Wie die Luther-Bibel Jeremia 15,19 falsch übersetzt: „Die Worte ‚Wenn du dich zu mir hältst, so will ich mich zu dir halten‘ passen nicht als göttliche Antwort auf die Konfession Jeremias (15,10-18), wo ja der Prophet sein leidvolles Unverhältnis zum HERRN beklagt.“

Wie die Luther-Bibel Jeremia 15,19 falsch übersetzt

Die Tageslosung vom Sonntag, 29. August 2021, ist wieder ein Beispiel für eine Sprachverfehlung der Luther-Bibel 1545/2017: „Der HERR spricht: Wenn du dich zu mir hältst, so will ich mich zu dir halten.“ (Jeremia 15,19). Korrekt heißt es in der Einheitsübersetzung: „Darum – so spricht der HERR: Wenn du umkehrst, lasse ich dich umkehren und wieder vor mir stehen.“ Ähnlich die Zürcher Bibel: „Darum, so spricht der HERR: Wenn du umkehrst, lasse ich dich wieder vor mir stehen.“

Was die Luther-Übersetzung klar verfehlt, ist der Aspekt der göttlich eingeforderten menschlichen Umkehr, die ihre Entsprechung in der göttlichen Zuwendung auf eine persönliche Begegnung hin findet. Stattdessen wird ein konditionales Treueverhältnis auf Gegenseitigkeit (synallagma) beschworen. Die Worte „Wenn du dich zu mir hältst, so will ich mich zu dir halten“ passen nicht als göttliche Antwort auf die Konfession Jeremias (15,10-18), wo ja der Prophet sein leidvolles Unverhältnis zum HERRN beklagt: „Warum dauert mein Leiden ewig und ist meine Wunde so bösartig, dass sie nicht heilen will? Wahrlich, wie ein versiegender Bach bist du mir geworden, ein unzuverlässiges Wasser.“ (Jer 15,18 EÜ)

Hier sei Gerhard von Rads Auslegung von Jeremia 15,16-20 aus seinem Aufsatz „Die Konfessionen Jeremias“ von 1936 aufgeführt:


16. Fanden sich Worte von dir, — ich verschlang sie. Dein Wort war mir Wonne und Herzensfreude, weil ich deinen Namen, Jahwe, trage. 17. Nicht sitz ich im Kreis der Scherzenden fröhlich. Unter deiner Hand sitze ich einsam, denn mit Grimm hast du mich erfüllt. 18. Warum ist mein Schmerz ewig gewrden, bösartig meine Wunde und will nicht heilen? Jahwe, zum Trugbach wurdest du mir, zu wassern auf die kein Verlaß ist.
19. Darauf erwiderte mir Jahwe also: Wenn du umkehrst, laß ich dich wieder mir dienen. Wenn du Edles hervorbringst ohne Gemeines, sollst du als Mund mir dienen. Jene werden sich zu dir hinwenden, du aber sollst dich nicht zu ihnen hinwenden. 20. Dann mache ich dich für dieses Volk zur ehernen steilen Mauer; sie werden wider dich stürmen und dich doch nicht bezwingen, denn ich bin mit dir, dir zu helfen und dich zu erretten.

Formal zerfällt das Stück in zwei Teile, eine Gebetsrede Jeremias, und einen darauf ergangenen Gottesspruch. Schon mit v. 16 sind wir mitten in der Confessio. Die Aussagen sind für alttestamentliches Empfinden ganz ungewöhnlich: Jahwes Worte „verschlang“ er, wo sie ihn erreichten, sie waren ihm „Wonne“ „Herzensfreude“. Sein Verhältnis zur Offenbarung ist — ein nahezu triebhaftes, er spürt ein innerstes Angelegtsein auf Gott, das bis in die physischen wurzeln seiner Existenz hinabreicht. Kein Zweifel; hier redet Jeremia nicht von dem Verhältnis des Menschen zur Offenbarung, sondern allein aus seiner Situation als Prophet heraus. Ja, es gab also für ihn die Möglichkeit eines ganz spontanen prophetischen delectari!

Dieses Ausgerichtetsein auf Gott hat aber eine Rückseite: der ganz und gar zu Gott Hingewandte ist den Menschen abgewandt; gerade seine Offenheit für Gott hat ihn unter den Menschen vereinsamt. Ergreifend ist die Einfachheit, mit der dieses Ge­setz, daß die Gott Zugewandten für die menschliche Geselligkeit verloren sind, hier als gültig anerkannt wird; auch liegt dieser Feststellung jeder Hochmut den Mitmenschen gegenüber völlig fern. Aber Jeremia spinnt an dem Gedanken über seine Ein­samkeit weiter, sie hat noch einen Grund: Jahwe bat ihn „mit Zorn angefüllt“. Hier redet Jeremia von dem Inhalt seiner be­sonderen prophetischen Sendung. Daher rührt also die Störung seines Verhältnisses zu seinen Mitmenschen! Wie von einem Fremdkörper, der in ihn hineingegeben ist, redet der Prophet von diesem Zorn, dessen Träger und Gefäß er nun sein muß. Nun muß er schelten und drohen; er hat sich der Freiheit seiner natürlichen Affekte begeben. Sason an Gott und sa‘am über die Menschen, das ist schon eine Formel, auf die das Propheten­leben Jeremias gebracht werden kann! Dieses Amt von Gott her, das ihm gegeben ist, bereitet ihm aber Leiden, deren Ende nicht abzusehen ist; und dies eben ist’s, wogegen er sich auflehnt; darin sieht er eine Untreue Gottes. Das Wort von dem trügerischen Winterbach ist ein schrecklicher Vorwurf, wie so ein Wasserlauf Herden und Zelte anlockt, so hat Gott Jeremia angelockt; eine Weile ging es gut, — aber dann war es wie ein Getäuschtwerden, ein Vertrauen ist zerbrochen.

Knapp und streng stellt die göttliche Antwort die Bedin­gungen auf, unter welchen Jeremia in sein Prophetenamt zurückkehren kann. Sie ist inhaltlich stark an der Jer. 1,18 orien­tiert; da­durch gerade wird deutlich, daß Jeremia an die Stelle zurückkehren muß, wo Gott mit ihm angefangen hat. Bedeut­sam ist, daß sowohl eine Feststellung, daß Jeremia mit seinen Worten gefehlt habe, wie eine Rüge dieser Worte fehlt; mit dem Augenblick des Einsetzens der göttlichen Antwort ist das selbstverständlich. Gerade in dem Wiederaufnahmeverfahren wird die Tiefe seines Falles offenbar. Er wollte zurück von seinem Prophetenamt, ein Bürger unter Bürgern werden. Das soll er aber nicht. Nicht er soll sich seine Mitmenschen, sondern sie sollen sich ihn zum Richtpunkt machen, sofern er „Edles“ und nicht „Gemeines“ hervorbringt, wir gehen gewiß nicht fehl, wenn wir den merkwürdigen letzten Ausdruck eben auf die ganze vorausgegangene Beschwerde beziehen. „Gemeines“, „Unedles“ in den Augen Gottes war es, daß Jeremia sich sein Propheten­amt wohlgefallen ließ, daß er es aber, als es ihn in Verwick­lungen und Leiden führte, von sich werfen wollte.

Zur Schürzung unseres Problems sei hier nur eine einfache Feststellung gemacht: Gottesrede, d. h. also prophetische Ver­kündigung im strengen Sinn des Wortes, ist hier nur die Ant­wort Jahwes. Mit aller Deutlichkeit ist ja gesagt, daß Jeremia mit den eigentlichen Worten seiner Confessio sein Pro­phetenamt verlassen habe! Ohne dem Fragenkreis näher getre­ten zu sein, können wir doch sagen, daß wir hier Jeremia keines­wegs als Prophet im alten Sinn des Wortes redend hören, — sofern man unter Propheten Männer versteht, die den Anspruch erheben, unmittelbar von Gott her mir einer Verkündigung be­auftragt zu sein. Die Richtung seiner Worte geht nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben, und was er bezeugt, ist primär nicht ein Wort Gottes, sondern seine innere Proble­matik, seine Leiden und seine Verzweiflung.

Hier mein Text als pdf.

2 Kommentare

  1. Will man der Form Luthers nachgehen, könnte man wiedergeben: „Wenn du dich zu mir wendest, so will ich mich zu dir wenden.“ Oder „… will ich dir zugewandt bleiben.“ Letzteres wirkt aber hölzern.

    Hier ist es üblich, zur Beisetzung über den Konfirmationsvers zu predigen. Mehrfach schon hatte ich dabei deutliche Unterschiede zwischen Luther und Segond21 (samt den meisten anderen Ausgaben), habe dann aber den Luther-Text gewählt, weil es dieser Text war, den der Kollege damals einem jungen Menschen mitgegeben hat – auch wenn er ungenau übersetzt war.

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