Martin Buber, Geschehende Geschichte (1933): „Gottes Geschichtsweg ist nicht überschaubar wie das Geschichtlein der Geschichtsschrei­ber. Nicht die All-Macht bloß, auch das All-Leid ist Gottes.“

Geschehende Geschichte

Von Martin Buber

Unter all den Arten, Geschichte — auch die, die jeweils um einen und an einem geschieht — zu betrachten, sind zwei in besonderer Weise dadurch bedeutsam, daß sie die Geschichte religiös an­schauen, sie in die Gesamtwirklichkeit des Glaubens hereinneh­men. Ist dies den beiden gemeinsam, so sind sie in allem übrigen gegensätzlich. Die eine ist herrschend und herrisch, auch die durch­aus profan gesinnten Historiker leben, zumeist ohne es zu wissen, von ihrer Fülle, sie führt das große Siegel, durch das gekennzeich­net wird, was als Geschichte zu gelten hat. Die andre ist ein Aschenbrödel; nur wenige, kindliche Gemüter halten Umgang mit ihr; zuweilen erblickt auch ein Theolog sie und verwundert sich, aber es wird ihm leicht werden, sie zu vergessen. Wir mögen sie die von oben und die von unten nennen.

Die Betrachtung »von oben« war von je unter den Völkern ver­breitet, die »von unten« ist die Israels; das Christentum ist der geschichtliche Ort ihrer Verhandlung.

Für die Betrachtung »von oben« ist die Geschichte ein Handeln Gottes durch die Menschen. Da Gott die Allmacht ist, besteht sein Geschichtshandeln, das sich durch die Menschen vollzieht, darin, daß er Menschen Macht verleiht. Diese Menschen, die »Geschichte machen«, erkämpfen sich die Macht, behaupten sie, üben sie aus. Ihre Macht ist von Gott ermächtigt, ist »Vollmacht«.

Für die Betrachtung »von unten« ist die Geschichte ein Handeln zwischen Gott und den Menschen, ein Dialog des Handelns. Gott, der die Allmacht ist, hat in der Schöpfung seinem Geschöpf eine Eigenmächtigkeit zugeteilt, vermöge deren es sowohl auf ihn zu als von ihm ab, sowohl für als wider ihn handeln kann. Geschichte ist, was zwischen Gott und seinem von ihm eingesetzten selbstän­digen Gesprächspartner geschieht. Der mächtige Mensch steht ge­nau ebenso im Geschichtsdialog wie der machtarme.

Für die Betrachtung »von oben« ist die Geschichte aus Erfolgen zusammengefügt, und hinter jedem Erfolg steht Gott selber. Aus dem Erfolg, den einer hat, ergibt sich, daß er ermächtigt und ge­segnet ist. Wer keinen hat, ist ersichtlich von Gott verleugnet. Ge­schichte, das ist die Reihe der Macht-Erringungen durch die Er­mächtigten und ihrer Sieg-Ausnutzungen; die Besiegten, die Unmächtigen sind nur Folie. Wo gesiegt wird, ist göttliche Entschei­dung, ist Gott; Erfolge sind Offenbarungen.

Für die Betrachtung »von unten« ist der Erfolg kein Merkmal einer letzten Unterscheidung. Einer kann etwa, weil ihn keine innere Hemmung an der Beseitigung eines andern hindert, zur Macht gelangen; aber ist Hamlets Stiefvater deshalb wirklich schon geschichtswürdiger als Hamlet? Wenn Geschichte aus Zwie­gesprächen zwischen Gottheit und Menschheit besteht, dann mag es oft geschehen, daß der sich nicht »Durchsetzende« die recht­mäßigere Antwort gibt und in der Verborgenheit eine unschein­bare, unerkannt bleibende Bestätigung empfängt. Und wenn Gott sich auch etwelcher Mächtigen bedient, um sein Werk, mit dem er die Menschen anredet, auszurichten: den Pfeilen, die er verschießt sind jene nicht unebenbürtig, die er, blank und kräftig wie sie sind, im Dunkel seines Köchers ruhen läßt. Tun sie da, im Dunkel ver­harrend, nicht Gottes Werk, das geheimnisvolle, das noch andre und andersartige Taten kennt, als die in der Öffentlichkeit ge­schehen und von ihr beglaubigt werden? Hier ist einer, der Macht ausübt; und da ist einer, der diese Machtausübung erleidet; wie, wenn er eben dies um Gottes willen leidet? Gibt es nicht ein Leiden, das von Gott geliebt wird? Ja, heißt es nicht, daß seiner Schekhina, seiner »Einwohnung« selber, die durch die Geschichte wandelt, das Dunkel und das Leid des Exils widerfährt? Gottes Geschichtsweg ist nicht überschaubar wie das Geschichtlein der Geschichtsschrei­ber. Nicht die All-Macht bloß, auch das All-Leid ist Gottes.

Der Betrachtung »von oben« gilt die autoritäre Macht als von Gott eingesetzt. Wohl wird immer wieder, von Babylon bis ins abendländische Mittelalter und seine Ausläufer, verkündigt, daß der Herrscher nicht nur in der Gnade Gottes, sondern auch in der Verantwortung zu ihm stehe, daß also die Gnade nicht bedingungs­los, nicht unverwirkbar gespendet sei. Aber mit wie starken Far­ben wird die Gnade, mit wie blassen die Verantwortung ausge­malt, wie ganz anders weiß die Historie mit jener als mit dieser Ernst zu machen! Wohl kennt die Geschichtsvorstellung des grie­chischen und nachgriechischen Zeitalters das Bild der Hybris, in der der Mächtige eine ihm gesetzte Schranke überschreitet und daran untergeht; aber wie sehr wird hier vom offenkundigen Zu­sammenbruch, vom abschließenden Mißerfolg aus geurteilt, wo­gegen all die Hybris unbeachtet bleibt, die in der offenkundigen Geschichte nicht geahndet worden ist!

Auch der Betrachtung »von unten« gilt die autoritäre Macht als von Gott eingesetzt, aber zugleich als ihrer eigenen Problematik ausgesetzt. »Verantwortung« ist hier kein genehmer, geläufiger Begriff; sie ist in der furchtbaren Tatsächlichkeit ihres höchsten Ernstes gefaßt: die Macht, die einem verliehen wurde, ist ein An­spruch Gottes an ihn, auf den er mit seinem Tun und Lassen zu antworten hat, und die Macht ist nur so weit von Gott ermäch­tigt, als sie vom Menschen verantwortet wird. Macht wird nicht geschenkt, sie wird in Wahrheit verliehen, sie ist ein Lehen, das entzogen werden kann, wenn es nicht dem Auftrag gemäß ver­waltet worden ist; und wird es gleichwohl nicht entzogen, dann wird die Macht in sich verwirrt und wider sich erregt, das Wehen des Machtgeistes von der Allmacht her verkehrt sich zu jenem »bösen Geisten von Jhwh her«, das Sauls späteres Leben zersetzt. Auch die großen Gewaltherren, die jesajanisch (10, 5) »Stecken seines Zorns« heißen, werden, wenn sie über ihren Werkzeugsberuf hinaus sich vermessen (10, 13 ff.), wie ein Stecken zerschla­gen; und wo die Geschichte die Strafe nicht wie bei Sanherib in der Öffentlichkeit sich vollziehen läßt, weiß die Geschichtssage zu erzählen, wie Nebukadnezar, des Menschenverstands beraubt, mit den Tieren des Feldes Gras frißt. Gott führt seinen Dialog mit dem Geschöpf, das von ihm Mächtigkeit von Natur und Macht von Gnaden empfangen hat, und es hat ihm Rede zu stehen, ob es Mächtigkeit und Macht seinem an es ergangenen Gebot gemäß verwendet habe; aber er führt auch seinen Dialog mit jenem an­deren Geschöpf, das den Mißbrauch der Macht erduldet, er nimmt dessen Aufschrei an und steht selber ihm anstatt des Machthabers Rede. Gott verweilt nicht »oben« wie eine Sonne, die die heitere Stirn des Mächtigen umglänzt; »hoch und heilig wohne ich — und bei dem Zermalmten und Geisterniederten« (Jesaja 57,15). Wenn Sara ihre Magd Hagar »drückt«, wirft er sich in der Gestalt sei­nes Boten nach unten, begegnet auf gleicher Ebene der Umher­irrenden und befiehlt ihr, sich unter die Hände der Herrin zu »drücken«, dem »Druck« also, den Gott »vernommen« hat, nicht auszuweichen, sondern ihn getrost und der Verheißung gewiß zu ertragen. Gott ist somit nicht ein ruhendes »Oben«, von dem die unbekümmerten Oberen ihre Autorität fortlaufend geliefert be­kommen; wenn sie, dem Auftrag zuwider, die ihrer Macht an­vertraute Kreatur bedrücken und sie am Boden liegt, ist Gott nicht mehr oben zu finden, sondern da unten, am Boden bei ihr Denn »nah ist Jhwh denen gebrochenen Herzens« (Psalm 34,15), Die Betrachtung »von oben«, die die Geschichte von Gott her zu fassen meint als dem, der den Geschichtsmächtigen ihre Macht verleiht, wird zu einer Betrachtung von unten, wann sie die Un­treue der Mächtigen übersieht. Die Betrachtung »von unten«, die sich bescheidet, die Geschichte von der Menschennot aus zu fassen wird zu einer Betrachtung von oben, wann sie der Treue Gottes begegnet, der den Leidenden so die Treue hält, daß er, selber in seiner »Einwohnung«, All-Leid erfahrend, den Weg durch die Geschichte geht.

Bedeutet dies aber, daß wir in unserer Betrachtung »von unten« die Möglichkeit besäßen, jeweils des »objektiven« Sinns der ge­schehenden Geschichte innezuwerden, ihn zu erkennen und kennt­lich zu machen, Urteil über das Geschehen zu sprechen, zwischen Gottgemäßem und Widergöttlichem zu scheiden? Das bedeutet es nicht. Wir besitzen zu dergleichen keinerlei Möglichkeit.

Ist Geschichte ein Dialog zwischen Gottheit und Menschheit, dann können wir ihres Sinns jeweils nur da innewerden, wo uns die Anrede trifft, und nur insofern, als wir uns von ihr treffen lassen. Es ist uns also schlechthin verweigert, von der geschehenden Ge­schichte rechtmäßig zu denken: »Dies und dies ist ihr Sinn« oder »Das da an ihr entspricht, das dort widerspricht dem von Gott Gemeinten«; aber es ist uns gewährt, von ihr zu wissen: »So und so fordert sie mich an, dies ist ihr Anspruch an mich, dies also ihr Sinn für mich.« Dieser Sinn ist jedoch nicht ein »subjektiver«, er ist nicht aus meinem Gefühl oder meiner Reflexion entstanden und in die Dinge verlegt, sondern es ist der Sinn, den ich in der Wirk­lichkeit verspüre, erfahre, höre. Der Sinn der Geschichte ist nicht eine Idee, die ich unabhängig von meinem persönlichen Leben formulieren kann, mit meinem persönlichen Leben allein vermag ich ihn aufzufangen, denn es ist ein dialogischer Sinn.

Ursprünglich abgedruckt in Almanach des Schocken-Verlags für das Jahr 5694, Berlin 1933.

Quelle: Martin Buber, Werke, Bd. 2, Schriften zur Bibel, München-Heidelberg: Kösel-Lambert Schneider, 1964. S. 1031-1036.

Hier der Text als pdf.

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