Karl Barth, Die christliche Gemeinde in der Anfechtung (1942): „Es kann also sein, daß von irgendwelchem äußeren Druck auf die christliche Gemeinde lange Zeit weit und breit nichts zu bemerken ist und daß dann auch die Verführung in ihrer eigenen Mitte, die künstliche Verwandlung des Evangeliums in seine Expektoration des Zeitgeistes keine solche Gestalt annimmt, in der sie als Gefahr und Unheil, als An­griff auf die Substanz der Gemeinde unzweideutig zu erkennen wäre.“

Die christliche Gemeinde in der Anfechtung

Von Karl Barth

Das Thema dieses Vortrages ist mir vom Kirchenvorstand der St. Leonhardsgemeinde gestellt worden. Ich weiß nicht, ob ich von selber darauf gekommen wäre. Aber da ich danach gefragt wurde, wollte ich es nicht ablehnen, zu sagen, was ich zu dieser Sache zu sagen habe. Ich beginne mit einigen allgemeinen Bemerkungen.

Es gibt eine persönliche Anfechtung im Leben des einzelnen Christen. Von ihr habe ich heute nicht zu reden, sondern von der christlichen Ge­meinde in der Anfechtung. Die christliche Gemeinde besteht aber aus den einzelnen Christen. So kann es nicht anders sein, als daß auch diese die Anfechtung der Gemeinde zu spüren bekommen und teilen müssen. So werde ich wenigstens beiläufig auch von den einzelnen Christen in der Anfechtung – nämlich in der Anfechtung der Gemeinde – zu reden haben.

Und nun ist es so, daß die Anfechtung der Gemeinde wie die persön­liche Anfechtung entweder eine dauernde, verborgene ist oder aber in ge­wissen Situationen offenkundig wird, wie eine schleichende Krankheit plötzlich in Erscheinung tritt. Nach diesem Zweiten bin ich gefragt wor­den : danach, wie das ist, wenn die christliche Gemeinde in gewissen Ver­hältnissen so in die Anfechtung kommt, daß das jedermann sichtbar und spürbar wird, daß aus dem Zustand ein Ereignis oder eine ganze Kette von Ereignissen, eine besondere Erfahrung und Geschichte wird. Man kann aber auch hier keine absoluten Grenzen ziehen. Ich werde auch das Problem der verborgenen Anfechtung der Gemeinde zuletzt wenigstens berühren müssen, weil sie und die offenkundige Anfechtung in der ver­schiedensten Weise Zusammenhängen und ineinander übergehen.

Zu diesem Thema zu reden, ist nun darum nicht leicht, weil es im Wesen der Anfechtung und vor allem der besonderen, offenkundigen Anfechtung der christlichen Gemeinde liegt, daß sie, wenn sie kommt, immer wieder eine andere ist und also kaum allgemein zu beschreiben ist. Ich möchte also bitten, zu bedenken, daß ich nicht etwa weissagen kann, wie das sein würde, wenn die christliche Gemeinde hier in Basel oder bei uns in der Schweiz einmal in jene offenkundige, akute Anfechtung kommen sollte. Niemand kennt die besondere Form – sie könnte sehr unerwartet sein – in der das irgendeinmal geschehen könnte und so auch niemand die beson­deren Fragen und Nöte, mit denen wir es dann – auch das vielleicht sehr überraschend – zu tun bekommen würden. Ich kann und werde also – indem ich an gewisse Bibelstellen denke, an gewisse Ereignisse der frühe­ren Kirchengeschichte und dann auch an das, was ich in den zwei ersten Jahren des deutschen Kirchenkampfes miterlebt habe – beispielsweise zu zeigen versuchen, was unter anderem (alles weitere vorbehalten!) auch bei uns möglich und wirklich, was alles uns dann zur Sorge, zur Frage und Aufgabe werden könnte, wenn die christliche Gemeinde auch bei uns in die sichtbare und greifbare Anfechtung geraten sollte.

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Wir verstehen unter solcher Anfechtung der christlichen Gemeinde eine Lage, in der ihr die ganze Größe und Hoheit ihrer Sache, die ganze Schwere ihres Auftrages und ihrer Verantwortung und ihre ganze Einsamkeit und Fremdartigkeit inmitten ihrer Umgebung – nachdem sie das alles viel­leicht lange Zeit ein wenig vergessen oder doch weniger empfunden hatte – dadurch aufs neue zu Gemüte geführt wird, daß sie die Unterstützung, die Gunst oder doch Duldung dieser ihrer Umgebung auf einmal verliert und von dorther vielmehr das Gegenteil von dem allem zu erfahren bekommt. Was dann? Dann ist sie auf einmal gefragt: wer und was sie nun eigentlich ist? ob und inwieweit sie fähig und entschlossen ist, im Gehorsam und im Vertrauen ihres Glaubens ohne den Beistand der übrigen Welt, ja sogar im Widerstand gegen ihren Angriff zu sein und zu bleiben und erst recht zu werden, was sie ist. Sie ist also gefragt, ob sie bereit ist, die oft verkün­digte und gehörte Theorie: daß ihre Sache und ihre Kraft, ihre Sendung und ihre Freudigkeit nicht menschlich, nicht von dieser Welt, sondern von Gott seien, in die Praxis umzusetzen. Was bisher gepredigt, gehört, gesungen, gebetet wurde, das gilt es nun schlicht zu tun. Es gilt nun wirk­lich zu wandern im finstern Tal. Nach viel Kasernendienst und Manöver ist es plötzlich zum Krieg gekommen. Wird die christliche Gemeinde fech­ten oder nicht? Wird sie, was sie in der Feier der Taufe und des Abend­mahls so oft bezeugt hat, wahrmachen oder nicht? Wird sie bleiben oder weichen? Wird sie stehen oder fallen? Das ist, in kürzesten Worten gesagt, die Anfechtung der christlichen Gemeinde, das die allgemeine Frage, die ihr durch die Anfechtung, wenn sie kommt, gestellt wird.

Nehmen wir an, es geschehe etwa folgendes: Die Gesellschaft, die Volksmehrheit, vielleicht auch die Staatsmacht – sie braucht nicht not­wendig die einer Diktatur zu sein – entdeckt eines Tages infolge irgendeiner Entwicklung der menschlichen Dinge, daß ihr die in ihrer Mitte lebende christliche Gemeinde: ihre Sonderexistenz und ihre ganze Tätigkeit, ihre Predigt und ihr Unterricht, ihre Haltung und ihr Einfluß – daß ihr gerade das Wesentliche, das Christliche in allem: das Evangelium in sei­ner ewigen, aber auch zeitlichen, in seiner theoretischen, aber auch in seiner praktischen, politischen Tragweite nicht nur gleichgültig, nicht nur unsympathisch, sondern störend und widrig ist – so störend und widrig, daß sie sich auch mit feindseligem Zusehen nicht mehr begnügt, sondern sich zum Eingreifen entschließt. Man möchte die christliche Gemeinde weghaben oder man möchte sie doch so anders haben, daß es darauf hin­auskommt: man möchte sie weghaben. Das wäre dann die Krisis, die wir jetzt im besonderen als die der christlichen Gemeinde widerfahrende An­fechtung verstehen wollen. Man darf sich freilich über das Hereinbrechen einer solchen Krisis keine falschen Vorstellungen machen. Es ist nämlich nach allen bisherigen Erfahrungen durchaus nicht zu erwarten, daß sich ein solches feindseliges Eingreifen von außen sofort als ein totales und also tödliches Eingreifen offenbaren und darstellen werde. Es wird sich vielmehr in solcher Lage zunächst scheinbar immer nur darum handeln, daß die Umgebung die Gemeinde ein wenig anders haben möchte, als sie ist. Es wird zunächst immer nur sehr nachdrücklich gewünscht werden, sie möchte dieses und jenes angeblich Nebensächliche, was sie bis jetzt getan hat, lassen und dieses und jenes angeblich Harmlose, das sie bis jetzt gelassen hat, tun; hier ein bißchen mehr sagen und dort ein bißchen mehr schweigen, als sie es bisher getan hat, um dann – nach einem angeblich leicht zu erfüllenden Zugeständnis – der alten Unterstützung oder doch Duldung aufs neue teilhaftig zu werden. Man träume also nur ja nicht von einer Lage, in der der Gemeinde von heute auf morgen zugemutet würde, Gott und den Heiland in offenen Worten und Taten zu verleugnen und zu lästern. So offen wird man nicht gegen sie vorgehen und so leicht wird man es ihr nicht machen. Man wird ihr ihren Lobpreis Gottes und des Heilandes vielmehr zunächst lassen. Man wird ihr nur zumuten, sich dabei zu diesem und jenem Zusatz oder auch zu dieser oder jener Auslassung zu entschließen. Was war schon dabei, wenn man den Christen des zweiten Jahrhunderts zumutete, als äußerliches Zeichen ihres Anschlusses an die göttliche Verehrung des römischen Kaisers ein Weihrauchkorn auf dessen Altar zu werfen? Konnten sie nicht nach wie vor gute Christen sein? Was bedeutete schon der gelegentliche Besuch einer Messe, mit dem sich die französischen Hugenotten den Frieden erkaufen konnten, in welchem sie dann im übrigen glauben konnten, was sie mochten? Was bedeutete das bißchen verstärkte nationale Pathos, das bißchen Unterordnung unter eine neue, von der Staatsgewalt aufgedrängte Kirchenleitung, der Eid auf den Führer, die Weglassung des Hallelujah und anderer allzu jüdischer Worte im Gottesdienst und ähnliche Dinge, die man in den Jahren nach 1933 von den christlichen Gemeinden in Deutschland verlangte? Was war schon dabei, wenn sich die Kirchen in Japan vor zwei Jahren zunächst damit in Sicherheit bringen mußten, daß sie sich von ihren europäischen und amerikanischen Missionaren und Pfarrern lossagten und überdies – wieder im Zusammenhang mit der Verehrung eines nationalen Gott- Kaisers – ein paar Zeremonien in Kauf nahmen? Wo war und ist in dem allem die Verleugnung Jesu Christi? Das Eingreifen gegen die christliche Gemeinde, in welchem es zu deren Anfechtung kommt, geschieht zunächst fast immer sanft wie der Griff einer Katzenpfote: fast immer so, daß man ebenso gut der Meinung sein kann, daß da nun wirklich gar nichts oder fast gar nichts dabei zu finden sei. Erst irgendwo in scheinbar großer Ferne hinter solchen Zumutungen steht dann das eigentlich Gefährliche, dessen Anerkennung offenkundig Verleugnung und Lästerung, Irrglauben und Unglauben und direkte Preisgabe des Christentums bedeuten würde. Zunächst aber wird es immer so sein, daß die Frage wohl am Platz er­scheint und – wenn man das will – immer noch und noch einmal diskutiert werden kann: «Fährmann, sag’s mir ehrlich: Ist’s denn so gefähr­lich?»

Aber wie, wenn nun die ernstliche Meinung dieses ersten Eingreifens sich darin zeigen sollte, daß in jener sanften Pfote spürbar noch etwas anderes, weniger Sanftes verborgen ist? Wie nun, wenn jene Wünsche den Charakter von Bedingungen haben sollten, wenn nun der Bestand der Gemeinde von der Erfüllung dieser Bedingungen abhängig gemacht wer­den sollte? Wie nun, wenn die Gemeinde mit jenen Wünschen ihrer Um­gebung tatsächlich unter Druck gestellt wird?

Nehmen wir an, das geschehe! – Aber machen wir uns auch hier keine Phantasievorstellungen! Man denke also nicht gleich an Martin Nie­möller im Konzentrationslager oder gar an die Christen unter den Löwen des römischen Kolosseums und an die Galeeren, mit denen man die Hugenotten bedroht – und nun doch nicht nur bedroht! – hat. So weit kann es allerdings kommen, weil ja hinter jenen angeblich leicht zu er­füllenden Wünschen tatsächlich noch etwas ganz anderes steht. Der Druck der Anfechtung wird aber zunächst und vielleicht sehr lange nicht solche Formen haben. Er wird vielleicht für viele Beteiligte gar nie solche Formen haben. Das Wort «Verfolgung» wird vielleicht im großen ganzen ein viel zu starkes Wort für diese Sache bleiben. Es ist ja schon dies sehr ernstlich in Betracht zu ziehen: der eigentliche Druck von der Umgebung her wird die Gemeinde sehr ungleich, er wird wohl in der Hauptsache nur einige wenige unter ihren Gliedern direkt treffen – einige durch ihr Amt oder sonst besonders Verantwortliche, ihre Wortführer oder die anders­wie auffallenden Vertreter ihrer Sache – während ein größerer Teil der Gemeinde persönlich mehr oder weniger unbetroffen bleibt und – wenn ihm das gefällt – auch bleiben kann.

Und nun kann es mit diesem Druck so sein, daß er vielleicht zunächst einfach in der mitreißenden Macht einer die Zeitgenossen und unter ihnen dann auch die mehr oder weniger bewußten Christen bewegenden Idee besteht, vielleicht auch in einer allgemein anerkannten praktischen Not­wendigkeit, die nun rein innerlich auf sie drückt mit der Frage: ob sich denn die christliche Gemeinde in dieser Sache wirklich zurückhalten, ob sie da abseits stehen dürfe, als wäre nichts geschehen? Ob sie nicht einfach mit­tun müsse bei dem ihre Umgebung gerade beherrschenden Lieben oder Hassen, bei diesem und jenem allgemeinen Auf bauen oder Niederreißen? Ob sie es also unterlassen könne, aus dieser und dieser Lage bestimmte Konsequenzen für ihre Lehre wie für ihr Leben, für ihr Reden und für ihr Schweigen zu ziehen? Ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich sage, daß Martin Niemöller im Jahre 1933 als der ausgesprochen deutschnatio­nale Mann, der er jedenfalls damals war, unter diesem geistigen inneren Druck und Konflikt schwerer gelitten hat als unter allem, was er nachher etwa von der Polizei zu ertragen hatte. Man stelle sich vor allem einen solchen rein inneren Druck vor, wenn man sich klarmachen will, was es auf sich haben möchte, wenn die christliche Gemeinde in die Anfechtung kommt. Man rechne damit, daß dann wahrscheinlich eine die ganze Zeit und so auch die Glieder der Gemeinde beherrschende Verblüffung und Verwirrung der Geister ein ganz starkes Motiv sein wird, jene Wünsche ihrer Umgebung zu erfüllen, jene Bedingungen anzunehmen und also das Licht des Evangeliums, wenn nicht geradezu auszulöschen, so doch unter den Scheffel zu stellen.

Man rechne dann freilich auch mit allerlei massiveren Möglichkeiten. Es gibt zunächst sehr einfache Mittel, der christlichen Gemeinde den Mund zu verschließen oder ihre Stimme wenigstens mehr oder weniger tonlos zu machen. Man kann sie weiter, wenn das nicht genügen sollte, sehr wirksam damit gefügig zu machen versuchen, daß man sie dem übri­gen Leben gegenüber isoliert und in den Winkel drängt, indem man ihre natürlichen Verbindungen mit dem Volksleben, mit der Schule, mit der Wissenschaft und überhaupt mit der Kultur, vor allem auch mit der Jugend unterbindet und abschneidet dadurch, daß man ihr alle über ihren allernächsten Bereich hinausgehende Tätigkeit verwehrt. Und nichts ist leichter, als sie dann in diesem Winkel auch noch lächerlich, verächtlich und verhaßt zu machen. Wird sie, werden die Christen das aushalten? Sie sind doch auch nur Menschen und werden das sicher nicht gern haben. Es ist nicht schön, wenn die Kirche dann die Presse, den Rundfunk und alle großen und kleinen öffentlichen Rednerstimmen auf einmal gegen sich haben muß und ihrerseits auf allen diesen Gebieten keine Gegenwir­kung ausüben kann. Es ist, wenn auch der Staat und vielleicht gerade der Staat mittut bei dieser Sache, für dessen Beamte und dann auch für Tau­sende von anderen abhängigen Existenzen nicht schön, wenn sie allmählich oder plötzlich entdecken müssen, daß ihr Verhalten in der kirchlichen Frage ihnen Stellung, Fortkommen und Brot kosten könnte. Es ist dann für niemand schön – besonders nicht für jene exponierten Glieder der Gemeinde – mit allerhand Leicht- und Schwerverbrechern zusammen ein Dauerobjekt polizeilicher Beobachtung zu sein. Ich kenne einen sehr ehrenwerten und tapferen Mann, den es einen ernsthaften seelisch-leib­lichen Zusammenbruch kostete, als er in diesem Zusammenhang der Pro­zedur einer Aufnahme seiner Fingerabdrücke unterworfen wurde. Und es ist erst recht nicht schön, gegebenenfalls auch Gegenstand der Bespitze­lung und anderer Bemühungen der Janitscharen einer allmächtigen Staatspartei zu werden. Es ist wirklich nicht schön, wenn es jetzt auf ein­mal etwas kostet – und zwar sehr viel mehr als ein bißchen Kirchensteuer kostet – ein Glied (nämlich ein lebendiges, für ihre Sache einstehendes Glied!) der christlichen Gemeinde zu sein. Und wenn dann tatsächlich in ir­gendeiner Nähe oder Ferne doch auch dies drohen sollte, daß das die Freiheit und sogar das Leben kosten könnte, dann ist das wirklich gar nicht schön.

Aber ich habe mit dem allem das Schwerste einer solchen Anfechtung der christlichen Gemeinde noch nicht genannt. Das Schwerste pflegt näm­lich gerade in solchem Ernstfall nicht von außen, sondern von innen zu kommen. Es war noch immer so, daß dann in ihrer eigenen Mitte Leute aufstanden: «weite Kreise der Gemeinde», wie man ja auch in den ver­meintlichen Friedenszeiten zu sagen pflegt, darunter vielleicht gar nicht die Übelsten, darunter ganz bestimmt auch so und so viele kluge und nicht untüchtige Theologen, die wollten entweder in dem Augenblick, wo die Versuchung kam, oder vielleicht schon lange vorher die Entdeckung ge­macht haben, daß die betreffende Anfechtung gar keine Anfechtung, die drohende Versuchung weder eine Versuchung noch eine Drohung, son­dern eine höchst wunderbare Gelegenheit für die christliche Gemeinde sei, ihr Leben und ihre Kraft damit zu beweisen, daß sie das, was die Um­gebung von ihr will, von sich aus tue. Diese Leute behaupten dann, gerade in der Stimme des Zeitgeistes das besondere Wehen und Raunen des Heiligen Geistes gehört zu haben. Für sie besteht also gar kein Konflikt. Sie halten und erklären es vielmehr für den heiligen Auftrag der Gemeinde selbst, sich in der Richtung jener Wünsche und Ansinnen in Marsch zu setzen und also, statt Konzessionen zu machen, freiwillig das und womög­lich noch mehr als das zu leisten, was von ihr verlangt wird. Sie werden also nicht etwa nur sagen, daß ein gewisses Nachgeben unter den gegebe­nen Umständen äußerlich notwendig sei. Sondern im Namen und in der Sprache des Evangeliums, mit tiefen theologischen Begründungen, nicht ohne sich auf die Bibel zu berufen und sicher in hohem religiösem Ton werden sie verkündigen, daß gerade die und die Veränderung und Neue­rung im Leben und in der Lehre – zufällig dieselbe, die man der Gemeinde gleichzeitig von außen her aufdrängen will – innerlich und christlich recht, daß sie das «Gebot der Stunde»sei. Wir haben im Neuen Testament zahl­reiche Spuren davon, daß schon die ältesten christlichen Gemeinden in ihrer Anfechtung durch Juden und Heiden daran am meisten zu tragen hatten, daß der äußern Anfechtung eine solche innere entsprach und ent­gegenkam: starke, geistvolle und bezaubernde Stimmen aus ihrer eigenen Mitte, die sie dazu einladen und anleiten wollten, in Annäherung an aller­lei jüdisches oder heidnisches Wesen nicht etwa zur Verminderung, son­dern zur Vermehrung der Ehre Jesu Christi eines gesunden Fortschrittes, einer noch viel tieferen Erkenntnis, eines noch viel reicheren christlichen Lebens teilhaftig zu werden und damit dann doch auch den Konflikt mit den Juden oder mit den Heiden oder mit beiden zugleich loszuwerden oder doch abzuschwächen, sich selbst in ein glücklicheres Verhältnis zu ihrer Umgebung zu setzen. Ganz ähnliche innere Anfechtung hatten übri­gens schon die Juden selbst in jenen Drangsalszeiten, die uns in den so­genannten Makkabäerbüchern geschildert werden, durchgemacht. Und fast immer, wenn die christliche Gemeinde später in solchen Ernstfall geriet, war dies das Ernsthafteste ihrer Lage, daß es auch an Christen nicht fehlte, die in scheinbar bester Meinung gerade im gefährlichsten Augenblick gewissermaßen die Rolle einer «fünften Kolonne» spielten.

Wer kann und wird einer solchen «fünften Kolonne» Widerstand lei­sten, wenn diese sich nun etwa gar nicht aus lauter von weitem erkenn­baren Spitzbuben, sondern wahrscheinlich mindestens teilweise auch aus scheinbar bewährtesten und glaubwürdigsten Persönlichkeiten – wenn sie sich, wie das zum Beispiel in Deutschland 1933 der Fall gewesen ist, zum nicht geringen Teil aus anerkannt «positiven» oder sonst durch Eifer, Wissenschaft und Frömmigkeit ausgezeichneten Leuten, aus bekannten bisherigen Führern der Gemeinde zusammensetzt? Was dann, wenn diese ihre Sache vielleicht sehr eindrucksvoll zu vertreten wissen? Und was dann, wenn sich ihre Sache nur schon dadurch empfiehlt, daß die Ge­meinde, wenn sie auf sie hörte, die Möglichkeit hätte, sich dem Druck von außen mit gutem Gewissen, ja mit dem erhebenden Bewußtsein, etwas besonders Christliches zu tun, zu entziehen? Was dann, wenn man bloß auf diese Leute zu hören brauchte, um den drohenden oder schon aus­gebrochenen Streit in allen Ehren loszuwerden, um seine Drangsal aufs neue mit dem relativen Frieden des gewöhnlichen kirchlichen Zustandes vertauschen zu dürfen? Wird die christliche Gemeinde auch dieser gefähr­lichsten Gestalt des Druckes, unter den sie geraten ist, gewachsen sein? Wäre es nicht ein wahres Geschenk des Himmels, wenn sie sich, indem sie diesem Drucke nachgäbe, nicht nur den Fünfer und das Weggli, son­dern den Fünfer und zwei Weggli, das heißt ihre äußere Ruhe und die Erhaltung und dazu noch eine Vertiefung und Bereicherung ihres Christen­standes sichern dürfte? Wird sie da widerstehen können?

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Und nun möchte ich zunächst einfach fortfahren – immer beispiels­weise – zu beschreiben, was sich in solcher Lage in der christlichen Ge­meinde ereignen kann.

Es kann dann geschehen, daß es aller Wahrscheinlichkeit zuwider unter einem kleineren oder größeren Teil der Gemeinde zu einer gründlichen Besinnung, zu einer freudigen Entschlossenheit und also zu einem un­bekümmerten Widerstand kommt: zum Widerstand gegen den Zeitgeist und seinen innern Druck, gegen die zermürbende Wirkung der äußern Drangsal, gegen die Verführungskünste der Irrlehrer in der Mitte der Gemeinde selber – zu einem neuen Lieben und Bejahen des einen wirk­lichen Evangeliums nun erst recht, nun gerade.

Drei Bedingungen müssen, damit es dazu komme, erfüllt sein. Es müs­sen Christen da sein, die (erstens) inmitten des ganzen Nebels von äußerer Bedrängnis und innerer Verführung gesehen haben, daß es sich bei dem, wozu man die Gemeinde bringen oder wovon man sie abbringen möchte, nun doch gar nicht um gleichgültige Nebensächlichkeiten und auch gar nicht um einen wirklichen Fortschritt handelt, sondern daß die Gemeinde ganz schlicht gefragt ist, ob sie beim Evangelium und beim Glauben blei­ben oder ob sie beides preisgeben und verleugnen will? Diese Christen müssen (zweitens) begriffen haben, daß die Erhaltung der Gemeinde beim Evangelium und beim Glauben eine Sache ist, die an Wichtigkeit allem Anderen vorangeht, für die man also unter allen Umständen ein­stehen muß. Und dann müssen sie (drittens) ganz einfach die Leute sein, die willig und bereit sind, zu dieser Einsicht gerade unter den jetzigen Um­ständen, wie sie sind, zu stehen und unbekümmert um alle andern Rück­sichten das Entsprechende zu tun und, wenn es denn sein muß, zu leiden.

Man muß nun freilich nicht denken, daß das notwendig die gleichen Christen sein werden, die sich schon zu Friedenszeiten durch fleißigen Kir­chenbesuch und durch andere Betätigung ihrer Anteilnahme am Leben der Gemeinde ausgezeichnet haben. Einige von diesen werden wohl auch dabei sein. Es werden aber auch viele Erste Letzte und wiederum viele Letzte Erste sein. Man wird seinen Augen nicht trauen, wenn man sieht, wer hier auf einmal dabei und wer auf einmal nicht dabei ist.

Aber wie dem auch sei: in diesem Teil der Gemeinde wird man sich langsam oder plötzlich zu bestimmten Erkenntnissen und Entscheidungen hinsichtlich des Sinnes der entstandenen Lage durcharbeiten. Man wird nämlich versuchen, die der Gemeinde gestellte Frage nicht im Lichte von allen möglichen andern Erwägungen, sondern schlicht im Lichte des bib­lischen Wortes Gottes zu betrachten und von da aus zu verstehen, was jetzt das Gebotene und also das Rechte sein möchte. Man wird in diesem Lichte klar sehen und also durchschauen, daß hinter jenen angeblich so leicht zu erfüllenden Wünschen der Umgebung noch das ganz Andere steckt: die Versuchung zur Verleugnung und Lästerung, zum Verrat am Evangelium, zur Preisgabe der Sache der Gemeinde und also der Angriff auf die Substanz, von der die Gemeinde zu leben hat. Man wird versuchen, sich, so gut es geht, über den drohenden Irrtum und über die ihm ent­gegenzustellende Wahrheit zu einigen. Man wird – das wird technisch not­wendig sein – das Ergebnis solcher Einigung zu Papier bringen und in einigen Punkten festlegen, was man in der entstandenen Lage gemeinsam für dasjenige hält, was als das Christliche unter allen Umständen, jenseits alles Marktens und Disputierens zu behaupten und zu verteidigen ist. Was auf diesem Papier steht, wird dann das Bekenntnis – das Bekenntnis der bekennenden Gemeinde – sein und dieses wird gewissermaßen die Fahne sein, um die man die übrige, gewiß arg verwirrte und verstörte Gemeinde zu sammeln und beieinanderzuhalten versucht, das Zeichen, an dem man sich bei aller innern und äußern Anfechtung immer wieder klarmacht, wo die Grenze liegt, über die man sich nicht zurückdrängen lassen darf, an dem man sich in allen einzelnen Fragen immer wieder orientieren kann. In der Person derer, die sich so zusammentun und auf der Linie ihrer Erkenntnis und ihres Bekenntnisses wird also die christliche Gemeinde den ihr aufgenötigten Kampf aufnehmen. Er wird schlicht darin bestehen, daß man durch dick und dünn das und nur das sagt und tut, was man auf dieser Linie gemeinsam verantworten kann.

Was wird daraus werden? Ja, das kann man dann wohl fragen, beson­ders wenn man etwa selber nicht dabei ist, sondern nur zuschaut. Wer aus dem Dämmerzustand eines frommen Zweifels oder einer zweifelnden Frömmigkeit auch jetzt nicht aufwachen mag, der wird gewiß auch jetzt nur zuschauen. Er sieht dann einen ungeheuren Berg von Schwierigkeiten und auf der andern Seite die sicher nicht große Zahl jener Entschlossenen, die Ohnmacht der Worte, die auf ihrem Papier stehen, die Geringfügigkeit dessen, was die paar Leute in einem solchen Sturm ausrichten können. Aber die dabei sind, können nicht so fragen. Es ist mit dem Widerstand in der Anfechtung nun einmal so, wie mit der Anfechtung selber: man kann tatsächlich nicht im voraus wissen und sagen, wohin alles führen wird. Man marschiert dabei wie eine Patrouille im Morgengrauen wohl oder übel in den Nebel hinein. Man muß es dann wagen, ohne Berech­nung des Erfolges, aus innerer Notwendigkeit und ganz im Blick auf die Sache zu handeln. Man kann wohl sagen, daß es sich bestimmt lohnt, das zu tun. Es kann dabei geschehen, daß Menschen vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben ihres Glaubens als einer Realität froh werden, vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben ein ganz ruhiges, ein geradezu vergnügtes Gewissen haben bei ihrem Tun, vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben auch etwas davon erfahren, was gute Bruderschaft und Gemeinschaft ist, zu deren Entstehung es eben auch einer gewissen Feuerhitze bedarf. Es hat ja schon seine Richtigkeit mit dem, was Jakobus in seinem Brief ge­schrieben hat, daß wir es für eitel Freude achten sollen, wenn wir in man­cherlei Anfechtung fallen. Aber auch auf das alles gibt es kein Anrecht. Wollte und würde die christliche Gemeinde ihren Widerstand in der An­fechtung nicht ganz allein um des Himmelreichs willen aufnehmen, dann würde sie es wohl gar nie tun.

Aber nun kann man weiter fragen: Ob es denn nicht auch bei der Bil­dung eines solchen Widerstandskerns recht menschlich und also fragwürdig zugehen möchte? Ob es denn so sicher sei, daß die Erkenntnis einer sol­chen Schar von Entschlossenen nun gerade die richtige sein werde? Ob ihr Bekenntnis denn vom Himmel fallen und also ein unfehlbares und unter allen Umständen zu behauptendes Fundament wirklich bilden werde? Ob es nicht auch innerhalb dieser zu gemeinsamem Kampf und Leiden zusammengeschlossenen Gemeinde allerlei Irrtum, Schwachheit, Lieblosigkeit geben möchte? Dazu ist zu sagen: es wird in der Tat auch da und da sogar erst recht menschelen. Es könnte – o Schreck! – so sein, daß gerade die weniger netten Leute, die weniger einleuchtenden und be­liebten Pfarrer sich auf dieser Seite befinden und also für diese Sache wenig Staat machen können. Es könnte wohl sein, daß es bei der Entste­hung eines solchen Bekenntnisses aus der Nähe gesehen wirklich wunder­lich zugeht und daß nachher bei dessen Verteidigung und Anwendung allerlei Schwachheiten und Inkonsequenzen auf der einen und allerlei Unfreundlichkeiten auf der anderen Seite mit unterlaufen, auf die man dann leicht mit Fingern weisen und fragen kann: ob das nun wohl christ­lich sei? Ja, das war noch immer so, daß auch die in der Anfechtung kämpfende und leidende Gemeinde ihrerseits nicht unanfechtbar war, sondern mehr als eine schwere Blöße bot, ernstlicher Zurechtweisung und Buße nur zu bedürftig war, für jeden ihrer Fehler sicher auch bitter be­zahlen mußte und gar sehr darauf angewiesen- war, um die Vergebung auch ihrer Sünden zu bitten. So wird es sicher immer sein. Aber das folgt nicht daraus, daß es darum wohl besser sei, den Dingen ihren Lauf zu lassen und gar nichts zu tun, sich nicht zu besinnen und nicht zu vereini­gen, seine allfällige Erkenntnis für sich zu behalten und nur ja nicht zu bekennen oder eben nur auf dem Papier und mit dem Munde und nur ja nicht in sichtbarer Haltung und Handlung des Widerstandes zu bekennen. Dazu wird niemand das Recht haben, sich der Verteidigung der Sache der Gemeinde aus dem Grunde zu entziehen, weil er ein allzu großer Sünder sei oder aus der Sorge, er könnte darüber zum Pharisäer werden. Das wird freilich auch zu der besonderen Arglist einer solchen Zeit gehören, daß man mit scharfem Blick nach allen wirklichen und scheinbaren Fehlern derer spähen wird, die jenen Versuch unternehmen und daß man beson­ders mit dem Vorwurf, sie seien Pharisäer, Zeloten, hochmütig, lieblos, Richter ihrer Nächsten und dergleichen, reichlich gegen sie vorgehen wird. Einiges wird dann immer dran sein. Es wird dann aber immer noch besser sein, mit mehr oder weniger schmutzigen Händen nach bestem Wissen und Gewissen irgendetwas, als mit weißen Handschuhen angetan gar nichts zu tun. Die Mahnung Luthers wird dann, so gefährlich sie klingen mag, am Platze und im Recht sein: Pecca fortiter, crede fortius! Zu deutsch: Sündige kräftig, aber glaube noch kräftiger!

Im Zusammenhang damit gleich noch eine Frage: Ob die Entstehung einer solchen bekennenden und kämpfenden Gemeinde in der Gemeinde nicht auch bei der besten Absicht der Beteiligten zu allerlei Schwärmerei, das heißt zu allerlei extremen, ruhiger Prüfung nun doch nicht standhal­tenden Äußerungen, Beschlüssen und Handlungsweisen führen könnte? Dazu ist zu sagen, daß das allerdings geschehen könnte und in solcher Lage tatsächlich sehr oft geschehen ist. Es wird also angebracht sein, vor dieser Gefahr auf der Hut zu sein, echten Enthusiasmus und bloße Hysterie wohl zu unterscheiden und gut auseinanderzuhalten. Das wird am besten damit geschehen, daß gerade diejenigen, denen es in dieser Sache am ernstesten ist, ja nicht aufhören, sondern, je schwieriger die Lage wird, um so mehr fortfahren, die Bibel zu sich reden zu lassen. Denn gegen einen eigenwilligen, ungesunden Geist, der sie in der Tat ins Unrecht setzen könnte, ist im Wort und letztlich nur im Wort Gottes das rechte Kraut gewachsen.

Dazu ist aber noch mehr zu sagen: Sollte es wirklich geschehen, daß dieser und jener Daniel in der Löwengrube im Übereifer meinen sollte, die Löwen auch noch am Schwanz zupfen zu müssen (was ihm durch das Wort Gottes gewiß nicht geboten sein kann), so ist doch schwärmerischer Übereifer in solcher Lage der Gemeinde gewiß die geringere Gefahr, weil die übergroße Mehrzahl nach dieser Seite sich zu verfehlen dann gewiß nicht große natürliche Lust haben wird. «Einseitige» Leute wird es dann ganz wenig, zwei- und mehrseitige in ganzen Bataillonen geben. Ein ge­wisser Tropfen oder Schuß freien Geisteslebens wird dann also der Ge­meinde ziemlich heilsam, und den Geist zu dämpfen wird dann sicher bei aller gebotenen Weisheit nicht die dringendste Notwendigkeit sein. Es gab im Jahre 1933 einen jungen Vikar in Norddeutschland, der stieg auf die Kanzel und verkündigte mit lauter Stimme, eine Persönlichkeit …, nun eine gewisse Persönlichkeit, sei der leibhaftige Antichrist. Der Mann war zweifellos ein richtiger Schwärmer und verschwand denn auch, wenn ich mich recht erinnere, in einer Nervenheilanstalt. Man kann sich nachträglich doch ernstlich fragen: ob es nicht viel für sich gehabt hätte – wer weiß, ob es nicht Millionen, die jetzt sterben müssen, das Leben gerettet hätte –, wenn damals alle zwölftausend deutschen Pfarrer ein bißchen schwärmerisch, aber einmütig und kräftig – nicht gerade das, aber etwas in diese Richtung Weisendes zu allem Volk gesagt hätten? Wie dem auch sei: es wird in solcher Lage zwar wichtig sein, schlangenklug – es wird aber doch noch viel wichtiger sein, dabei auch und vor allem taubeneinfältig zu sein. Die Nüchternheit in Ehren, aber aus der Nüchternheit allein und aus der Angst vor der Schwärmerei ist noch nie ein christliches Wort oder eine christliche Tat geboren worden.

Einige andere Gründe und Entschuldigungen derer, die, wenn die Ge­meinde in die Anfechtung kommt, der Entscheidung lieber ausweichen, an dem der Gemeinde aufgezwungenen Kampf sich lieber nicht beteiligen möchten, mögen nun auch gleich noch zur Sprache gebracht werden:

In solcher Lage werden viele plötzlich entdecken, daß das Christentum etwas so Innerliches und Jenseitiges sei, daß ihm ein gewisses Nachgeben in irdischen Äußerlichkeiten oder schließlich auch eine sehr eingreifende Umgestaltung etwa der Gemeindeordnung und des Gottesdienstes noch lange nichts schaden könne, daß es aber umgekehrt sehr mißlich sei, einen äußerlichen Streit darum zu führen. Es wird plötzlich sehr viele Mystiker geben, die sich als Vertreter einer Religion des Herzens und des Himmels durch die ganze Anfechtung der Gemeinde nicht angefochten und zu nichts verpflichtet fühlen. Was soll man ihnen sagen als dies: Wenn das Christentum wirklich etwas so rein Innerliches und Jenseitiges wäre, dann hätte wohl auch Christus selbst nicht leiden und sterben müssen, und siehe da: dann gäbe es überhaupt kein Christentum. Nehmt ihm das Ärgerliche der irdischen Äußerlichkeit, aber seid euch klar darüber, daß ihr es dann überhaupt losgeworden seid!

Weiter: Es werden dann andere kommen und sagen, man müsse Reli­gion und Politik doch ja sauber auseinanderhalten. Wenn es wirklich um den Glauben ginge, so wollten sie wohl – und dann bis zum letzten Bluts­tropfen! – dabei sein. Es könne aber jeder sehen oder doch sicher ver­muten, daß bei denen, die jetzt meinten bekennen und widerstehen zu müssen, wie bei ihren Gegnern politisches Ressentiment und politische Leidenschaft eine allzu große Rolle spielten, so daß es um der Reinheit der Religion willen ratsam sei, sich weder auf die eine noch auf die andere Seite zu stellen. Ja, ist zu sagen, mit der Religion mag man es wohl so halten. Wie aber, wenn es in der christlichen Gemeinde um das Evange­lium und also um die Botschaft vom Königreich Jesu Christi geht, wenn diese also von Haus aus – und wenn auch ihre Bestreitung im Grunde immer – eine hochpolitische Angelegenheit ist? Wessen schämt man sich dann, wenn man sich nun auf einmal gerade der Politik schämen zu müs­sen meint?

Weiter: Es wird dann wahrscheinlich – und merkwürdigerweise gerade von Theologen – die Losung ausgegeben werden, es handle sich bei der ganzen die Gemeinde bewegenden Frage doch nur um einen Theologen­streit oder, noch kräftiger gesagt, um ein Pfaffengezänk um Buchstaben und Spitzfindigkeiten, an dem sich zu beteiligen man sich ruhig ersparen dürfte. Dazu ist zu sagen, daß es allerdings auch in den Zeiten der An­fechtung müßigen Theologenstreit gibt. Wiederum gehört aber auch das zu der besonderen Arglist einer solchen Zeit, daß man dann gerade den Streit für die einfachste christliche Wahrheit als müßig und die Wahrheit selbst als Spitzfindigkeit zu verdächtigen und damit alles ernste Fragen, jede wirkliche Entscheidung zu verhindern suchen wird. Man sehe dann wohl zu, in wessen Dienst und zu wessen Vorteil man redet, wenn man gerade diese Parole aufnimmt und weitergibt!

Nun, unter dem Zeichen dieser und derartiger Argumente und Redens­arten wird sich dann sicher bald eine starke Mittelgruppe von solchen bilden, die weder geradezu nachgeben noch auch geradezu widerstehen, weder geradezu verleugnen, noch geradezu bekennen, weder geradezu Ja noch geradezu Nein, sondern am liebsten «Jain» sagen möchten. Daß man das nicht kann, daß über die, die nicht kalt oder warm, sondern lau sein wollen, im Brief an die Gemeinde von Laodicea im dritten Kapitel der Offenbarung des Johannes etwas Bemerkenswertes geschrieben steht, daß in solcher Lage der, der nicht bekennen will, eben damit schon ver­leugnet, der nicht widerstehen will, schon nachgibt, ja daß die Vermittler der Gemeinde in solcher Lage gefährlicher sind als alle äußeren Angreifer und inneren Verführer miteinander, das werden sie leider vergessen. Aber man täusche sich nicht: viel, sehr viel Volk wird sich dann tatsächlich – und zum Teil auch in sehr ehrbarer und eindrucksvoller Haltung – in die­ser Mitte versammeln. Es wird dann das Hinken auf beiden Seiten – kein vulgäres, sondern ein hochanständiges, ein geradezu klassisches Hinken – zu einer gerade in den besten Kreisen weitverbreiteten und virtuos geübten Kunst werden. Und gerade die Auseinandersetzung mit diesen Vermitt­lern wird für den bekennenden und kämpfenden Teil der Gemeinde eine der anstrengendsten und ermüdendsten Angelegenheiten sein. Ich darf hier noch etwas von Martin Niemöller berichten – aber von dem wirk­lichen, dem historischen Martin Niemöller, nicht von dem, der in Amerika sogar zur Filmfigur geworden ist. Jeder, der dabei war, weiß, daß der historische Niemöller, solange er noch kämpfen konnte, an den Kampf mit den Vermittlern tatsächlich mindestens fünfmal so viel Zeit und Kraft und Leidenschaft wenden mußte, wie an den gegen die so­genannten «Deutschen Christen» oder gegen die Geheime Staatspolizei. Und wie ihm ist es wohl allen gegangen, die sich auf die ganze Sache ernst­lich eingelassen hatten. Die Vermittler sind es, die in der Zeit solcher An­fechtung jeden Augenblick alles damit kaputtzumachen drohen, daß sie selbst dauernd so, aber auch anders können und daß sie dauernd dafür eintreten, daß auch die christliche Gemeinde gewiß so, aber gewiß auch anders könne, was dann immer darauf hinausläuft, daß sie vor allem auch anders, nämlich nachgeben, weichen, sich anpassen und gleichschalten könne. Und wenn dann diese Vermittler auch noch das Register «Frie­densliebe » ziehen, wenn sie dann vielleicht – im Gegensatz zu einem Hau­degen wie Niemöller – auch noch persönlich sehr liebenswürdige und tatsächlich friedfertige Menschen sind, was für Mühe und Sorge können sie einem dann machen! Was für neue und immer neue Verwirrung kön­nen gerade sie dann anrichten!

Eine Frage, die dann zur Sorge viel Anlaß geben wird, wird weiter die sein: wo in solcher Lage die ordnungsmäßigen Kirchenbehörden zu finden sein werden? Sie sind es ja, die dann schon von Amtes wegen mit klarer Einsicht und Entscheidung der Gemeinde vorangehen, die sie mit wohl­überlegtem Bekenntnis führen und sammeln, die den nötigen Widerstand in gründlichem Verständnis für die Sache der Gemeinde auf der ganzen Linie organisieren müßten. Aber werden sie das tun? Wird gerade der entschlossene, bekennende und kämpfende Teil der Gemeinde mit Ver­trauen zu ihnen aufschauen, ihren Weisungen und Ratschlägen mit gutem Gewissen Folge leisten können? Wird es gerade ihnen deutlich sein, daß das christlich Rechte, das durch die Heilige Schrift Gebotene und als geboten Erkannte für die in die Anfechtung geratene Gemeinde bestimmt auch das Praktische, und zwar das allein Praktische ist, daß der Ausgang aus der entstandenen Bedrängnis auf alle Fälle nur vorwärts, das heißt nur damit, daß sie jetzt erst recht als christliche Gemeinde sich entscheidet und handelt, zu suchen und zu finden ist? Oder werden sie nach andern Sicherheiten Ausschau halten? Nach den gewohnten volkskirchlichen Rezepten wird ja dann nicht mehr zu regieren sein. Werden sie bemerken, daß die Volkskirche jetzt statt als Kirche des Volkes resolut als Kirche für das Volk sich bewegen und dementsprechend geleitet werden muß? Werden sie das realisieren? Oder wird jetzt eine hohe Zeit für alle großen und kleinen Diplomaten und Schlangenkünstler anbrechen? Werden sie in dem Augenblick, wo gerudert und gesteuert werden müßte aus aller Kraft, darauf warten, daß irgendein günstigerer Wind aufkommen und das Fahrzeug von selbst in eine ruhige Bucht treiben möchte? Werden sie, wenn längst das ganze Haus brennt, immer und immer noch von «Ermessensfragen» reden, die man mit gleich gutem Gewissen so oder anders entscheiden könne? Werden sie davon träumen, die Form und damit den Bestand der Gemeinde auf Kosten ihrer Substanz erhalten zu können? Werden sie sich heimlich oder offen ganz einfach durch das leidige Problem der kirchlichen Finanzen, das dann sicher sehr brennend werden wird, das Konzept bestimmen lassen? Es wurde aus diesem, aber nicht nur aus diesem Grund im deutschen Kirchenkampf leider Tatsache, daß die kirchlichen Behörden mit wenigen ehrenwerten Ausnahmen durchs Band weg versagt, das heißt sofern sie sich nicht geradezu auf die Gegenseite schlugen, sich zum Organ jener Mittelgruppe der «Jain-Sager » gemacht haben und daß es nötig wurde, ihnen frei gewählte sogenannte Bruderräte aus der bekennenden und kämpfenden Gemeinde ein wenig revolutionär an die Seite oder geradezu entgegenzustellen. Muß es so sein? Es muß gewiß nicht so sein. Es gibt Beispiele aus älterer Zeit, wo die Dinge anders gelaufen sind, wo die Hirten zur Stelle waren, als der Wolf kam, wo die offizielle und die bekennende Kirche nicht zweierlei, sondern eins waren. Aber es scheint allerdings so etwas wie ein Natur­gesetz zu geben, laut dessen die konsistoriale Atmosphäre der grünen Tische, der Gesetzessammlungen, der Aktenschränke und Aktenmappen und die freie Luft des christlichen Wortes und der christlichen Tat sich nicht so recht miteinander vertragen wollen. Und es ist schon so, daß dieses Naturgesetz sich gerade dann in gefährlichster Weise auszuwirken pflegt, wenn das am wenigsten geschehen sollte: dann nämlich, wenn die christliche Gemeinde in die Anfechtung kommt.

Es gibt noch eine andere ähnliche Frage, die dann ebenfalls Sorge machen wird: Wie werden sich dann die freien christlichen Vereine, Ge­sellschaften und Anstalten verhalten? Sie bilden bekanntlich seit hundert und mehr Jahren ein besonders wichtiges Element des kirchlichen Lebens. Wie sie sich stellen: die Institute der äußeren und der inneren Mission, die Diakonissenhäuser, die kirchlichen Jugendwerke, die zahlreichen, mehr oder weniger christlich geleiteten Liebeswerke – und wir können hier gleich auch an die zahlreichen großen und kleinen Freikirchen und innerkirchlichen Gemeinschaften denken – das wird für Unzählige be­deutsam und wegweisend sein. Haben sie der eigentlichen kirchlichen Organisation gegenüber nicht den Vorzug der größeren Freiheit und Frei­willigkeit derer, die sie leiten und tragen? Werden sie davon Gebrauch machen? Werden sie erkennen, daß die Sache der Gemeinde ihre eigene Sache ist, wie sie ja oft genug und weithin mit Recht behauptet und ver­langt haben, daß ihre besondere Sache die der Gemeinde sein müsse? Wird gerade ihre besondere Posaune jetzt einen besonders deutlichen Ton geben? Oder werden sie leider gerade ihre relative Unabhängigkeit als Rettungsseil benützen, um sich der Bedrängnis der Gemeinde zu ent­ziehen? Werden sie unter allen Umständen sich selber, ihre Werke und Anstalten oder Sonderkirchen, aber nicht unter allen Umständen den Glauben, aus dem diese einst hervorgegangen sind, retten wollen? Wer­den auch da vielleicht vor allem die Herren Kassiere ihre warnenden Ein­wände erheben? Und wird es vielleicht, in hundertjähriger Tradition ent­standen, da und dort einen besonderen Hausgeist, Anstaltsgeist, Vereins­geist, Gemeinschaftsgeist neben dem Heiligen Geist geben: einen Spezial­geist irgendwelcher Prägung, der es nun gerade diesen freien Organisatio­nen erlaubt und sogar gebietet, sich in wunderlichem Schwung in jene neutrale Mitte oder gar mit fliegenden Fahnen auf die verkehrte Seite zu begeben? Es ist leider wieder Tatsache, daß das in Deutschland fast auf der ganzen Linie so geschehen ist, daß die freien Organisationen der Lan­deskirche, aber nicht minder auch die Freikirchen: Methodisten, Bap­tisten usw. es – mit einigen ehrenwerten Ausnahmen – so gehalten haben wie die Bürger der Stadt Meros im Deboralied: sie waren nämlich nicht zur Stelle, als es zum Treffen kam, sondern suchten sich in Sicherheit zu bringen; sie wählten die Mitte oder sie heulten geradezu mit den Wölfen, wo es gegolten hätte, ein reines Herz und ein aufrichtiges Auge zu bewah­ren und auf festen Füßen zu stehen. Daß die Wölfe sie dann weithin trotz­dem fraßen, ist eine Sache für sich, die den Vorgang nicht besser macht. Würde er anderwärts, würde er bei uns nicht Ereignis werden? Wir wol­len es gerne hoffen. Es besteht aber aller Anlaß, mit der Möglichkeit auch dieses Vorganges zu rechnen.

Und nun noch Einiges, was mehr die einzelnen Christen angeht. Man wird in solcher Zeit mit sich selbst, aber auch von Mensch zu Mensch sehr wunderliche persönliche Erfahrungen machen. Man muß sich dabei klar sein, daß es in solcher Zeit gerade für die Einzelnen nur in den wenigsten Fällen um irgendwelche Leistungen eines besonderen Heldentums, son­dern in der Hauptsache um etwas viel Schwereres, nämlich um ein stilles, zähes Durchhalten in allerlei kleiner Schikane und Verlegenheit und um ein langes, unter Umständen viele Jahre langes geduldiges Warten in einer Situation, in der man allen Schein gegen sich hat, in der man auch viel allein sein und allein entscheiden muß, gehen wird. Das berühmte Ré­sistez! an eine Kerkermauer zu schreiben, werden nur die Wenigsten in die Lage kommen. Es wird aber sehr viel darauf ankommen, daß mög­lichst viele ganz schlicht einen entsprechenden Knopf ins Nastuch machen, damit sie es ja nicht vergessen: Résistez!

Das Positive soll nicht verschwiegen, sondern vorangestellt sein: man entdeckt in solcher Zeit, daß es immerhin sehr viel mehr Treue und Zu­verlässigkeit auf Erden gibt, als man sich, bevor die Sache auf die Probe gestellt wird, manchmal einbilden möchte. Man entdeckt dann wohl auch wirkliche Einsicht an Orten und bei Menschen, wo man es gar nicht er­wartet hatte. Man entdeckt dann wohl auch bei sich selbst die Möglich­keit, daß man schließlich, ohne ein besonders guter Mensch zu sein, ebenso gut gründlich wie oberflächlich, und ebenso gut mutig wie ängst- lieh sein kann, daß es zwar schwer, aber, wenn der Sprung einmal gewagt ist, schließlich doch nicht übermenschlich schwer ist, seines Glaubens zu leben, und das Risiko, das in solcher Zeit damit verbunden ist, auf sich zu nehmen. Manche arme Seele bemerkt dann zu ihrer Freude, daß es ebenso einfach, ja noch einfacher ist, fest zu stehen, als ewig zu wackeln. Aber man entdeckt dann auch anderes: Zuerst und vor allem an sich selbst – wieviel man doch vorher versäumt hatte, um auf die Entscheidun­gen, die jetzt notwendig werden, gerüstet zu sein, um sich jetzt nicht (Eph.4,14) «wägen und wiegen zu lassen von allerlei Wind der Lehre durch Schalkheit der Menschen und Täuscherei». Man entdeckt dann auch den Hasenfuß, der irgendwo tief oder auch gar nicht tief in uns allen verborgen ist. Und dann sieht man auch bei den Anderen – es kommt jetzt alles heraus – daß es nichts gibt, was nicht möglich ist: kluge Leute, die sich auf einmal wie kleine Kinder benehmen – Männer, denen man es zu­traute, daß sie als Soldaten im Gefecht nicht mit der Wimper zucken wür­den, denen es aber offenbar nicht gegeben ist, nun auch ein bißchen Zivil­courage zu haben – Menschen, mit denen man fast auf Freundesfuß ver­kehrt hatte, und die sich nun kaum als etwas Besseres denn als Halunken entpuppen. La bête humaine, ja, das ist es, was, wenn die christliche Ge­meinde in die Anfechtung kommt, neben und mit allem Besseren wirklich auch sichtbar wird, manchmal so sichtbar, daß man Mühe hat, nicht zum Menschenverächter zu werden.

Und nun ist in diesem persönlichen Bereich noch etwas Besonderes sehr ernsthaft zu beachten: Kommt die christliche Gemeinde in die Anfech­tung, dann kommt es unter den einzelnen Christen notwendig zu Schei­dungen. Die Wege derer, die bisher zusammenzusein und zusammenzu­gehen meinten, trennen sich dann. Hier sind dann die Einen, die die An­fechtung als solche erkennen und ihr widerstehen möchten, dort die An­deren, die gerade das Widerchristliche als das Christliche vertreten und verherrlichen, dort die Dritten, deren Entscheidung dahin lautet, daß sie sich nicht entscheiden wollen. Sie alle werden in der Anfechtung nicht beieinander, sondern gegeneinander stehen: nicht aus Lust am Streit, sondern weil es, indem sie diese verschiedenen Stellungen beziehen, gar nicht anders sein kann. Der Vergebung sind sie sicher alle gleich bedürftig und auch das Gesetz der Liebe wird sicher nach wie vor sie alle angehen. Eines aber ist sicher, daß dann gerade die bekennende und kämpfende Gemeinde dem Gesetz der Liebe und auch der Verheißung der Vergebung nur damit entsprechen und gerecht werden kann, daß sie die Härte nicht scheut, den Verführern sowohl wie den Vermittlern in aller Ruhe aber auch in aller Bestimmtheit entgegenzutreten. Das hätte mit der von Chri­stus gebotenen Liebe und mit der uns in ihm verheißenen Vergebung nichts zu tun, was die Gemeinde veranlassen würde, um des Friedens willen schwarz weiß und weiß schwarz zu nennen. Gerade um des rechten christlichen Friedens willen wird sie sich nicht scheuen dürfen, den Streit aufzunehmen und durchzuführen. Als Paulus dem Petrus widerstand in Antiochien, da hat er dem Frieden gedient, da hat er den Petrus geliebt und ihm die Vergebung verkündigt. Man wird dann aber selbstverständ­lich auch die Härte nicht scheuen dürfen, die man von den Anderen zu erleiden hat. Das ist nach allen Seiten hart, daß die christliche Gemeinde in der Anfechtung sicher nicht einig, sondern uneinig sein wird. Und es ist für jeden Einzelnen hart, daß alle die, denen die Sache der Gemeinde Herzenssache ist, an dieser Uneinigkeit beteiligt zu sein und sich zu betei­ligen nicht umhin können. Es ist hart, daß es dann wortwörtlich in Er­füllung gehen wird, daß «des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein ». Wer hätte nicht lieber Frieden als Streit? Wie sollte es ein normaler Zustand sein, wenn die Christen nicht im Frieden stehen, sondern den Frieden im Streit wieder suchen müssen? Aber die Anfech­tung ist nun einmal dieser abnormale Zustand, und gerade für die Zeit der Anfechtung ist es nun einmal nach Matth. 10 keineswegs vorgesehen, daß man den Frieden anders haben könne als in der Weise, daß er in ehrlichem Streit gesucht wird. Und wehe denen, die dann aus einer gar nicht geist­lichen, sondern höchst ungeistlichen Abneigung gegen den Streit « Friede, Friede!» rufen wollten, wo keiner ist und wo auch keiner sein darf. Rech­ten Frieden gibt es auch dann in der Einigkeit des Widerstandes, des Be­kenntnisses, des Leidens – da, aber auch nur da! Es wird nicht leicht sein, sich selbst und anderen immer wieder klarzumachen, daß er da und nur da zu suchen und zu finden ist.

Soviel über das, was sich in der christlichen Gemeinde ereignen kann, wenn sie in die Anfechtung kommt.

*

Wir sind nicht in der Anfechtung: so jedenfalls nicht, wie ich es jetzt vorausgesetzt und beschrieben habe. Manchem, der diese Beschreibung gehört hat, mag sie wohl wie die Beschreibung eines fernen, fremden und ziemlich ungeheuerlichen Landes vorgekommen sein, in dem er noch nie gewesen ist und dessen Bild ihm darum in seinen einzelnen Zügen ziem­lich rätselhaft bleibt, wie deutlich es jetzt auch vor ihn hingestellt sei. Ganz versteht man es wohl in der Tat nur, wenn man in irgendeiner Weise schon «dort» gewesen ist.

Soll man wünschen oder soll man fürchten, daß solche Anfechtung der christlichen Gemeinde auch bei uns Ereignis werde?

Ich denke, daß man das darum nicht wünschen kann, weil wir sicher in jeder Hinsicht Anlaß haben, Gott dankbar zu sein, solange wir von einem solchen Sturm nicht überfallen sind. Es ist sicher eine gute Sache, wenn die Christen nach 2. Tim. 2,2 «ein geruhig und stilles Leben führen dürfen in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit». Nach dieser Stelle scheint das auch den neutestamentlichen Gemeinden manchmal erlaubt gewesen zu sein. Da gibt es Raum und Zeit und Muße für die Gemeinde, das Wort Gottes zu hören und zu Herzen zu nehmen, seinen Buchstaben zu lernen und in seinen Geist sich zu schicken, in der Erkenntnis und im Gehorsam sich zu üben an Hand der kleineren, weniger brennenden Fragen, die die Ge­meinde auch dann bewegen mögen und die ja doch an die, die solche Ruhezeit genießen dürfen, nicht weniger ernsthaft gerichtet sind, die auch ihnen aufrichtig zu danken, zu beten und zu arbeiten geben kön­nen.

Ich denke aber, daß man eine solche Zeit der Anfechtung auch nicht fürchten kann, weil wir, wenn sie kommt, sicher erst recht Anlaß hätten, Gott dankbar zu sein. Sie kann wahrlich auch eine gute Sache sein. Eine Karfreitags- oder eine Osterpredigt hat einen anderen Inhalt und einen an­deren Klang in einer angefochtenen als in einer nicht angefochtenen Gemeinde. Woher alle guten Kirchenlieder stammen und wohin sie zielen, das wird dann auf einmal offenbar, während man sich jetzt wohl manch­mal fragen kann, ob sie uns nicht in gleicher Weise zu groß seien, wie einem Büblein die Uniform und der Helm seines Vaters. Aber überhaupt: das Evangelium in seiner Hoheit und in seiner Barmherzigkeit bekommt dann gewissermaßen eine ganz neue Dimension ins wirkliche Leben hin­ein. Was die Gemeinde am biblischen Wort hat und was es mit dem rech­ten Dienst an diesem Wort, mit der rechten Sammlung um dieses Wort auf sich hat, das wird dann in einer Weise eindrücklich, wie es da schwer­lich der Fall sein kann, wo das alles unangefochten und also selbstver­ständlich ist. Die Sache der christlichen Gemeinde wird, indem sie eine bedrohte Sache wird, eine köstliche Sache. Das ist das über die Maßen Gute einer sonst in der Tat ungeheuerlichen Zeit.

Nein, hier gibt es nichts zu wünschen und nichts zu fürchten, sondern hier gilt es, genau das dankbar anzunehmen, was das eine Mal sein darf und das andere Mal sein muß.

Noch wichtiger ist eine andere Frage: Gibt es eine besondere Vorberei­tung für den Fall, daß solche Anfechtung der Gemeinde auch da, wo man sie jetzt nicht kennt, Ereignis werden könnte? Eine besondere Vorberei­tung dieser Art kann gewiß darin bestehen, daß die Gemeinde da, wo sie noch Ruhe hat, an der Anfechtung, in der sich die Gemeinde anderswo befindet, Anteil nimmt in der Erkenntnis, daß dort für ihre eigene Sache gestritten und gelitten wird, daß sie selbst morgen oder übermorgen vor denselben Nöten und Problemen stehen könnte – und daß sie sich dabei prüft: wie würden wir in dieser Lage bestehen und uns verhalten? In dem Maße, als eine Gemeinde, die noch Ruhe haben darf, die Sache der an­gefochtenen anderen Gemeinde sich wirklich zu Herzen nimmt, ihr in Fürbitte und Tat so gut sie es kann beispringt, wird sie ja ganz natürlich an dem, was jene bewegt, beteiligt, wird sie genötigt, alles, was dort aktuell ist, mit zu bedenken und das wird dann allerdings eine besondere Vor­bereitung auf den Ernstfall sein, der auch für sie selber eintreten könnte. Ganz zureichend kann sie darum nicht sein, weil auch die allermeisten Christen zu wenig Vorstellungsvermögen haben, um sich aus dem, was sie von dem Tun und Leiden Anderer hören, den richtigen Vers auf das zu machen, was ihnen selbst bevorstehen könnte. Und auch darum nicht, weil es tatsächlich immer noch etwas ganz anderes ist, an der Anfechtung Anderer Anteil zu nehmen – und wenn dies noch so herzlich und tätig geschähe – als selber in die Anfechtung zu kommen. Schließlich auch darum nicht, weil, wie zu Beginn gesagt, die Anfechtung zu jeder Zeit und an jedem Ort eine besondere ist, so daß man dem, was man bei Anderen wahrnimmt, wahrscheinlich gerade das ganz Besondere nicht entnehmen kann, auf das man sich selber vorbereiten müßte. Es ist darum gewiß lobenswert und zur Nachahmung zu empfehlen, wenn in manchen Kir­chenpflegen des Kantons Baselland schon jetzt darüber beraten wird, welche Maßnahmen zur Durchführung des Gottesdienstes und des Ge­meindelebens zur Anwendung kommen müßten, wenn die Pfarrer eines Tages infolge einer großen Veränderung der ganzen Situation in ihrer Tätigkeit behindert oder stillgelegt werden sollten. Die eigentliche und entscheidende Vorbereitung auf eine solche Veränderung und ihre Folgen kann doch nur darin bestehen, daß die Gemeinde die Zeit der ihr ge­gebenen Ruhe dazu benützt, wirkliche, rechte christliche Gemeinde zu sein und immer mehr zu werden. Es darf natürlich – um das Bild vom aus­brechenden Krieg nochmals zu brauchen – nicht so sein, daß dann erst, wenn es zum Treffen kommt, die Rekruten gemustert und ausgehoben, die Waffen und die Munition irgendwo zusammengesucht werden müs­sen. Sondern was es dann braucht, das ist eine stehende Truppe, die zum Abmarsch bereit ist und den Widerstand, das Bekenntnis, das Leiden als­bald, so wie sie geht und steht, aufnehmen kann. Man denke doch ja nicht: Dann, ja dann, wenn es zu einer ernstlichen Anfechtung der christ­lichen Gemeinde auch bei uns kommen sollte, dann wollen und werden wir in nicht geringerer Einsicht, Treue und Festigkeit als Andere zur Stelle sein und uns bewähren, jetzt aber wollen wir unser Christentum in der bekannten Weise haben und leben, als ob es so etwas wie solche Anfechtung überhaupt nicht gäbe! Man täusche sich nicht: Was man heute, im Frieden, nicht will und nicht kann, das wird man morgen, im Kriege, erst recht nicht wollen und nicht können. Wenn die Anfechtung kommt, dann pflegt es mehr oder weniger katastrophal an den Tag zu kommen, wieviel doch vorher in solchem Zukunftsoptimismus in besten Treuen übersehen, vergessen, verbummelt worden ist, wie wenig wirk­liche und brauchbare Gemeinde auch da vorhanden war, wo man alles aufs beste versehen – nur eben unter gänzlicher Außerachtlassung des Ernstfalls versehen hatte. Solche Überraschungen könnten vermieden werden. Für die einfache Bereitschaft, die darin besteht, daß man heute schon im größeren und im kleineren Kreis und im einzelnen in aller Stille zu sein wagt, was man morgen in der Anfechtung ja doch werden müßte – für diese Bereitschaft wäre wohl auf der ganzen Linie vieles, um nicht zu sagen alles, zu tun. Aber es wäre wohl schon viel gewonnen, wenn man sich wenigstens an den Gedanken gewöhnen würde, daß es auch noch einen anderen Stil kirchlicher Verfassung, kirchlicher Ordnung, kirch­lichen Lebens, kirchlicher Entscheidungen und Entschlüsse – auch kirch­licher Wahlen – geben könnte als denjenigen, den wir jetzt für dreimal heilig halten. Welches immer dessen Vorzüge sein mögen, das ist sicher, daß er gerade auf die Möglichkeit der Anfechtung nicht berechnet ist und so viel getraue ich mir nun doch zu prophezeien, daß er im Ernstfall zu­sammenbrechen müßte und würde wie eine leere Zündholzschachtel. Es wäre schon viel gewonnen, wenn man diesem Stil gegenüber mindestens innerlich so frei würde, daß man, wenn Not an Mann käme, ohne allzu viel Tränen und Geschrei zu einem anderen übergehen könnte.

Die wichtigste Frage zuletzt: Wie ist es mit jener am Anfang erwähnten verborgenen und also immer und so auch jetzt schon stattfindenden An­fechtung der christlichen Gemeinde? Ich hoffe ja nun doch nicht, daß Ihnen die ganze hier gegebene Darstellung der christlichen Gemeinde in der Anfechtung als das Bild eines völlig und gänzlich unbekannten Landes vorgekommen ist, sondern daß Sie gemerkt haben: das ist der zwar ferne, aber bei genauem Zusehen sehr wohl sichtbare Horizont jenseits der be­kannten Umrisse auch der Basler Münstertürme und der uns bekannten Landschaft einer christlichen Gemeinde ohne sichtbaren Kampf und ohne greifbares Leiden. Kommt die eigentliche, sichtbare und greifbare An­fechtung, von der ich heute zu reden hatte, wie ein Dieb in der Nacht, so kommt sie doch nicht wie ein Blitz vom heiteren Himmel. Nein, sie hat immer eine Vorgeschichte, und die christliche Gemeinde würde sicher gut tun, die Zeit der Ruhe als die Zeit der Vorgeschichte der Unruhe zu ver­stehen, die jener irgendeinmal folgen könnte und die doch irgendwie auch schon in der Gegenwart vorhanden ist. Es ist ja in Wirklichkeit nie so, daß die Umgebung der christlichen Gemeinde mit deren Vorhandensein nun tatsächlich zufrieden sein, daß sie es im letzten Grunde gut mit ihr meinen könnte. Es kann wohl sein, daß sie für lange Zeiten nicht aufmerk­sam ist auf das – und daß sie zeitenweise nicht versteht, was sich da Fremd­artiges in ihrer Mitte ereignet. Es kann sein, daß sie lange Zeiten hindurch keine Lust oder auch keinen Mut hat, gegen dieses Fremdartige vorzu­gehen. Es kann also sein, daß von irgendwelchem äußeren Druck auf die christliche Gemeinde lange Zeit weit und breit nichts zu bemerken ist und daß dann auch die Verführung in ihrer eigenen Mitte, die künstliche Verwandlung des Evangeliums in seine Expektoration des Zeitgeistes keine solche Gestalt annimmt, in der sie als Gefahr und Unheil, als An­griff auf die Substanz der Gemeinde unzweideutig zu erkennen wäre. Es kann sein, daß zu irgendwelchen Entscheidungen und Scheidungen zwar Anlaß, aber keine Möglichkeit zu bestehen scheint, weil Kraut und Un­kraut, gute und faule Fische, Lehre und Irrlehre, Bekenntnis und Verleug­nung, Glaube und Verrat am Evangelium sogar in den einzelnen Personen so beieinander und durcheinander sind, daß sie, von weitem gesehen, ein einziges Ganzes zu bilden scheinen und daß man dieses verworrene Ganze, mit dem Namen Jesu Christi in dunkle rednerische Beziehung gebracht, wohl oder übel «Kirche» nennen muß oder doch zu nennen wagt, weil etwas anderes als das nicht zu sehen ist. Es kann also sein, daß die Anfech­tung scheinbar abwesend ist. Man täusche sich nicht: in ihrer Vor­geschichte ist sie auch dann schon anwesend, und keine Kunst der Welt wird mindestens das verhindern können, daß irgendwo von jenem fernen Horizont her allerlei Fragen wetterleuchten:

Ob denn eine Kirche, die heimlich schon in der Anfechtung steht, die es aber nicht merken, nicht wahrhaben, die die damit gestellten Probleme nicht aufnehmen will, als Kirche bestehen könne?

Ob wohl die Zeit der Ernte des jetzt gesäten Krautes und Unkrautes noch lange werde auf sich warten lassen?

Ob die mühsam verschleierte Wahrheit sich nicht ganz plötzlich und dann sehr bedrängend: freudig und schrecklich zugleich entschleiern könnte?

Ob diese Kirche etwa nur darum von der eigentlichen Anfechtung so gar nichts wisse, weil sie vor ihr auf der Flucht ist? und ob sie wohl mei­nen könne, diese Flucht endlos fortsetzen zu können?

Und schließlich: Ob der Ernstfall nicht vielleicht längst da sei – nur daß wir es zufällig noch nicht gemerkt haben?

Die Ferne des Horizontes, von dem her solche Fragen sich stellen, mag es uns erleichtern, sie zu überhören und zu unterdrücken. Sie mag es uns vorläufig erlauben, die bekannte Silhouette des Bildes, in dem wir die christliche Gemeinde jetzt sehen, für den Anfang und das Ende aller kirch­lichen Wirklichkeit und zugleich für das A und O aller göttlichen und menschlichen Weisheit in dieser Sache zu halten. Der Versuch, an dieser Sicherheit einer unangefochtenen Kirche zu rütteln, gehört nicht zu mei­nem Thema. Ich will also in dieser Hinsicht nichts gesagt haben. Ich hatte Ihnen nur zu zeigen: es gibt auch eine christliche Gemeinde in der An­fechtung.

Vortrag, gehalten in der Pauluskirche in Basel am 21. Juni 1942.

Quelle: Karl Barth, Theologische Fragen und Antworten. Gesammelte Vorträge, Bd. 3, Zollikon 1957, S. 291-315.

Hier der Text als pdf.

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