Paul Schempp, Gott ist unsere Zuversicht. Predigt über Psalm 46,2-4 (1947): „Wie den Weltuntergang, so können auch das ja nicht die Menschen mit ihrer Kraft fertig bringen, Berge mitten ins Meer versenken. Wenn aber Gott das täte, so wär’s kein anderer Gott als der Eine wahre Gott, der unsere Zuversicht und Stärke ist. Auch dann, wenn zu allem unserem Unglück hin auch noch die Natur in Aufruhr käme und das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen, wäre Gott es, der da seine Macht zeigte und uns zeigen wollte, daß Er allein auch helfen kann mit dieser seiner Macht.“

Gott ist unsere Zuversicht. Predigt über Psalm 46,2-4

Von Paul Schempp

Gott ist unsre Zuversicht und Stärke.
Eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.
Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge
und die Berge mitten ins Meer sänken,
wenngleich das Meer wütete und wallte
und von seinem Ungestüm die Berge einfielen.
(Psalm 46,2-4)

Gott ist unsere Zuversicht! Es liegt eine Zeit hinter uns, in der es als Verbrechen galt, nicht zuversichtlich zu sein. Viele, sehr viele Menschen sogar, waren tatsächlich voller Zuversicht, warum? Weil sie das glaub­ten, was sie hörten und sahen. Zuerst waren große, zuversichtliche, starke Worte zu hören. Dann gab es Taten und Tatsachen zu sehen. Und noch größer, noch zuversichtlicher, noch stärker wurden die Worte. Langsam aber schwand das Sichtbare dahin, an das sich die Zuversicht geheftet hatte, Erfolge und Siege und Heere und Waffen; es blieben aber noch lange, lange die stolzen Worte der Zuversicht. Größer wurde die Zahl derer, die Glauben und Hoffnung verloren, die Furcht und Angst im Herzen trugen, und doch blieb der Mund geschloffen und lauter und lauter wurde das Geschrei derer, die Sieg und Hoffnung und Glück, Trotz und Ver­heißung predigten. Nun ist auch dieses laute Geschrei jäh verstummt und die Tatsachen predigen Jammer, Furcht und Angst, ja Verzweiflung. O lieber gar keinen Glauben haben als einen solchen, der enttäuscht, lieber gar keine Hoffnung haben als eine solche, die zerbricht, lieber gar keine Zuversicht haben als eine solche, die betrügt!

Wenn so viel über Schuld und Schuldige gesprochen und gerichtet wird, so wollen wir uns erinnern an eine feste, sichere Tatsache: die Heilige Schrift ist nicht schuldig an unserem Elend. Dort ist für alle, die überhaupt lesen können und Menschenverstand haben, ganz unmißverständlich gesagt: vertrau nicht auf Menschen, verlaß dich nicht auf deine Kraft, auf dein Volk, auf dein Recht, auf deine Frömmigkeit, auf Macht und Ansehen und Erfolg, auf Freunde und Bundesgenossen, auf die Väter oder die Nachkommen, auf die Natur oder Veranlagung, auf Reichtum und Gunst. Ja, wer recht liest, muß aus der Schrift hören: auch die Worte der Bibel sind nicht dazu gegeben, daß Menschen sich daraus ein Vorrecht vor anderen ableiten, besonders zuversichtlich sein zu dürfen. Hätten wir der Bibel gehorcht, so hätten wir von vornherein eben das getan mit aller Entschiedenheit, was als Verrat und Verbrechen gegolten hat, wir hätten diesen Glauben, diese Hoffnung, diese Zuver­sicht offen abgelehnt und davor gewarnt, wie die Bibel vor Götzendienst und Gotteslästerung warnt. Nein, die Heilige Schrift ist nicht schuldig: ihre Geschichten, ihr Gesetz und ihre Propheten, die Apostel und Christus sagen alle: der Mensch kann sich nicht selber helfen und darum soll er nicht zuversichtlich sein bezüglich allem, was nur immer menschlich ist. Ja, die Bibel sagt sogar: du sollst dir nicht selber helfen wollen, du sollst auch den leisesten und geheimsten Versuch dazu unterlassen, du bist ein Tor und Narr, der ins Verderben rennt, wenn du es doch tust. Haben wir es gehört, wir Christen, wir Kirchengänger, wir Bibelleser? Gewiß haben wir es gehört, gewiß hat man uns auch das gesagt, gewiß haben wir mit Singen und Beten bestätigt, daß wir es gehört haben und daß wir uns gewiss nicht auf uns und auf Menschen oder auf unser Volk verlassen wollen. Aber wir haben das für uns behalten, als ob es bloß für uns gelte und es uns nichts angehe, dass Millionen andere eine falsche Zuversicht hatten und ins sichere Verderben rannten. Das wäre noch nicht einmal das Schlimmste gewesen. Viel schlimmer war es, dass wir es gehört, gewusst und bestätigt haben und es doch nicht geglaubt und befolgt haben, wir haben zwar nicht so geprahlt wie andere. Dazu hatten wir zu wenig Gelegenheit. wir waren nicht so eitel und hoffärtig, dazu fehlten uns die nötigen Orden und Auszeichnungen und Beförderungen und hohen Stellungen. Wir hatten nicht so viel Selbstvertrauen, dazu hatten wir zu wenig Erfolg und Lobredner und Schmeichler, wir hatten nicht so viel Zuversicht, weil wir zu viel Menschlichkeit und Gemeinheit und Verlogenheit und Niedertracht sahen. Aber ein wenig war unsere Zuversicht doch auch von der Lage, von den Verhältnissen, von den Wehrmachtsberichten oder auch vom kirchlichen Frieden, von der Ungestörtheit unseres eigenen Daseins oder vielleicht von der Unangefochtenheit unseres Innenlebens, von der Zufriedenheit mit uns selber abhängig. Und eben solche Zuversicht ist verwandt mit der Zuversicht, die die Zeitungen und die Redner so laut und glühend gepredigt haben. Daß wir auch auf Menschen und eigene Kraft und Weisheit und Sicherheit, daß wir auch auf die Selbsthilfe unsere Zuversicht gesetzt haben, das haben wir bewiesen, als es dem Zusammenbruch entgegenging. Da wurde auch unsere Zuversicht klein und kleiner. Wer wusste noch, ob er zu den Überlebenden gehören werde, wer konnte anders als verzagt und furcht­sam und ratlos an das Ende des Krieges denken, wer konnte sich der Angst erwehren? Können wir da die Bibel anders lesen als mit dem Geständnis: du hast recht gehabt, Gott stößt die Hohen vom Stuhl, Gott haßt alle Hoffart und Selbstgerechtigkeit, Gott straft alles Vertrauen auf Selbsthilfe und Menschenkraft; wir aber haben doch nicht recht ge­glaubt und gehorcht, denn unsere Zuversicht ist zu Schanden geworden, wir find jetzt in einem Elend und Jammer, dass wir meinen, es sei ein Unrecht und ein Hochmut, jetzt zuversichtlich zu sein.

Ach, wie gut ist’s, wenn wir einsehen, dass die Schrift recht hat gegen uns. Wie gut ist’s, wenn wir uns auch nicht mehr auf unser früheres Gottvertrauen, auf den Rest unseres Christentums, auf die bessere Ver­gangenheit berufen können und wollen, wenn wir da von der Bibel jetzt neu aufgefordert sind zu glauben: Gott ist unsere Zuversicht, wir brau­chen nicht erst ganz genau zu wissen, wie schlimm es eigentlich aussieht mit unseren Zukunftserwartungen, wir brauchen nicht erst nach irgend­welchen Hoffnungszeichen zu suchen und andere zu fragen, was sie eigent­lich denken von unserer Lage. Da muss jeder Rede und Antwort stehen: ist Gott deine Zuversicht? Aber gottlob, es ist keine Frage, die wir zu­erst zu beantworten haben. Gott ist unsere Zuversicht, das ist eine Frage, die Gott selber für alle Menschen schon beantwortet hat. Einen anderen Gott gibt es nicht als den Gott, der unsere Zuversicht ist. Und es gibt auch gar keine andere Zuversicht als die Zuversicht auf diesen einen Gott, der selber unsere Zuversicht ist. Andere Zuversicht, eine Zuversicht, die neben Gott auch noch Menschen braucht, auch noch ein bisschen hoffnungsvolle Aussicht auf die Zukunft, oder ein bißchen Vertrauen auf einen guten Rest aus der Vergangenheit, ein wenig Zutrauen zum guten Willen mancher selbstlosen Menschen, das ist eben keine Zuversicht. Darauf wol­len wir uns lieber nicht mehr einlassen. Solche Zuversicht konnte, auch wenn uns noch etwas davon geblieben ist, auch noch zerbrechen und wird sicher zerbrechen. Können wir uns auf die Versprechungen der Feinde, auf die letzten verbliebenen Lebensmöglichkeiten verlassen? Sind wir jetzt sicherer, weil keine Bomben mehr fallen? Ach, daß wir es doch da­bei endlich belassen würden, daß Gott unsere Zuversicht ist! Es steht ja gar keine Bedingung da. Es heißt nicht: wenn wir unsere Zuversicht auf ihn setzen oder wenn wir an ihn glauben oder wenn wir ihn unsere Zu­versicht sein lassen oder heißen, sondern einfach: er ist unsere Zuversicht.

Wir können freilich alle Zuversicht fahren lassen und alle Hoffnung aufgeben. Aber wenn wir das tun, wenn wir an allem verzweifeln und die vielleicht beneiden, die diese Gegenwart nicht mehr erleben müssen, oder wenn wir unsere Zuversicht auf den Tod setzen und meinen, dann sei alles überstanden und nichts mehr zu befürchten, oder wenn wir bloß in Angst und Furcht leben, dann verzichten wir auch auf Gott. Das ist erst recht unsinnig und töricht, denn das kann ein Mensch ja erst recht nicht. Was hilft es denn, Gott zu leugnen? Dann muß man sich ja einen anderen Gott erdichten, wie es alle Gottesleugner getan haben. Ohne Zu­versicht kann man ja gar nicht leben. Wozu säen, wozu schaffen, wozu essen, wenn es keine Zuversicht gibt, wenn man nicht hofft auf Ernte, auf Lohn, auf Leben? So verzweifelt kann ja gar kein Mensch sein, daß nicht Gott doch noch seine Zuversicht wäre, nur daß er’s nicht weiß und nicht glaubt. Denk dir einen Menschen, der im Sterben ist. Kein Ausweg ist da, keine Stunde hat er mehr zu leben. Er weiß das, er hofft nicht mehr. Denk dir, dieser Mensch wüßte sogar, daß er nicht bloß sterben muß, sondern daß auch Gott ihn verlassen hat, daß er von Gott verstoßen ist, daß er von Gott verflucht ist. Denk dir, daß das nicht seine Ein­bildung, sondern daß das wirklich wahr ist. Und da soll auch für ihn gelten, daß Gott unsere Zuversicht ist. Sieh, darum geht es: ein solcher Mensch hat wirklich gelebt und ist wirklich gestorben. Und dieser Mensch ist lebendig zur Rechten Gottes und vertritt uns andere Menschen. Durch ihn hat Gott gezeigt, daß er unsere Zuversicht ist, die einzige, die es überhaupt im Leben und Sterben gibt. Deine eigene Zuversicht hilft dir nichts und deine Angst noch weniger. Aber Jesus Christus ist unsere Zu­versicht. Er hat aller Welt gezeigt, daß Gott für uns ist und nicht wider uns. Er hat gezeigt, daß der Mensch sich nicht selber helfen soll und sich auf gar nichts verlassen kann als nur auf Gott selber, selbst dann noch, wenn ihn Gott verlassen hat. Als Jesus seine Jünger verlassen hat, da hat er ihnen gesagt: ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Welt. Soll man sich auf ihn nicht verlassen können? Sollte sein Wort — und er hat ja sein Leben eingesetzt für die Wahrheit seiner Worte — auch nicht zuverlässig sein? Wenn Jesu Gott nicht das ist, was er da heißt: unsere Zuversicht, dann gibt es eben keine Zuversicht. Dann laßt uns Götter machen und jeder mag seine Zuversicht setzen auf das Werk der Menschengedanken und Menschenhände.

Aber nicht wahr, wir haben heute keinen Grund, eigensinnig gerade noch einmal auf den gleichen Sand zu bauen, auf dem eben erst ein sehr stattliches Großhaus eingestürzt ist. Wir haben ja eben zugegeben, daß die Bibel mit ihrer Warnung, sich nicht auf das Sichtbare, Zeitliche, Menschliche zu verlassen, recht behalten hat. Sollten wir da nicht froh sein über diesen Satz: Gott ist unsere Zuversicht! Auf Gott kann und darf und soll sich jeder Mensch verlassen, wie gut, daß da nicht irgend welche Frommen uralter Zeit sagen: wir haben Gott als unsere Zuver­sicht, sondern daß Gott die Zuversicht von uns allen genannt ist. Da ist kein Mensch ausgenommen, wer er auch sei, wie es ihm gehen mag, denn die Bibel gehört nicht der Kirche, auch nicht der Christenheit, sondern aller Welt, weil Christus Herr und Heiland aller Welt ist. Jetzt, da wir uns kaum mehr regen können in unserer Ohnmacht und Armut, wollen wir nicht mit dem Unmöglichen beginnen und Jesus Christus und den allmächtigen Gott absetzen wollen. Jetzt wollen wir lieber das Mögliche und sehr Einfache tun und miteinstimmen: Ja, Gott ist unsere Zuver­sicht. Wir haben keinen anderen Gott als den wahren Gott und Vater Jesu Chri­sti, den Gott der Heiligen Schrift, der unsere Zuversicht und unser Heiland und unsere Hilfe für und für heißt und es auch ist. Ach, wie­viel Jammer und Herzeleid und Angst hätten wir uns und anderen er­sparen können, wenn wir’s schon längst geglaubt hatten. Unsere Zuver­sicht wäre ja dann viel viel grösser und fester gewesen als all die protzige und trotzige Zuversicht, die im Selbstmord oder Gefängnis endete. So viel größer als eben Gott grösser ist als der Mensch.

Aber prahlerisch, trotzig, großsprecherisch ist unsere Zuversicht gar nicht. Denn der wirkliche, wahre Gott der Bibel ist der Gott, der sich herabbeugt zum verlorenen, verirrten, gottlosen, verängstigten, dem Tod verfallenen, ohnmächtigen, kleinen und verzweifelten Menschen. Er ist der Gott, vor dem ja auch die großen, stolzen, selbstbewußten, sicheren, reichen, frommen, zuversichtlichen Menschen nur solch kleine, winzige, hilflose Wesen sind wie wir anderen alle. Die einen merken’s früher, die andern später, manche vielleicht gar nicht oder zu spät. Aber nicht wahr, wir haben’s jetzt ja leicht, es zu merken, daß auf die Menschen und auch aus uns selber kein Verlaß ist, daß das Menschsein eben doch keinen Grund abgibt zum Wichtigtun und Stolzsein, auch für große Völker nicht, auch in besseren Zeiten nicht, auch wenn man ganz prachtvolle Vorfahren hat und auf scheinbar recht erfolgreichem weg ist. Nein, lassen wir’s dabei: Gott ist unsere Zuversicht.

Es geht aber nun weiter: unsere Zuversicht und Stärke. Man darf und kann sich nicht bloß auf ihn verlassen, dass er treu ist, dass er zu uns hält und uns auch in der trostlosesten Einsamkeit nicht verlässt. Es gibt nicht bloß keine solche Gottverlassenheit, in der nicht auch noch gerufen werden könnte: mein Gott!, sondern er ist auch unsere Stärke. Nicht so stark als viele andere, aber ein bißchen stark haben wir uns auch gefühlt. Es ist uns heute jedenfalls gar nicht wohl in unserer Schwäche daß man da sich so vieles gefallen lassen muß, was man gewiß nicht täte, wenn man stärker wäre und sich wehren konnte. Aber wir haben es eben auch nicht glauben wollen, daß Gott unsere Stärke ist, daß er allein mächtig ist, und zwar über uns und für uns mächtig ist, daß wir uns auf seine Macht ganz getrost verlassen sollen. Wir wollten eben nicht wahr haben, daß mit unserer Macht nichts getan ist, und es war und ist eben doch wahr und wird wahr bleiben und gilt auch für die Mächtigen. Jesus Christus ist ja nicht bloß am Kreuz gehangen, er ist auch begraben worden. Im Grab ist’s ja gewiß aus mit der Kraft des Menschen, da rührt er kein Glied mehr. Und dieser Jesus sagt uns: ich bin das Leben, ich lebe und ihr sollt auch leben. Seht, das ist die Stärke Gottes für uns, daß er die Menschen mit ihrer eigenen Stärke, mit der ganzen Macht ihrer Waffen und ihrer Gesetze und ihrer Frömmigkeit stark und sieg­reich sein läßt und wenn sie meinen, sie hätten gewonnen, womöglich so­gar mit Gottes Hilfe gewonnen, dann ist er der Mächtige und Starke, der aus dem Tod Leben schafft und der all die vereinte Kraft der Men­schen, der Frommen und der Gottlosen, zunichte macht, der Starke, bei dem gar nichts unmöglich ist. Wir wollen das Geschwätz, es gäbe kein „Unmöglich“ oder „wo ein Wille ist, da ist auch ein weg“ oder „wer wagt, gewinnt“ nicht nachschwätzen. Gott ist unsere Stärke, das heißt: ohne ihn kann der Mensch gar nichts. „Ohne mich könnt ihr nichts tun“, sagt Jesus. Das Böse freilich können wir allein tun, aber dann haben wir ja Gott, den allmächtigen Gott gegen uns, dann sind wir verloren mit unserem Dun und mit all unserer scheinbaren Kraft. Das Gute aber kön­nen wir ohne Gott nicht tun. Er ist unsere Stärke und sonst gibt es überhaupt kein Starksein. Wie herrlich ist diese Tatsache, daß nicht nur der Mensch schwach, absolut schwach ist und Gott stark, absolut stark ist, sondern daß Gott unsere Stärke ist, daß er’s nicht bloß sein will, son­dern daß er es ist. Er ist unsere Kraft, er ist mächtig in unserer Ohn­macht. Wie gut, daß unsere Ohnmacht wieder einmal so klar am Tag ist wie jetzt. Aber wie beschämend, daß wir es bisher bloß gehört, aber nicht geglaubt haben, daß Er unsere Stärke ist. Wie überlegen wären wir da der ganzen Kraftmeierei, dem Drohen und Rühmen der Mäch­tigen gegenübergestanden, nicht selbstbewußt und anmaßend wie sie, aber ganz überlegen, ganz furchtlos: was können uns Menschen tun? Wollen wir es jetzt wieder so falsch anfangen und zuerst jammern und dann selber probieren und dann fordern und schließlich wieder uns rühmen, daß wir doch wieder selber, aus eigener Kraft über den Berg gekommen sind? Oder wollen wir nicht lieber glauben, daß Gott unsere Stärke ist! Er will gewiß nicht, daß wir schwach und müde dasitzen und die Trümmer beweinen. Aber er will, daß wir die Wahrheit wahr sein lassen, daß wir’s zugeben, daß Er unsere Stärke ist, und daß wir deshalb froh sind, diesem starken Gott unsere schwache Kraft zu verdanken, und daß wir glauben, das absolut Unbezwingliche, der Tod, dieser siegreiche Feind, der seine Kraft so furchtbar bewiesen hat unter uns, ist schon ein besieg­ter Feind, er kann nichts mehr schaden. Und wenn der Tod nichts schadet, dann schadet auch das Schwachsein, das Müde­sein, das Verzagtsein erst recht nichts, weil ja auch das Starksein und das Selbstbewußtsein und das Überlegensein gar nichts nützt. Er ist unsere Stärke. Er hat uns längst besiegt, ehe die Feinde das konnten. Und das ist unser Glück, denn Er hat uns nicht als Feind besiegt, sondern um uns nun in sicheren Schutz zu nehmen, um uns nun zu bewahren vor dem Bösen, um uns zu beweisen, daß er unsere Kraft ist, um uns nun mir seiner Starke auf unsere schwachen Füße zu stellen und den Dünner zu stillen, das Herz fest zu machen, uns durch Wüste und Grauen, durch Not und Armut zu tragen und zu führen oder auch nur darin zu betten, wie es jeder Einzelne nötig hat.

Und weiter heißt es: er ist eine Hilfe in den großen Noten, die uns getroffen haben. Weil Gott unsere Zuversicht und Starke ist, ist er auch unsere einzige Hilfe. Außer ihm kann uns niemand helfen. Aber nun ist noch etwas Besonderes gesagt. Nun sind nicht mehr alle Menschen ohne weiteres gemeint, sondern im Besonderen solche, die von großen Nöten getroffen sind. Nicht als ob nicht alle Menschen in großen Nöten sind, auch die Reichen und Starken und Zuversichtlichen und aller Not scheinbar Überhobenen; sie haben ja alle die große Not des Todes und die größte Not des göttlichen Gerichts noch vor sich. Aber jetzt geht es um die, die getroffen sind, die den Schlag gefühlt haben, die in großen Nöten ausweglos drinstecken, um die, die überwältigt sind von großen Nöten und keine Aussicht haben, mit diesen Nöten fertig zu werden. Sieh, denen ist er eine Hilfe. Freilich die ganze Hilfe, aber für diese sichtbaren, grausam fühlbaren Nöte ist er eine Hilfe. Menschenhilfe gibt’s da­neben nicht, aber gegenüber anderen Nöten, gegenüber der Not des Todes oder gegenüber der Not des Starkseins oder der Dummheit oder der Überheblichkeit ist er jeweils eine andere Hilfe, da braucht er andere Hilfsmittel. Hier für uns und unsere großen Nöte, da ist er, der viel tausend Wege und Hilfen weiß, nur eine Hilfe, da braucht er von den unzähligen Hilfen, die er bereit hat, nur eine, nämlich die eine, die gerade für uns und gerade für diese große Not nötig ist.

In den großen Nöten ist er eine Hilfe, wohlgemerkt, er verspricht uns nicht, daß er uns aus den großen Nöten jetzt heraushilft. Er ist mit uns drin in unseren Nöten. Damit ist das Entscheidende und Wichtigste schon gesagt und getan und ist auch am entscheidenden Punkt, am Ansatz­punkt, in der Wurzel schon geholfen. Diese Nöte können nun nicht mehr herrschen, denn Er ist ja Gott, der Herrscher. Diese Nöte können nun auch nicht mehr schaden, denn Er ist ja eine Hilfe in ihnen. Was dürfte da noch schaden oder auch nur stören, wenn Er Hilfe ist. Und wiederum, daß er eine Hilfe ist, das ist weit mehr als daß er hilft, so wie es weit mehr ist, daß einer mein Vater ist als daß einer sich väterlich gegen mich zeigt. Wir wissen noch gar nicht, ob diese Hilfe, die Gott selber ist, nun diese unsere großen Nöte dazu gebraucht, um uns selber durch sie zu helfen, uns zum Glauben, zum Vertrauen, zum Hoffen, vor allem auch zum Ehrlichsein und zum Gehorsam und zum Barmherzigsein zu verhelfen, oder ob er uns dazu gebraucht, diese großen Nöte zu überwinden, einander aus dem Gröbsten herauszuhelfen, daß wir darangehen dürfen, innerlich und äußerlich den Schutt wegzuschaffen, aufzuräumen und wie der ein menschliches Dasein für alle anzubahnen und zu ermöglichen. Das ist seine Sache, wie er sich als eine Hilfe unter uns in unseren großen Nöten erweisen wird. Erwarten dürfen und sollen nur jedenfalls beides von ihm, nämlich daß er uns mit den Nöten geistlich helfen und daß er uns aus den Nöten leiblich helfen wird. Aber wir sollen uns hüten, daß wir uns nicht schon selber wieder als Helfer aufspielen und sogar ihm, dem Gott, der unsere Hilfe ist, Rat erteilen und helfen wollen. Zusehen freilich und bloß warten sollen wir nicht, denn es geht ja um unsere Hilfe, uns soll ja diese Hilfe gelten, also sollen wir so dabei sein wie einer, dem andere zu Hilfe kommen; so einer wird aushalten, er wird den Rest von Kraft, der ohne Hilfe verloren wäre, nun gerade einsetzen und sich dankbar und entschlossen zeigen, die Hilfe auch anzunehmen. Viel­leicht haben dich die großen Nöte härter getroffen als mich, vielleicht hast du auch ganz andere besondere Nöte als ich, aber nicht wahr, den­selben einen Gott, in dessen Namen unsere Hilfe steht, den Herrn, der Himmel und Erde geschaffen hat, den Vater der Barmherzigkeit und Gott alles Trostes, diesen einen Gott haben wir in unseren Nöten ge­meinsam. wir wollen froh sein darüber und denken, groß sind diese Nöte nur für uns, für ihn sind es kleine Nöte, die er nur deshalb wichtig nimmt, weil wir ihm wichtig sind, weil wir ihm nicht verloren gehen, sondern in Christus ein ewiges Leben haben sollen.

„Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken, wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen.“ Jetzt ist nun vollends ganz von uns die Rede: darum fürchten wir uns nicht. Das kann nur von jedem Einzelnen gelten, denn nicht weil wir so viele Lei­densgenossen haben und nicht weil andere sich auch nicht fürchten, son­dern ausschließlich, weil Gott eben dieser Gott, unsere Zuversicht und Starke und eine Hilfe gerade in unserem Leiden ist, darum kann und muss jeder Einzelne von uns furchtlos sein und ist nicht angewiesen auf die Furchtlosigkeit der andern. Darum wäre unsere Furcht aber auch nur ein Widerruf, eine Ableugnung dessen, was da in der Schrift Gott uns von sich sagen lässt, durch andere Menschen zwar, aber durch erwählte, durch glaubwürdige, durch dazu beauftragte und berechtigte Menschen. Wenn Gott der Grund ist, weshalb wir uns nicht fürchten, dann sind so gewaltige Worte wie dies „wenngleich die Welt unterginge“ gar nicht großsprecherisch, sondern ganz bescheidene Wahrheit. Sie steht ja noch, diese alte Welt, wenn sie auch schon im Untergang begriffen ist, aber sie wird untergehen. Damit ist zu rechnen. Es kann einem entsetzlich angst werden bei dem Gedanken des Weltuntergangs, nachdem man so fürch­terliche Vorzeichen erlebt hat. Ob wir Helden waren oder sein werden, gilt jetzt nicht. Jetzt gilt nur, dass wir im Vertrauen darauf, dass Gott in unseren Nöten ist, so gewiss Er beim Weltuntergang auch dabei sein wird als der, der sie untergehen lassen und eine neue Welt schaffen wird, nun eben ohne Furcht vor diesen gegenwärtigen Nöten sind. Wir brau­chen uns nichts vormachen, die Not ist bitter, sie droht, noch größer zu werden; wir haben gewiss auch Angst, wenn wir an das denken, was vor uns liegt, und unsere Not macht uns nicht zu Helden. Aber Gott in unserer Not sagt uns: fürchtet euch nicht! Das ist ein fröhliches Gebot, ein tröstlicher Anruf, denn gerade dass Er da ist, könnte uns erst recht furchtsam machen und erschrecken. Wie sollten wir dann bestehen können, wenn er uns sagen wollte: da hinein habt ihr euch selbst gebracht trotz all meinen Warnungen und jetzt soll ich auch noch helfen, jetzt soll ich gut genug sein, meine Macht einzusehen. Nachdem ihr meine Liebe und meine Gebote ausgeschlagen habt. Aber Gott sagt nicht so: Er sagt in der Bibel und in Jesus Christus anders. Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten. Kommt her, ihr Mühseligen und Beladenen ich will euch erquicken. Darum fürchten wir uns nicht, wer weist es kann noch schlimmer werden. Es kann sich auch bloß um Pausen handeln, daß vielleicht doch manche Not erträglicher wird als wir denken. Gott ist geduldig in unseren Nöten; er kann die sichtbare Hilfe aufsparen, er kann uns auch noch größere Nöte aussparen, er kann aber auch so ge­duldig mit uns sein, daß er die Nöte wegnimmt und uns tägliches Brot, gut Wetter, gut Regiment und gute Freunde und getreue Nachbarn gibt. Unsere Sache ist es jetzt, uns nicht zu fürchten und erst einmal geduldig zu sein. Es müssen uns, wenn wir nur einmal furchtlos diese Nöte an­sehen, doch auch die Augen aufgehen für all das, was er uns Gutes tut in dieser Not. Wie viele durften schon heimkehren, wie viele haben noch Nahrung und Kleidung und Gesundheit und Obdach. Ein paar Wochen länger Krieg, ein paar Monate früher Atombomben, Kriegs­ende mitten im Winter, eine schlechtere Ernte: lauter Kleinigkeiten wären’s in Gottes Weltregiment und für uns wären’s lauter Verviel­fältigungen der großen Nöte, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht! Es hat sich schon gezeigt, daß er eine Hilfe ist. „Wenn­gleich die Berge mitten ins Meer sänken“. Wie den Weltuntergang, so können auch das ja nicht die Menschen mit ihrer Kraft fertig bringen, Berge mitten ins Meer versenken. Wenn aber Gott das täte, so wär’s kein anderer Gott als der Eine wahre Gott, der unsere Zuversicht und Stärke ist. Auch dann, wenn zu allem unserem Unglück hin auch noch die Natur in Aufruhr käme und das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen, wäre Gott es, der da seine Macht zeigte und uns zeigen wollte, daß Er allein auch helfen kann mit dieser seiner Macht. Da ist einer, vor dem die Menschen sich verwunderten: „Wer ist dieser? denn er gebietet dem Winde und dem Wasser und sie sind ihm gehorsam“, wenn wir kleingläubig waren, so müssen wir es nicht bleiben, wir können es diesem Jesus Christus zutrauen, daß er da, wo noch kein Meer wütet und wallt und keine Berge eingefallen sind, sondern nur Häuser und Regierungen und Weltanschauungen und sehr viele Einbildungen, mit seinem Geist und seinen Gaben bei uns siegen und uns unsere Furcht nehmen will. Und seht: bei diesem kühnen Satz „darum fürchten wir uns nicht“ handelt es sich darum, daß wir auch den dritten Artikel unseres Glaubens nicht bloß hören und sagen, sondern glauben: ich glaube an den Heiligen Geist! Ist es wahr, daß er uns alle unsere Sünden vergibt; ist es wahr, daß Gott uns sterben läßt, aber aus dem Tod errettet, dann mag er das Meer auch wüten lassen, wie wir’s verdienen und er es für uns für gut hält. Dann wollen wir uns sagen: Gott hat seine liebe Not mit unseren trotzigen und verzagten Herzen, bis er uns dahin bringt, bei ihm zu bleiben und ihn sein zu lassen, was er ist, nämlich unsere Zuversicht und Stärke. Darum soll auch uns die Not lieb sein, weil man darin dankbar und bescheiden und auf sein Wort aufmerksam wird. „Der Herr verstößt nicht ewiglich, sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte, denn er nicht von Herzen die Menschen plagt und betrübt“. Nein, von Herzen liebt er uns und darum züchtigt er uns. Darum verzage nicht, wenn du von ihm gestraft wirst, wir wollen uns nicht ausschließen, son­dern anschließen an die vielen, die es glauben: Er weiß wohl, wie er soll all mein Unglück enden. „Denn Gott bat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Zucht“. Und „Ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, daß ihr euch abermals fürchten müßtet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch welchen wir rufen: Abba, lieber Vater!“ Er hilft uns frei — in seiner Freiheit nach seinem Wohlgefallen — aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen. Unter allem Druck doch freien Herzens dürfen wir es glauben: Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, darum fürchten wir uns nicht. Liebe Freunde, es gilt euch, weil es allen Menschen gilt: fürchtet euch nicht! Amen.

Quelle: Evangelische Theologie 7 (1947), S. 337-345.

Hier der Text als pdf.

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