Heinrich Albertz, Predigt über Offenbarung 21,1-7 am Totensonntag 1988: „»Umsonst«. Gnade gehört in die neue Welt, nicht in die Denkkategorien des Generalbundesanwaltes. Die neue Welt kann nicht gekauft werden. Aber sie läßt sich auch nicht aufhalten.“

Predigt über Offenbarung 21,1-7

Von Heinrich Albertz

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde vergingen, und das Meer ist nicht mehr.
Und ich, Johannes, sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabfahren, bereitet als eine geschmückte Braut ihrem Mann.
Und ich hörte eine große Stimme von dem Stuhl, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;
und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Stuhl saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht zu mir: Schreibe; denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiß!
Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von dem Brunnen des lebendigen Wassers umsonst.
Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.

Liebe Gemeinde,

dieser große herrliche Text, die Vision eines neuen Himmels und einer neuen Erde, die Vision vom Wohnen des lebendigen Gottes mitten unter uns, vom Neuwerden alles so alt gewordenen – ist dieser Text nicht ein wenig zu groß und zu schnell für eine Predigt am Sonntag der Toten? Nun, unsere weise Kirche spricht ja schon seit Jahren vom Ewigkeitssonntag. Die gute und belehrende Absicht ist deutlich erkennbar. Aber leistet sie nicht dem allgemeinen Trend Vorschub, so wenig wie möglich, oder am besten gar nicht vom Tode und von den Toten zu sprechen, jenem, wie ich meine, menschenunwürdigen Wegsehen auch hier, jenem schnellen Vergessen, jener Unfähigkeit zu trauern, die nun auch schon zum Schlagwort geworden ist.

Ich wohne nun seit zwei Jahren in einem großen, sehr schönen Haus, das offiziell »Seniorenwohnanlage« heißt – welches Wortungetüm neudeutscher Sprache – mit eben diesem lateinischen Anfang, der schon das »Alt«-sein nicht offen auszusprechen wagt. Alt will ja auch niemand mehr werden. Die Anbetung der Jugend nimmt groteske Formen an, und auch wir Männer machen dabei fröhlich mit. Und vom Sterben redet niemand. Im Haus Riekestraße in Bre­men werden die Toten nachts eingesargt und durch den Garagenkeller aus dem Haus gefahren. Niemand sieht sie mehr. Ihr Platz im Speisesaal, ihr Bett in der Pflegeabteilung sind plötzlich leer. Und sehr schnell wieder besetzt.

Nein, vom Tode will niemand mehr sprechen. Aber ich weigere mich, nun gleich vom neuen Leben zu reden, wenn so viel Trauer unter uns ist, auch wenn wir so schwer trauern können. Dabei soll sich doch niemand seiner Tränen schämen, auch heute in diesem Gottesdienst nicht, wenn so viele unter uns an ihre Toten denken. Wie viele mögen es gewesen sein in diesem Jahr allein in Schlachtensee? Wie viele mögen jetzt unter uns sein, die um einen geliebten Menschen trauern? Der Mut, traurig zu sein, von Tod und Sterben zu reden, gehört zum Leben. Auch und gerade unter den Alten, die doch wissen, daß die Jahre kürzer werden, der Docht bald verlischt. So im innersten Kreis, im sogenannten Privaten, dicht am eigenen Herzen. Aber so eben auch öffentlich! Nach der verunglückten Rede des bisherigen Bundestagspräsidenten, keines Antisemiten, im Gegenteil, eines glaubwürdigen Freundes der Juden und des Staates Israel, ist ja doch dies das Erschreckende: In einer Stunde äußerster Trauer, öffentlicher Trauer, im Angesicht der Opfer, werden ausführlich die Motive der Täter analysiert – ja, übrigens weitgehend zutreffend –, aber der Berg der Toten bleibt fast unerwähnt, die Trauer wird fast akademisch vorgetragen, die ermordeten Juden haben kein Gesicht, keine Geschichte. Und Herr Jenninger scheint dies alles bis heute nicht verstanden zu haben. Nur: Wer wirft den ersten Stein? Die Verdrängung von Tränen, Leid, Geschrei und Schmerz – so unser Text als die genaue Beschreibung unseres Lebens und Sterbens – ist die Grundlage für das unbekümmerte »Weiter so« aller Parteien und Gruppen geworden und wirkt bis tief in unsere Kirche und unsere Gemeinden hinein. Totensonntag, Trauersonntag, lassen wir es doch bitte dabei.

Denn nur, wenn wir uns der nüchternen Realität unserer sterbenden Welt stellen, können wir uns ja dem Seher Johannes stellen und unseren Text, heute und hier, und als letzten Trost auf den Friedhöfen aufnehmen: »Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Und der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen und das Meer ist nicht mehr.« Das also ist das Ende. Nicht irgendeine Katastrophe, sondern die unvorstellbare Verwandlung der Welt in eine Existenz, die Leben in der Nähe unseres Schöpfers bedeutet, wir bei ihm und er bei uns: »Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen.« Wir erinnern uns des rührenden Bildes von allem Anfang des Lebens, als Gott durch den Garten geht, in dem die beiden ersten Menschen wohnen, dem Garten Eden, dem Paradies. Das Ende kehrt also zum Anfang zurück. Der Anfang wird das Ende. »Sie werden sein Volk sein und Gott selbst wird bei ihnen sein.« Wir kennen seinen Namen nicht, wir kennen nur den Namen seines Sohnes. Die Offenbarung Johannes ist ja das Buch von seiner Wiederkehr. »Amen, ja komm, Herr Jesus«, so heißt der letzte Satz dieses Buches und damit der Bibel. Wir werden ihn sehen, an den wir geglaubt haben, von dem wir wenigstens gehört haben, irgendwann einmal gehört.

Die Welt der Tränen, des Leides, von viel Geschrei und Schmerz wird nicht mehr sein. Die Welt des Todes ist überwunden. »Denn das Alte ist vergangen«.

Das alles, liebe Gemeinde, ist fast unvorstellbar, aber es wird uns hier vorgestellt. Der Vorhang zerreißt. Es ist kein Zufall, daß die Christen, die auf dieser Welt am meisten zu leiden haben unter der dreisten Dummheit der Herrschenden, in Afrika, in Süd- und Mittelamerika, offensichtlich von dieser letzten Hoffnung leben. Ja, daß diese letzte Hoffnung ihnen die Kraft gibt, mit dem neuen Leben in ihrem Kampf gegen Tränen und Leid und Tod zu bestehen und ihn durchzuhalten. Der kühle, saubere Wind aus dieser neuen Welt weht schon hinein in unsere Welt der Ausbeutung und Unterdrückung, unserer rücksichtslosen Geschäftemacherei und unserer immer flacheren Vergnügen. Spüren wir ihn auch?

Begreifen wir auch das Letzte, was uns gesagt wird: »Siehe, ich mache alles neu. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende.« Nicht unsere Lebensdaten, unsere Uhren und Kalender, unser Zeitbegriff ist noch wichtig. Die Zeit hört auf, indem sie in seine Ewigkeit eingeht. Das ist das frische Wasser, von dem hier die Rede ist, das Lebenswasser. Sauberes, sauberes Wasser, nach allem Schmutz, den wir täglich trinken und essen und atmen.

Ja, und da steht noch ein kleines Wort, das wir meist überlesen: »umsonst«. Er will uns das alles geben, umsonst. Nicht auf Grund unserer Anstrengungen und Leistungen, nicht auf Grund unserer Geschäftigkeit und unserer bürgerlichen Wohlanständigkeit. Nein, umsonst! Ich komme gerade wieder aus einem Gefängnis in Köln, von einer Frau, die schwere Schuld auf sich geladen hat und nun seit elf Jahren erste Hafterleichterungen erhielt. Irgendwann einmal wird auch sie vor der Möglichkeit einer Gnadenentscheidung stehen. »Umsonst«. Gnade gehört in die neue Welt, nicht in die Denkkategorien des Generalbundesanwaltes. Die neue Welt kann nicht gekauft werden. Aber sie läßt sich auch nicht aufhalten.

Und dies alles nun am Totensonntag gesagt. Zu den Trauernden. Im Angesicht des Todes, der uns täglich begleitet. Es ist der einzige, aber auch der zuverlässige Trost, den ein Christ einem anderen Menschen und sich selbst geben kann. Draußen auf den Friedhöfen, aber eben auch täglich, wenn wir an unseren eigenen Tod denken. Ja, nun ganz zum Schluß so gesagt: welche Herrlichkeit unter Tränen, welche Hoffnung in unserer Welt des Untergangs, welche Hilfe bei jedem Abschied. »Wer überwindet, der wird das alles zu eigen bekommen. Und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein« – und sie meine Tochter, füge ich hinzu. Aber sonst kein Wort mehr. Amen.

Gehalten am 20. November 1988 in der Johanniskirche, Berlin-Schlachtensee.

Hier die Predigt als pdf.

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