Paul Schempp, Der Einzelne und die Gemeinschaft in Christus (1950): „Du hast es nicht nötig, Angst zu haben, und hast es auch nicht nötig, Angst zu machen, denn du bist nur Knecht als Knecht des Herrn, nicht weil so viele Herren faktisch über dir sind. Und du bist nur Herr als der Herr, dem Christus sich als Herr zum Knecht macht und ihm die Macht und Aufgabe gibt, so als Herr und nicht als menschlicher Knecht anderen, eben den dir untergebenen Menschen zu dienen.“

Da war noch kein Teilband der Versöhnungslehre in Karl Barths Kirchliche Dogmatik erschienen, als Paul Schempp 1950 mit seinem Text „Der Einzelne und die Gemeinschaft in Christus“, erschienen als 23. Heft NF in der Reihe Theologische Existenz heute, christologisch-ethische Gedankengänge entfaltet hatte, die sich mit denen Barths berühren.

Der Einzelne und die Gemeinschaft in Christus

Von Paul Schempp

Inhalt

I. Was heißt „in Christus“?. 1

II. Jesus ein Mensch wie alle. 4

III. Jesus der Einzelne, anders als alle. 7

IV. Jesus der Eine Herr aller 11

I. Was heißt „in Christus“?

Es heißt das, daß wir ausgehen von der Botschaft, daß in Christus Gott Mensch geworden ist. Im Menschen Jesus ist uns Gott bekannt. Gott ist der Gott, der in Gemeinschaft mit sich selbst der Eine ist. „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Eine Jahwe.“ Dieses Glaubensbekenntnis Israels hat zunächst mit Monotheismus und Polytheismus nichts zu tun. Es heißt nicht: Jahwe ist der Eine Gott, sondern: Gott ist der Eine Jahwe. Dabei ist das Wort für „Gott“ wie fast überall im Alten Testament eine Pluralform, ein Kollektivwort, das man auch mit „die Götterschaft“ übersetzen könnte. Er ist Richter über die Götter. Die Götter sollen ihn anbeten und loben. Sonst mag es Götter geben, und die Heiden haben ihre Götter tatsächlich. Aber Israel soll nur Jahwe als seinen Gott haben. Dieser Jahwe ist schlechthin Einer, und gerade deshalb soll das Eine Israel ohne Ausnahme diesen Gott haben. Jahwe gegenüber sind die Götter eben nicht Gott, nicht seinesgleichen. Er hat mit ihnen, und sie haben mit ihm nichts Gemeinsames und keine Gemeinschaft. Eben als Götter sind sie von ihm verurteilt, entthront, zu nichts degradiert, durch ihn ist ihre göttliche Macht und Herrlichkeit entlarvt als Ohnmacht und Schande. Sie können ihm gegenüber dieses Urteil nur bestätigen und anerkennen, sich ihm beugen, ihn allein Gott sein lasten. Tun sie es nicht, loben sie ihn nicht und beten sie ihn nicht an, so ist damit Jahwes Alleinigkeit nicht bedroht. Er ist der Allerhöchste. Er hat niemand neben sich. Und doch ist er tatsächlich Elohim, kollektiver Gott, Götterschaft, Gottheit. Das „Einer“ ist nicht Einzahl im Gegensatz zur Mehrzahl. Er ist nicht einer neben andern, aber auch nicht mit andern zusammen, er ist nicht das Eine oder das All, sondern Einer, Person, ein redender, handelnder, wissender Gott, aber so, daß er nicht ein Objekt braucht, zu dem er redet, mit dem er handelt, um das er weiß. Er genügt sich selbst als Einer, denn [4] er ist der Dreieinige. So hat er sich geoffenbart, und er hat sich geoffenbart, nicht einen Teil von sich, sondern sich selbst, sich ganz. Gottes Wort und Gottes Name und Gottes Geist ist auch im Alten Testament. Er selber. Der, der er für sich ist, der ist er auch für die Menschen. Er ist aber tatsächlich für sich Einer, nicht im Zwiespalt mit sich. Jeder andere Gott ist eben einer unter andern, vielleicht einig, vielleicht auch uneins mit anderen, einer nur im „vergleich und Abstand und Unterschied zu andern. Er, Jahwe, ist Einer für sich, sich selbst treu, für sich selig, heilig, gut und seiner selbst Herr, aber frei, ohne „sich beherrschen“ zu müssen. Es ist in ihm oder besser Er ist selber ein Oben und Unten und Neben: der „Vater ist größer als der Sohn, aber der Sohn ist zur Rechten des „Vaters, ihm gleich und eins mit ihm. So ist Gott Geist und nicht Fleisch, Gott und nicht Mensch, und bis uns der Geist ein besseres Wort gibt, wollen wir bei dem Wort „dreieinig“ bleiben. – Dieser Gott ist Mensch geworden. Ihn sah, wer Jesus sah, auch wenn er ihn nicht erkannte. Ihn offenbart uns der Geist des „Vaters und des Sohnes. Sein Wort ist das Wort Gottes in allen Menschenworten, wenn Gottes Geist sie dazu macht. „In Christus“ heißt also: was zu unserm Thema zu sagen ist, ist gemeint und zu verstehen als Anrede an Menschen, die die Erinnerung, daß Gott ihnen in Jesus bekannt ist, nötig haben und sich gefallen lassen. Ist Gott Mensch geworden und hat sich in diesem Menschen Jesus bekannt gemacht als der, der er ist, der Eine, der Herr und unser Gott, dann sind damit schon vier wichtige Entscheidungen gefallen, die „in Christus“ richtig und verbindlich sind:

a) Jesus ist Mensch, jeder von uns ist Mensch, und wir alle sind Menschen. Jeder einzelne von uns und wir alle zusammen in Gemeinschaft sind also Menschen mit Jesus. Nicht auf Grund unseres Glaubens, nicht „als Christen“, sondern weil Jesus Mensch ist gleich wie ein anderer Mensch. Man kann unser Thema also nicht anthropologisch behandeln, ohne Jesus mit einzubeziehen und nicht ohne uns selbst einzubeziehen.

b) Jesus ist Mensch, der den Einen Jahwe offenbart. Solche Menschen sind wir nicht, keiner von uns. Zeugen Gottes gibt es eine Wolke, Zeugen des Wortes und der Taten, Zeugen, die Gottes Wort und Gottes Tat mit ihren Worten und ihren Taten bezeugen, kund machen, aber keinen, der mit seinem [5] Menschsein selber Gott kund macht, dessen ganzes Menschsein nichts anderes ist als Rede, Tat, Kundmachung Gottes. Hier ist Jesus der Eine Mensch, und alle Menschen, also auch wir, sind die andern Menschen. In dieser Beziehung ist Er der Eine, der in totaler Gemeinschaft mit Gott lebende Mensch, und alle andern, einzeln oder in Gemeinschaft, entbehren diese totale Gemeinschaft als eine das Menschsein ganz bestimmende. Ist Jesus aber wahrhaftiger Mensch, dann sind wir alle, ob Christen oder nicht, jedenfalls im Verhältnis zu Gott, vor Gott, nicht die Menschen, die aus sich selber oder an sich selber, sei es mit Einbeziehung Jesu oder ohne sie, feststellen könnten, was der Mensch ist, und also auch nicht, was er als Individuum und als Kollektivum ist, und auch nicht, was er sein soll. Nur Jesus allein kann dann offenbar machen, was es heißt, Mensch sein als Einzelner und in der Gemeinschaft, Er als der Eine Mensch.

c) Jesus ist Mensch, der Gott als den Herrn aller offenbart. Dieser Mensch ist also der Eine freie Herr. Ihm sind alle Dinge übergeben, auch alle Menschen, auch wir. Der Eine Mensch ist Herr aller Menschen. Hier sind also noch einmal alle Menschen miteinander verbunden, vorher als solche, die alle Menschen sind unter Einschluß von Jesus, dann als solche, die alle Menschen sind, aber dem Einen, wahren Menschen gegenüber stehen, und nun als solche, die in ihm alle den Einen Herrn über sich haben, ob sie es wissen oder nicht, die durch dieses Herrsein des Einen Menschen über alle also verbunden sind.

d) Jesus ist Mensch, der Gott als unsern Gott offenbart. Hier tritt offenbar eine Zweiteilung der Menschheit ein in solche, die hören und bekennen: dieser Gott ist unser Gott; der Eine, der Eine Herr, der Eine Mensch ist unser Gott! und in solche, die das nun eben nicht sagen wollen oder können oder es auch noch gar nicht oder nicht überzeugend gehört haben, die eben einen andern Gott, vielleicht gerade den Menschen, für ihren Gott halten, aber eben nicht den Menschen Jesus und nur ihn und in ihm Vater, Sohn und Geist, den Einen Gott.

Wenn wir a), b) und c) gesagt haben, also a) Jesus ist Mensch wie wir alle, b) Jesus ist Mensch anders als wir alle, er ist der Eine Mensch, und c) Jesus ist der Herr aller Menschen, über uns alle, dann werden wir auch d) sagen müssen und haben es auch damit schon gesagt: Jesus ist unser Herr, wir hier [6] sein Volk, das Israel Gottes. – Und die andern? Vielleicht auch, vielleicht auch nicht, was geht das uns jetzt an? Alle haben nur Einen, und zwar diesen Herrn – das verbindet alle; aber nicht alle glauben, nur diesen Einen Herrn zu haben – das ergibt einen Unterschied, wo und wann und soweit es jeweils an den Tag kommt. Keine Grenze mit eisernem Vorhang, aber immerhin eine Grenze, eine fließende, eine immer in Korrektur befindliche, eine umstrittene Grenze mit viel Verkehr hin und her, aber eine nie ganz aufzuhebende Grenze. Mit unsern vier Entscheidungen haben wir hier jedenfalls eine Stellung bezogen, die zwar jederzeit zu überrennen ist durch das einfache Nein des Unglaubens, auch unseres eigenen Unglaubens, die aber doch völlig uneinnehmbar, ja unangreifbar ist, weil ja unser und aller Mitmensch Jesus eben Herr ist, auch ohne unsern Glauben, und weil er Herr ist über uns und alle Menschen und weil das letztlich auch alle sehen und anerkennen müssen, ob sie es jetzt glauben oder nicht, nämlich am jüngsten Gericht.

Wir meinen also mit diesem „in Christus“ folgendes: Unser Thema „Der Einzelne und die Gemeinschaft“ ist deshalb eine Frage, die uns angeht, weil die Antwort Gott selber ist. Er ist der Einzelne, der schlechthin Eine, und er ist die Gemeinschaft. Hier ist vollkommene Gleichheit: als der Eine ist er die Gemeinschaft, und als die Gemeinschaft ist er der Eine. Er ist freie Liebe. Er braucht außer sich kein Gegenüber, um sich davon in Freiheit abzusetzen, und er braucht außer sich kein Gegenüber, um sich in Liebe damit zu verbinden. Aber es hat ihm gefallen, die Welt zu schaffen, um ihr freier Herr zu sein – er kann und wird sie auch wieder vernichten –, und um sie zu lieben – er kann und wird auch die neue Welt schaffen. Es hat ihm gefallen, auf der Erde den Menschen zu schaffen, um sich ihm als sein Gott zu erweisen, und er ist selber Mensch geworden. So ist Jesus Christus selber, in Person, die vorgegebene Antwort auf unsere Frage. Er läßt sich selber verkündigen, und wer sein Wort und damit ihn hört, ist aus aller Neutralität verdrängt, er muß sagen, ob und wie er es verstanden hat. Das Verstummen könnte Ja oder Nein bedeuten. Neutralität aber oder, wie man lieber sagt, Toleranz gegenüber Jesus gibt es gar nicht, wo es das angeblich gibt, da ist eben Gottes Wort auch nur angeblich da. Wohl aber animiert Gottes Wort zu immer neuem Fragen. [7] – So ist unser Thema gemeint, als neues Fragen nach dem, was wir längst wissen könnten, aber tatsächlich vergessen und nie genug verstehen. –

Natürlich könnte unser Thema auch vom Leben her gestellt sein. Tatsächlich ist ja das menschliche Leben selber eine Kontinuität des ständigen Fragens und Antwortens in Bezug auf dieses Verhältnis: der Einzelne und die Gemeinschaft. Auch da geht die Antwort immer dem Fragen voran, weil sich jeder schon immer vorfindet als Einzelner und als Glied einer Gemeinschaft zugleich. Schon der Familienname und der Eigen- oder Vorname beweist das. Unser Sprechen beweist es. Ich – wir – Du – Ihr – Er – Sie: tausendfach täglich läuft gleichsam unser Thema über unsere Zunge, wer bin ich? wer bist du? Darf ich, muß ich mich in irgend ein wir einklammern lassen? Das geht immer hin und her und auf und nieder in Millionen Variationen vom großen Ich, das über Massen regiert oder vereinsamt ist, bis zum kleinsten Ich, das nur noch gezählt wird und deshalb selber als Ich nicht zählt, vom kleinsten wir der Ehe bis zum größten wir der Menschheit. Ständig ausgewählt, der Einzelne zu sein, jeder auf seinem Platz mit seinen Gaben, seiner Verantwortung; ständig zusammengeworfen als Mitmensch, Mitglied, Mitreisender, Genosse, Kamerad, Kollege, Landsmann. Immer in Bewegung auf der Flucht vor sich und auf der Flucht zu sich, auf der Flucht vor den andern und zu den andern, sich hervorwagend und sich versteckend, glücklich allein und unglücklich allein, glücklich vereint und unglücklich zusammengekettet. Auch der Robinson und der Eremit hat zwei Eltern, und auch der entpersönlichte Massenmensch hat kein Duplikat, hat sein eigenes Herz und seinen eigenen Leib. Man kann vom Leben aus fragen nach Individuum und Gemeinschaft, nach Freiheit und Gleichheit, nach Gerechtigkeit und Liebe. Man kann vom Leben aus gliedern und einteilen, typisieren und klassifizieren nach Natur und Geschichte, vom Genie bis zum Produkt der ökonomischen und sozialen Verhältnisse. Man kann von da aus zu wissenschaftlicher Anthropologie, zu Psychologie und Soziologie, zu Weltanschauungen und zu Moralsystemen, zu Wirtschafts- und Staatslehren kommen. Aber wir fragen nicht vom Leben her, sondern zum Leben hin, und zwar auch nicht bloß zum Leben der Kirche hin, sondern auf unser eigenes, [8] wirkliches Leben in der Welt hin. wir fragen von dem „in Christus“ her: der ist der Einzelne und die Gemeinschaft in Gott, in Wahrheit und Wirklichkeit, und er ist es für uns und für alle. Wir versuchen also, unsere vier Voraussetzungen zu entfalten und anzuwenden in Bezug auf ihre Bedeutsamkeit für alle Menschen, für jeden einzelnen Menschen und so für uns als Gemeinschaft von Einzelnen und als einzelne Gemeinschaft. [9]

II. Jesus ein Mensch wie alle

Vor Gott sind alle Menschen gleich, hört man oft sagen als Begründung des Anspruchs auf Gleichberechtigung, auf gleiche würde, auf gleiche Behandlung, womit will man diesen Satz begründen? Die Natur stattet den Menschen ungleich aus, die Geschichte stellt ihn in ungleiche Verhältnisse und Lebensbedingungen. „Ohne Wahl verteilt die Gaben, ohne Billigkeit das Glück.“ Eine Gesetzgebung kann, vielleicht von diesem Satz der Gleichheit vor Gott geleitet, bestimmen: vor dem Gesetz sind alle gleich. Das soll heißen: Vor dem Gesetz gelten die Unterschiede des Vermögens, des Standes, des Geschlechtes, der politischen Einstellung, der Rasse, Religion usw. nicht. Man mag das für gut halten, aber man kann bezweifeln, ob dieser Grundsatz durchführbar ist, ja ob er überhaupt gerecht ist. Ist es gerecht, dem Landstreicher genau so wie dem Villenbesitzer zu verbieten, im Freien zu nächtigen? Gilt nicht auch der Satz: wenn zwei dasselbe tun, dann ist es nicht dasselbe? Faktisch behandelt keine Gesetzgebung in ihrem Vollzug alle Menschen gleich. Entweder berücksichtigt sie die Tatsache, daß die Besonderheit des Falles nicht von der Besonderheit der Person zu trennen ist, und dann entscheidet sie ungleich, oder sie berücksichtigt diese Tatsache nicht, und dann trifft die gleiche Entscheidung die Betroffenen ungleich. Der Reiche muß bei gleichen Vergehen die gleiche Strafe zahlen wie der Arme. Oder soll der Fachmann nicht strenger bestraft werden als der Laie? Ist etwa die Gesinnung, Veranlagung, Erziehung, religiöse Überzeugung nicht entlastend oder belastend? Ohne Grenzen und Ausnahmen kommt keine Gesetzgebung der Gleichheit aus, ohne Rechtsbruch kann keine Gesetzgebung der Ungleichheit bestehen, „was dem einen recht ist, ist dem anderen billig“ heißt es dort, und hier heißt es: „Quod licet Jovi, non licet bovi.“ Schon von zwei im Alter verschiedenen Geschwistern wird das jüngere [10] für die Gleichheit und das ältere für die Ungleichheit eintreten, und bald wird das eine, bald das andere recht haben. Sollen vor Gott alle Menschen gleich sein, so ist das ein postulierter Gott, ein Gott, dem entweder alle Menschen gleich gleichgültig sein sollen oder dem wenigstens alle Unterschiede der Menschen, also auch die Verschiedenheit der Herzen gleichgültig sein sollen. Sinnvoller ist es schon, Gott aus dem Spiel zu lassen und zu sagen: „Als Menschen sind alle Menschen gleich.“ Das ist zwar eine Tautologie und heißt: „Alle Menschen sind Menschen.“ Aber so stellt der Satz doch über das Faktum der Ungleichheit aller das Faktum der Gleichheit, mit dem tatsächlich nicht bloß gerechnet werden muß, sondern auch gerechnet wird. – Die Frage, von wo ab ist ein Embryo schon Mensch und von wann ab ist eine Leiche kein Mensch mehr, stört uns im Alltag wenig. Wir gehen möglichst weit zurück in der Frage der Abtreibung und möglichst weit vor in der Frage der Leichenschändung, aber wir finden uns damit ab, daß uns die Grenze des Menschseins verborgen ist, weil wir Mensch und Nichtmensch trotzdem unterscheiden können und es auch Ausnahme bleibt, daß wir fragen müßten: ist der und der überhaupt noch ein Mensch? Ist er etwa weniger oder ist er etwa mehr als ein Mensch? Wir finden uns auch damit ab, daß man niemand ins Herz sehen kann, auch sich selber nicht, daß man sich bei sich und anderen über die besondere Wirklichkeit des Mensch-
seins täuschen kann. Alle Menschen leben aber glücklicherweise in der Naivität des Glaubens, an der Gestalt, am Leib, durchs Auge erkenne man den Menschen als Menschen. Die leibliche Gleichheit in aller Verschiedenheit ist nicht abstreitbar, mag man dann zum Tier die Grenze schließen oder noch so weit öffnen. Am Fleisch, am Leib, am Umriß, am Bild, am schẽma erkennt man den Menschen. Luther übersetzt schḗmati mit „an Gebärden“, die Züricher Bibel „der Erscheinung nach“, andere mit „nach der Haltung“ oder „nach dem Verhalten“. Gemeint ist das Urteil des Auges. Sollte der leiblichen nicht auch eine seelische Gleichheit entsprechen trotz aller konkreten Unterschiede und Gegensätze? was heißt das über die bloße Menschengestalt hinaus, also für die Seele: ein Mensch sein wie alle? weiter als zur Behauptung, alle Menschen hätten eine menschliche Seele, kommen wir nicht. – [11]

Gleich wie ein anderer Mensch?“ was heißt da Gleichheit, und was heißt da Menschsein? Das eben ist aber von Jesus gesagt, und zwar indem zugleich von ihm gesagt ist: er war eins mit Gott, ihm gleich, er war das Wort Gottes, das Fleisch wurde. Gott, der Sohn, geworden wie ein anderer Mensch: das ist unsere Voraussetzung und unsere Begründung des Satzes „vor Gott sind alle Menschen gleich“. Jesu Gleichheit mit allen ist die Begründung der Gleichheit aller. Er ist der Mitmensch der Menschen, nicht bloß seiner Umgebung, seiner Zeit oder unserer Zeitgeschichte und Zeitrechnung, sondern aller Menschen, die je gewesen sind, die sind und die je sein werden. – Das ist er geworden. Das ist er kraft göttlicher Vollmacht. Das ist ein Wunder. Kraft seiner Gottheit ist er gleich wie ein anderer Mensch. Gott hat nicht in einem menschlichen Leib nur Wohnung genommen. Das tut der heilige Geist. Gott hat sich nicht verwandelt in einen Menschen. Das tun die Götter. Gott hat sich nicht maskiert als Mensch. Das tut der Mensch, wenn er es nötig, nützlich oder schön findet, anders auszusehen, als wie er ist. Nur von Christus, von Gottes Sohn und Wort, gilt das: er ist Mensch geworden. Von keinem Menschen ist zu sagen: er ist Mensch geworden, so gewiß das Urteil des Auges von allen sagen kann, das ist ein Mensch, auch von Jesus. Nur von ihm her kann man sagen: alle Menschen sind als Menschen gleich. Das menschliche Auge sagt es auch, aber es sieht nicht ins Herz. Gilt seine Menschengleichheit, dann, aber nur dann gilt alle Menschengleichheit. Dann kann man nicht bloß, sondern muß auch sagen: vor Gott sind alle Menschen gleich. Nur mit diesem von Jesus her bestimmten Auge, nur mit diesem vom Glauben an ihn bestimmten Urteil kann ich tatsächlich in allen Menschen Brüder sehen, in allen Kinder Gottes, in allen die Gleichheit des Geschaffenseins, des Geliebtseins, des Regiertseins von Gott. In ihm, in der Anerkennung des Wortes, das sein menschliches Dasein bezeugt als Dasein Gottes, kann und muß ich tatsächlich von der würde, von der Ehre, vom Gutsein, von der Freiheit, vom Recht und von der Gleichheit, von der Bruderschaft aller Menschen reden. Ist auch er Mensch, dann heißt und ist Menschsein als solches Mitmenschsein mit Jesus. Er steht an der Stelle aller vor Gott, wie ihn Gott ansieht, was er vor Gott gilt, so [12] sieht Gott alle an, das gelten alle vor ihm, die Guten und die Bösen, die Schwarzen und die Weißen, die Schönen und die Häßlichen, die Begabten und die Idioten, die Starken und die Krüppel. Daß er leiblich Mensch war, das konnte Freund und Feind sehen. Daß er aber ganz Mensch geworden ist und war, das heißt, daß in ihm zu erkennen ist, was überhaupt Menschsein heißt, vor Gott und damit in Wahrheit, das war nicht zu sehen, das steht nur, wer an ihn glaubt.

Aber ist da zu sehen? Ein konkreter Mensch, in seiner Besonderheit, ein Einzelner wie alle Menschen, geographisch und zeitlich ein geschichtlicher Mensch wie alle! Aber eine Biographie von ihm schreiben, seinen Charakter beschreiben, ihn beschreiben als Juden, als religiösen, als moralischen Menschen, als Rabbi, als Propheten, das alles geht nicht. Man kann ihn nicht einreihen, man kann ihn nicht als Menschen verstehen von seiner Umwelt, von der Geschichte oder vom Vergleich mit anderen Menschen her. Seine Eigenschaften? wer käme anders darauf, ihn demütig zu heißen, als eben deshalb, weil er es selber sagt? Der Typus eines Juden, eines weisen, eines gehorsamen Sohnes, eines Armen, eines Helden, eines Frommen – das alles ist er eben nicht. Man kann ihn nicht charakterisieren und eingliedern, auch nicht nachahmen, so oft das versucht wird. Er ist in seiner Besonderheit schlechthin niemand zu vergleichen. Man kann keine Schlüsse ziehen aus seiner Eigenart auf ein zu erwartendes Verhalten in dieser oder jener Lage, auf eine zu erwartende Antwort auf diese oder jene Frage, auf ein bestimmtes Verhältnis zu diesen oder jenen Menschengruppen, zu Johannes dem Täufer, zu den Jüngern, den Pharisäern, den Zeloten, den Zöllnern, den Machthabern, den Heiden. Er ist die kontinuierliche Überraschung. Da lehnt er Bitten und Zumutungen ab, dort erfüllt er sie. Er lehnt das Angebot des Königtums ab, er nimmt die Salbung an. Er läßt sich Meister nennen, aber lehnt die Anrede „guter Meister“ ab. Er ist immer das, was er sagt und tut. Er ist nicht berechenbar, aber auch nicht genial und exzentrisch. Er ist kein Asket und kein Lebenskünstler, kein Philosoph und kein naiver Mensch, kein Theologe und kein Laie. AIs einen von wo anders her und nicht allein von ihm selbst gefüllten Begriff kann man auch das Wort „heilig“ nicht auf ihn anwenden. Man kann und soll auch von ihm kein Bild [13] machen. Er hat eben nicht seinesgleichen. Er ist der unbekannte Mensch, der keinen Maßstab außer sich hat. wenn er sich „den“ Menschen oder des Menschen Sohn heißt, so ist er es eben, und man kann es glauben oder nicht. Von sich aus steht ihm niemand näher oder ferner als andere. Man muß kein Verbrecher und kein Theologe werden, um ihn zu verstehen. Da gibt es kein mitzubringendes Vorverständnis, auch nicht aus dem Alten Testament. Er ist der „ich bin, der ich bin“, nicht durch seine Erziehung, nicht bestimmt und beeinflußt von außen, er ist der Einzelne, der freie Mensch, in jedem Augenblick für sich selbst verantwortlich. Gerade so ist er gar kein Mensch für sich, sondern immer nur Mensch für sein Gegenüber, für Gott und für den anderen Menschen, wer auch dieser andere sei, auch dann, wenn er ihn wegschickt, oder sich ihm entzieht, „wie ein anderer Mensch“ („im Gleichbild von Menschen“) ist er geworden, wahrhaftig „ein anderer“, wie jeder Mensch ein anderer ist, aber ein anderer Mensch, wie jeder ein anderer Mensch ist. Mitmensch, von niemand einzureihen, aber faktisch eingereiht, weil er sich selber einreihte, weil er alle so zu seinen Mitmenschen macht, sich ihnen gleichstellt, neben sie tritt: Ach bin wie du – nicht: ich bin du, und du bist ich – sondern: mein Ach ist dein Du, und dein Ach ist mein Du. So gehören wir einander, indem wir zusammengehören. Mitmensch ist Jesus nicht kraft leiblicher Gleichheit oder Ähnlichkeit, nicht kraft seelischer Gleichheit oder Ähnlichkeit, sondern kraft seines Willens und Gehorsams, durch den er offenbar macht, was Menschsein heißt: nicht bloß ich sein, sondern auch du sein und so wir sein in aller Verschiedenheit.

Kann man das nicht auch ohne Jesus wissen? Natürlich, das ist die banalste Weisheit des Alltags. Aber eine Theorie: der Mensch ist Individuum und zugleich Kollektivwesen, sagt gar nichts. Das sind Begriffe ohne Anschauung. Diese Gleichung geht nie und nirgends auf. Machen wir uns das an der Ehe klar. Mann und Frau, verschieden nach Leib und Seele, ein wir im Ich und Du, eins in der Liebe, gleich nach Name und Ehre, eins dem andern treu, eins das andere vertretend, vielleicht eins das andere als ihm von Gott gegeben und zugesellt glaubend. Ast der Mann der Frau, die Frau dem Mann als Mensch gleich wie ein anderer Mensch? Hoffentlich nicht! Ähre Gemeinschaft ist und soll sein eine exklusive. Je mehr die Ehe Gemeinschaft [14] ist, desto exklusiver ist sie. Die Gemeinschaft Jesu mit dem Menschen ist aber universal, sie ist inklusiv. Er ist der Mitmensch aller. Für ihn ist jeder in seiner Besonderheit der Mensch, der andere Mensch, den er liebt. Jesus bringt keine Lehre des Individualismus und keine des Sozialismus. Wer Jesus nur nach dem Fleisch kennt, historisch, vielleicht objektiv alles gelten lastend, was die Evangelien berichten, der kennt ihn nicht bloß nicht als den Sohn Gottes und der Welt Heiland, sondern der kennt ihn auch nicht als Menschen. Das Geheimnis des Menschseins ist nur durch ihn aufgedeckt als das zu ihm und also zu Gott Gehören als Kinder Gottes und darum als Brüder und Schwestern. Sagt das eine Religion, so setzt sie die Bedingung dazu: sofern man diese Religion hat. Jesus setzt keine Bedingung. Sagt es die Romantik vom guten Vater über den Sternen und von allen Menschen als Brüdern, so ist es eben doch nur in Jesus und durch ihn wahr und nicht im menschlichen Enthusiasmus. Den kann die Wirklichkeit zerbrechen, und kein Mensch ist auch nur entfernt ein Exempel der Wahrheit dieses Geheimnisses der Gleichheit und Gemeinschaft aller Menschen. Er, dieser unbekannte Mensch, ist selber diese Wahrheit, er ist der Sohn des Vaters, der der Bruder aller geworden ist. Gott hat sich zu allen Menschen bekannt, alle leben von ihm, durch ihn, zu ihm. Das ist gerade keine abstrakte Wahrheit. Jesus ist konkreter Mensch, und auch eine Lehre über ihn ist abstrakt ohne die konkrete Anrede an lebende Menschen und ohne Einbeziehung des Redenden und Lehrenden. Konkrete Wahrheit ist angewandte, bezeugte Wahrheit. So ist sie aber auch kritische Wahrheit. Dort in Jesus, und nur dort ist der wahre und der wirkliche Mensch identisch, aber für alle Menschen. Als sein Mitmensch ist jeder Gottesmensch, mag er sein, wer er will, und so sind alle gleiche Mitmenschen für einander. Ich sage nicht: alle Menschen sind Christen, weil sie Menschen sind. Ich sage nicht: Goethe oder Nietzsche oder Nero oder Pharao waren Christen; aber ich sage: solange ein Mensch lebt, ist er Mensch nur kraft dieser Wahrheit des Mitmenschseins Gottes in Jesus. In jedem Augenblick seines wirklichen, konkreten Menschseins kann er, wer und wo er sei – auf dem Gipfel des Ruhms oder im Abgrund der Schande – als Heiliger oder als Verbrecher –, bewußt oder unbewußt sich als Mitmensch Jesu erweisen, als [15] menschlicher Mensch reden und handeln und leben. Er soll es sich sagen lasten, um es bewußt, d. h. aus Glauben zu sein, zu werden, zu bleiben, er soll das Eine, unzertrennliche Ja von Gott zum Menschen hören. Was ist der Mensch, daß du sein gedenkst? Die Antwort ist: Mit Jesus, nicht durch Schicksal, nicht durch Verdienst, nicht durch Wahl, nicht durch unseren Glauben, sondern durch ihn, sind sie alle zwar nicht Christen, aber als Menschen seine Mit-Christen. Ob wir konkret unsere Mitmenschen als seine Mit-Christen anerkennen, so bedingungslos wie er uns, und keinen Vorzug vor den Juden, Heiden oder Bösewichtern haben, beanspruchen oder genießen wollen, wie Er, der Eine wahre Mensch uns gegenüber auch nicht, ob wir sind wie ein anderer Mensch, davon hängt unser eigenes Christ- und Menschsein ab. [16]

III. Jesus der Einzelne, anders als alle

Wir sagten, in Jesus ist die Gleichheit aller Menschen, das wahre Menschsein aller Wirklichkeit geworden kraft seiner Gottheit. Gerade als der Unvergleichliche hat er sich allen gleich gemacht. Die wahre Gleichheit der Menschen ist nicht in der dem Auge als menschlich erkennbaren Gestalt oder dem schönen menschlichen Antlitz und noch weniger in einer allen gemeinsamen seelischen Verwandtschaft zu entdecken, sondern in ihm, dem Menschen, der gleich wie ein anderer Mensch ist. Durch ihn sind alle Kinder Gottes und darum Brüder als Menschen, und durch diese Beziehung zu Gott und zu ihm sind alle gleich, ob sie es wissen oder nicht, wir sagten auch: Jesu eigene Konkretheit als Mensch sei nicht zu entdecken durch Vergleich. Dieser Mensch sei Geheimnis und Überraschung, sei nur das, was er sagt und tut. Das gilt nicht nur für die Menschen seiner Zeit. Ihnen blieb nur die Frage: was ist das für ein Mensch? Natürlich ein Iude, aber was für einer? Natürlich ein Rabbi, aber was für einer? Natürlich ein Kind, ein Mann, ein Wundertäter, aber was für einer? Man kann sogar sagen: ein Messias, aber was für einer? Gerade weil er der Messias ist, war sein Menschsein genau so ein Geheimnis und Rätsel wie sein Messiassein, weil er als Mensch der Messias ist, nicht Mensch und außerdem Messias, wie einer Mensch ist und dann Pfarrer oder Minister oder Dichter werden kann. Er ist ja Mensch geworden und darin Messias. Dieses Mensch- und Messiasgeheimnis in einem bleibt auch heute noch für alle historisch-exegetische Forschung bestehen. Geschichtlich kann man in den Evangelien nur den unbekannten Menschen, das unbegreifliche Rätsel entdecken, nicht ein Charakterbild. In ihm den Menschen entdecken heißt, in ihm den Gottmenschen glauben, also den Auferstandenen, den Lebendigen, den Menschen zur Rechten des Vaters. So haben wir also auch schon bisher von Jesus als dem wahren Einzelnen ge-[17]redet, von dem anderen Menschen, aber von d e m Anderen, der allen gleich geworden ist. Ansehen kann ich es niemand, daß er Kind Gottes und dadurch mein Bruder ist, ich muß es Jesus glauben und durch ihn sind es alle, Christen und Nichtchristen, ist gerade diese Gemeinschaft ihr wahres Menschsein, das ihnen zu sagen ist, aus das sie anzusprechen, auf Grund dessen sie zu behandeln sind.

Wir reden nun noch einmal von Jesus, dem Einzelnen, anders als alle, nur nach einer anderen Seite, oder vielmehr nach der anderen Seite hin. Jesus ist nicht nur Mensch geworden, er ist auch wie ein anderer Mensch gestorben. – Man sagt oft: im Tod sind alle Menschen gleich. Man wird auch diesen Satz anerkennen können. Auch hier urteilt das Auge und die Erfahrung. Alle sterben und haben darin ihre Gleichheit, so verschieden sie gewesen sein mögen. Aber abgesehen von der Verschiedenheit der Todesart ist zu fragen: sind uns die Toten alle gleich? Offenbar nicht. Das Verhältnis zum toten Vater, zum toten Goethe, zu den Toten der Hitlerherrschaft ist je ein verschiedenes. Und weiter: Sind die Toten untereinander gleich? Das zu beantworten hieße wissen, was Totsein heißt. Die beiden Mörder zur Seite des Gekreuzigten sind beide tot. Sind sie nun im Tode gleich? Ist im Tode die Verschiedenheit der Person ausgelöscht? Ist es nun gleichgültig, wer jeder gewesen ist? Wir kommen von unserer Seite auch hier nicht weiter als zu dem Satz: als Tote sind alle Menschen gleich. Auch hier werden wir die Antwort bei Jesus suchen. Historisch ist nicht zu leugnen, daß er nicht bloß gestorben, sondern getötet worden ist, gekreuzigt auf Grund einer Verurteilung. Westen ist er angeklagt? Der Gotteslästerung. Aber nicht als einer einmaligen Tat, sondern der Gotteslästerung in seiner Person. Nur weil er der ist, der er ist, der Eine Mensch, der als solcher der Messias, der Sohn Gottes ist. Einer einzelnen strafbaren Handlung oder Rede ist er nicht zu überführen, weil er der ist, der er ist, soll er nicht leben dürfen, sein Menschsein als solches wird verurteilt. Hier stehen wiederum diesem Einen Menschen alle anderen gegenüber. Plicht als ob es nicht viele unter seinem Kreuz gegeben hätte, die das Urteil des Hohen Rates für falsch gehalten oder doch in seiner Unanfechtbarkeit bezweifelt haben, wir hören von den mitleidigen Frauen, von einem Ratsmitglied, das nicht dem [18] Urteil zugestimmt hat, von der Überzeugung des Pilatus, daß Jesus unschuldig sei, von den Jüngern ganz zu schweigen, wir hören, daß ein Hauptmann sagte: Dieser ist ein frommer Mensch und Gottes Sohn gewesen. Es gibt eine Skala von diesem Hauptmann und dem einen Mitgekreuzigten, die von Jesu Unschuld überzeugt sind, bis zu Kaiphas, der von seiner Schuld überzeugt ist. Aber Jesus ist gestorben und so allen Toten gleich geworden, die als Menschen gestorben sind, und allen Menschen, die als solche noch sterben werden und müssen. Stimmt es, daß in Jesus das wahre Menschsein offenbar geworden ist und daß er nur darum verurteilt worden ist, weil er der Mensch war, der er war, nämlich der Mensch als Sohn Gottes, dann ist zu sagen: entweder ist er schuldig oder unschuldig gestorben. Entweder heißt Menschsein als solches des Todes schuldig sein oder nicht. Halbschuldig ist er nicht, wir können also ganz absehen von denen, die sich der Stimme enthalten, damals wie heute. Aber wir haben auch gar kein Indizium, auf Grund dessen wir das Schuldig oder Unschuldig sprechen könnten. Der Eindruck und Glaube des Juden Kaiphas ist uns trotz der Berufung auf Gottes Gesetz so wenig maßgebend wie der gegenteilige Eindruck und Glaube des Pilatus mit seiner Berufung auf das geltende Recht, wir sahen ja, daß Jesus als Mensch nicht meßbar ist an anderen Menschen, daß er als der unvergleichliche, als der unbekannte Mensch gleich wie ein anderer Mensch ist. Beweiskräftig ist ja kein konkretes Menschenleben als solches dafür, daß Menschsein heißen sollte, Kind Gottes und Bruder aller Menschen sein. Nur Er selber ist der Beweis, weil er Mensch, Bruder aller Menschen geworden ist. Man muß also auch von der Stimme all derer absehen, die ihn für schuldig, und derer, die ihn für unschuldig erklärt haben, war er schuldig vor Gott, so gälte kein Freispruch der ganzen Menschheit aller Zeiten, und war er unschuldig, so gälte kein Schuldspruch der vereinten Menschheit. Der Schuldspruch ist genau so Glaubensurteil wie der Freispruch ihm gegenüber, ohne Rücksicht auf Mehrheit oder Minderheit. Da sind alle, aber jeder einzeln gefragt. Geben wir nicht zu schnell die Antwort, war Jesus unschuldig, sind dann nicht alle Menschen als solche auch nicht des Todes schuldig? Und war er schuldig, sind dann nicht alle Menschen schuldig? Die Einheit aller vor Gott und untereinander beruht ja auf seinem Mit-[19]Mensch-Gewordensein. Fragen wir ihn selber, so erwarten wir vielleicht die Erklärung seiner Unschuld, wir täuschen uns. Die Berichte sagen alle, daß er sich nicht verteidigt hat. Das kann Zeichen der Schuld wie der Unschuld sein. Ist er schuldig, weil er der Mensch ist, der er ist, dann ist jeder Mensch, dann bin auch ich des Todes schuldig, einfach schon jeder, weil er der Mensch ist, der er ist. Ist er unschuldig, dann ist jeder Mensch als solcher unschuldig als der Mensch, der er ist, als sein Mitmensch. Darüber hinaus mag dann eine Anzahl oder die Mehrzahl je von den Übrigen angeklagt werden, aber nicht um ihres Soseins als Menschen willen. Jesus wurde ja als Mensch, bloß um seines Seins als Mensch willen verurteilt, wie etwa die Juden bloß um ihrer Abstammung willen, bloß als Juden, vernichtet wurden. Das Urteil der Bibel heißt: Gott hat ihn dahingegeben, Gott hat die Schuld Adams, die Schuld aller auf ihn gelegt. Er ist zur Sünde gemacht worden. Jesus hat das Todesurteil von Gott angenommen und so erst von denen, die es beschloßen und durchführten. Er war nicht bloß im Leben, sondern auch im Sterben der freie Mensch, d. h. er nahm auch die Verantwortung für den Tod auf sich. Sein Leben ist das Ja Gottes zu allen Menschen, sein Sterben ist das Nein Gottes zu allen Menschen, nicht als Theorie, sondern als Ereignis. Hier ist kein Selbstmord geschehen, denn wenn Jesus zu dem Nein Gottes ja gesagt hat, so hat er eben sich nicht verleugnet, sondern sich bekannt als der, der er ist, der Mensch als Sohn Gottes und Bruder aller Menschen. Hier ist auch keine stumme Ergebung in ein Schicksal oder in die Übermacht Gottes, sondern ein verantwortliches, gehorsames Ja der Selbstüberwindung. Für den Befehl: stirb! hat Gott die volle Verantwortung, für den Gehorsam im Sterben hat Jesus die volle Verantwortung. In diesem Sinn ist Jesus schuldig gestorben. Er hat da erlitten, was er schuldig war zu erleiden. Was ist jeder Mensch Gott schuldig? Ganzen Gehorsam, d. h. Sündlosigkeit, d. h. Unschuld. Zugleich ist Jesus unschuldig gestorben, aber nicht trotz dieses Todes unschuldig, sondern gerade und letztlich wegen dieses Todes als eines gehorsamen Todes, wir wissen, mit welch maßloser Aufregung Hiob feststellte, daß Gott den Unschuldigen mit dem Schuldigen umbringt, und mit welch geradezu aufreizend fröhlicher Gelassenheit der Prediger Salomo dasselbe feststellt, daß Gott auch [20] den Gerechten richtet und alles Leben nichtig ist. Jesu Unschuld beteuern, kostet gar nichts, das ist geradezu Gemeinplatz. Die Bosheit aller Menschen behaupten, kostet auch nichts. Da kann man die Verantwortung auf die Natur oder auf das Kollektiv der Menschheit abschieben. In Jesu Tod ist meine und aller Menschen Verantwortung aufgedeckt, als Mitmensch Jesu das Kind Gottes zu sein, das gehorcht und vertraut, der Mensch zu sein, der jeder in seiner Konkretheit ist, im Leben und im Sterben, nämlich der besondere, der freie, der andere Mensch, und so der Mensch zu sein, der für jeden Menschen ist, nicht gegen ihn, also auch für den feindlichen Menschen. Diese Verantwortung, ein sündloser Mensch zu sein, hat Jesus allein übernommen und durchgehalten bis in den Tod. Ich kann das nicht durch Messung, durch Vergleich mit andern feststellen, ich kann nur dem Wort glauben, daß er als Unschuldiger mit den Schuldigen getötet wurde und in ihm, dem unschuldigen Menschen, alle Menschen, die menschlich guten und die menschlich bösen – an ihren eigenen Maßstäben gemessen! – verworfen wurden. Nicht seine eigene Verwerflichkeit hat er angenommen, sondern seine Verwerfung als Verworfenheit des Menschen. Mit allen Menschen zusammen soll, kann, darf und will auch er verworfen sein. Ist das Gerechtigkeit? So fragt der Mensch, der sich rechtfertigt, der Gott seine Gerechtigkeit vorschreibt, der weniger verworfen sein will als andere, weil er immer einen noch größeren Sünder findet als sich selber, von dem er sich abheben, auf den er Herabschauen, den er verachten kann. So fragt der, der sich stark genug glaubt, selber zu büßen, reich genug, selber zu bezahlen, eitel genug, keine Vergebung anzunehmen oder nur eine halbe, eine teilweise. So fragt der vermessene Mensch, der die Verantwortung für seine Unschuld und für seine Schuld selber tragen will, oder der verzweifelte Mensch, der mit seiner eigenen Verwerfung sich selber loshaben will samt aller Verantwortung. Gilt also für Jesus der Satz: „er ist unschuldig verworfen, d. h. gerade weil er die Verwerfung annahm, ist er unschuldig; in ihm ist der Mensch, sind ich und alle Menschen, Juden und Heiden und Christen, verworfen von Gott“, dann ist gerade dies die höchste und letzte Gleichheit mit allen („gleich wie ein anderer Mensch“), dann ist der Satz noch zu verschärfen, den wir aus der Menschwerdung Gottes gefol-[21]gert haben, der Satz: Menschsein heißt: in Jesus mit Gott und allen Menschen verbunden sein, Mensch Gottes und Mitmensch sein in der Konkretion, in der jeder sich befindet oder in die er sich begibt, zu verschärfen dahin: Menschsein heißt: in Jesus von Gott verworfen, getrennt sein und als Mitmensch mit allen in der gleichen Verdammnis sein, verlorener und verdammter Mensch sein. Das ist unser konkretes Menschsein im Leben und im Sterben. Das ist es gerade deshalb, weil Jesus nicht bloß im Leben, sondern auch im Tod unser Mitmensch geworden ist, weil er da nicht bloß an dem menschlichen Schicksal, sterben zu muffen, teilgenommen hat, sondern den Tod als Verurteilung, als Verwerfung des Menschen erduldet, bejaht und verantwortet hat, weil er in eigener Unschuld, aber gerade so in aller Schuld, als Bürge aller die Verlorenheit und Verdammtheit aller auf sich genommen hat. In dieser Gleichheit heißt das Menschsein aller: alle zugleich und jeder für sich sind unentschuldbar vor Gott, jeder hat und alle haben die Verantwortung für das, was jeder ist und was alle sind, aber alle haben sie als solche, die sie nicht tragen können. Für sein Leben mag einer einstehen, für bestimmte andere Menschen mag einer die Verantwortung haben und übernehmen, aber für das Sterben kann keiner die Verantwortung übernehmen, außer so, daß er schuldig wird am Tod anderer oder am eigenen Tod, wissentlich oder unwissentlich (nach menschlichen Gesetzen schuldig oder entschuldbar), jeder ein Mörder oder Selbstmörder und darum der von Gott verworfene Kainssohn. Auch der gewaltsam getötete Mensch ist verworfener Mensch, sein Blut klagt den Mörder an, es schreit zum Himmel nach Rache, nach der Gerechtigkeit, zu der Gott verpflichtet wäre. Der Mensch ist aber schon Angeklagter, ehe er selber andere anklagt, ist schon gefallen, ehe er andere versucht, ist schon tot, ehe er sein Leben verteidigt und um sein Recht auf Leben kämpft. Ein Sprichwort sagt: „wenn ein Mensch geboren wird, wird eine Leiche angesagt.“ Gott allein ist der Lebendige; der Mensch muß zu Staub und Erde werden, er lebt nur, weil er der Mitmensch Jesu ist, aber Jesus stirbt nur, weil er der Mitmensch aller ist. Auch ein toter Mensch ist ein Mensch vor Gott. Sehr verständlich ist die Hoffnung vieler Menschen, dann sei alles aus, dann kümmere sich auch Gott nicht mehr um sie. Aber eine trügerische Hoffnung: gerade um die Toten kümmert sich Gott. [22] Alle, die sogenannten Frommen und die sogenannten Gottlosen werden auferstehen, werden alle und wiederum jeder einzeln ihr Urteil empfangen. Nicht alle das gleiche, aber alle vom gleichen Richter. Der Gerichtete, der Verworfene, der aus der Gemeinschaft mit Gott und so auch aus der Gemeinschaft der lebenden Menschen Ausgeschlossene, der wahre Mensch ist auferstanden. Gott hat damit nicht bloß Jesu Unschuld bestätigt, sondern sein Wohlgefallen an allen verlorenen und verdammten Menschen. So gefallen sie ihm alle, diese rettungslosen Menschen, die sich nicht entschuldigen, nicht helfen und retten können. In Jesus ist allen geholfen. Es bleibt dabei, daß in Jesus nur Ja ist und kein Nein. Wie er Ja gesagt hat zu dem Nein Gottes, so sagt er auch Ja gegen das Nein der Menschen. Es bleibt dabei, daß Gott der Treue ist und will, daß allen geholfen werde. Es bleibt dabei, daß Jesus die Versöhnung für die Sünden der ganzen Welt ist. was ist die Verlorenheit und Verdammnis des Menschen? Nicht seine Zukunft, sondern seine Vergangenheit und Gegenwart, sein Unglauben gegenüber Jesus, oder nun anders gesagt: das, daß er nicht der Mensch sein will, der er in ihm, mit ihm, als sein Mitmensch ist: der freie, gerechte, heilige, gute Mensch Gottes und Bruder aller, und daß er nicht werden will, der er als sein Mitmensch ist: der verlorene und verdammte, unentschuldbare Sünder. Das Eine ist dem Menschen zu hoch, er läßt es nur als Ideal, als Ziel gelten. Und das andere ist ihm zu niedrig, er hat Angst davor, es zu werden. Sünder und gerecht zugleich: das ist der wahre Mensch. Oder besser, wie es lateinisch immer heißt: iustus et peccator: Gerechter und Sünder zugleich. (Die Reihenfolge Sünder und Gerechter ist alttestamentlich, die Reihenfolge Gerechter und Sünder ist neutestamentlich.) Das ist der Mensch und darin sind alle Menschen gleich, eben als Menschen. Aber nicht alle erkennen und glauben es. Hierin stehen alle Menschen aller Zeiten dem Einen Menschen nun ganz gegenüber: Jesus ist der Eine, der ganz anders als alle ist: gleich wie ein anderer Mensch, doch ohne Sünde: Er ist gestorben und zur Sünde gemacht, Er allein konnte das und hat das erlitten. Er ist auferstanden und zur Gerechtigkeit gemacht. So ist er der neue Mensch, der schlechthin andere Mensch. Und doch der Mensch. Man ist versucht zu sagen: er ist der verkehrte [23] Mensch, was alle aktiv sind, das ist er passiv: der Mensch als Sünder, als Verworfener. Was alle passiv sind, das ist er aktiv: der Mensch als Gerechter, als Angenommener, der Gott wohlgefallende Mensch. So ist er das Spiegelbild, das umgekehrte Bild des Menschen: wo wir ihn als Gerechten sehen, sehen wir uns und alle als die Sünder; wo wir ihn als den Sünder sehen, sehen wir uns und alle als die Gerechten. Seine Unschuld ist aller Schuld und seine Schuld ist aller Unschuld. In ihm den Menschen erkennen, ist keine Theorie und Abstraktion vom Menschen, sondern ist die Umkehr des Menschen, ist die Metanoia, die Buße. Buße ist die Umwendung vom Ich zu Gott, der uns zugekehrt ist, aber auch wiederum die Umwendung vom Ich zum Du, ganz abgesehen davon, ob dieses Du uns zugekehrt ist oder nicht. Auch abgesehen von Gott, Gottes Wort und Glauben ist alles menschliche Leben eine kontinuierliche Hinwendung zum und Abwendung vom Mitmenschen, so notwendig wie das Ein- und Ausatmen. Metanoia heißt aber sich zu Jesus und damit zu Gott hinkehren und von ihm wieder ausgeschickt werden zum Nächsten, heißt Rückkehr und Aussendung als Lebensweg, als Geschichte des konkreten Menschen, heißt durch die Begegnung mit Gott in seinem Wort durch den Geist der einzelne Mensch sein, und so in die Gemeinschaft gestellt und gesandt sein, sei es in die Ekklesia gerufen und ausgenommen oder einem einzelnen Christen oder Nichtchristen als Zeuge begegnend, Bruder aus jeden Fall, auch wenn er in der Welt einer feindlichen Gemeinschaft, einer falsch christlichen oder echt heidnischen Gesellschaft begegnet, die daran erkennbar ist, daß sie eine Gemeinschaft gegen andere Menschen ist, eine exklusive Gemeinschaft, die von irgend einem „Anti-“, einer Verneinung anderer Menschen lebt und zusammengehalten wird, mag dieses Anti materiell oder ideell, national oder weltanschaulich begründet sein. Das ist durchaus keine Abwertung dieser Gemeinschaft, sondern nur ihr Kennzeichen als einer weltlichen Gemeinschaft, wo der wahre Mensch im Glauben entdeckt wird, da erst, aber da gewiß wird der Mensch zum freien Einzelnen, der als solcher ganz ohne Vorbehalt wirklich Gemeinwesen ist, als Mensch Glied der Kirche und als Mensch Glied der Menschheit und umgekehrt als Glied der Menschheit Glied der Kirche und als Glied der Kirche freier, ehrlicher Mensch: iustus et peccator. [24]

IV. Jesus der Eine Herr aller

Wir haben bisher unser Thema „Der Einzelne und die Gemeinschaft in Christus“ gleichsam nur in horizontaler Dimension behandelt: Jesus als der Mitmensch und durch ihn der Mensch als Bruder aller und die Menschheit als Kinder des Einen Vaters, kraft der Bruderschaft des wahren Menschen Jesus, der Mensch simul iustus et peccator. Nun müssen wir den Menschen auch in der vertikalen Dimension betrachten. Dieser Jesus Christus, der Mensch und damit der Bruder aller Menschen („gleich wie ein anderer Mensch, doch ohne Sünde“) geworden ist, ist ja der Herr Himmels und der Erden und so der Herr aller Menschen. Er ist nicht erst durch die Auferstehung und Himmelfahrt der Herr geworden, sondern er war es und ist es ja immer als der Sohn des Vaters „Gott von Art“. Er war es auch in den windeln in Bethlehem, und die Engel heißen ihn „den Herrn in der Stadt Davids“.

Wir stoßen auch von der Seite des menschlichen Lebens, von der Erfahrung des Alltags und von der Geschichte her im Verhältnis des Einzelnen zu irgend einer Gemeinschaft immer auf die Herrschaftsfrage. Schon in der kleinsten Gemeinschaft, in der Ehe, erhebt sich immer wieder gegen die Behauptung der Gleichheit von Mann und Frau die Behauptung der Überordnung des Mannes über die Frau. Wir kennen das Matriarchat und das Patriarchat, wir kennen die eindeutige Antwort der Bibel: Er soll dein Herr sein, wir kennen den Kampf um die Gleichberechtigung der Geschlechter, und wir kennen vor allem das Faktum, daß der Mann in der Familie auch nach dem Gesetz „der Vorstand“ ist. So ist auch im Staat, in der Wirtschaft, in den Parteien bis zu den Vereinen aller Art das Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft im Nebeneinander, in der Überschneidung und Begrenzung immer durchkreuzt von der Frage nach der Herrschaft, von der Frage nach Oben und Unten. Ohne Delegierung [25] von Macht an Einzelne kommt keine Gemeinschaft aus. Auch hier eine Fülle von Variationen in der Wirklichkeit: Tyrannenherrschaft, ererbte Herrschaft, Oligarchie, Aristokratie, Stände- und Klassenherrschaft bis hin zur Herrschaft der freien Autorität ohne Amt und ohne gesetzliche Rechte und Begrenzung. Wir wissen, wie es da zu Weltanschauungskämpfen kommt zwischen denen, die die Freiheit der Person über alle Ansprüche der Gemeinschaft stellen, und denen, die grundsätzlich das Kollektivum zum Richter über die Grenzen der Freiheit des Einzelnen machen. Oft ist die Wirklichkeit anders als die Namen, die man der jeweiligen Ordnung gibt, wir wissen, daß das Zeitalter des Absolutismus gerade auch das Zeitalter der Philosophien der Aufklärung, der Freiheit, der Toleranz war. Auch in den Kirchen gibt es überall ein Oben und Unten, Ämter und Führung und Weisungsvollmacht, ja sogar „vorgesetzte Dienstbehörden“ neben den Thesen vom allgemeinen Priestertum und von der Freiheit eines Christenmenschen. Wir werden auch hier von der Verkündigung und vom Bekenntnis des Glaubens auszugehen haben und nicht von der verwirrenden Fülle der menschlichen Möglichkeiten oder von grundsätzlichen Lösungen. Jesus ist der Eine Herr über alle, über die Welt nicht weniger und nicht anders als über die Kirche, wo die Kirche die Weltherrschaft Christi gleichsam nur als seine nebenamtliche Funktion gelten läßt und etwa im Anschluß an die bekannte Formulierung Luthers von der Herrschaft zur Rechten und zur Linken seine Weltherrschaft zur cura posterior degradiert, da wird vergessen, daß die Schrift nicht nur die ständige gegenseitige Indienstsetzung von Kirche und Welt kennt, sowohl in der Geschichte Israels wie in der ersten Christenheit, sondern daß sie auch einen bald langsamen, bald plötzlichen Übergang von der Kirche zur Welt und von der Welt zur Kirche kennt bis zum Vertauschen der Plätze. Da ist der eine Sohn, der zum Befehl des Herrn Ja sagt und darin Kirche ist, und doch nicht gehorcht und sich so als Heide entlarvt, und da ist der andere Sohn, der zum Befehl des Herrn ein trotziges Nein sagt und so Welt ist, und doch gehorcht und sich darin als Christ zeigt. Der Herr, unser Gott, ist der Eine Jahwe. wir dürfen uns deshalb auch zwischen Gott und Christus nicht so etwas wie eine vereinbarte Arbeitsteilung denken, etwa Gott Herr der Welt und Christus Herr der Kirche, natür-[26]lich nicht ausschließlich, sondern bloß je vorwiegend. Alle Menschen haben diesen Bruder aller Menschen, der als der Mensch gewordene Gottessohn zur Rechten des Vaters sitzt, über sich. Um seinetwillen, weil er den Willen des Vaters tut, fällt keinem Menschen ein Haar vom Kopf ohne den Willen des Vaters. Nach dem Evangelium gab es von der Geburt Jesu bis zur Himmelfahrt, also auch nach Ostern, an diesem Menschen gar nichts zu entdecken, keine besondere Eigenschaft, keinen Vorzug, kein Mehr- oder wenigersein im Vergleich zu anderen Menschen, als nur dies eine: Es ist der Herr. An ihn glauben heißt eben nichts anderes als diese Entdeckung machen: Er ist schlechthin der Herr. Wieder nicht als abstrakte Lehre oder als Zubilligung einer das erfahrbare menschliche Maß überschreitenden Machtfülle. Eine solche Zubilligung seitens von Augenzeugen seiner Wunder oder derer, die davon hörten, konnte bloß wieder zur Frage nach dem Menschen werden: was ist das für ein Mensch, daß ihm Wind und Wetter gehorchen? Glaube an ihn war die Entdeckung: jetzt, hier, in meiner Not und Verlegenheit, oder jetzt, hier, angesichts seiner Aufforderung an mich, etwas zu tun oder zu lasten, ist er für mich der Herr, an den ich mich erwartungsvoll wenden darf und dem ich widerspruchslos zu gehorchen habe. Ungesucht konnte diese Erwartung an Jesus herantreten: „sie riefen ihn an, und er erhörte sie“ (Ps. 99,6). Er konnte auch diese Erwartung durch Fragen hervorlocken, er konnte ihr Fehlen tadeln. Immer geht es darum, daß von ihm das erwartet werden soll und wurde, was nur Gott selber erfüllen kann. Und ebenso widerspruchslos soll ihm gehorcht werden und wurde ihm gehorcht, wie Gott Gehorsam gebührt. Jesus konnte aber auch Wunder tun, wo es niemand von ihm erwartete, wie etwa bei den Speisungen. Sein predigen ist nicht weniger Herrschaftsausübung als sein wundertun, sondern ist selber genau so das Tun der großen Taten Gottes wie das wundertun, ja es ist noch mehr als dieses ein Regieren, ein Tun des Herrn unseres Gottes. Das wundertun hat „höchstens“ Tote auferweckt, die doch wieder starben. Das Reden hat den Armen frohe Botschaft gebracht, hat Glauben geweckt, d. h. hat Menschen zum Leben gebracht, daß sie leben, auch wenn sie sterben. Jesu ganzes Leben war ein Menschsein als Herrsein, war ein Regieren. Er war in seinem Leben als Mensch die Herrschaft Gottes selber. [27] Wer das merkte und glaubte, dem wurde das vor Jesu Tod sofort wieder fraglich. Es ist durchaus nicht verwunderlich, daß die Menschen um Jesus entweder garnicht glaubten oder bald glaubten und bald nicht glaubten. Die Mutter Jesu glaubte und glaubte nicht mehr und glaubte wieder. So Johannes der Täufer, so Petrus, so Martha. Jesu Herrsein und Regieren war ja genau so unvergleichbar wie sein Menschsein. Sobald man von anderswoher den Maßstab, den Begriff „Herr“ an ihn anlegt, so tat man es nur entweder schon im Glauben, dann erweist sich der Vergleich als stimmend: so der Hauptmann: wenn du ein Wort sagst, so geschieht es, so wie geschieht, was ich meinen Soldaten befehle. Oder man tut es im Unglauben, um den Beweis zu finden, dann stimmt eben kein Vergleich von Herrsein mit dem Herrsein Jesu. Von dem „Herr, schone dein selbst“ bis zu dem „Bist du Gottes Sohn, so steig herab vom Kreuz“ geht dieselbe Linie des vergeblichen Versuches der Einreihung dieses Herrn in ein Herrenbild, auch in ein aus dem Alten Testament gewonnenes Bild vom Herrsein Jahwes.

Jesu Herrsein ist unabhängig von der Anerkennung seiner Herrschaft. Darin ist er der unvergleichliche und unbekannte Herr. Darin ist seine Herrschaft eben Gottes eigene Herrschaft. Und doch ist er Mensch. Soll einer als Mensch Herr sein, so ist er angewiesen auf Anerkennung. Jede Menschenherrschaft hört auf, wo ihre Anerkennung aufhört, mag diese Anerkennung in blindem Glauben oder in nahezu erweisbarer Heuchelei bestehen, wenn sie nur anerkannt wird und tatsächlich gehorcht wird und die Herrschaft darin besteht und sich erhält, daß sie durch Belehrung oder durch Zwang sich Anerkennung verschaffen kann und verschafft bis zur Ausweisung oder Ausrottung der Ungehorsamen. Die Grenze der Anerkennung ist entweder bestimmt durch die Macht – sie kann viel weiter reichen als das Recht – oder durch das Recht – das wiederum weiter reichen kann als die Macht – oder durch die freie Anerkennung, die auch da aushalten kann, wo dem anerkannten Herrn das Recht und die Macht fehlt. Aber wenn Macht und Recht und Anerkennung fehlen, dann hört Herrschaft auf, Herrschaft zu sein, dann bleibt sie Anspruch eines anmaßenden Menschen. Daß Jesus nicht durch Gewaltanwendung über Menschen [28] herrschen wollte, konnte jeder sehen. Trotzdem hat die jüdische Führerschaft bis zur Gefangennahme Angst vor den mutmaßlichen Anhängern Jesu gehabt. Daß Jesus nicht die Rechtslegitimation durch staatliche Organe oder durch eine Volksbewegung suchte, war auch erkennbar. Also stand sein Herrsein nur auf der freien Anerkennung. Eben dieses „also“ ist falsch. Er ist der Herr, ehe er anerkannt wird, denn er ist von Gott anerkannt, und er ist der gehorsame Herr. Er ist Herr darin, daß er Gott dient. In diesem Oben und Unten besteht gerade seine Gemeinschaft mit Gott. Die These, Jesus habe seine Omnipotenz im Himmel zurückgelassen oder sie verborgen oder auf ihren Gebrauch verzichtet, ist töricht. Er gebrauchte und offenbarte ja gerade darin die Allmacht Gottes, daß er der Versuchung, sein eigener und dadurch und dann Herr anderer zu sein und zu werden, widerstanden hat. Dieser Versuchung hat noch kein Mensch widerstanden. Alle, wenn auch nicht jederzeit, so doch je und je begehren von unten nach oben, vom bloßen Menschsein zu etwas mehr als bloßem Menschsein, zum Besitz und zu Anerkennung irgend eines Vorzuges. Das braucht garnicht böse Absicht oder Eitelkeit, Ehrgeiz, Herrschsucht zu sein. Es kann der Perfektionismus der tiefsten Demut, das Erstreben der Mittel und Wege zu tatkräftigster Nächstenliebe sein.

Kraft Gottes Anerkennung war Jesus der allmächtige Herr. Er blieb es auch, als ihn kein Mensch mehr anerkannte, als auch die Jünger bloß noch einen gewesenen, einen früheren Herrn ins Grab legen konnten. Die ganze Leidensgeschichte will ja zeigen, daß hier Jesus von Schritt zu Schritt sich als der regierende Fürst ausweist, daß hier in ihm Gottes Herrschaft geschieht. Auf Grund der Schrift handelt Judas, im Plamen Gottes redet Kaiphas, in Vollmacht Gottes entscheidet Pilatus. Weil er Herr über alle Menschen ist, darum ist er gestorben. Mußte sich seine Macht erweisen durch Wundertaten oder Blutbäder, um anerkannt zu werden, so stünde sie immer noch auf dem Glauben derer, die an die Wunder als Gottes und nicht des Satans Werk glauben, und auf der Angst derer, die vor Gottes Rache zittern. Aber solch eine Allmacht Gottes kann auch der Aberglaube von seinem Abgott glauben, und wäre dieser Abgott ein Mensch. So wäre er bloß ein Herr neben anderen Herren, die auch ihre Gläubigen haben, selbst über ihren Tod hinaus. Und Gott wäre nur [29] ein Gott neben Göttern, die auch Wunder tun und Blutbäder anrichten. Aber der alleinige Jahwe ist Gott, und Jesus ist allein Herr über alle. Das zu erweisen und zu offenbaren, in Ausübung der Allmacht in der Bruderschaft zu allen Menschen, ging er ans Kreuz. Als Gekreuzigten haben ihn auch die Feinde gesehen, als Auferstandenen nicht. Als auferstandener Gekreuzigter wird er allen verkündigt und werden ihn alle sehen und anerkennen müssen. So sieht Gott vom Himmel darein in Ausübung seiner Herrschaft. Da, unter dem Kreuz heißt es: der Glaub‘ ist auch erloschen gar bei allen Menschenkindern. Er braucht den Glauben nicht, um aller Herr und Bruder zu sein, nur alle Menschen brauchen den Glauben, um in Wahrheit, als die, die sie sind, als Herren oder Knechte, gleich sein zu können, weil Gott der gute Vater aller Menschen ist, darum ist er so als Bruder aller Menschen allen Menschen offenbar, daß seine Herrschaft allen dient, zu ihrer aller Gunsten ist, keine Günstlingsherrschaft, keine beschränkte Herrschaft, kein Kampf um Anerkennung, sondern auch allen seinen Feinden eine gnädige Herrschaft, wieder ist Jesus der verkehrte Mensch: er allen überlegen, er schon immer Sieger, weil er allein dem Vater gehorcht, indem er allen sich ausliefert, unter alle hinuntergeht. In Jesus erweist sich Gottes Herrschaft als Dienst, und zwar nicht bloß so, daß Gott der besondere Diener der Kirche oder der Armen und Kranken, der Verlassenen und Hilflosen wäre, sondern auch und zugleich und in dieser Besonderheit so, daß seine ganze Weltherrschaft Dienst an der ganzen Menschheit ist. Von ihm aus ist alle Menschengeschichte Geschichte seiner Herablassung, seines Dienstes an allen. Jeder einzelne wird rechtzeitig geboren und stirbt rechtzeitig, wird rechtzeitig reich oder arm, krank oder gesund, erniedrigt oder erhöht, ein Werkzeug des Zornes oder der Liebe für andere. Gott sorgt dafür, daß keine Bäume in den Himmel wachsen und auch keine Sintflut mehr alle verschlingt. Die Not, Armut, Gemeinheit, Bosheit, Feindschaft, Dummheit, der Wahnwitz und was nur- alles den Menschen schadet, muß, und sei es nur aus Egoismus oder nur aus Angst, immer das Gegenteil auf den Plan rufen, um zu helfen und zu bessern oder um abzuwehren und unschädlich zu machen, weil alle Menschen ihm dienen müssen, so dienen sie ihm auch tatsächlich, auch der Teufel dient ihm. Widerwillig [30] meist, unbewußt, gezwungen meist, am meisten in vermeintlicher, eingebildeter Freiheit, aber faktisch alle.

Darin steht wiederum die ganze Menschheit als eine einzige Gemeinschaft von Knechten diesem Einen Herrn gegenüber, ob sie ihrem Bauch dienen oder einem Ideal, einer Gemeinschaft oder einer Sache, einer Leidenschaft oder einer Religion und Kirche. Alle dienen, und er allein herrscht. Er herrscht ausschließlich darin, daß er allen dient, seine Herrschaft kommt allen Menschen in jedem Augenblick zugut. Von ihr leben alle. Durch sie werden alle auferstehen zum Leben oder zum Gericht. Bis dahin, bis zur letzten Scheidung, sind alle Menschen, solange sie als Menschen leben, in der Verantwortung, ob sie ihm und deshalb allen Menschen, je in ihrer konkreten Lage und Begegnung dienen oder ob sie in eigener Vollmacht regieren oder dienen. Auch im zweiten Fall müssen sie ihm wider Wissen und Willen dienen, aber als Diener der Menschen, als Menschenknechte, als Unfreie, weil Jesus Gottes Alleinherrschaft als Bruderschaft, sein Mitmensch- und Brudersein als Gottes Alleinherrschaft geoffenbart hat, und zwar so, daß er nicht bloß der Bruder, sondern als Bruder auch der Diener aller geworden ist, indem nicht bloß sein irdisches Leben, sondern auch sein Sterben, und nicht bloß sein Sterben, sondern auch sein Herrsein zur Rechten Gottes allen Menschen dient, darum sind alle Menschen als Menschen, solange sie leben, immer beides zugleich, freie Knech­te und unfreie Herren:

1. Alle sind freie Knechte: frei deshalb, weil Gott kein Zwingherr, kein Tyrann ist. Jeder kann Gott davonlaufen, jeder kann ihm kündigen, jeder kann schreien und mitschreien: wir wollen nicht, daß dieser über uns herrsche, wir sind freie Menschen und können tun und lasten, was wir wollen, wir können den Herrn sogar lästern und triumphieren, daß Gott nur dem hilft, der sich selber hilft, wir können uns überheben über andere Menschen, auf sie herabsehen, sie in unseren Dienst zwingen, uns dienen lassen, wir können auf unsere Freiheit sogar verzichten und sie einem Abgott ausliefern, nicht bloß einen: heidnischen Abgott, nicht bloß dem Geld oder der Macht, sondern auch einem falschen Christus, der bloß uns gütig sein darf, der uns bevorzugen soll, der uns loben soll, oder einem Gesetz, einem Lehr-[31]gesetz oder Lebensgesetz, das uns Ansprüche verleiht vor Gott und uns abhebt gegen die Menschen als Herren, die andern das und das zu beschien haben. Frei ist jeder, weil Gott den Menschen so und nicht anders als frei haben will. Aber freie Knechte, deshalb weil alle Freiheit des Menschen begrenzt, gebunden und ausschließlich von Gottes Freiheit abhängig ist. Ast der Mensch Knecht der Sünde, so bleibt er auch da Gottes Knecht, der seinen Befehlen ungehorsame Knecht. Knechtschaft der Sünde, des Todes, der Hölle schließt die Freiheit nicht aus, sondern beweist sie. Gerade der eigene Gebrauch der Freiheit ist Sünde. Es bleibt beim servum arbitrium, denn der gute Mensch wählt, will und tut Gutes, der böse Mensch wählt, will und tut Böses, aber ob gut oder böse, treu oder treulos – Knechte und Eigentum Gottes sind alle, keine Sachwerte, sondern Personen, deren Freiheit darin besteht, daß sie ihm gehören, und deren ständiger Ausbruch in eine falsche Freiheit und in eine falsche Knechtschaft sie nicht entschuldigt, sie seien Marionetten Gottes oder des Teufels, sondern bestätigt, daß sie freie Knechte sind.

2. Alle sind aber auch zugleich unfreie Herren: Herren deshalb, weil Christus der Knecht aller Knechte geworden ist, weil er als der Eine Herr mit der ganzen Allmacht Gottes allen dient, allen Leib und Seele, bis zu den Schuhen täglich schenkt, jedem, was er braucht, und dazu ihre Treulosigkeit, den an ihm selbst begangenen Mord vergeben hat, und alle erträgt und duldet, solange sie leben, wie kein Diener die Launen und Schikanen seines Herrn erdulden und ertragen könnte. Aber doch so gerade unfreie Herren: jeder jederzeit dem Einen und gleichen Herrn stehend oder fallend, jeder gefangen im Leibe dieses Todes, verkauft unter die Sünde, und so nur Herren aus Gnade und darum als solche immer neu verantwortliche, dienstverpflichtete Herren.

Schauen wir von daher auf das wirkliche Leben, in dem jeder gerade ist: da ist das Kind: es ist Herr seiner Eltern, sie bedienen und versorgen es, arbeiten für es, je hilfloser es ist, desto mehr ist es Herr. Es kann zum falschen Herrn werden, wenn die Eltern ihm nicht als Herren dienen, sondern in seine Knechtschaft geraten, in die Knechtschaft seines Eigenwillens, seiner Launen, in die Knechtschaft der Menschengefälligkeit. Da ist das Verhält-[32]nis von Schüler und Lehrer, von Verkäufer und Kunde, von Arbeitgeber und Arbeitnehmer, von Beamten und Volksgenossen, von Pfarrer und Gemeindeglied, das Verhältnis vom Klugen zum Unbegabten, vom Reichen zum Armen, vom Fachmann zum Laien usw. Überall nicht bloß ein Nebeneinander von Menschen, die zwar kraft der Bruderschaft Christi Brüder sind, aber es nun entweder beweisen oder verleugnen, sich vereinen oder sich entzweien, sondern überall auch ein Oben und Unten. In Christus sind alle „von unter her“, er allein von oben her, in Christus sind alle, auf der Höhe oder in der Tiefe, in der jeder gerade ist, einander zu Dienern gemacht, weil jeder jedem dienen muß. – Wer nur Herr sein will und nicht als solcher dienen, wer treuloser Diener und Haushalter ist, der darf auch so Mitknecht sein unter seiner Geduld, bis er kommt. Es wird sich dann herausstellen, daß auch er Diener und nicht Herr war. Mehr als andere Diener Haffen und totschlagen kann er nicht. Die treuen Diener werden sich seit Christi Tod darüber nicht wundern. Der Treulose konnte doch nicht mehr tun als helfen, die Bösen zu strafen und den Guten zu lohnen. In der Herrschaft Gottes ist der Lohn der treuen Knechte groß im Himmel wie auf Erden. – In Christus sind auch alle einander zu Herren gemacht, gerade weil einer dem anderen dienen muß. Da ist der Herr, wer dient. Auch wer anderen wenig dient, ist Herr, sogar gnädiger Herr, sogar „Herr von Gottes Gnaden“, aber gerade darum absetzbarer Herr; je mehr bloß Herr, desto leichter kann und wird er vergessen, daß er selber einen Herrn hat; er bedarf dringend der Fürbitte; je mehr er hat, desto mehr wird von ihm gefordert. – Hier fallen nun unaufhörlich, Tag für Tag, die Entscheidungen zwischen oben und unten, zwischen Herren und Knechten. Irgendwo oben ist jeder, auch der Elendeste, auch der Verzweifeltste; immer noch ist unter ihm Nacht und Grauen und Tod, aber auch der Herr Christus. Irgendwo unten ist auch jeder: immer noch ist über ihm eine Höhe, eine nächste Sprosse, ein Ziel seiner Hoffnungen und Wünsche. Aber immer ist der Mensch irgendwo unterwegs nach oben oder nach unten. Er wächst oder nimmt ab, er steigt oder sinkt, er erhöht sich oder erniedrigt sich, er wird erhöht oder erniedrigt. Er gibt oder nimmt, er bittet oder erfüllt Bitten, er befiehlt oder gehorcht. Jede Gleichheit ist immer nur ein Übergangspunkt zur Ungleich-[33] heit. Immer wieder wechseln die Plätze: letzte werden erste und erste letzte. Gestern unbekannter Mann, heute Held des Tages, morgen vergessen. Die ganze Bibel als Buch der Wirklichkeit ist ja voll dieser Veränderungen von Ehre zu Schande, vom auf und ab. Jetzt verlegen, dann kühn, jetzt blamiert, dann bewundert, hier einer unter vielen, dort einer über viele. Natürlich und gottlob leben wir immer in einer gewordenen oder gewählten Ordnung. Die meiste Zeit unseres Lebens nehmen wir einigermaßen konstante Plätze ein oder kehren immer wieder zu ihnen zurück. Elternhaus, Beruf, Ehe, Einkommen, Sitte, Charakter, Gewohnheiten, Pflichten, Neigungen, die geltenden Gesetze, die Wirtschaftsordnung weisen jedem immer wieder den Platz an, den er mehr oder weniger gern einige Zeit behält. In unruhigen Zeiten ist der plötzliche Wechsel häufiger als in ruhigen. Aber auch in ruhigen kann der Aufstieg oder Sturz ein plötzlicher sein. Sind es die Wechselfälle des Lebens, die Laune des Schicksals oder die Rangordnung, die jeder verdient? Bald sind wir passiv, nur geschoben und gehoben oder zurückgestoßen und -gedrängt. Bald ist es der Ehrgeiz, der uns befördert, und die Schuld, die uns sinken läßt, wichtiger ist, wie je und je das Selbstbewußtsein reagiert: da sitzt der König mit dem Selbstgefühl des Bettlers oder Einsamen und da der Gefangene mit dem Selbstgefühl eines Königs, da der zufriedene Kranke und dort der unzufriedene Gesunde. Da lebt einer immer noch auf der Höhe vergangener Zeiten und sehnt sich zurück und dort einer in der Hoffnung auf bessere Tage und kämpft sich aufwärts und vorwärts. Nie ist weder die äußere noch die innere Rangordnung konstant. Jeder mißt sich am anderen, und jeder mißt den anderen. Was bist du mir schuldig, was bin ich dem andern schuldig? Wer hat mehr zu fordern und wer mehr zu geben? Nicht nur die großen sichtbaren Umversetzungen, sondern ebenso die allerkleinsten des Alltags stellen jedem die Frage, ob er jetzt gerade an dem Platz ist, an den er gehört, vor oder hinter den andern, oben oder unten, nicht bloß am Tisch, sondern auch in seinen eigenen Gedanken.

Was vom Einzelnen gilt, gilt auch von allen Gemeinschaften. Mag es um die Lage der Bauern, der Arbeiter, der Intelligenz gehen, um Güter und Produktion und Absatz, um materielle oder [34] geistige Interessen oder um den Platz der Völker unter der Sonne oder in der sogenannten Völkerfamilie, um Rangordnung im Innern oder nach außen: Da wird geworben oder gesäubert, da kann in der kleinsten Gemeinschaft der Streit ausbrechen und der eine das Feld behaupten und der andere geschlagen abziehen, oder werden schließlich neu und friedlich die Plätze verteilt nach Rechten und Pflichten, nebeneinander und doch zugleich in Oben und Unten. Hier im Kleinen und Großen entscheidet es sich, ob erkannt und geglaubt wird, daß Jesus der Herr aller ist, oder nicht. Dieser Glaube bedeutet nicht den bescheidenen Rückzug auf den besetzten oder zugewiesenen Platz und nicht die grundsätzliche Demut, die immer den Vortritt läßt, immer schweigt oder mitgeht, auch wenn ich gehindert werde, Gutes zu tun, oder gezwungen werde, mich einzureihen, um Hehler oder Mitläufer zu werden im Schädigen und Zurücksetzen anderer. Dies bedeutet auch nicht den Vorrang der sog. „christlichen Persönlichkeit“ oder meiner christlichen Gemeinschaft vor anderen, nicht Bevorzugung des anderen, weil er Christ ist oder zu sein beansprucht, nicht die Bevorzugung meiner Kirche, ihrer Leitung und ihres Weges. Glaube ist nicht weniger sancta superbia als er der Motor allesduldender Liebe ist.

Das bedeutet aber wiederum das Ereignis der Metanoia, der Hinkehr zu Gott und zum Menschen, wie vorher in der Horizontalen, so erfolgt nun die Bewegung in der Vertikalen. Dort die Wendung zum Mitmenschen Christus und die Gegenwendung zur Begegnung mit den jeweiligen Nächsten. Hier die Wendung nach oben zum Herrn aller und die Gegenwendung nach unten zu den Menschen, die nun alle unter mir sind, denn in Christus sind wir ja mit droben, in der Höhe, im Schutz, in der Geborgenheit und in der Ehre seiner Macht und Liebe. Die Wendung nach oben im Hören des Evangeliums, im Vertrauen und dann gewiß auch im Gebet heißt für das Ich, für den Einzelnen: Anerkennung durch Gott selber – Vergebung aller Sünden und damit die volle Erlaubnis, der zu sein, der ich bin. Bedingungslos darf ich ich sein, von Gott geschaffen, erhalten, erlöst und mit seinem Geist beschenkt. Im Evangelium vom Herrsein Jesu über alle ist eingeschlossen, daß jedem Menschen zu sagen ist: du darfst du selbst sein, und du sollst es sein. [35] Du hast keine Maske nötig und sollst deshalb auch keine tragen, weder die Maske dessen, der mehr sein will, als er ist, noch die Maske besten, der weniger sein will, als er ist, aber und vor allem auch nicht die Maske des Nebenmenschen, die Maske eines Gemeinschaftstyps von Menschen. Du hast es nicht nötig, Angst zu haben, und hast es auch nicht nötig, Angst zu machen, denn du bist nur Knecht als Knecht des Herrn, nicht weil so viele Herren faktisch über dir sind. Und du bist nur Herr als der Herr, dem Christus sich als Herr zum Knecht macht und ihm die Macht und Aufgabe gibt, so als Herr und nicht als menschlicher Knecht anderen, eben den dir untergebenen Menschen zu dienen. Du brauchst nicht imponieren zu wollen, du brauchst dir auch nicht imponieren zu lassen. Auch der imponierendste Mensch ist es bloß durch deinen Herrn, der Herr aller ist, auch du hast alle deine Ehre nur von ihm und hast es nicht nötig, daß sie von andern bestätigt wird, wo das geglaubt wird, daß Jesus der Herr ist, da schwindet – ich sage nicht verschwindet, sondern schwindet die Eitelkeit und die Angst und jeder Neid, ein anderer zu sein als der, der man ist. Sage ich jedem: du darfst der sein, der du bist. Du bist anerkannt von Gott durch Christus an deinem Ort in der Weltgeschichte, deine Vergangenheit, deine Sünde ist vergeben, dann darf ich nicht seinen Platz einnehmen wollen und muß ihn der sein lassen, der er ist, darf nicht sagen: erst mußt du ein anderer werden, ehe ich dich anerkenne und nicht anklage. Aber ich kann es niemand sagen, ohne es von mir zu glauben: ich darf ich selber sein, ohne Maske, genau in der Höhe oder Tiefe, Ehre oder Schande, die ich gerade habe. Aber in dieser Wendung zu dem Herrn oben, durch den ich das bin, bin ich sofort in die Bewegung gestellt, nun nicht mit mir selbst zufrieden zu sein, sondern als der, der ich bin, mich sofort nach unten zu den andern zu wenden und nicht an ihnen vorbei, sondern ihnen gegenüber als Herr ihr Diener zu sein, in Freiheit jeden, wirklich jeden zu bedienen, so gerade, wie jeder es nötig hat, daß ich ihm diene. Geben ihm andere Wasser und Brot, so brauche ich es nicht zu tun, aber tun es andere nicht, dann muß ich es tun. Ich muß alles tun, um ihn ganz sachlich als konkreten Menschen kennen zu lernen, daß ich nicht falsch diene und aus dem Dienen ein Prinzip mache. Es gibt genug Arme, es gibt genug Gelegenheit in Haus und Beruf, im privaten und öffentlichen [36] Leben förderlich und dienstlich zu sein. Ich brauche nicht jedem ein Seelsorger oder Pfarrer zu sein; es ist oft viel christlicher, dem anderen ein anständiger Kamerad und Leidensgenosse zu sein, als ihn anzupredigen. Das geistliche Geltungsbedürfnis im heutigen Aktivismus der Kirche kann einem ehrlichen Menschen nur den gleichen Eindruck machen, das gleiche Lächeln erwecken wie das Renommieren eines eitlen Menschen, den man seit Jahren als Niete kennt. Als freier Herr freier Knecht aller zu sein, das heißt im Alltag, nicht erst in einer diakonischen Organisation, in einem kirchlichen Laienwerk, sondern zuerst da, wo man konkret Mensch ist und kein Held, mit seiner manuellen und geistigen und wohl auch finanziellen „Begabung“ einfach zur Verfügung stehen und sich zu den Niedrigen herunterhalten, genau so klug und erfinderisch sein in der Anwendung seiner Kräfte für die erkennbaren Bedürfnisse der andern, wie sonst jeder Mensch sie anwendet zur Förderung seiner eigenen Person und Position. Wer Zahnweh hat, braucht keinen Pfarrer, sondern den Zahnarzt, aber möglichst einen, der eine Freude daran hat, dem Manne helfen zu können, und der dies sachgemäß tut. Wer glaubt, daß Christus der Herr ist, der sieht sich um, wo den heutigen Menschen der Schuh drückt, wo ihre Wirtschaftsform, ihre Kultur, ihre Bildung, ihre Standeseinteilung, ihre Politik ein Schwindel ist, nicht weil sie nicht christlich ist, sondern weil und insofern sie nicht sachgemäß, nicht allen heute dienlich ist, weil sie unvernünftig oder veraltet oder doktrinär oder von Vorurteilen lebend ist. Da geht es nicht um ein Herunterpredigen aus der Höhe sämtlicher Bekenntnisse einschließlich der bayrischen und hannoverischen Sondertraditionen, sondern um das konkrete Heruntersteigen zum Menschen von heute in der Mannigfaltigkeit seiner leiblichen und geistigen Notstände. Die so ausposaunte und auch nicht zu übersehende Betriebsamkeit der Kirche heute, die allen, allen dienen und nichts als dienen will, ist zu 90 Prozent gar kein Dienst, sondern nur eine neue Spielart ihrer Selbstbeschäftigung, wenn sie alle ihre predigt- und Aktivitätsbetriebe für ein Jahr schließen würden, würde die wirkliche Geschichte der Menschheit weniger davon betroffen werden als von einer Krise der Dollarwährung oder von einem Verbot des Fußballspiels. Gottlob, daß die Menschen trotz ihrer Eitelkeit, Selbst- und Genußsucht doch alle auch einander dienen [37] müssen und wenn es nur um des Leibes und der Familie und ihrer Ansprüche auf ein bißchen Glück willen ist. Gottlob, daß das dienstbare Weltregiment Christi nicht warten muß, bis die Christen ihre spezifisch christliche Nächstenliebe organisiert haben. Mit der Erkenntnis „ich darf ich sein“ ist unweigerlich die Erkenntnis verbunden: ich kann es bloß sein als anspruchsloses, aber nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft meines konkreten Horizontes, als dienender, demütiger Mitmensch, wobei das, was Dienen heißt, von mir selbst verantwortet werden muß und nicht identisch sein muß mit dem, was die Mehrheit oder was die kirchliche Tradition so heißt. Die ganze christliche Ethik ist ein Heruntersteigen von der Höhe in die Tiefe, vom Himmel zur wirklichen Erde, von der Heiligkeit in den Schmutz, von der begnadeten und reinen Kirche in die auf alle Fälle – ob angesehen oder unterdrückt – dienende Kirche, die in königlicher würde und Freiheit den Menschen zu menschlichem Dasein verhelfen will. Die Kirche braucht keine Privilegien, um dann erst dienen zu können, denn sie lebt nur davon, daß sie das Eine Privilegium von oben ergreift, nämlich die Tatsache, daß ihr Christus gehört und damit die ganze Welt, nicht bloß teilweise, nicht erst morgen, nicht allmählich mehr und mehr, sondern heute wie immer die ganze Welt. Das ist die schlichte Umkehr aller katholischen und aller idealistischen Ethik, aber auch aller christlichen Persönlichkeitskultur.

Ich fasse zusammen: Jesus Christus regiert nie anders als indem er allen Menschen dient, wer das hört und darin ihn, sein eigenes Zeugnis hört und glaubt, der ist ganz und gar bedient, dem fehlt nichts, der darf ohne Maske sein, der darf ehrlich der Mensch sein, der er ist, als der Bruder Jesu, als der konkrete, besondere Mitmensch Jesu und damit als der freie Mensch, als der Herr aller, niemand untertan. Aber diese Freiheit, die davon lebt, daß der König aller Könige mir dient, besteht nun auch darin, daß ich mich umwende und hinwende zu den andern konkreten Mitmenschen, wer sie auch jeweils sein mögen, als Gesandter dieses Königs, um sie als meinesgleichen zu behandeln, anzunehmen, sie mir gefallen zu lassen als die, die sie sind, ob Christen oder nicht, sie als Brüder und Schwestern zu erkennen, es ihnen zu bezeugen und sie merken zu lassen und es [38] ihnen zu sagen ohne Ansehen der Person, ohne die Bedingung, sie mußten erst andere werden, ihnen das Unerhörte zu sagen, sie seien aus Gnade, was sie sind, ihnen zu vergeben, ehe sie Buße tun. Das ist ein Herabsteigen von oben nach unten, ohne jede Geste der Herablassung und Leutseligkeit. Es ist die Freiheit derer, die darin Herren sind, daß sie jedermann förderlich und dienstlich sind in eigener Verantwortung. Gelingt diese Gesandtschaft und dieser Dienst, dieses Apostel- und Diakonenamt, dann ereignet sich das Wunder, daß die Gemeinschaft, in der das geschieht, das wir von zweien oder dreien oder vielen, das wir der Ehe, das wir der Straße, das wir der Öffentlichkeit, des Standes, des Berufs, so gut wie das wir der kirchlichen Institution und Versammlung, der Volks-, Konfessions- oder Freikirche, ja daß schon eine Begegnung zum wir des Zusammenseins im Namen Jesu wird, daß Menschen zur Einen, alleinigen Kirche Jesu Christi aller Zeiten und Orte werden. Da wird Kirche, da ereignet sich Kirche, auch wenn die Form des Zusammenseins gar nicht kirchlich ist. Es kann flüchtige Begegnung sein, es wird aber durch solche Begegnung das Verlangen, die Sehnsucht, die Findigkeit zu neuer Begegnung ausgelöst werden, und so wird jede vorhandene Gestalt von Kirche – und wo noch keine wäre, eine neue Gestalt des Zusammenkommens und Zusammenlebens – benützt werden, um sich neu erinnern zu lassen, um sich neu zu sagen und zu zeigen, daß wir als Menschen Gottes Kinder, als Menschen Brüder Jesu und so einander Diener sind, immer der andere höher als ich selber, aber so, daß ich ihm frei, nicht nach seinem Befehl und Wunsch diene. Und dazu gehört vor allem auch, daß ich ihn nicht antaste, nicht seine Freiheit beschränke, daß ich ihn in Ruhe lasse, wo er mich nicht – für mich erkennbar! – braucht.

In dieser Verantwortung der doppelten Umwendung von Christus zum Bruder und vom Herrn zum Mitknecht, der jeder schon ist, auch ehe er es erkennt und glaubt, ereignet sich Kirche aber auch als Scheidung der Menschen. Das Zusammensein der Menschen ist ja konkret immer ein Wechsel von Zusammenkommen und Auseinandergehen, wie man sich äußerlich immer wieder trennt und trennen muß, für kurz oder lang oder für immer, bewegt oder gleichgültig, so geschieht auch fortwährend innerlich die Scheidung der Geister, im Alltag so gut wie in der Versammlung zur predigt, im Gottesdienst, wer eben nicht hören, nicht wahrhaben, nicht geschehen lasten, nicht erkennen will, daß ihm einer Zeuge des Herr- und Bruderseins Jesu ist, und wer also auch sein eigenes Menschsein nicht begreifen und ergreifen will als Mitbruder-, Mitherr- und Mitknechtsein, der muß eben hingehen, um für seine eigene Freiheit zu streiten, um seinen eigenen Abstand von den andern zu wahren oder um über die Gemeinschaft des Mensch- und Mitmenschseins hinaus eine besondere Gemeinschaft und Gleichheit mit andern zu suchen, der braucht weiterhin oder wieder eine Maske, um als ein anderer zu scheinen als er ist, der wird sich um seine Individualität bemühen oder um seine Anpassung, der wird schwanken zwischen Individualismus und Kollektivismus, vielleicht als „christliche Persönlichkeit“, vielleicht gar als Heiligentyp, vielleicht auch als Massenhöriger seiner Extrakirche, ein Heuchler, der sein wahres Menschsein vor Gott verleugnet, weil er sich oder seine besondere Gemeinschaft sichern will und das Existieren in der doppelten Wendung zu Gott und zum Nächsten scheut. Aber wenn sich so „Kirche“ und „Welt“, „Christ“ und „Nichtchrist“ immer wieder scheiden, darf sich darum nun die Kirche von der Welt, der Christ vom Nichtchristen selber noch besonders scheiden und absondern? Nein. Es ist ja die Welt der Mitmenschen, es ist ja der nichtchristliche Mitmensch. Die Sammlung aus der Welt und die Sendung in die Welt gehören ja zusammen. Die Welt und der Nichtchrist sind ja nur das Spiegelbild der Kirche und des Christen. Da bin ich ja gerade erinnert an den, der aller Menschen Bruder ist, der aller Menschen Herr ist, der aller Menschen Sünde getragen hat, da sehe ich ja meinesgleichen, nämlich den Menschen, den Sünder, der auch ich bin und gottlob nicht bleiben muß, den Weiland-Menschen, den alten Menschen, der sterben muß, weil er schon tot ist, da sehe ich den Welt- oder Kirchenmenschen, der nicht glauben will, daß der Eine Jahwe der Gott und Herr aller ist, daß mein und unser Gott der Eine Kyrios ist für alle, wir werden uns ja wieder treffen, so groß jetzt der Abstand scheinen oder sein mag, nämlich alle werden vor seinem Richterstuhl Zusammentreffen als seine Knechte, über deren Treue und Untreue sein Urteil allein entscheiden wird zur letzten, gültigen Scheidung, die niemand vorwegnehmen kann und darf, wie kann ich da anders zu allen vorläufigen Scheidun-[40]gen und Gruppierungen der Menschen in all ihrer kirchlichen und weltlichen Vielfalt Stellung nehmen als indem ich, ich selber als Einzelner frei im Namen Jesu als sein Bruder und gehorsam im Namen Jesu als sein Knecht für alle bete und so als Mensch die ganze Menschheit, das Menschsein selber vertrete vor Gott!

Quelle: Paul Schempp, Der Einzelne und die Gemeinschaft in Christus, Theologische Existenz heute, NF 23, München: Chr. Kaiser, 1950.

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