Eberhard Jüngel, Sola Scriptura (2005): „Die Texte der Heiligen Schrift locken uns nun, zu ihnen zurückzukehren, in sie einzukehren, um uns in ihnen aufzuhalten, in ihnen gleichsam Wohnung zu nehmen, in ihnen hin und her zu gehen wie in einem Haus mit vielen Gemächern.“

‚SOLA SCRIPTURA‘. Von der reformatorischen Lust, aus der Quelle zu trinken

Von Eberhard Jüngel

I.

Breit dahinfließende Ströme haben etwas Imponierendes, etwas – wie Immanuel Kant sagen würde – Erhabendes. Doch sie führen nicht nur frisches Wasser, sondern alles Mögliche mit sich, das sich bei jedem Hochwasser noch beträchtlich vermehrt. Dadurch wird der dahinströ­mende Fluß verunreinigt. Und dies umso mehr, je weiter er sich von der Quelle entfernt. Man kann vielleicht noch, ohne körperlichen Schaden zu nehmen, darin schwimmen. Aber dieses Wasser zu trinken, empfiehlt sich nicht.

Ganz anders das Quellwasser! Wer in den Schweizer Alpen auf die Quellen des Rheins oder des Inns stößt, wagt es eher, aus ihnen zu trinken. Und wird erfrischt, wenn er es tut!

Gern hat man sich das Verhältnis von kirchlicher Überlieferung und Heiliger Schrift an diesem Bild zu veranschaulichen versucht: die Bibel als reine Quelle und die kirchliche Tradition als sich zwar aus dieser Quelle, aber eben nicht nur aus dieser Quelle speisender, viel Ballast und Unrat mit sich führender Strom. Und so wurde die Forderung, zur Quelle zurückzukehren, plausibel.

Freilich, nicht nur in theologischer Hinsicht, wurde gegenüber einem ursprungsvergessenen Doktrinalismus die Parole ad fontes laut. Der Humanismus des 16. Jahrhunderts und die Reformation schienen zumindest in dieser Hinsicht am selben Strange zu ziehen. Und in der Tat: Wenn die lange und immer noch länger werdende kirchliche Tradition, wenn die dogmatische Überlieferung die Quelle, der sie sich doch selber verdankt, zu verstellen oder gar zu verstopfen droht, dann gilt es, gegen den Strom der Tradition zu schwimmen, zurück ad fontem.

In diesem Sinne hat die reformatorische Theologie das sogenannte Schriftprinzip, das keineswegs ihre „Erfindung“ war, neu zur Geltung gebracht. Die Wahrheit, von der wir leben, von der der christliche Glaube und also auch die Gemeinschaft der Glaubenden, die Kirche, lebt, hat ihr ursprüngliches Zeugnis in den biblischen Texten, so daß im Zweifelsfall gelten muß: sola scriptura.

II.

Doch der Vergleich der Bibel mit einer sprudelnden Quelle könnte zu der naiven Auffassung verführen, daß die Bibel die christliche Wahrheit in Gestalt dogmatischer Satzwahrheiten enthielte, so daß die Theologie dann nur noch die Aufgabe hätte, diese Satzwahrheiten aus der biblischen Quelle zu schöpfen und systematisch zu ordnen. So hat die fundamentalistische „Linke“ der Reformation argumentiert. Luther hat das allerdings für ein groteskes Mißverständnis seiner Berufung auf die Bibel als einzige Quelle der christlichen Wahrheit gehalten und, sein sola scriptura gegen derartige Mißverständnisse verteidigend, unmißverständlich erklärt: „Bene dixit ille rusticus ‚der Harnisch ist gut‘ – so man ihn weiß zu brauchen. Also ist scriptura sancta auch. Sed Gott geb, daß ich den rechten Spruch erwische.“[1] Oder: „Die falschen Propheten fahren zu und sprechen: Liebes Volk, das ist das Wort Gottes! Es ist wahr. Wir können es auch nicht leugnen. Wir sind aber das Volk nicht, zu denen er redet.“[2]

Die Berufung auf die allen anderen Autoritäten überlegene Autorität der Heiligen Schrift hat also nur dann ihr Recht, wenn sie die konkrete Situation der jetzt auf Gottes Wort Hörenden nicht ignoriert.

III.

Quelle ist die Heilige Schrift allerdings auch in dem engeren, historischen Sinn, in dem das neuzeitliche, auf historische Kritik verpflichtete Bewußtsein Texte befragt. Solche historische Befragung ist immer auch bis zu einem gewissen Grad von dem Mißtrauen geprägt, daß die Quelle möglicherweise gerade verschweigt, was man von ihr wissen möchte. „Die Quelle wird […] in diesem Fall gegen ihre eigene Aussageintention benutzt, weil nicht das interessiert, was sie dem Sachgehalt nach sagt, sondern weil man Aufschluß über die historische Wirklichkeit sucht, die hinter dem Text steht und der er entstammt.“[3]

Die neuzeitliche Theologie, unsere Theologie also, kann diese zweite Bedeutung des Begriffs Quelle im Blick auf die Heilige Schrift als der ursprünglichen Quelle wahrer Rede von Gott nicht ignorieren. Es gehört vielmehr zu unserem theologischen Problembewußtsein, daß wir die Bibel auch als historische Quelle zu studieren haben. Das erschwert zweifellos die theologische Arbeit. Aber es gibt ihren Erkenntnissen auch eine ihrer Sache gemäße größere Strenge und Reinheit. Was uns angesichts der geschichtlichen Ungleichzeitigkeit von biblischem Text und gegenwärtiger Exegese als Wahrheit, und zwar als keineswegs zeitlose, sondern in jeweils neuer Weise eminent zeitliche Wahrheit unbedingt angeht, das verdient dann, wenn die Bibel auch als historische Quelle gelesen und also historisch-kritisch befragt wird, in gesteigertem Maße Vertrauen, das verdient ein allem methodisch gebotenem Mißtrauen unendlich überlegenes Vertrauen. Denn es ist diesem methodisch gebotenen Mißtrauen historischer Erkenntnis, statt vor ihm zu fliehen, ausgesetzt gewesen und fürchtet sich deshalb nicht, sich ihm aufs Neue auszusetzen. Gerade die Einbeziehung des Verständnisses der Bibel als einer historischen Quelle in das Problembewußtsein der Theologie bewahrt diese vor einem doppelten Wahrheitsbegriff. Daß die biblischen Texte Gottes Wort bezeugen, gibt uns nicht das Recht, „von dem […] historischen Verständnis dieser Texte etwa abzugehen […]. Es gibt auch in der Exegese – und zuerst und gerade in der Exegese – nur eine Wahrheit.“[4] Die Theologie hat folglich gerade im Blick auf die Lehre von der Heiligen Schrift als der das Wort Gottes ursprünglich bezeugenden Erkenntnisquelle damit Ernst zu machen, daß wir den Schatz des Evangeliums nur in irdenen Gefäßen haben. Aber in irdenen Gefäßen haben wir diesen Schatz.

IV.

Von diesen Voraussetzungen aus gewinnen die biblischen Texte eine noch ganz andere Attraktion als die einer überlegenen Autorität, die Befehle gibt. Die Texte der Heiligen Schrift locken uns nun, zu ihnen zurückzukehren, in sie einzukehren, um uns in ihnen aufzuhalten, in ihnen gleichsam Wohnung zu nehmen, in ihnen hin und her zu gehen wie in einem Haus mit vielen Gemächern. Dann vermitteln sie uns eine Geborgenheit oder so etwas wie Heimat, ohne die man in der komplexen, ja überkomplexen Wirklichkeit unserer Welt schwerlich seinen Weg findet. Wer in diese Heimat zurückkehrt, wird allerdings auf eine zukünftige Geborgenheit verwiesen, in der es keiner Heiligen Schrift mehr bedarf, weil dann Gott mit uns von Angesicht zu Angesicht reden wird.

Denkanstoß WS 2005/06 für die Theologische Fakultät Greifswald.


[1] WA TR 1, 146, 24-26.

[2] WA 24, 12, 14ff.

[3] Gerhard Ebeling, Dogmatik des christlichen Glaubens Bd. 1, 31987, 39.

[4] K. Barth, KD I/2, 520.

Hier der Text als pdf.

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