Karl Rahner, Das kleine Lied (1959): „Das neue kleine Lied müßte einem einfallen, wenn man wohlgelaunt und dankbar in die Ferien fährt (wem fällt dabei heute dann ein, vor sich hinzusummen: «Alles meinem Gott zu Ehren»? Nein, so singen wir es nicht mehr, ob­wohl wir – hoffentlich – das Gleiche meinen). In solches Lied hinein müßte die Schwermut des Herzens wie von selbst sich lösend aus-singen können (aber wer singt dafür heute beim Geschirrwaschen: «O Haupt voll Blut und Wunden»?).“

Das kleine Lied

Von Karl Rahner

Viele Leute hören heutzutage viel Musik. Denn man kann sie heute aus dem Empfangsgerät haben wie das Wasser aus der Leitung. Man muß nur aufdrehen. Aber wenig Leute machen sich selbst Musik. Wenige sin­gen. Und noch weniger Leute können sich selbst ein neues Lied aus dem Herzen heraus singen. Obwohl solch ein Lied (wie das Spiel und der Tanz) dem vermutlich nur schwer entbehrlich ist, der ein Mensch sein will. Solch ein Lied, das, neu gesungen, als das eigene den Menschen zu sich selbst bringt, braucht keine «große Musik» zu sein. So wie es neben den Werken der großen Geister in Dichtung, bildender Kunst, Philosophie und Theologie das weise Wort des Alltags, das gute und herzliche Wort gibt, in dem jeder sich selbst so sehr aus-sagen kann, daß er sich selbst findet, und Gott selbst dieses Wort nicht mehr vergißt – so muß es neben der großen Musik auch das «kleine Lied» geben.

Es ist ebenso wichtig, weil darin der kleine Mann (der auch ein ewiges Leben vor sich hat und also unendlich groß ist) sich selber aus-sagt. Es muß das kleine Lied geben, das, einmal gehört, sich einer im Alltag als sein eigenes Lied summt oder leise pfeift, das ihm wie ein Echo aus der Muschel des eigenen Herzens durch Kopf und Herz geht und ihm dient, sich selbst sich und dem Geheimnis seines Daseins, Gott genannt, zu sagen, damit er nicht, in sich verschwiegen, an sich selbst erstickt. Und solch ein Lied muß es auch da geben, wo der Mensch am meisten Mensch und bei sich ist: wo ihm Gott begegnet und er Gott. Darum aber ersetzen auch die alten heiligen Kirchenlieder der Gesangbücher nicht das Lied, das neu aus dem Herzen aufsteigt. Diese Kirchenlieder sind die notwen­dige «Tradition » des vor Gott singenden Menschen, der ja auch singend bekennen muß, daß er geistliche Ahnen hat, die ihm das Ewig-Junge Gottes überliefert haben. Aber der Mensch muß doch auch sich selber singen, den neu­en und immer einmaligen Menschen, der jeder in seiner Art ist. Welch tödliche Gefahr also meldet die Tatsache an, daß heute meist nur große religiöse Musik neu geschaffen wird (oder solche, die dies sein will), Musik, so feierlich und amtlich, daß man sie auch in der Kirche, in der Gemeinde aller beim öffentlichen Hofdienst, singen kann und – ist es nicht fast eine schreckliche Ironie? – auch nur da singt. Ist es nicht erschreckend, daß es nur wenig Neuschöpfungen in der religiösen Musik gibt, die jemand als den Gesang seiner eigenen «privaten» Fröm­migkeit (durch die er im Alltag sein ewiges Heil wirken muß!) empfinden kann? Aber müßte sie es nicht geben? Man müßte sie pfeifen können. Sie brauchte keinen anderen Tiefsinn und Tiefgang zu haben, als der Alltag ihn haben kann (das reicht nämlich vollkommen; es ist noch genug darin). Oder hat denn das Religiöse nur in den erhabenen Stunden des Lebens seinen Platz? Oder hat das WORT, das Fleisch geworden ist, nicht den Mut, es in der Enge unserer Gewöhnlichkeit auszuhalten? Das neue kleine Lied müßte einem einfallen, wenn man wohlgelaunt und dankbar in die Ferien fährt (wem fällt dabei heute dann ein, vor sich hinzusummen: «Alles meinem Gott zu Ehren»? Nein, so singen wir es nicht mehr, ob­wohl wir – hoffentlich – das Gleiche meinen). In solches Lied hinein müßte die Schwermut des Herzens wie von selbst sich lösend aus-singen können (aber wer singt dafür heute beim Geschirrwaschen: «O Haupt voll Blut und Wunden»?). Der Rhythmus des Fernlasters könnte doch auch einmal ein neues frommes Lied inspirieren. Warum auch nicht? Oder gehört die echte Religion nur zu den sonntäglichen Gefühlen und zum höheren Kulturkonsum, für den der Staat bezahlen muß, weil er sonst zu teuer käme?

Über solche und ähnliche Dinge müßte man nachgedacht haben, wenn man den französischen Jesuiten Aime Duval hört, falls man seiner nicht sicher ist, daß man ohne weiteres unbefangenen und heiteren Herzens de­mütig und arglos hören und mitsingen kann.

Und noch etwas: es ist sehr billig, etwas schnell als «sentimental» vor sich und anderen schlecht zu machen. Man sollte sich aber vor dem Ge­fühl nicht fürchten. Das hat eigentlich nur der nötig, der zu wenig Ver­stand hat. Die anderen könnten ruhig den Mut haben, «sentimental» zu sein, das heißt der ursprünglichen Regung des Herzens sich anzuvertrauen.

Quelle: Orientierung, 23. Jahrgang, Nr. 8, 30. April 1959, S. 93-94.

Hier der Text als pdf.

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