sünde zu erkennen. Danach beginnt er, den rechten Weg zu lehren, wie man fromm und selig werden könne, und sagt: Alle sind Sünder und ohne Ruhm bei Gott, müssen aber ohne ihr Verdienst gerechtfertigt werden durch den Glauben an Christus, der uns dies erworben hat durch sein Blut und uns zum Sühnemittel von Gott gegeben wurde, der uns alle frühere Sünde vergibt, womit er beweist, dass seine Gerechtigkeit, die er im Glauben gibt, uns allein hilft, eine Gerechtigkeit, die damals durch das Evangelium offenbart und zuvor durch das Gesetz und die Propheten bezeugt ist. So wird das Gesetz erst durch den Glauben aufgerichtet, obwohl die Werke des Gesetzes damit samt ihrem Ruhm niedergelegt werden.

Nachdem in den ersten drei Kapiteln die Sünden geoffenbart sind und der Weg des Glaubens zur Gerechtigkeit gelehrt ist, fängt er im vierten an, einigen Einreden und Einwänden zu begegnen, und beschäftigt sich als Erstes mit dem Einwand, den gewöhnlich alle machen, die vom Glauben hören, dass er ohne Werke rechtfertige, indem sie sagen: Soll man denn nun keine guten Werke tun? Deshalb hält er sich selbst Abraham vor und sagt: Was hat denn Abraham mit seinen Werken getan? Ist alles umsonst gewesen? Waren seine Werke ohne Nutzen? Und folgert dann, dass Abraham ohne alle Werke, nur durch den Glauben gerechtfertigt sei, ja dass er nach Genesis, Kap. 15, sogar noch vor dem Werk seiner Beschneidung durch die Schrift nur um seines Glaubens willen als gerechtfertigt gepriesen werde. Wenn aber das Werk der Beschneidung, das ihm doch Gott gebot und das ein gutes Werk des Gehorsams war, zu seiner Gerechtigkeit nichts hinzugefügt hat, so wird gewiss auch kein anderes gutes Werk zur Erlangung der Gerechtigkeit etwas ausrichten. Sondern wie die Beschneidung Abrahams ein äußerliches Zeichen war, womit er seine Gerechtigkeit im Glauben bewies, so sind alle guten Werke nur äußerliche Zeichen, die aus dem Glauben folgen und als die guten Früchte beweisen, dass der Mensch vor Gott inwendig gerechtfertigt ist.

Damit bestätigt nun Paulus mit einem kräftigen Beispiel aus der Schrift seine vorherige Lehre vom Glauben und führt dazu einen Zeugen an: David, der in Psalm 32 ebenfalls sagt, dass der Mensch ohne Werke auskommt, wenn er gerechtfertigt worden ist. Danach erweitert er das Beispiel auf alle anderen Werke des Gesetzes und folgert, dass die Juden nicht nur um des Blutes willen Abrahams Erben sein können, viel weniger um der Werke des Gesetzes willen, sondern dass sie Abrahams Glauben erben müssen, wenn sie rechte Erben sein wollen, zumal Abraham vor dem Gesetz, sowohl Moses und der Beschneidung, durch den Glauben gerechtfertigt und ein Vater aller Gläubigen genannt worden ist. Weiter bewirkt das Gesetz viel mehr Zorn als Gnade, weil es niemand mit Liebe und Lust einhält, so dass viel mehr Ungnade als Gnade durch das Werk des Gesetzes zustande kommt. Darum kann nur der Glaube die Gnade, wie Abraham verheißen wurde, erlangen, denn auch solche Beispiele sind um unsertwillen geschrieben, damit auch wir glauben sollen.

Im fünften Kapitel kommt er auf die Früchte und Werke des Glaubens zu sprechen: auf Friede, Freude, Liebe gegen Gott und jedermann, dazu Sicherheit, Zuversicht, Mut, Hoffnung in Trübsal und Leiden. Denn all dies folgt, wenn der Glaube recht ist, um des übermäßigen Gutes willen, das uns Gott in Christus erwiesen hat, weil er ihn für uns hat sterben lassen, ehe wir ihn darum bitten konnten, ja als wir noch seine Feinde waren. So behaupten wir also, dass der Glaube ohne alle Werke rechtfertigt, woraus keineswegs folgt, dass man deshalb kein gutes Werk tun soll, sondern dass die rechtschaffenen Werke nicht ausbleiben, von welchen die »Werkheiligen« nichts wissen und sich selbst eigene Werke erdichten, in denen es weder Friede, Freude, Sicherheit, Liebe, Hoffnung, Zuversicht noch die richtige Art und Weise eines christlichen Werkes und Glaubens gibt.

Danach unternimmt er gewissermaßen einen Ausflug und erzählt, wo Sünde und Gerechtigkeit, Tod und Leben herkommen, und hält die beiden fein gegeneinander: Adam und Christus. Er will damit sagen: Deshalb musste Christus kommen als ein zweiter Adam, der seine Gerechtigkeit auf uns durch eine neue geistliche Geburt im Glauben vererbte, genau wie jener Adam die Sünde durch die alte fleischliche Geburt auf uns vererbt hat. Damit wird aber deutlich und bestätigt, dass sich niemand selbst aus seinen Sünden zur Gerechtigkeit mit Werken emporarbeiten kann, ebenso wenig wie er sich dagegen wehren kann, dass er leiblich geboren wurde. Das wird auch damit bewiesen, dass das göttliche Gesetz, das doch gerechtermaßen helfen sollte, wenn überhaupt etwas zur Gerechtigkeit helfen kann, nicht nur, ohne Hilfe zu bringen, gekommen ist, sondern sogar die Sünde vermehrt hat, weil die böse Natur ihm desto mehr feind wird und ihre Lust desto lieber ausüben will, je mehr ihr das Gesetz verbietet. So dass also das Gesetz Christus noch nötiger macht und umso mehr die Gnade fordert, die allein der Natur aufhilft.

Im sechsten Kapitel nimmt er sich das besondere Werk des Glaubens vor, den Kampf des Geistes mit dem Fleisch, vollends die übrigen Sünden und Lüste zu töten, die nach der Rechtfertigung übrigbleiben, und lehrt uns, dass wir durch den Glauben nicht in der Weise von Sünden befreit sind, dass wir müßig, faul und sicher sein sollten, als gebe es überhaupt keine Sünde mehr. Vielmehr ist die Sünde weiter vorhanden, aber sie wird nicht mehr zur Verdammnis gerechnet um des Glaubens willen, der mit ihr kämpft. Deshalb haben wir unser Leben lang mit uns selbst genug zu tun, dass wir unsern Leib zähmen, seine Lüste töten und seine Gliedmaßen zwingen, dass sie dem Geist gehorsam sind und nicht den Lüsten, damit wir dem Tod und der Auferstehung Christi gleich werden und vollenden, was begonnen wurde in unserer Taufe, die auch den Tod der Sünden und ein neues Leben in der Gnade bedeutet, bis wir ganz rein von Sünden auch leiblich mit Christus auferstehen und ewig leben.

Und das können wir erreichen, sagt er, weil wir in der Gnade und nicht unter dem Gesetz leben, das er selbst so auslegt, dass »ohne Gesetz« nicht besagt, dass man kein Gesetz hat und tun kann, was man will, sondern »unter dem Gesetz« bedeutet, dass wir ohne die Gnade mit den Werken des Gesetzes umgehen. Dann aber herrscht auf jeden Fall die Sünde aufgrund des Gesetzes, weil niemand dem Gesetz von Natur gewogen ist. Das aber führt zu viel Sünde. Die Gnade macht uns demgegenüber das Gesetz lieblich, mit ihr ist dann keine Sünde mehr da, und das Gesetz ist nicht weiter gegen uns, sondern eins mit uns.

Das aber ist die rechte Freiheit von der Sünde und vom Gesetz, von der Paulus bis ans Ende dieses Kapitels schreibt, dass es die Freiheit bietet, nur Gutes zu tun mit Lust und recht zu leben ohne den Zwang des Gesetzes. Deshalb ist diese Freiheit eine geistliche Freiheit, die nicht das Gesetz aufhebt, sondern zeigt, was vom Gesetz gefordert wird, nämlich Lust und Liebe, womit das Gesetz gewissermaßen zur Ruhe gebracht wird und nicht mehr anzutreiben und zu fordern hat. Es ist damit so, wie wenn du einem Gläubiger verschuldet wärest und nicht bezahlen könntest. Davon könntest du auf zweierlei Weise loskommen: einmal so, dass er nichts von dir nähme und den Schuldschein zerrisse, das andere Mal so, dass ein braver Mann für dich zahlte und dir zur Verfügung stellte, womit du den Schuldschein ablösen könntest. Auf diese Weise hat uns Christus vom Gesetz frei gemacht, deshalb ist es nicht eine wilde fleischliche Freiheit, die nichts zu tun braucht, sondern die viel und allerlei tut und nur von der Forderung des Gesetzes, somit der damit einhergehenden Schuld frei ist.

Im siebten Kapitel bestätigt Paulus dies mit einem Gleichnis aus dem ehelichen Leben: Wenn etwa ein Mann stirbt, so ist auch die Frau wieder ledig und somit einer frei vom anderen, aber nicht so, dass die Frau nicht einen anderen Mann nehmen könnte oder sollte, vielmehr so, dass sie nun wirklich frei ist, einen anderen zu nehmen, was sie vorher nicht tun konnte, ehe sie von jenem ersten Mann frei war. So ist auch unser Gewissen dem Gesetz unter dem sündhaften alten Menschen verbunden. Wenn dieser alte Mensch durch den Geist getötet wird, so ist das Gewissen frei und eines vom andern los, nicht so, dass das Gewissen nichts tun solle, sondern dass es nun erst recht an Christus, dem andern Mann, hängen und lebendige Früchte bringen kann.

Danach führt er die Art der Sünden und Gesetze weiter aus, wie die Sünde sich durch das Gesetz erst recht regt und Gewalt ausübt. Denn der alte Mensch wird dem Gesetz nur desto mehr feind, weil er nicht bezahlen kann, was vom Gesetz gefordert wird. Denn Sünde ist seine Natur, der Mensch kann aus sich selbst nicht anders. Darum ist das Gesetz sein Tod und seine totale Folter. Nicht dass das Gesetz böse ist, sondern dass die böse Natur das Gute nicht leiden kann, das das Gesetz von ihm fordert, wie ein Kranker nicht leiden kann, dass man von ihm Laufen und Springen und andere Werke eines Gesunden fordert.

Deshalb folgert Paulus, dass, wo das Gesetz recht erkannt und aufs Beste verstanden wird, es nicht mehr bewirkt, als dass es uns an unsere Sünden erinnert, uns damit tötet und uns des ewigen Zornes schuldig macht, wie man dies alles aufs Beste lernt und erfährt im Gewissen, wenn dieses vom Gesetz getroffen wird, so dass man etwas anderes und mehr als das Gesetz haben muss, damit der Mensch fromm und selig wird. Diejenigen aber, die das Gesetz nicht recht erkennen, sind blind, gehen mit Vermessenheit ihres Weges, glauben ihm mit Werken genugzutun, denn sie wissen nicht, was das Gesetz wirklich fordert, nämlich ein freies, williges, geneigtes Herz. Darum sehen sie Mose nicht recht in die Augen, ein Tuch ist ihnen darüber gelegt und er ist ihnen verdeckt.

Danach zeigt Paulus, wie Geist und Fleisch miteinander in einem Menschen streiten, und führt sich selbst als Beispiel an, dass wir das Werk, nämlich die Sünde in uns selbst zu töten, recht erkennen lernen. Er bezeichnet aber beide als Gesetz: den Geist und das Fleisch, und zwar deshalb: Wie es die Art des göttlichen Gesetzes ist, dass es treibt und fordert, so treibt, fordert und wütet auch das Fleisch gegen den Geist und besteht auf seinem Verlangen. Umgekehrt treibt und fordert der Geist gegen das Fleisch und will seinerseits sein Verlangen durchsetzen. Dieser Streit währt in uns, solange wir leben, in einem mehr, im anderen weniger, je nachdem der Geist oder das Fleisch stärker ist. Und doch ist der ganze Mensch beides, Geist und Fleisch, streitet also mit sich selbst, bis er ganz geistlich geworden ist.

Im achten Kapitel tröstet er die Streiter, dass sie ihr Fleisch nicht verdammen, und zeigt weiter auf, was die Art des Fleisches und die des Geistes ist und wie der Geist aus Christus kommt, der uns seinen Heiligen Geist gegeben hat, der uns geistlich macht und das Fleisch dämpft und uns versichert, dass wir auf jeden Fall Gottes Kinder sind, wie hart auch die Sünde in uns wütet, solange wir dem Geist folgen und der Sünde widerstreben, um sie zu töten. Weil aber nichts so gut ist, um das Fleisch zu betäuben, wie Kreuz und Leiden, tröstet er uns im Leiden durch den Beistand des Geistes, der Liebe und aller Kreaturen, damit sowohl der Geist in uns seufzt und die Kreatur sich mit uns danach sehnt, dass wir das Fleisch und die Sünde loswerden. So sehen wir, dass diese drei Kapitel auf ein und dasselbe Werk des Glaubens hinzielen, nämlich den alten Adam zu töten und das Fleisch zu bezwingen.

Im neunten, zehnten und elften Kapitel handelt Paulus von der ewigen Vorsehung Gottes, aus der hervorgeht, wer glauben oder nicht glauben wird, wer von Sünden loskommt oder nicht, womit alles aus unsern Händen genommen und allein in Gottes Hand gegeben ist, dass wir fromm werden. Und das ist auch äußerst notwendig. Denn wir sind so schwach und unsicher, dass, wenn es nur an uns läge, kein einziger Mensch selig würde, der Teufel vielmehr alle mit Sicherheit überwältigen würde. Aber da Gott genau weiß, dass das, was er vorherbestimmt, nicht fehlgeht, noch jemand ihm wehren kann, bleibt uns Hoffnung gegen die Macht der Sünde.

Aber hier ist den frevelhaften und hochfahrenden Geistern eine Grenze zu setzen, die ihren Verstand gerade auf diesen Punkt konzentrieren und damit anfangen, vorweg den Abgrund göttlicher Vorherbestimmung zu erforschen und sich vergeblich bemühen herauszufinden, ob sie vorherbestimmt sind. Die stürzen sich damit selbst ins Unglück, sofern sie entweder verzagen oder alles aufs Spiel setzen. Du aber folge diesem Brief seiner Ordnung entsprechend, beschäftige dich zuerst mit Christus und dem Evangelium, damit du deine Sünde und seine Gnade erkennst, danach mit der Sünde kämpfst, wie es das 1., 2., 3., 4., 5., 6., 7., 8. Kapitel gelehrt haben. Wenn du zum 8. Kapitel gekommen bist, nämlich zum Kreuz und zum Leiden, wird dich das die Vorherbestimmung im 9., 10. und 11. Kapitel recht verstehen lehren, wie tröstlich sie nämlich ist. Denn ohne Leiden, Kreuz und Todesnöte kann man die Vorherbestimmung nicht ohne Schaden und heimlichen Zorn gegen Gott behandeln. Darum muss der alte Adam zuvor richtig tot sein, ehe er mit diesem Punkt zurechtkommt und den starken Wein trinkt. Darum sieh dich vor, dass du nicht Wein trinkst, wenn du noch ein Säugling bist. Jede Lehre hat ihr Maß, ihre Zeit und ihr Lebensalter.

Im zwölften Kapitel lehrt er den rechten Gottesdienst und macht alle Christen zu Priestern, die opfern sollen: nicht Geld oder Vieh, wie im Gesetz vorgeschrieben, sondern ihre eigenen Leiber durch Abtötung der Lüste. Danach beschreibt er den äußerlichen Wandel der Christen im geistlichen Regiment: wie sie lehren, predigen, regieren, dienen, geben, leiden, lieben, leben und handeln sollen gegen Freund, Feind und jedermann. Das sind die Werke, die ein Christ tut, denn (wie gesagt) der Glaube feiert nicht.

Im dreizehnten Kapitel lehrt er, das weltliche Regiment zu ehren und ihm gehorsam zu sein, das nicht ohne Grund eingesetzt ist: Wenn es auch die Menschen nicht vor Gott fromm macht, so schafft es doch so viel, dass die Frommen äußerlich Friede und Schutz haben und die Bösen nicht ohne Furcht oder ungestört und in Ruhe frei Übles tun können. Deshalb ist es von den Frommen zu ehren, auch wenn sie es nicht wirklich nötig haben. Am Ende aber fasst er alles in die Liebe zusammen und beschließt es in das Vorbild Christi: Wie der uns getan hat, so sollen auch wir tun und ihm nachfolgen.

Im vierzehnten Kapitel lehrt er, die schwachen Gewissen im Glauben behutsam zu führen und sie zu schonen, so dass man die Freiheit der Christen nicht zum Schaden, sondern zur Förderung der Schwachen gebrauche. Denn wo man das nicht tut, da folgen Zwietracht und Verachtung des Evangeliums, um das es doch geht, so dass es besser ist, den Schwachgläubigen ein wenig nachzugeben, bis sie im Glauben stärker werden, als dass die Lehre des Evangeliums ganz und gar untergeht. Ein solches Werk ist ein besonderes Werk der Liebe, das wohl auch jetzt vonnöten ist, wo man mit Fleischessen am Freitag und anderer Freiheit frech und schroff ohne alle Notwendigkeit die schwachen Gewissen verstört, ehe sie die Wahrheit wirklich erkennen.

Im fünfzehnten Kapitel setzt er uns Christus zum Vorbild, dass wir auch die anderen Schwachen erdulden, die sonst gebrechlich sind infolge öffentlicher Sünden oder unfeiner Sitten, und die man nicht hinauswerfen, sondern ertragen muss, bis auch sie besser werden. Denn ebenso ist Christus mit uns verfahren und tut es noch täglich, sofern er sehr viel Untugend und böse Sitten neben aller Unvollkommenheit an uns trägt und uns ohne Unterlass zu Hilfe kommt. Zum Schluss bittet er für die Römer, lobt sie, befiehlt sie Gott und verweist auf sein Amt und die Predigt und bittet sie sehr eindringlich um Unterstützung für die Armen in Jerusalem. Dabei ist es nur Liebe, von der er redet und mit der er umgeht.

So finden wir in diesem Brief aufs Allerreichlichste, was ein Christ wissen soll, nämlich was Gesetz, Evangelium, Sünde, Strafe, Gnade, Glaube, Gerechtigkeit, Christus, Gott, gute Werke, Liebe, Hoffnung, Kreuz bedeuten und wie wir uns gegen jedermann, ob fromm oder Sünder, stark oder schwach, Freund oder Feind und gegen uns selbst verhalten sollen.[64] Dabei ist alles mit Schriftstellen trefflich begründet, mit Beispielen von sich selbst und den Propheten bewiesen, so dass nichts mehr zu wünschen übrig bleibt. Deshalb scheint es auch, als habe Paulus in diesem Brief einmal die ganze christliche und evangelische Lehre in Kürze erfassen und einen Zugang zum ganzen Alten Testament bereiten wollen. Denn wer diesen Brief recht im Herzen bewahrt, der hat ohne Zweifel Licht und Kraft des Alten Testamentes bei sich. Darum sollte sich jeder Christ mit diesem Brief vertraut machen und ihn in steter Übung halten. Dazu gebe Gott seine Gnade, Amen.

Das letzte Kapitel ist ein Grußkapitel. Aber darunter mischt er eine sehr edle Warnung vor Menschenlehren, die sich neben der evangelischen Lehre einschleichen und Ärgernis anrichten, als hätte er klar vorausgesehen, dass aus Rom und durch die Römer die verführerischen, ärgerlichen päpstlichen Verordnungen kommen würden und das ganze Geschwürm und Gewürm menschlicher Gesetze und Gebote, die jetzt alle Welt ersäuft und die diesen Brief und die ganze Heilige Schrift samt dem Geist und Glauben vertilgt haben, so dass nichts mehr geblieben ist als der Götze des Bauches, dessen Diener Paulus sie hier schilt. Gott erlöse uns von ihnen, Amen.

Quelle: Weimarer Ausgabe, Abt. Deutsche Bibel, Band 7, Seiten 2-26.

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