Karl Rahner über die unverzichtbare Gottesrede: „Wenn wir von Gott sprechen, als ob er der Nothelfer in unseren Lebenssi­tuationen auf die Weise sein müsse, wie wir es gerne haben möchten, dann können wir natürlich nur noch feststellen, daß ein solcher Gott in der Welt nicht vorkommt und vermutlicherweise gestorben ist.“

Von Gott muß geredet werden

Von Karl Rahner

Nur wenn der Mensch weiß, daß er unendlich mehr ist, als unmittelbar greifbar ist, nämlich der Mensch des unendlichen Gottes von schrankenloser Freiheit und Seligkeit, kann er sich auf die Dauer wirklich ertragen. Sonst erstickt er langsam in seiner eigenen Endlichkeit, und alle hohe Rede über die Würde und die Aufgabe des Menschen wird immer verlogener klingen. Darum hat es die Kirche im ersten und im letzten mit Gott zu tun. Zwar ist mit diesem Wort Gott schon unsagbar viel Mißbrauch getrieben worden. Zwar ist dieses Wort das am wenigsten begreifliche. Sein wirklicher Inhalt als des unsagbaren Geheimnisses, durch das der Mensch immer überfordert wird, das er nie in das Kalkül seines Lebens als einen fixen Posten einsetzen kann, muß immer neu durch alle Höhen und. Abgründe der menschlichen Erfahrung hindurch erahnt und erlitten werden. Aber so muß die Kirche von Gott reden. Nicht um sich und den Menschen von Aufgaben zu dispensieren, die der Mensch selber lösen muß, nicht um ein Opium des Volkes bereitzuhalten, das sich doch selbst seine Aufgabe stellt und erfüllt und so um immer neue und, wenn möglich, immer größere Freiheit von aller Selbstentfremdung kämpft. Von Gott muß geredet werden, um ihm die Ehre zu geben. So und nur so wird die Botschaft von Gott ihre befreiende Macht zeigen können. Wird aber Gott um seiner selbst willen bekannt, gehofft und geliebt, wird er gerühmt als der, dessen selige Unendlichkeit sich dem Menschen selbst in der Gnade des Heiligen Geistes zu eigen geben will, dann wird der Mensch wahrhaft ein Mensch der unbedingten Hoffnung gegen alle Hoffnung, wird der ein Mensch einer letzten Freiheit, der gerade so ohne einen letzten Vorbehalt für die anderen dasein kann, wird er ein Mensch, der trotz aller Erfahrung seiner Begrenztheit und egoisti­schen Schuld finden kann, daß diese verzweifelt dunkel scheinende Welt, die unsere eigenen Ideale immer wieder ad absurdum zu führen scheint, dennoch gut ist und in einem letzten Vertrauen angenommen werden kann. Wir in der Kirche reden zuwenig von Gott oder tun es in einer dürren Indoktrination, der eine wirklich lebendige Kraft fehlt. Wir haben zuwenig die unbegreiflich hohe Kunst einer echten Mystagogie in die Erfahrung Gottes gelernt und wenden sie darum auch viel zu wenig an. Wir haben darum auch das Empfinden, gegenüber dem weltweiten Atheismus einfach nur in der Defensive zu sein. Dieser im allerletzten doch falsche Eindruck kommt ja auch zum guten Teil daher, daß wir die geheimnisvolle Anwesenheit Gottes und deren Geschichte, weil beide unseren Erwartungen nicht entsprechen, was ja eigentlich selbstver­ständlich ist, als Abwesenheit Gottes interpretieren oder gar eine Gott-ist-tot-Theolo­gie zusammenbasteln und dabei gar nicht wissen, was eigentlich mit dem Wort «Gott» gemeint ist. Wenn wir von Gott sprechen, als ob er der Nothelfer in unseren Lebenssi­tuationen auf die Weise sein müsse, wie wir es gerne haben möchten, dann können wir natürlich nur noch feststellen, daß ein solcher Gott in der Welt nicht vorkommt und vermutlicherweise gestorben ist. Aber dieser Gott, der es uns erspart, vor seiner Unbegreiflichkeit zu kapitulieren, um selig zu werden, war noch nie der Gott des Christentums dort, wo es sich selber recht verstand.

Quelle: Karl Rahner, Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance, Freiburg: Herder, 1972, S. 92f.

Hier der Text als pdf.

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