Paul Schempp, Die Profanität des Kultus. Aus Anlass zweier neuer Bücher (1958): „Den sich mehrenden kultischen und liturgischen Anforderungen an die Gemeinden und den gottesdienstlichen Gleichschaltungsverfügungen sollte man doch mit Ernst entgegentreten, damit wir nicht aus dem Willen zu einer deutschen oder lutherischen oder ökumenischen Einheitsfront des Protestantismus in ein säkular-klerikales Theater geraten.“

Die Profanität des Kultus. Aus Anlaß zweier neuer Bücher

Von Paul Schempp

Wenn ein theologisches Buch erstaunliche Belesenheit, mit größter Sorg­falt schaffende Gelehrsamkeit und fröhliche Unbefangenheit in harmoni­scher Verbindung aufweist, so verdient es schon damit eine große Leser­schaft. Wenn es dazuhin beharrlich und geduldig den Weg hin und zu­rück führt von der Sendung und Verheißung der Kirche, des Pfarramts und der Gemeinde, von der Predigt in die kultische Ordnung und in die Möglichkeit und Freiheit vielfältiger Gottesdienste bis in die Gefahren, Versuchungen und Irrtümer der heutigen Praxis und ihrer theoretischen Begründungen hinein, dann kann man dem Leser in Aussicht stellen, daß ihm da aufgehen könnte, wie die frohe Botschaft zur kirchlichen Ordnung ruft und der frohe Glaube zwanglos situations- und zweck­gemäße Ordnungen schafft.

Dies gilt von dem im letzten Jahr im Chr. Kaiser Verlag erschienenen Buch von Manfred Mezger, Die Amtshandlungen der Kirche als Verkündigung, Ordnung und Seelsorge. Band I: Die Begründung der Amtshandlungen (274 S., davon 12 S. Lite­raturverzeichnis; DM 15.80; Band II: Die Gestalt der Amtshandlungen soll 1959 erscheinen, hoffentlich dann mit einem Sachverzeichnis für beide Bände).

Wenn im Amtsblatt der Evangelischen Landeskirche in Württemberg vom 21. Dez. 1957 zu lesen ist, daß als Textrevision des Vaterunsers verfügt wird, in der fünften Bitte künftig nicht mehr von „Schulden“, sondern von „Schuld“ zu sprechen, so wird man diese kleine Änderung als folgerichtige Anpassung an den revidierten Luthertext des Neuen Testaments und als ein winziges Stück der Vereinheitlichung der Kult­sprache innerhalb der E. K. i. D. hinnehmen. Kommt darin nicht evan­gelische Freiheit auch gegenüber dem griechischen Text, der ja bei Mat­thäus wie bei Lukas eine Mehrzahlform aufweist, zum Ausdruck und ebenso auch der Wille zur Gemeinschaft, die sich gerne zur Gleichheit der Formel bewegen läßt? Oder zeugt es etwa von der Entschlossenheit zur Konsolidierung der Gesetzeskirche, daß man auch über den Wort­laut des Herrengebetes verfügt, und von der Trägheit der Pfarrer und Gemeinden, daß sie sich jeder Art von verfügtem Konformismus beugen? Gerade wo die formale Gleichschaltung so einleuchtend und so harmlos erscheint wie in diesem Falle, sollte es doch zu denken geben, daß sie einfach verfügt wird.

Was wurde nicht alles seit dem Kriegsende geredet und geschrieben von Buße und Erneuerung der Kirche und auch vom Mündigwerden der Gemeinden, und wie tatkräftig hat man im Westen unter der Sonne des Wohlwollens von Staat und Parteien und der sogenannten Öffent­lichkeit die erweiterte Lebens- und Einflußsphäre benützt zum sicht­baren Wiederaufbau der Kirche, nicht nur durch Kirchenbauten, sondern noch mehr durch neue Ordnungen, neue Methoden, neue Organisatio­nen und vor allem auch durch Weckung und Befriedigung kultischer Bedürfnisse. Dabei kann man nun wieder geradezu programmatisch gleich­zeitig zwei Wege gehen. Der eine heißt: hinein ins Volk, in die Öffent­lichkeit, in die Presse, in Rundfunk und Fernsehen, in Kino und Thea­ter, in die Berufsschulen, Volkshochschulen und Akademien, in die Fa­briken, in Zelte und Großkundgebungen, in die Politik und das Ge­werkschaftsleben. Der andere Weg heißt: hinein in die Kirchen zur Teil­nahme an den schönen Gottesdiensten in weihevollen Räumen mit viel kultischen Gebärden und Zeremonien und aktiver Beteiligung der Gemein­den, in die kirchlichen Institutionen und Verbände, zu Diskussionen, Tagungen und Werbungsaktionen, hinein in die beglückende Großgemein­schaft gleicher Losungen, Lesungen, Wochenanliegen und Festtagslitur­gien. Beides ist da vereinigt, die Bewegtheit der Kirche durch die Be­triebsamkeit der Fachleute, Funktionäre und Agenten, und der Gleich­schritt der Kirche durch Verwaltung, gesetzliche Regelung und Agenden. Beides ist theologisch leicht zu begründen durch die Sendung der Jünger in die Welt und durch die Mahnung zur Unbeflecktheit von der Welt und zur Einigkeit. Beides ist heute erstaunlich erfolgreich, denn auf dem einen Weg begegnet der Kirche im Westen selten offener Widerspruch, jedenfalls keiner, der zu vergleichen wäre mit den Angriffen von Seiten der Geschiehts- und Naturwissenschaft, der Philosophie, des Sozialismus und politischer Parteien von der Mitte des letzten Jahrhunderts bis zum Dritten Reich. Und auf dem andern Weg wird die Kirche so sehr in An­spruch genommen, daß die Klage über Mangel an Arbeitskräften und Geldmitteln nicht verstummt. Beides macht eine Vermehrung der Ge­setze und Verordnungen, der zentralen Steuerung, des planenden Appa­rates und damit eine Steigerung der Autorität des oberen Klerus fast unvermeidlich. Natürlich ist man sich der Gefahren beider Wege bewußt und man versäumt es nicht, die eigene Wachsamkeit zu betonen. Die eine Gefahr ist die Verweltlichung der Kirche, der sogenannte Säkularismus, die andere ist die Verkirchlichung der Welt, der sogenannte Klerikalismus. Die erste Gefahr scheint heute die kleinere zu sein, denn man glaubt ein besseres theologisches Rüstzeug gegen Liberalisierung zu haben, man ist abwehrbereit gegen wirkliche oder vermeintliche Irrlehre, man braucht wenig Furcht vor Ansteckung durch konkurrenzfähige Ideo­logien zu haben, weil das geistige Trümmerfeld doch noch zu groß ist und die Wissenschaften bis hin zur Archäologie weithin die Neigung zu freundschaftlichen Beziehungen zum Christentum zeigen. Die Gefahr des Säkularismus liegt heute eher in der Bereitwilligkeit der Kirchen, mög­lichst vielen religiösen Bedürfnissen und Ansprüchen der Volksfröm­migkeit Rechnung zu tragen. Und eben hier trifft sie zusammen mit der anderen Gefahr, mit der Tendenz zum Klerikalismus, dessen heftige Ab­leugnung immer unglaubwürdiger wird im Blick etwa auf die groß­zügige Verleihung des Prädikates christlich, auf die konfessionell pari­tätische Ämterverteilung oder auf die wachsende Zahl kirchlicher Weihen und Segnungen, einleitender Gottesdienste, Begrüßungsansprachen und Repräsentationen durch Geistliche bei allen möglichen außerkirchlichen Feierlichkeiten, Treffen und Neuanfängen bis hin zu agendarisch geregel­ten Weihegebeten zu Fabrikneubauten.

Diese Gedanken einer kritischen Analyse des Zeitgeistes und des Kirchentums finden sich nicht etwa in dem angezeigten Buche Mezgers, aber sie bilden einen Hintergrund, der gelegentlich in oder zwischen den Zei­len sichtbar wird, da Mezgers theologische Begründung und Rechtferti­gung der Amtshandlungen scharfe Grenzen gegen die Sakralisierung des Profanen und gegen den Liturgismus und die diesem inhärierende Eigen­mächtigkeit des Kultischen zieht. Mezger geht den schmalen Weg, vom Glauben an das verkündigte und zu verkündigen­de Evangelium rechte Ordnungen des vielfachen gottesdienstlichen Handelns zu suchen, und gibt schon im ersten Band eine Anleitung zu guter Ordnung am Beispiel der Taufe von der Vorbereitung bis zu Liedwahl und zum Segen. Er hat die Gabe, mit sachlicher Überlegenheit in Theologie und Praxis, gelegentlich auch mit einem Schuß Ironie, die Thesen und Argumen­te der Gegner zu entkräften, weil er Verständnis hat für die geheimen und offenen Versuchungen zum Unglauben, die jede Amtshandlung, ob sie in Gebundenheit oder in Freiheit geschieht, mit sich bringt. Es geht ihm um die Herrschaft des Wortes, um den Gottesdienst Gottes über alle amtlichen Handlungen in den Gottesdiensten des Menschen und um das Risiko der Freiheit des Glaubens in allen Ordnungen der Amtshand­lungen. Die Zahl der Bücher ist nicht groß, die so viele Anregungen zum eigenen Denken, Prüfen, Erproben und vor allem zum willigen Arbeiten geben wie dieses, das dazu in flüssigem Stil geschrieben ist (die Fülle der unnötigen Anführungsstriche nehme ich aus). Um so größer ist die Zahl der Pfarrer, die unter der Fülle der Amtshandlungen entweder zu rou­tinierten Zeremonienmeistern oder zu seufzenden Schwerarbeitern zu werden drohen oder geworden sind.

Es ist wohl nirgends deutlicher zu sehen, daß Säkularismus und Kle­rikalismus siamesische Zwillinge sind, als gerade an den Amtshandlun­gen, wenn damit in weitem Sinn der gesamte Kultus der Kirche gemeint ist. Da kann man Rechtsansprüche an das geistliche Handwerk stellen; da kann man Zuschauer oder gar Mitwirkender bei der Ableistung reli­giöser Pflichten sein; da kann man das Profane in sakrale Gewänder kleiden; da kann man sich der eigenen Empfänglichkeit für Religion bewußt werden; da ist man eingereiht in die Menge der Gläubigen oder wartet auf das Einsatzzeichen, nach dem man selber drankommt, irgend etwas feierlich zu bejahen oder zu versprechen; da befindet man sich wohl beim Ablauf altvertrauter Riten oder hat neugierige Augen, weil es doch so schön ist; da bewirkt schon der Anlaß die erforderliche Ein­stellung auf Freude oder Trauer; da wird leicht bald der richtige Ablauf der Handlung, bald die gesteigerte Stimmung zur Garantie für Gottes eigenes Handeln; da ist man aus der unheiligen Welt in den Bezirk des Heiligen getreten und Ort, Zeit, Handlung und Zeichen haben in sich selbst schon den Charakter der Heiligkeit. Weltlichkeit und Kirchlichkeit stellen sich gegenseitig besuchsweise zur Verfügung. Offenbarung ist objektiv darzustellende Gegebenheit oder vorzuführendes Ereignis, und die Welt der guten Gesellschaft hat auch ihren kirchlichen Sektor zur Verwaltung ihres geistlichen Kulturgutes. Es soll ja im Kultus alle Profanität ausgeschlossen und die Sakralität des Gottesdienstes möglichst anschaulich gemacht werden, und gerade diese falsche Absicht, die das Wehen des Geistes in einen Windkanal zwingen und die freie Wirkung des Evangeliums kultisch zu Gunsten der Hörer unterstützen will, bringt den Kultus jeden Augenblick haarscharf an die Grenze des Theaters, der religiösen Dramatik, die sich nur in der Wahl der Stücke und in der Dekoration vom Kult anderer Religionen unterscheidet.

Nicht als ob Kultus in evangelischen Gemeinden verwerflich sei. Er ist ja auf alle Fälle unentbehrlich. Schon wo zwei oder drei gemeinsam beten, ist Kultus, denn sie müssen eins werden darüber, was und wie sie beten. Selbst wo eine Predigt im Freien ohne Gebet, Gesang, Geste und Handlung geschehen würde, wäre Kultus, weil jeder Hörende zu schwei­gen hat, um nicht das Hören der andern zu verhindern.

Es hilft nichts, mit den Antinomern das Gesetz aus der Kirche ins Rathaus hinüberzutragen, nur weil man begriffen hat, daß Christus das Ende des Gesetzes ist. Das Gesetz kommt dann um so sicherer wieder her­über in die Kirche durch die Herrschaft frommer Juristen. Es hilft nichts, mit den Schwärmern den Kultus in der Kirche zu verdammen und Bil­der, Altäre und Kultgeräte zu zerstören, nur weil man begriffen hat, daß Christus das Ende des Kultus ist. Der Kultus, den man so nur in allerlei possierlichen Formen in die Häuser, auf die Gassen und in den Winkel getragen hat, kommt um so sicherer wieder im Selbstbewußtsein der Kerngemein­de der wahrhaft Frommen und Erwählten, die wieder zur Kultgemeinde wird. Mit Christi Tod und Auferstehung ist ein für allemal die Schranke aufgehoben zwischen Juden und Heiden, zwischen Priestern und Laien, zwischen sakralen und profanen Orten, Zeiten und Handlungen. Das Wort allein scheidet Fleisch und Geist, das wahre Israel und die Welt, Priester und Laien, Heilige und Sünder, und der Glaube allein macht Sünder zu Erwählten, zu Priestern und Heiligen. Zugleich entlarvt das Evangelium von Kreuz und Auferstehung den Heiligen als Sünder, Israel als „nicht mein Volk“, den Priester als Laien, den Kultus als Menschenwerk. Wo an Christus, wo Vergebung der Sün­den, Auferstehung und ewiges Leben geglaubt wird, da wird von ver­lorenen und verdammten Menschen geglaubt, die für alles Zusammen­kommen und für alle Gottesdienste bloß die Legitimation der Einladung haben: Kommet her zu mir alle!, aber nicht auch noch die Rückversiche­rung der Erfüllung kultischer Bedingungen. Wenn heute mit etwas ver­dächtigem Eifer im Neuen Testament nach den Anfängen christlichen Kultes geforscht wird, so wird man feststellen: es hat noch nie eine Kir­che ohne Kultus gegeben. Da gibt es in den ersten Gemeinden feste Über­lieferung, Lehre, Taufe, Herrenmahl, freie und formulierte Gebete, Opfer, Bekenntnishymnen, Doxologien, Menschen mit spezifischen gottesdienst­lichen Aufträgen, Zeremonien, aber es gibt keine kultischen Gesetze, und das inmitten einer völlig verkulteten Welt des Judentums und Heiden­tums. Heilig ist Gott, Christus, sein Geist, sein Wort, sein Gebot, und heilig sind die Gemeinden, die Menschen[1], nicht aber Orte, Zeiten, Gegen­stände Gesten, Ämter, Formeln, Handlungen als solche. Alles ist zurückgenommen in die reine Profanität. Wohl wird unbefangen von der heili­gen Schrift, der heiligen Stadt, dem heiligen Berg, dem heiligen Kuß, auch vom heiligen Opfer geredet, aber nirgends ist Heiligkeit eine her­stellbare oder feststellbare oder auch nur erschließbare objektive Eigen­schaft. Nur die Relationen zu Gott, zur Gemeinschaft und zum Nächsten, die in Glaube und Liebe in jeder Situation, aber nur frei vollziehbar sind, sind heilig. Der Neigung, jüdische Kultgenossenschaft zu werden, hat die erste Christenheit ebenso widerstanden wie der lockenden Mög­lichkeit, vom Staat als neue Kultgenossenschaft anerkannt zu werden.

Es ist hier nicht der Ort, von der Reformation und von Luther her den Satz zu beweisen: evangelischer Glaube entkultet den Gottesdienst, indem er einen freien, variablen, vernünftigen, zweckmäßigen, ordent­lichen profanen Kult gemeindlichen Gottesdienstes ermöglicht und je und je verwirklicht. Es sei nur an die bekannten Sätze aus dem Sermon von der Freiheit eines Christenmenschen erinnert: „Alßo hilffet es die seele nichts, ob der leyp heylige kleyder anlegt, wie die priester vnn geystlichen thun, auch nit ob er ynn kirchen vnd heyligen stetten sey. Auch nit ob er mit heyligen dingen umbgah. Auch nit ob er leyplich bette, faste, walle vnd alle gute werck thue, die durch vnd ynn dem leybe geschehen mochten ewiglich.“ „Widderumb schadet es der seelen nichts, ob d’ leyp vnheylige kleyder tregt, an unheyligen orten ist, ißt, trinkt, wallet, bettet nit, vnd lesset alle die wercke onstehen, die die ob­genannten gleyßner thun“ (W. A. 7, 21/22). Oder man lese den „Sermon von dreierlei gutem Leben“ von 1521 (W. A. 7, 795-802), wo Luther so er­frischend von den Mückenseihern, den „Atrienses Sancti“, d. h. den „kirch­höfischen Heiligen“ redet, die „ihre Heiligkeit in die Speise, in Kleider, in Stätte und Zeit gesetzt haben.“ Das ganz profane alltägliche Leben und Handeln ist der Gottesdienst des Christen, und aller Gottesdienst der Ge­meinde ist in Predigt und kultischem Handeln nur Anreiz zum Glauben; „vmb der willen mus man solche ordnunge haben, die noch Christen sollen werden odder stercker werden. Gleich wie eyn Christen der tauffe, des worts vnd sacraments nicht darff als eyn Christen, denn er hats schon alles, sondern als eyn sunder. Aller meyst aber geschichts vmb der eynfeltigen vnnd des iungen volcks willen, wilchs sol vnd mus teglich ynn der schrifft vnd Gottis wort geübt vnd erzogen werden, das sie der schrifft gewonet, geschickt, leufftig vnd kündig drynnen werden, yhren glauben zuuertretten vnd andre mit der zeyt zu leren vnd das reych Christi helffen mehren, vmb solcher willen mus man lesen, singen, pre­digen, schreyben vnd dichten vnd wo es hulfflich vnd fodderlich dazu were, wollt ich lassen mit allen glocken dazu leutten vnd mit allen orgeln pfeyffen vnd alles klingen lassen, was klingen künde“ (W. A. 19, 73). Kann man im Ernst glauben, damit sage Luther das gleiche wie etwa ein Geistlicher, der bei den heute so häufigen Glockenweihen feierlich erklärt, die Glocken übten einen Gottesdienst aus, weil sie zur Versamm­lung und zum Gebet rufen? Sind dazu heute die Glocken wirklich hilf­reich und förderlich? Wen rufen sie tatsächlich zur Kirche? Besteht die Absicht zum Kirchgang nicht fast immer schon vorher, und sagt nicht jede Uhr, wann es Zeit ist? Und wen rufen die Glocken noch zum Gebet? Liegt wirklich viel daran, das alte Brauchtum, beim Glockenläuten be­stimmte Gebete zu sprechen, wieder einzuführen? Judentum und Islam werden wir darin sicher nicht mehr einholen. Warum ist der Spenden­eifer für Glocken in den Gemeinden meist größer als das freudige Ge­ben zur Linderung der Not fremder Menschen? Schön ist Glockengeläute, und der ästhetische Genuß fördert den Stolz auf einen oft fragwürdigen Beweis unverbindlicher Kirchlichkeit oder weckt romantische Heimat­gefühle. Goethe hat wohl durch die Osterglocken seinen Faust vor dem Selbstmord bewahrt werden lassen, aber er ist darum kein Kirchgänger geworden. Und wenn dann ein Krieg das Metall benötigt, zeigen sich die Glocken plötzlich entbehrlich, obwohl ihr Geläute doch Gott dienen soll, was von den Granaten weniger leicht behauptet werden kann. Ist da die liturgische Freiheit mit und ohne Glocken mehr dem Nächsten för­derlich oder mehr einer volkskirchlichen Fiktion? Oder man lese zu der oben angeführten Verfügung über den Wortlaut des Vaterunsers in der gleichen Vorrede zur deutschen Messe (W. A. 19, 72 ff.) Luthers Äuße­rung, es sei nicht seine Meinung, das ganze deutsche Land müsse so eben die Wittenbergische Ordnung annehmen. Dienten Kirchenordnungen einem sakralen Kultus, dann wäre Luthers stete Mahnung zur Freiheit ein Freibrief für liturgisches oder antiliturgisches Schwärmertum oder aber dürfte nur eine selbst sakral gesicherte Instanz Ordnungen einführen oder ändern. Wo kleine Kreise Lust und Freude an liturgischen Exer­zitien haben, mag man’s ihnen wohl gönnen. Vielleicht gehören sie zu den wenigen, die die christliche Freiheit nicht „zu eygner lust odder nutz“, sondern zu Gottes Ehre und des Nächsten Besserung gebrauchen, zu den wenigen, die so stark in Geist und Glauben sind, daß sie tagelang haufen­weise Bibelworte, Gesänge, Gebete und christliche Symbole und Gesten ohne die Mühe der Auslegung verkraften können. Aber den sich meh­renden kultischen und liturgischen Anforderungen an die Gemeinden und den gottesdienstlichen Gleichschaltungsverfügungen sollte man doch mit Ernst entgegentreten, damit wir nicht aus dem Willen zu einer deut­schen oder lutherischen oder ökumenischen Einheitsfront des Protestan­tismus in ein säkular-kleri­kales Theater geraten, in dem Gottes Wort dann auch in klug gefeilten Kundgebungen einen guten Teil seiner Autorität von der Zahl der Konfessionszugehörigen und von der Zu­stim­mung gut geschulter Gemeindesprechchöre entlehnen muß.

Freiheit von der Welt zur Welt, Freiheit vom Gesetz zum Gesetz, Frei­heit vom Kultus zum Kultus ist die Freiheit des Evangeliums. In einer Zeit, in der das Christenvolk sich so ungescheut weigert, sich der Ver­gangenheit zu schämen und rechtschaffene Frucht der Buße zu tun, kann man nicht laut genug davor warnen, den Weg der Verkultung des Gottesdienstes weiterzugehen. Es ist darum ein guter Griff, daß Götz Harbsmeier seine soeben im Chr. Kaiser Verlag erschienene Auf­satzsammlung zur Theologie und Gestalt des Gottesdienstes (1958, 181 S., DM 10,80) betitelt hat „Daß wir die Predigt und sein Wort nicht verachten“, ein Werk, dessen sachliche Auseinandersetzung mit den kultischen Renovationsbestrebungen unserer Zeit und deren Nähe zur römischen Kult- und Mysterienreligion ebenbürtig neben Mezgers systematischer Fundierung steht. Mehr als Zustimmung und Anmerkung zu diesen beiden Büchern wollen die absichtlich etwas geschärften Äuße­rungen dieses Aufsatzes nicht sein.

Kirchliche Ordnung in Gottesdiensten und in allem Kultus der Amts­handlungen ist desto mehr evangelisch, je mehr sie frei, natürlich, schlicht und profan ist und so die Gemeinden, soweit dies menschlicher Ordnung möglich ist, freigibt auch für das Verständnis der Anmut und Würde der fröhlichen Botschaft. Nicht Bundeslade und nicht Tempel, sondern die Verheißung allein läßt uns ruhen und wandern in und aus dieser höchst profanen Welt, „der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kir­che steht“, denn die Gnade allein ist das Kontinuum der Kirche und nicht die fromme und schöne Welt des Kultus, die vergeht mit ihrer Lust.

Quelle: Evangelische Theologie 18 (1958), S. 135-141.


[1] und zwar ganz, bis auf die Hände, 1. Tim. 2,8. Das Prädikat heilig wird aber im Neuen Testament mit Ausnahme von Jesus nicht bestimmten einzelnen Personen erteilt. Mark. 6,20 ist die Meinung des Herodes vom Täufer, und die Stellen 1. Kor. 7,34, Apok. 20,6 u. 22,11 geben die Ein­zahl als abstraktes Kollektivum. Auch Eph. 3,8 ist nur eine scheinbare Ausnahme: Paulus, der Geringste aller Heiligen. Wir sollten es uns abge­wöh­nen, dieses Prädikat mit Personennamen zu verbinden, auch wenn es feste und vor allem kultische Tradition ist.

Hier der Text als pdf.

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