Rudolf Smend über Gerhard von Rad: „Eine „Mitte des Alten Testaments“ lehnte er ab –, sondern die – natürlich kritisch reflektierte – „Nacherzählung“ der alttestamentlichen „Zeugnisse“ in ihrer theologischen Dimension.“

Rad, Gerhard von (1901-1971)

Von Rudolf Smend

1. Leben

Gerhard von Rad stammte aus einer Augsburger Patrizierfamilie. Er wurde am 21. 5 Oktober 1901 in Nürnberg geboren. Nachdem er dort und in Coburg die Schule besucht hatte, entschloß er sich nach anfänglichen Neigungen zur Medizin und zur klassischen Philologie unter dem Einfluß des damaligen St. Lorenz-Pfarrers Wilhelm Stählin (1883-1975) für die Theologie. Er studierte von 1921 bis 1925 in Erlangen und Tübingen. Die beiden akademischen Lehrer, die den Studenten beeindruckten, wenngleich nicht allzutief beeinflußten, waren K. Müller und K. Heim. Zum Alten Testament brachte ihn Georg Merz (1892-1959) mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit der Auseinan­dersetzung mit dem 1921 gegründeten antisemitischen Bund für deutsche Kirche. So schrieb er bei Otto Procksch (1874-1947) in Erlangen eine Dissertation und legte 1928 sowohl das 2. theologische Examen als auch die Lizentiatenprüfung ab. Nach kurzer Tätigkeit als Repetent in Erlangen trat er 1930 die durch den Fortgang M. Noths nach Königsberg freigewordene Assistentenstelle bei A. Alt in Leipzig an. In Alt fand er seinen eigentlichen, aufs höchste verehrten Lehrer. Nach der bereits 1930 er­folgten Habilitation forschte und lehrte er von 1930 bis 1934 in Leipzig als Privatdozent. 1934 wurde er nach Jena berufen, wo er sich ein Jahrzehnt lang in einer von deutsch-christlichen Professoren und Studenten majorisierten Fakultät behaupten mußte. Über die akademische Tätigkeit hinaus diente er der Bekennenden Kirche, indem er in einer ausgedehnten Reise- und Vortragstätigkeit an vielen Orten das Alte Testament auslegte. Das Kriegsende erlebte er als Soldat, über die darauffolgenden Monate in amerikanischer Kriegsgefangenschaft schrieb er einen eindrücklichen Bericht, der nach seinem Tode veröffentlicht wurde. Seine nächste Wirkungsstätte (1945-1949) war Göttingen, wo er viel Resonanz fand, sich aber nicht heimisch fühlte. Es zog ihn nach Süddeutschland. So nahm er, nachdem sich Erlanger und Tübinger Möglichkeiten zerschlagen hatten, 1949 ohne Zögern einen Ruf nach Heidelberg an und trug in der Folgezeit zur Blüte der dortigen theologischen Fakultät Entscheidendes bei. Gesundheitlich geschwächt, ließ er sich 1967 emeritieren. Am 31. Januar 1971 ist er in Heidelberg gestorben.

2. Werk

Unter den deutschsprachigen Exegeten war von Rad eine Ausnahmeerscheinung. Seine zunächst eher autodidaktisch erworbene, dann in der Schule A. Alts systematischer ausgebildete Arbeitsmethode verband sich eng mit ästhetisch-literarischen Neigungen. Er bedurfte unablässiger und vielseitiger Lektüre, kannte sich unter dem Einfluß seiner Mutter von früh auf in Goethes Werken aus und liebte besonders Dichter wie Höl­derlin, Hugo von Hofmannsthal und Rilke; in Jena schloß er eine für beide Seiten anregende Freundschaft mit Ricarda Huch (1864-1947). Dazu kam eine nicht alltägliche musikalische Aufnahme- und Ausdrucksfähigkeit, zu der vielleicht beitrug, daß der Mozartforscher Hermann Abert (1871-1927) sein Pate war. Die wichtigste Komponente seiner geistigen Welt dürfte indessen die lutherische Frömmigkeit und Kirchlichkeit seiner fränkischen Heimat gewesen sein, die ihm allerdings zunächst vor allem in der Abwand­lung durch die freisinnigen Nürnberger Pfarrer Christian Geyer (1862-1929) und Fried­rich Rittelmeyer (1872-1938) vermittelt wurde und zu der bald das Erlebnis von K. Barths Römerbrief hinzutrat. Ziel und Kriterium seiner theologischen Arbeit war die Predigt. Die erst postum gesammelt veröffentlichten Predigten und Predigtmeditatio­nen vermitteln den authentischsten Zugang zu seinem Lebenswerk.

Seine vielfältige literarische Produktion betraf alle Teile des Alten Testaments. Im Vordergrund standen die Geschichtsbücher unter Einschluß des Pentateuchs. Noch vor der Begegnung mit A. Alt, dem leidenschaftlichen Historiker, entdeckte er für sich das „gespannte Hören auf den Gang der Geschichte, das Vermögen, in ihr das Walten Gottes zu sehen und darnach Schlüsse zu ziehen“, als „eine der wichtigsten Besonder­heiten der israelitischen Religion“: unter diesem Gesichtspunkt untersuchte er in seiner Habilitationsschrift Das Geschichtsbild des chronistischen Werkes, das sich ihm gegen J. Wellhausen als mehr von der deuteronomistischen Geschichtsschreibung denn von der Priesterschrift herkommend erwies (1930 [BWANT 54]; Zitat S. 1). Voraus­gegangen war die Dissertation, die das Deuteronomium als eine vom Gedanken des Gottesvolkes geprägte Einheit bestimmte (Das Gottesvolk im Deuteronomium. 1929 [BWANT 47]), und es folgte die Monographie über die Priesterschrift als einen – lite­rarisch nicht einheitlichen – heilsgeschichtlichen Entwurf in der Form von drei konzen­trischen Kreisen: Weltkreis, Noahkreis und abrahamitischer Kreis (Die Priesterschrift im Hexateuch. 1934 [BWANT 65]). Die meiste Beachtung fand unter diesen Monogra­phien die vierte, die den Hexateuch als ein Ganzes zu verstehen versuchte und sich dabei der formgeschichtlichen Hypothese von dem „kleinen geschichtlichen Credo“ be­diente, aus dessen Rezitation beim Wochenfest sich in Kombination mit der beim Laubhüttenfest rezitierten Sinaiüberlieferung in mehreren Stadien, wobei die Literaturwerdung durch den Jahwisten die wichtigste Zäsur bedeutete, unter Erhaltung der entscheidenden Grundmotive die „Letztgestalt“ entwickelt habe (Das formgeschichtli­che Problem des Hexateuchs, 1938 [BWANT 78]). Die Tetralogie der Schriften zu den Geschichtsbüchern ergänzte, in ihrem Zusammenhang konzipiert, aber infolge des Krie­ges nicht mehr wie sie in den Beiträgen zur Wissenschaft vom Alten und Neuen Testament erschienen, der Aufsatz über den Anfang der Geschichtsschreibung im alten Israel (AKuG 32 [1944] 1-42), in dem es vor allem um die Geschichte von der Thronnachfolge Davids ging. Auf der namentlich 1938 sichtbar gewordenen Linie einer Verbindung von Form- und Kultgeschichte arbeitete von Rad nach dem Krieg weiter. In seinen Deuteronomium- Studien von 1947 (FRLANT 58) leitete er den Aufbau des Deuteronomiums von der Liturgie des in Sichem gefeierten „Bundesfestes“ der von M. Noth postulierten Jahwe-Amphiktyonie her, und 1951 interpretierte er den Heiligen Krieg im alten Israel als eine Veranstaltung eben dieser Amphiktyonie (AThANT 20).

Die Summe seiner Arbeit zog er in den beiden Bänden der Theologie des Alten Te­staments (1957-1960). Deren Absicht war nicht die Rekonstruktion eines historischen oder systematischen Zusammenhangs – eine „Mitte des Alten Testaments“ lehnte er ab –, sondern die – natürlich kritisch reflektierte – „Nacherzählung“ der alttestamentlichen „Zeugnisse“ in ihrer theologischen Dimension. In einem gewissen Widerspruch dazu beginnt der erste Band mit einem für die damalige Forschungssituation aufschlußreichen „Abriß der Geschichte des Jahweglaubens und der sakralen Institutionen in Israel“, worauf dann die „Theologie der geschichtlichen Überlieferungen Israels“ folgt; ihr ist, eine weitere Schwäche der Disposition andeutend, unter der Überschrift „Israel vor Jahwe (Die Antwort Israels)“, ein Abschnitt über Psalmen und Weisheit sub­sumiert. Indem erst danach der zweite Band die „Theologie der prophetischen Über­lieferungen“ behandelt, hebt er diese in unerwarteter Schärfe vom übrigen Alten Te­stament ab, während zugleich viel stärker als in der auf Wellhausen folgenden Phase der Exegese die Verwurzelung der Propheten in älterer Tradition postuliert wird. Den Abschluß bildet eine Erörterung des Verhältnisses zwischen dem Alten und dem Neuen Testament, wobei den Kategorien der „Heilsgeschichte“, der „Typologie“ und der diese präzisierenden „Neuinterpretation“ besonderes Gewicht verliehen und manches Mate­rial für die seitherige Diskussion über eine „biblische Theologie“ bereitgestellt wird.

Sein vorwiegend von Geschichte und Kultus her bestimmtes Verständnis des Alten Testaments korrigierte von Rad in seinen letzten Lebensjahren, indem er sich der Weisheit zuwandte. Das Buch von 1970 (Weisheit in Israel) überraschte manche. Doch das Grund­problem, das hinter der einfühlsamen Darstellung stand, war auf anderem Feld doch das gleiche, das den Autor bei der Beschäftigung mit den Geschichtszeugnissen bewegt hatte, ja das seiner ganzen theologischen Existenz ihr Gepräge gab: das Verhältnis des Glaubens zur Wirklichkeit.

3. Wirkung

Als akademischer Lehrer übte von Rad eine ungewöhnliche, von keinem seiner zeitgenössischen alttestamentlichen Fachkollegen erreichte Faszination aus. Vor allen an­deren ist es ihm zuzuschreiben, daß in dem Vierteljahrhundert nach dem Zweiten Welt­krieg das Alte Testament in Deutschland besonders intensiv studiert wurde. Unter seinen Schriften dürfte die Auslegung der Genesis in der Kommentarreihe Das Alte Testament Deutsch die breiteste Wirkung gehabt haben.

Eine lebhafte Debatte lösten die Grundsatzentscheidungen innerhalb der Theologie des Alten Testaments aus. Die meisten Anfragen bezogen sich auf das Verhältnis zwischen Glauben, Überlieferung und Geschichte, auf den Verzicht auf die „Mitte“, auf die be­fürchtete Nivellierung beider Testamente und auf die Vorsicht gegenüber einer „Sach­kritik“, die eine Theologie doch auch zu leisten hätte.

Eine Reihe persönlicher Schüler führte Ansätze des Lehrers vor allem auf dem Gebiet der Formgeschichte weiter aus und ließ hier bald eine gewisse Sättigung eintreten. Im Grundsätzlichen berief sich mit besonderem Nachdruck der 1961 mit dem Stichwort „Offenbarung als Geschichte“ hervorgetretene Kreis um Wolfhart Pannenberg auf von Rad, der aber Distanz wahrte, weil er die Gefahr sah, daß dort „das Wort“ durch „die Geschichte“ neutralisiert würde.

Für von Rad gilt wie für seinen Lehrer Alt und dessen anderen Meisterschüler Noth: einige ihrer zentralen Thesen sind im letzten Vierteljahrhundert außer Kurs gekommen, und dadurch hat sich das Gesicht der alttestamentlichen Wissenschaft verändert. Gleich­wohl dürften alle drei ihren Rang als Klassiker dieser Wissenschaft behalten.

Literatur

Bibliographie: Konrad v. Rabenau: Probleme bibl. Theol. Gerhard v. Rad zum 70. Geburtstag, hg. v. Hans Walter Wolff, München 1971, 665-681. Danach erschienen: Predigten, hg. v. Ursula v. Rad, München 1972. – Predigt-Meditationen, Göttingen 1973. – GSt zum AT II, hg. v. Rudolf Smend, 1973 (TB 48). – Gottes Wirken in Israel. Vortr. zum AT, hg. v. Odil Hannes Steck, München 1974. – Erinnerungen aus der Kriegsgefangenschaft Frühjahr 1945, Neukirchen-Vluyn 1976.

James L. Crenshaw, Gerhard v. Rad, Waco, Tex. 1978; dt: München 1979. — Klaus Koch, Gerhard v. Rad: Tendenzen der Theol. im 20. Jh., hg. v. Hans Jürgen Schultz, Stuttgart 1966, 483 -487. – Rolf Rendtorff, Gerhard v. Rads Beitr. zur atl. Wiss.: ders., GSt zum AT, 1975 (TB 57) 296 – 303.-Rudolf Smend, Dt. Alttestamentler in drei Jahrhunderten, Göttingen 1989,226-254. -Wolfgang Trillhaas, Aufgehobene Vergangenheit, Göttingen 1976,212-214. – Hans Walter Wolff, Gespräch mit Gerhard v. Rad: Probleme bibl. Theol. (s.o.) 648-658. – Ders./Rolf Rendtorff/Wolf­hart Pannenberg, Gerhard v. Rad. Seine Bedeutung f. die Theol., München 1973.

Quelle TRE 28 (1997), S. 89-91.

Hier der Text als pdf.

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