„Zehn Gebote entfaltet“: Zehn Gebotsstelen vor der Martin-Luther-Kirche in Vöhringen/Iller: „Beim Gang zur Kirche liest man auf dem Maggia-Gneis die Gebotstexte als Spiegel für das „was dir fehlt und was du suchen sollst“ (Luther) im Hinblick auf die Christusgegenwart im Gottesdienst. Beim Verlassen der Kirche zeigen sich auf der Edelstahlseite Luthers bestärkende Weisungen, die einen im Alltag zum rechten Handeln und Verhalten auf eine Nächsten-Gerechtigkeit hin anhalten.“

Die erste Gebotsstele mit Luthers Grundworten (Foto: Thomas Kempf)

„Zehn Gebote entfaltet“: Zehn Gebotsstelen vor der Martin-Luther-Kirche in Vöhringen/Iller

Bei der Neugestaltung der Außenanlage um die Martin-Luther-Kirche in Vöhringen/Iller wurde im Kirchenvorstand überlegt, ob ein sichtbarer Bezug zum Reformator hergestellt werden kann. Dabei hat man von einer plastischen Darstellung – wie sie 1934 in Gestalt einer Statue über dem Kirchenportal geplant war – Abstand genommen. Stattdessen sollte Martin Luther selbst zu Wort kommen. Passend für den öffentlichen Raum wurden dazu die Zehn Gebote nach Luthers Bibelübersetzung zusammen mit seinem Gebotserklärungen vorgesehen. Schließlich erfahren die Zehn Gebote bei Luther eine besondere Wertschätzung:

„So haben wir nun die Zehn Gebote als einen Ausbund göttlicher Lehre für das, was wir tun sollen, damit unser ganzes Leben Gott gefalle, und als den rechten Quellborn und Rohr, aus und in das alles quellen und gehen muss, was ein gutes Werk sein will. Darum soll man sie jedenfalls über alle anderen Lehren teuer und wert halten als den höchsten Schatz, der uns von Gott gegeben ist.“[1]

Zugleich bringen für Luther die Zehn Gebote unser Leben zur Besinnung: „Es gibt keinen besseren Spiegel, worin du deine Not ersehen kannst, als eben die Zehn Gebote; in ihnen findest du, was dir fehlt und was du suchen sollst“.[2] Allerdings sind sie nicht isoliert zu verstehen: „Wer die Zehn Gebote recht und ganz verstehen will, der muss die ganze Heilige Schrift verstehen, damit er in allen Sachen und Fällen raten, helfen, trösten, urteilen, richten kann, sowohl im geistlichen als auch im weltlichen Bereich.“[3]

In seinem Kleinen Katechismus hat Martin Luther die Zehn Gebote an den Anfang der christ­lichen Unterweisung gestellt und zu jedem Gebot eine einprägsame Erklärung beigegeben. In Entsprechung zu den Worten des Evangeliums „Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst“ (Lukas 10,27) werden dabei die Gebote als Ausprägungen des Doppelgebots der Liebe entfaltet. Generationen evangelischer Christen haben diese Worte im Konfirmandenunterricht auswendig gelernt. Das Besondere an Luthers Erklärungen ist, dass diese die Zehn Gebote als positive Weisungen sowohl für das familiäre wie auch für das gesellschaftliche Zusammenleben entfalten.

„Zehn Gebote entfaltet“ vor der Martin-Luther-Kirche bei Nacht (Foto: Thomas Kempf)

Vor der Martin-Luther-Kirche sind nun zehn Stelen mit je einem Gebotstext entlang des Zugangs zum Kirchenportal aufgestellt. Nach einem Entwurf des Landschaftsarchitekten Manfred Rauh (Schmid-Rauh, Neu-Ulm) ist jede Stele zwei Meter hoch. Sie besteht aus zwei Hälften mit einer Breite von jeweils 30 Zentimetern. Beide Stelenhälften sind in einem Winkel von 120 Grad zueinander angestellt, was einer aufgeschlagenen Doppelseite eines Buches bzw. dem bibli­schen Bild der beiden Gebotstafeln entspricht. Die rechte Hälfte aus Maggia-Gneis enthält den eingehauenen Wortlaut des jeweiligen Gebots. Die linke Hälfte aus Edelstahlblech ist mit Luthers Gebotserklärungen laserbeschriftet. Diese entstammen dem Kleinen Katechismus und sind durch Auslassungen auf prägnante Grundworte reduziert.

Aus der Anordnung der Texte auf den Gebotsstelen ergeben sich zwei verschiedene Leseperspektiven: Beim Gang zur Kirche liest man auf dem Maggia-Gneis die Gebotstexte als Spiegel für das „was dir fehlt und was du suchen sollst“ (Luther) im Hinblick auf die Christusgegenwart im Gottesdienst. Beim Verlassen der Kirche zeigen sich auf der Edelstahlseite Luthers bestärkende Weisungen, die einen im Alltag zum rechten Handeln und Verhalten auf eine Nächsten-Gerechtigkeit hin anhalten. Da man selbst zu den jeweiligen Geboten zu stehen hat, können und sollen die Gebots­stelen nicht als Selbstermächtigung für ein moralisches Urteil über andere dienen.

Schriftgestalterisch dürfte das Projekt „Zehn Gebote entfaltet“ wohl einmalig sein: Was im Druckmedium Papier „vorgeschrieben“ war – die Zehn Gebote aus der Luther-Bibel und Luthers Erklärungen aus dessen Kleinen Katechismus – galt es auf die beiden Medien Edelstahl und Felsstein zu übertragen. Zwei verschiedene Texte auf zwei verschiedenen Materialen mit zwei verschiedenen Formen der Beschriftung erfordern eine besondere Schriftgestaltung. So hat Matthias Bumiller (finken & bumiller, Stuttgart) als ausgewiesener Buchgestalter (Gotteslob und Die Bibel. Einheitsübersetzung) die passenden Schriften für beide Seiten der Stelen vorgestellt und diese zeilenentsprechend zusammengeführt.

Dass Luthers Grundworte schriftbeständig auf den Stelen aufgebracht sind, verdankt sich Armin Gutjahr (Illertissen), der zusammen mit Christian Dürr (Ingstetten/Roggenburg) die Laserbeschriftung auf der Edelstahlseite vorgenommen hat. Harald Stölzle (Natursteinwerk Stölzle, Altenstadt/Iller) ist es zu verdanken, dass die Zehn Gebote mit Hilfe von Christiane Hellmich (Mittelneufnach) Buchstabe für Buchstabe in Stein eingehauen worden sind. Auf Anregung von Harald Stölzle wurden für die Beschriftung keine polierten Steinplatten vorgesehen. Stattdessen nimmt ein aufgespaltener Gneis aus dem Maggia-Tal im Tessin mit einer unebenen Oberfläche die Gebotstexte auf.

Die Blutbuche im Gegenüber zu den Gebotsstelen (Foto: Thomas Kempf)

Mit Blick auf die imposante Blutbuche vor der Martin-Luther-Kirche wollen die zehn Gebotsstelen „buchstäblich“ vor Augen führen, was sowohl für den christlichen Lebensweg wie auch für das Zusammenleben vor Ort bzw. in der Gesellschaft wesentlich ist, entsprechend den Worten aus Psalm 1: „Wohl dem, der seine Lust hat an der Weisung des HERRN und sinnt über seiner Weisung Tag und Nacht. Der ist wie ein Baum, an Wasserbächen gepflanzt: Er bringt seine Frucht zu seiner Zeit, und seine Blätter welken nicht. Alles, was er tut, gerät ihm wohl.

Die einzelnen Gebotsstelen haben folgende Inschriften:

Linke Edelstahlseite
Grundworte aus der jeweiligen Gebotserklärung Luthers
Rechte Gneisseite
Biblischer Wortlaut des jeweiligen Gebotes
1.GOTT über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauenIch bin der HERR, dein Gott. Du sollst nicht andere Götter haben neben mir.
2.IHN in allen Nöten anrufen, beten, loben und dankenDu sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht unnütz gebrauchen.
3.SEIN Wort heilig haltenDu sollst den Feiertag heiligen.
4.Eltern in Ehren halten, sie lieb und wert haben.Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.
5.unserm Nächsten helfen und beistehen in allen NötenDu sollst nicht töten.
6.in der Ehe einander lieben und ehrenDu sollst nicht ehebrechen.
7.unsers Nächsten Gut und Nahrung bessernDu sollst nicht stehlen.
8.unsern Nächsten entschuldigen, Gutes von ihm redenDu sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.
9.unserm Nächsten sein Haus zu behalten dienlich seinDu sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.
10.tun, was man schuldig istDu sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was sein ist.

[1] Der Große Katechismus, Abschluss der zehn Gebote, Calwer Luther-Ausgabe, Bd. 1, hrsg. v. Wolfgang Metzger, Gütersloh 1977, S. 85.90.

[2] Sermon von den guten Werken, Vom dritten Gebot, Neuntens, Calwer Luther-Ausgabe, Bd. 3, hrsg. v. Wolfgang Metzger, Gütersloh 1977, S. 161 (WA 6, 236,21f).

[3] Der Große Katechismus, Vorrede, aaO., S. 15f.

Hier der Text als pdf.

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