Martin Luther, Der 127. Psalm ausgelegt allen lieben Freunden in Christo zu Riga und in Livland (1524): „Noch führet Gott sie im Hause und Stadt wie er will, und richtet mit ihnen aus was er will, dass wir ja sehen sollen, dass er für alle Ding sorget und uns nichts nirgend lassen will denn die Erbeit, damit wir nicht meinen, Gott regiere alleine die jungen Kinder in der Wiegen und lasse die Großen sich ihrer Ver­nunft und freies Willens brauchen.

Der 127. Psalm ausgelegt allen lieben Freunden in Christo zu Riga und in Livland (1524)

Von Martin Luther

Gnad und Friede von Gott unserm Vater durch unsern Herrn Jesum Christon. Ich bin längest vermahnet, lieben Freunde, an euch etwas Christlichs zu schreiben, hätte es auch wohl gerne getan, wie ich denn schuldig bin, hat mich aber allerlei gehindert, zu dem dass ich nichts Be­sonders wusste zu schreiben, weil Gott unser Vater euch so reichlich hat begnadet mit sei­nem heiligen Wort, dass ihr euch selbs untereinander künnt beide lehren und ermahnen, stärken und trösten vielleicht bes­ser denn wir. Doch weil solchs von mir begehrt ist, hab ich mir so viel Zeit gestohlen, meinen Geist samt eurem mit eim geist­lichen göttlichen Gesänge zu er­wecken, und furgenommen den 127. Psalm auszulegen.

Und habe das darum getan, dass dieser Psalm zu mal fein die Herzen vom Geiz und Sorge zeitlicher Nahrung und Guts auf den Glauben zu Gott zeucht und kürzlich lehret, wie man sich christlich halten soll, zeitlich Gut zu erwerben und halten. Denn es ist freilich zu vermu­ten, dass wider bei uns noch bei euch das aufgangen Euangelion werde besser haben, denn es zur Zeit Christi und der Aposteln, ja von Anfang der Welt gehabt hat. Denn nicht allein die Evangelisten, sondern auch alle Propheten darüber klagen, dass der Geiz und zeitlicher Güter Sorge fast hindert die Frucht des Evangelii. Es fället das edle Wort Gottes ja mit zu unter die Dörnen und wird erstickt, dass es nicht Frucht bringet, wie uns leider die Erfahrung täglich allzu greiflich zeiget. Und Paulus auch klagt, jdermann suche das Seine, nicht was Jesu Chri­sti ist.

Ich habe nu viel gepredigt und geschrieben, dass man in Städten sollt gute Schulen aufrichten, damit man gelehrte Männer und Weiber aufzöge, daraus christliche gute Pfarrer und Prediger würden, und das Wort Gottes reichlich im Schwank bliebe. So stellet man sich so faul und lässig dazu [361] als wollt jdermann verzweifeln an der Nahrung und zeitlichem Gut, dass mich dunkt, es will dahin kommen, dass beide, Schulmeister, Pfarrer und Prediger werden müssen verge­hen und sich zu Handwerk oder sonst weg tun, dass sie das Wort fahren lassen und sich des Hungers erwehren, gleich wie die Leviten mussten Gottesdienst lassen liegen und akkern, als Nehemias schreibt.

Ists aber nicht ein erbärmlicher Jammer? Bisher hat eine Stadt, die bei vier oder fünfhundert Burger hat, kunnt geben fünf, sechs, sieben hundert Gülden Wert allein den Bettelmünchen, ohn was Bischof, Offizial und ander Schinder, dazu was sonst Betteler und Stationieret ge­raubt haben. Dazu noch heutiges Tages soll wohl eine solche Stadt fünf oder sechs hundert Gülden alleine für Parret jährlich geben, will schwei­gen was Würze, Seiden, Gold, Perlin und des unnützen Dinges kostet, ja was wird Bier und Wein verschlemmet? Dass, wenn mans alles zusammen schlacht, ein solche Stadt jährlich weit über tausend Gülden in den Dreck wirft. Solch arm, elend, verloren Regiment ist itzt in deutschen Landen. Sollte sie aber ein hundert Gülden oder zwei zur guten Schulen und Predigestühl geben, ›Ja da müsst man verarmen und zu Bettler wer­den, da haben wir nichts‹, da regiert Geiz und Sorge der Nah­rung, da will man Hungers sterben.

Was wird aber Gott zuletzt dazu sagen? Er wird das sagen: ›Was der Gottlose furcht, das wird ihm kommen‹ [Spr 10,24], Hunger furchten wir, Hunger wird uns treffen, und wird dafür kein Sorge helfen. Und weil wir ohn alle Not als die ungläubigen Heiden so sorgfältig sind, dass wir sein Wort und Werk nicht fordern mit dem, das er uns dazu geben hat, wird er uns las­sen ein Zeit kommen, dass wir zu sorgen werden gnug haben » und uns dennoch selbs nicht wer­den fordern mügen. Und wenns geschieht, wie sichs anlässt, dass ein grausame Teurung kommt, so geschieht uns recht, denn wir wollens so haben. Vorhin haben wir den Verführern, Pfaffen und München, die unser Mütter, Weiber, Töchter und Schwester geschändet und zu Hum gemacht, die uns mit Frevel und Gewalt unterdruckt haben, dass wir als unter den Teu­feln keichen mussten, und darüber mit giftiger Lehre Leib und Seel ermordt und in die [362] Helle getrieben, denselbigen haben wir nicht alleine gnug aufs uberflüssigst, sondern Land und Leute, Städte und Schlösser geben und zu größern Herrn gemacht, denn wir selber sind oder haben.

Nu uns aber Gott sendet frumme, treue, gelehrte Leut, die zur Zucht und Keuscheit helfen mit Worten und Werken und durch die göttliche Ehe der Hurerei weniger machen, dazu mit allem Fleiß uns an Leib und Seele dienen und zum Himmel die rechte Straße weisen, die lassen wir. Und die wir sollten mit al­ler Kost von der Welt Ende holen, die halten wir schier, wie der reiche Mann den armen Lazarum hielt, und vermügen nu nicht drei frumm, gelehrte, ehliche Prediger zu ernähren, da wir zuvor haben hundert Hurntreiber in aller Pracht erhalten.

Wohlan was Gott daran für Gefallen wird haben, das wer­den wir in der Kürze erfahren. Uns ist nicht zu sagen. So wird er auch wiederum ein Mal die Ohren zu stopfen und nicht hö­ren. Es sind noch etliche auf Erden, wenn die das Haupt legen, so wird sichs finden. Nichts Bes­sers denn nur ein anders und ärgers Papsttum aufgericht, das uns gräulicher verderbe (wo es müglich wäre) denn dies getan hat, als denn ohn Zweifel ge­schehen wird und muss, wo der Jungst Tag nicht drein schlägt. Wir wollen doch betrogen, verführet, geschunden und ge­schändet sein. Wie die Weisheit klagt Proverb. 1. ›Ich rief und ihr wegert euch, recket meine Hand aus und niemand achtets, ihr verschmähet all meinen Rat und lasst meine Strafe fahren. So will ich euer auch lachen, wenn ihr verderbet, und euer spotten, wenn über euch kommt das ihr furchtet. Denn werden sie mir rufen, aber ich werde sie nicht hören. So sollen sie essen von ihren Früchten und von ihrem Rat satt werden‹ [Spr. 1,24-28.31].

Darum will ich noch ein Liedlin solchem Geiz zu Dienst singen, ob noch etliche möchten er­wecket werden, die uns hülfen, den Gottis Zorn länger aufhalten. Und das soll sein dieser Psalm, wilcher hat solche Überschrift: Ein Lied Salomo in der Höhe.

Warum dieser Psalm und etlich mehr heißen ›Lied in der Höhe‹, weiß ich nicht. Etlich meinen darum, dass die Priester und Leviten haben solche [363] Psalm gesungen, wenn sie hinauf in den Tempel gangen sind, auf den Treppen oder Stufen, dar­um nennen sie dieselben Stufenlied oder Treppenlied. Aber das gilt nicht, hat auch keinen Grund noch Anzeigen in der Schrift. Sie haben auch nicht auf den Stufen, sondern im Tem­pel gesungen. Wenn aber Meinen und Dunken sollt gelten, wollt ich also meinen und mich dünken lassen, dass diese Psal­men seien mit hoher Stimm gesungen, gleich wie die Knaben oder Weiber singen gegen die Mann Stimm, und sei eben dasselbige, dass etliche Psalm heißen ›lamnazeah‹, das ist ›hoch gesun­gen‹ etc. Doch weil die Weise der Leviten zu singen ist vergangen, so ists ungewiss, was wir davon sagen, liegt auch nicht große Macht dran, wenn wir nur den Verstand des Psalm recht hätten.

Salomo aber hat diesen Psalmen gemacht und ist nicht al­lein durch den Geist dazu erleucht, sondern als der im täg­lichen Regiment geübt und mit Leuten umgangen, solchs hat manig­fältiglich erfahren, wie vergeblich der Unglaube sich mit Sorgen bemühet, dass er den Bauch versorge, so es doch alles liegt an Gottes Segenen und Behüten. Denn wo er nicht segenet, da hilft keine Erbeit. Wo er nicht behütet, da hilft keine Sorge, und spricht also:

›Wo der Herr das Haus nicht bauet, so erbeiten umsonst, die dran bauen.
Wo der Herr die Stadt nicht behütet, so wachet der Wächter umsonst.
Es ist umsonst, dass ihr früh aufstehet und verziehet das Sitzen und esset das hartselige Brot, denn wem ers gön­net, dem gibt ers schlafend.
Siehe, die Kinder sind das Erbe vom Herrn, und des Leibs Frucht ist das Lohn. Wie die Pfeile in der Hand des Gewaltigen, also sind die Kinder der Jugend.
Wohl dem Mann, der seinen Köcher derselben voll hat, die werden nicht zu schänden, wenn sie reden mit ihren Feinden im Tor‹ [Ps 127,1-5]. [364]

Erstlich müssen wir wissen, dass ›Haus bauen« heißt hie nicht alleine Holz und Steine auf­richten, dass man Wände und Dach, Kammern und Gemach habe, sondern vielmehr alles, was in ein Haus gehört, dass wir auf Deutsch sagen ›haushalten‹, gleich wie Aristoteles schreibt ›Oeconomia‹, das ist von Haushalten, dazu Weib und Kind, Knecht und Magd, Vieh und Fut­ter gehört, gleich wie Exodi 1. [vgl. Ex 1,20-21] Moses schreibt, dass Gott den zwo Ammen wohltat und Häuser bauete, darum dass sie ihn furchten und erwürgeten die Kinder Israel nicht, das ist, er half ihnen, dass sie Männer, Söhne und Töchter, und was dazu gehöret, gnug kriegen. Denn Salo­mo gedenkt eine christliche Ehe zu beschreiben und unterweiset jdermann, wie er ein christ­lich Ehemann und Hausherr sein soll.

Die Vernunft und Welt meinet, ein ehlich Leben und Haushalten solle gehen, wie sie es fur­nehmen, wollen der Sachen mit ihrem Wählen und Erbeiten [365] raten, gerade als sollts durch ihr Erbeit ausgericht werden. Da spricht Salomo nein zu, son­dern ruckt uns hinauf zu Gott und lehret uns solchs alles mit rechtem Glauben von Gott bitten und warten. Und man siehet es auch in der Erfahrung also. Es greifen manchs Mal zwei zur Ehe, die kaum ein Hemd anzuziehen haben, und nähren sich doch so still und fein, dass Lust ist. Wiederum bringen et­lich groß Gut zusammen, und es verschleißt doch unter ihren Händen weg, dass sie kaum sich erhalten.

Item es greifen zwei zusammen aus großer Liebe, und gehet noch ihrem Wundsch und Wahl zu, und haben doch darnach keinen güten Tag miteinander. Etlich haben großen Fleiß und Angst, dass sie gerne Kinder hätten, und kriegen sie nicht. Etlich, die nicht darnach denken, kriegen das Haus voll Kinder. Item etlich suchen still hauszuhalten mit Gesind, so wen­det sichs, dass alles Unglück da ist. Und so fortan gehet es wunderlich zu in der Welt. Wer ists aber, der also mit der Ehe und Haushalten ruemort und kehret es so seltzam? Das ist der da­von hie Salomon sagt: Wo der Herr nicht haushält, da ist das Haushalten verloren. Den Spruch will er wahr machen und er­halten. Darum lässt er in der Welt solche Fäll gehen, auf dass er den Unglauben plage und mache die Vermessenheit der Ver­nunft mit aller Witze und Erbeit zu schänden und dringe sie zum Glauben.

Nu sollte billich dieser Spruch alleine gnugsam reizen zu der Ehe und trösten alle, die drinnen sind, und den Geiz matt machen. Denn das schreckt die jungen Leut von der Ehe, dass sie sehen, wie es so wunderlich zugehet, und sprechen ›Es höret viel in ein Haus‹, Item ›Es lernt sich wohl bei eim Weibe‹. Das macht, sie sehen nicht, wer solchs tut und warum ers tut, und weil menschliche Witze und Kraft hie nicht Vorrat siehet noch helfen kann, will sie nicht hin­an. Darüber fället man denn in Unkeuscheit, so man erausen bleibt, oder in Geiz und Sor­ge, so man hinein kommt. Aber hie stehet der Trost: Lass den Herrn hausbauen und haushal­ten, greif ihm nicht in sein Werk, ihm gebührt darüber zu sorgen, dir aber nicht. Denn wer [366] der Hausherr ist und haushält, den lass sorgen. Gehöret viel in ein Haus, wohlan so ist Gott ja größer denn ein Haus. Der Himmel und Erden füllet, wird ja auch ein Haus füllen kün­den, sonderlich weil er sichs annimmt und lässts von ihm singen.

Was ists nu Wunder, dass viel in ein Haus gehöret, wo Gott nicht Hausherr ist? Weil du den nicht siehest, der das Haus fül­len soll, so müssen währlich alle Winkel ledig scheinen. Wenn du aber ihn ansiehest, so wirstu nimmer gewahr, ob ein Winkel ledig sei, es dunkt dich alles voll sein, und ist auch alles voll. » Ists aber nicht voll, so ists deins Gesichts schuld, gleich wie des Blinden, dass er die Sonnen nicht siehet. Wer aber recht siehet, dem kehret Gott das Wort um, und spricht nicht ›Es gehört viel in ein Haust, sondern ›Es gehet viel aus eim Hause‹. Also sehen wir, dass Haushalten soll und muss im Glauben geschehen, so ist gnug da, dass man erkenne, es liege nicht an un­serm Tun, sondern an Gottes Segen und Beistand.

Aber damit ist nicht zu verstehen, als verböte er zu erbeiten. Arbeiten muss und soll man, aber die Nahrung und des Hau­ses Fülle ja nicht der Erbeit zuschreiben, sondern allein der Güte und dem Segen Gottes. Denn wo mans der Erbeit zuschreibt, so hebt sich also bald der Geiz und Sorge und meinet denn mit viel Erbeit viel zu erwerben. So findet sichs Wider­spiel, dass etlich ungeheur erbeiten und haben doch kaum Brot zu essen, ander tun gemach mit Erbeit, den fleußet es zu. Das macht alles, dass Gott will die Ehre haben, als der alleine gibt alles Gedeihen. Denn wenn du gleich hundert Jahr pflügtest und aller Welt Erbeit tätest, so möch­testu doch nicht einen Halm aus der Erden bringen, sondern Gott ohn alle dein Werk, weil du schläfest, macht aus dem Körnlin einen Halm und viel Körner drauf, wie er will.

Darum will hie Salomon die Erbeit bestätigen, aber doch die Sorge und den Geiz verwerfen. Denn er spricht nicht ›Der Herr bauet das Haus, dass niemand dran erbeiten soll‹, sondern also ›Wo der Herr das Haus nicht bauet, da erbeiten umsonst die es bauern, als sollt er sagen: Er­beiten [367] muss man, aber das ist umsonst, wo die Erbeit alleine ist und sich meinet selbs zu ernähren. Sie tuts nicht, Gott muss es tun. Drum erbeite also, dass du nicht um sonst erbeitest. Denn aber erbeitestu umsonst, wenn du sorgest und auf dein Erbeit dich verlässest, dass sie dich ernähre. Erbeiten gebührt dir, aber Ernähren und Haushalten gehöret Gott alleine zu. Darum musstu weit von einander sondern diese zwei, Erbeiten und Hausbauen oder Ernähren, so weit als Himmel und Er­den, Gott und Mensch von einander sind.

Darum lieset man oft in den Sprüchen Salomonis, wie die Faulen gestraft werden, dass sie nicht wollen erbeiten, und spricht ›Faule Hand verarmet, aber die fleißigen Hände bringen Reichtum‹ [Spr 10,4]. Wilche und dergleichen Sprüche lauten, als lie­ge es an der Erbeit, dass man sich ernähre. So er doch daselbst, wie auch in diesem Psalm spricht: Es liegt an Gottes Segen, und wie man auf Deutsch saget ›Gott bescheret, Gott beredte Dass dies die Meinung sei: Gott hat Adam geboten, sein Brot zu essen im Schweiß seines Angesichts, und will, er soll erbeiten, und ohn Erbeit will er ihm nicht geben. Wiederum will er ihm auch nichts durch seine Erbeit geben, sondern bloß allei­ne durch seine Güte und Segen, dass die Erbeit soll seine Ubunge sein in diesem Leben, das Fleisch zu zwingen. Wo er darinnen ihm gehorsam ist, so will er ihm auch gnug geben 5 und wohl ernähren.

Denn Gott nähret den Menschen auf kein ander Weise denn alle andere Tiere, wie der Psalm spricht ›Er gibt zu essen allem Fleisch, auch den jungen Raben die ihn anrufen‹ [Ps 147,9], Item Psal. 103. ›Aller Augen, Herr, sehen auf dich, und du gibst ihm zu essen zu rechter Zeit, du tust auf deine Hand und sätti­gest alle Tier mit Segen, das ist mit Fülle und Gnüg‹ [Ps 145,15-16; vgl. Ps 104,27-28]. Nu erbeit kein Tier um seine Nahrunge, sondern ein iglichs hat sein Werk, darnach suchts [368] und findet seine Speise. Das Vögelin fleugt und singet, macht Nester und zeuget Jungen, das ist sein Erbeit. Aber davon nähret sichs nicht. Ochsen pflügen, Pferde tragen und streiten, Schaf geben Wolle, Milch und Käse etc., das ist ihr Erbeit. Aber davon nähren sie sich nicht, sondern die Erde trägt Gras und nähret sie durch Gottes Segen. Wie auch Christus selbs Mat. 6[,26]. uns heißt die Vogel ansehen, wie sie nicht säen, ernten noch einsammlen und doch von Gott er­nähret werden, das ist, sie erbeiten wohl ihr Erbeit, aber der Erbeit tun sie keine, davon sie ernähret werden.

Also soll und muss der Mensch auch erbeiten und etwas tun, aber doch daneben wissen, dass ein ander sei der ihn nähre denn seine Erbeit, nämlich göttlicher Segen, wiewohl es scheinet, als nähre ihn seine Erbeit, weil Gott ohn seine Erbeit ihm nichts gibt. Gleich wiewohl das Vöglin nicht säet noch erntet, aber doch müsst es hungers sterben, wo es nicht nach der Speise flöhe und suchte. Dass es aber Speise findet, ist » nicht seiner Erbeit, sondern Gottes Güte. Denn wer hat seine Speise dahin gelegt, dass es sie findet? Ohn Zweifel Gott alleine, wie er spricht Gen. 1[,29-30]. ›Siehe ich hab alles Grünende geben euch zur Speise und allen Tie­ren‹. Summa, wenngleich solchs die Schrift nicht lehret, so beweisets doch die Erfahrung auch, » denn wo Gott nicht hinlegt, da find niemand nichts, und sollt sich alle Welt zu Tod erbeiten und suchen. Das sehen wir mit Augen und greifens mit Händen, noch gläuben wir nicht. Wie­derum wo er nicht zu Rate hält und bewahret, da bleibts nicht, und wenn hundert­tausend Schlosse dafür gelegt wären, es zu­stäubt und zufleugt, dass niemand weiß wo es bleibt.

Denn sage an, wer legt das Silber und Gold in die Berge, dass mans da findent? Wer legt in den Acker solch groß Gut, als erauswächst an Korn, Wein und allerlei Frücht, da alle Tier von leben? Tut das Menschen Erbeit? Jawohl, Erbeit fin­det es wohl, aber Gott muss dahin legen und geben, solls die Erbeit finden. Wer legt die Kraft ins Fleischs, das junget und die Welt [369] voll Vogel, Tier, Fisch etc. geborn wird? Tut das unser Erbeit und Sorge? Noch lang nicht, Gott ist zuvor daselbs und gibt seinen Segen heimlich drinnen, so gehets mit aller Fülle eraus. So finden wirs denn, dass alle unser Erbeit nichts ist denn Gottes Güter finden und auf­heben, nichts aber mügen machen oder erhalten.

Da sehen wir nu, wie Salomo in diesem einigen Vers so kürzlich gelernt hat die aller größte Frage unter Menschenkinden, da man so viel Bücher geschrieben, so viel Sprüche und Weise erfunden hat, den armen Bauch zu ernähren. Wilchs Sa­lomo alles auf einen Haufen verwirft und fassets alles in den Glauben und spricht: Du erbeitest umsonst, wenn du dahin erbeitest, dass du wollest dich ernähren und dein Haus bauen. Du machst dir wohl viel Sorge und Mühe. Aber zugleich mit solcher Vermessenheit und frevelem Unglauben sollt du wohl Gott erzür­nen, dass du nur deste armer werdest und ganz ver­derbest, weil du furnimmst zu tun, dass ihm alleine gebührt zu tun. Und ob dir gelünge, dass du mit solchem Unglauben gleich aller Dinge reich würdest, gelangt dir doch solchs zu » großer Verderbung an der Seelen ewiglich, dass dich Gott lässt verblenden und in deim Unglauben wohl gehen.

Sondern willtu dich fein still und wohl ernähren und recht haushalten, höre zu, nimm ein Er­beit für dich, dass du zu schaffen habst, damit du dein Brot im Schweiß deines Angesichts essest. Darnach sorge du nicht, wie du ernähret werdest und wie solche Erbeit dein Haus baue und halte, gib das alles Gott heim und lass ihn sorgen und bauen, trau ihm dasselbige, er wird dir fein und reichlich furlegen, was deine Erbeit finden soll und dir bringen. Denn wo ers nicht furlegt, da wirstu doch umsonst erbeiten und nichts finden.

Also lehret dieser ganz evangelischer Vers meisterlich den Glauben wider den leidigen Geiz und Bauchs sorge, die itzt leider allenthalben das Euangelion [370] an seiner Frucht hindert. Aus dieses Vers Verstand ist nu der ganz Psalm leicht, und wollen die andern Vers kürzlich auch überlaufen.

›Wo der Herr nicht die Stadt bewahret, da hütet der Wächter umsonst‹. [Ps127,1]

Im ersten Vers hat er den Geiz, Sorge und Unglauben gestraft an eim iglichem Hause in Son­derheit, inn diesem tut er dasselbige an einer ganzen Gemeine. Denn ein ganze Gemeine ist nichts anders denn viel Häuser zusammen. Darin wird auch begriffen allerlei Fürstentum, Hirrschaft und Königreich, und was ein gemeiner Haufe ist. Nu hälts die blinde Welt da­für, weil sie Gott und sein Werk nicht kennet, es stehe bei ihrer Witze, Vernunft und Kraft, dass ein Gemeine oder Hirrschaft gedeihe und bleibe. Darum sammlen sie große Schätze, gießen Büchsen, bauen feste Türn und Mauren, schaffen Harnisch und großen Vorrat, richten kluge Gesetz auf und greifens tap­fer und weißlich an, gehen daher in ihrer Vermessenheit und grußeten Gott nicht einmal drum, gleich wie die täten, die den Turm zu Babylonien baueten.

Die weil sitzt Gott droben und siehet den Menschenkindern zu, wie klüglich und keck sie hinan gehen, und lässt ihm singen aus dem 33. Psalm ›Gott macht zunicht die Anschläge der Volker‹ [Ps 33,10], und aber mal ›Gott weiß der Menschen Gedanken, dass sie unnutze sind‹ [Ps 94,11], und aber mal ›Er nimmt den Fürsten den Mut und gehet wunderlich um mit den Königen auf Erden‹ [Ps 76,13]. Denn er lässt solche Städte und Hirrschaften wohl ein wenig aufsteigen und anfahen. Aber ehe sie sich um­sehen, stößt er sie zu Boden, und gemeiniglich je größer Kö­nigreiche, je ehe. Und ob sie wohl ein wenig im Schwank blei­ben, so ists doch für Gott kaum wie ein Anfang, und ist noch 35 nie keins dahin kommen, da es hinzukommen trachtet.

Wenn man die Historien ansiehet der Königreiche in Assy­rien Babylonien, Persen, Kriechen, Roma und aller anderer, so findet man doch nicht anders drinnen, denn was dieser Vers sagt- Und ist aller ihr Pracht nicht anders denn ein Spiel Gottes, der sie hat lassen ein wenig aufge­hen und immer eins nach dem andern umgestoßen. Und wie sie kurz durch Menschen Witze und Vermessenheit sind aufgestiegen, so sind sie auch noch viel schneller wieder [371] nie­dergefallen. Nicht dass an Leuten, Geld, Gut und allem Vorrat gefeilet hat, sondern dass der rechte Wächter auf höret zu bewahren, und ließ sehen was Menschenwitz und Kraft vermocht ohn sein Wachen und Be­wahren. So fand sichs denn, dass ihr Ding nichts war denn ein eitel Anschlag und unnütz Furnehmen, dass sie nicht mochten halten noch aus fuhren.

Das haben sie auch selbs gefuhlet und bekannt. Denn also schreibt der Heide Virgilius von Troia, dass der tote Hector sprach zu Enea im Schlaf ›Hätte Troia sollt beschützt werden, so wäre sie auch durch meine Hand beschützt worden‹. Und Lucanus ›magnisque negatum Stare diu. Es ist nicht geben, dass die großen Reiche lange bestehen.‹ So gar öffentlich ist Gottes Werk am Tage, noch erkennet man sein nicht, ob man gleich mit dem Kopfe dawider läuft. Also bekennen auch die Kriegsleut, wie dass der Sieg liege nicht an der Menge noch Stärke des Heeres, sondern, wie sie sagen, am Glück. Aber die Schrift sagt, es liegt an Gott, wie Psalmus 23. sagt ›Er ist der Herr, mächtig im Streit‹ [Ps 24,8], und Psal. 33[,17]. ›Er hat nicht Willen an der Stärke der Pferde, und Pferde helfen nicht mit ihrer Stärke, und die Starken mügen ihn nicht helfen‹ etc. Auch Eccle. 9. ›Ich sähe, dass Laufen nicht lag an den Schnellen noch Streit an den Starken‹ [Koh 9,11] etc.

So will nu Salomo mit diesem Vers kürzlich alle Könige, Fürsten, Ratherrn, und was regieren soll, lehren, wie sie sollen ein fein, friedlich, selig Regiment fuhren und behalten, dass wohl zugehe. Nämlich sie sollen zum Ersten wachen und Fleiß tun, als ihr Amt fodert. Denn er spricht hie nicht, dass sie nicht wachen sollen noch fleißig sein, gleich wie er im vorigen Vers nicht die Erbeit verbeut (auch spricht S. Paulus Ro. 12[,8], dass diejenigen, so andern furste­hen, sollen sorgfältig oder fleißig sein), sondern will, dass ihr Wachen nicht vergeblich und ver­loren, sondern nützlich und gut sei. Zum andern, dass sie solch Wachen im Glauben Gott heimstellen und ihn lassen sorgen, wie er behüte, auf dass sie nicht sich vermessen, dass ihre Wache und Fleiß die Stadt bewahre, sondern ohn Sorge seien, dass Gott werde wohl die Stadt bewahren, [372] Land und Leut beschützen. Die Vermessenheit und Sorge tu nur von dem Wa­chen und lass es frei im Glauben dahergehen. Denn wiewohl Gott nichts will bewahren, man tu denn Fleiß und wache, so will er doch nicht, dass man meine, unser Wa­chen und Fleiß tu solchs, wilchs alleine seine Güte und Gnade tut.

Denn der zweier eins muss gewisslich folgen, wo wir wa­chen aus unserm Vertrauen, eint­weder Vermessenheit oder Sorge. Gehet es wohl ab und ist sicher, so vermessen wir uns un­sers Wachens. Gehet es übel und will feilen, so sorgen und zagen und zweifeln wir. Nu will Gott der beider keines lei­den, wider Vermessenheit noch Sorge, dass wir nicht sorgen wenn wir unsicher sind, noch vermessen wenn wir sicher sind, sondern in eim freien richtigem Glauben wachen und tun was unser Amt ist, und eben so wenig sorgen wenns übel gehet, als vermessen wenns wohl gehet. Solchs tut nu niemand denn ein gläubig Herz. Wie David spricht wider die Sorge Psalm. 3[,7]. ›Ich will mich nicht furchten, wenn viel tausend sich um mich machen‹, und Psalm. 26. ›Der Herr schützt mich, für wem soll ich mich furchten? Wenn sich ein Streit wider mich erhübe, so will ich mich auf ihn verlassen‹ [Ps 27,1.3]. Wiederum spricht er wider die Vermessenheit Psal. 43. ›Ich will mich nicht lassen auf meinen Bogen, und mein Schwert wird mir nicht helfen.‹ [Ps 44,7]

Warum heißt er denn erbeiten und wachen und will, das man Mauren, Harnisch und allerlei Vorrat habe, gleich wie er die Kinder Israel hieß Harnisch antun und streiten wider die Kana­niter? Soll man kein Vorrat schaffen, Tor und Fenster of­fen lassen und sich gar nicht wehren, sondern lassen auf sich stechen wie auf die toten Leibe, als die in Machabeorum libro täten? [vgl. 1. Makk 2,34ff] Bei leibe nicht. Du hast gehört itzt, dass Oberkeit soll wachen, [373] fleißig sein und alles tun, was ihrem Amt gebührt, Tor zu schließen, Türn und Mauren bewah­ren, Harnisch anlegen, Vorrat schaffen und sich eben stellen, als wäre kein Gott da und müss­ten sich selbs erretten und selbs regieren, gleich wie ein Hausherr soll erbeiten, als wollt er sich mit der Erbeit ernähren.

Aber da soll er sich für hüten, dass sein Herz je nicht sich verlasse auf solch sein Tun, auch sich vermessen wo es wohl angehet, noch sorgen wo es feilen will, sondern soll all solch Be­reitschaft und Rüstunge lassen unsers Herr Gottes Mummerei sein, darunter her selbs alleine wirke und ausrichte was wir gerne hätten. Denn er solche Rüstunge auch darum befielhet, auf dass er sein Werk darunter verberge und lasse die anlaufen, die sich vermessen, und stärke die, so sich besorgen, auf dass man ihn nicht versuche. Also hat er alle Kriege Davids des Kö­nigs geführt im Alten Testament und des gan­zen Volks Israel, und führet sie auch noch, wo solch gläubige Oberkeit ist. Also hat er Abraham, Isaak und Jakob durch ihre Erbeit reich gemacht etc. Dass man wohl mag sagen, der Weltlauft und sonderlich seiner heiligen Wesen sei Gottes Mum­merei, darunter er sich verbirgt und in der Welt so wunderlich regiert und rumort.

›Es ist vergeblich, dass ihr früh aufstehet und spat niedergehet und esset das hartselige Brot. Denn seinen Lieben gibt er solchs im Schlaf‹. [Ps 127,2]

Das ist alles geredt wider die Vermessenheit und Sorgfältig­keit, als sollt er sagen: Dass ihr früh aufstehet und spat nieder­gehet und meinet, je mehr ihr erbeitet je mehr ihr haben werd, das ist verloren. Denn es muss doch Gottes Segen tun. Und » ob ihr gleich mehr denn ander erwörbet, [374] die nicht so ängstlich tun noch Gut und Hut, so reicht es doch nicht so ferne als der andern, die nicht so ängstlich sind, und verschwindet doch unter den Händen, wie der 36. Psalm sagt ›Es ist besser dem Gerechten ein wenig denn große Güter der Gottlosen‹ [Ps 37,16], und Salomo in seinen Sprüchen ›Es ist besser Kraut mit Liebe denn ein fetter Ochse mit Hass‹ [Spr 15,17].

Dass aber dies die Meinung sei und er hie nicht die Erbeit oder Fleiß verbiete, beweiset sich daraus, dass er sagt ›Und esset das hartselige Brot‹, das ist so viel gesagt: Ihr macht euch eur Brot und Nahrung hart und saur, und ist doch nicht der Erbeit Schuld, sondern euers ängstli­chen ungläubigen Herzen s das nicht gläubt, Gott werde euch ernähren, sondern geilet und treibt und will zuvor Kasten, Beutel, Keller und Boden voll haben und nicht ehe rugen, es wisse denn Vorrat, den es in vielen Jahren nicht müge verzehren. Aber wer Gott gläubt, der sorget nicht für den Morgen, lässt ihm benügen heute und tut sein Erbeit mit Freuden und stillem Herzen, hält sich, wie Christus im Evangelio sagt ›Seid nicht sorgfältig für den mor­gend Tag, denn der morgend Tag wird sein Unglück haben. Es ist gnug, dass ein iglich Tag sein Übel hat‹ [Mt 6,34]. Siehe, diesen wird ihr Nahrung nicht hart noch saur. Denn wiewohl sie auch ihr Brot essen im Schweiß ihres Angesichts äußerlich, so tun sie doch das mit Glau­ben und fröhlichem Gewissen innerlich.

Darnach schleußt er, wie Gott solchs alles gebe und spricht: Sic dabit dilectis suis somno, Solchs alles (beide Haus bauen und Stadt bewahren) das gibt er wie im Schlaf seinen Lieben, das ist, er lässt sie wohl erbeiten und fleißig sein, aber doch so, dass sie nichts sorgen noch vermessen, sondern gehen dahin fröhlich und nehmen sich nichts an, lassens ihm befohlen sein und leben dahin fein still und mit rugigem Herzen, wie einer, der sicher und süß schläft und auch keins Dings sich annimmt und doch fein bewahret und lebendig bleibt. Denn sie haben gnug und müssen gnug haben und bewahret sein, weil sie es Gott heimstellen, wie der 54. Psalm sagt ›Wirf dein Sorge auf den Herrn, der wird dich ernähren‹ [Ps 55,23], und 1. Petri 5. ›Werft alle eure Sorge auf ihn und wisset, dass er für euch sorget‹ [1. Petr 5,7]. Es ist nur zu tun um die leidige Sorge, Geiz und Unglauben, nicht um die Erbeit. [375]

›Siehe, die Kinder sind das Erbe vom Herrn, und die Frucht des Leibs ist das Lohn‹. [Ps 127,3]

Das ist ganz auf ebräische Weise geredt. Erbe vom Herrn und Lohn ist ein Ding, gleich wie Kinder und Frucht des Leibs ein Ding ist, und will also sagen: Was ists nütz, dass ihr so fast sor­get und euch ängstet, wie ihr Gut und Hut überkommet? Sind doch die Kinder, und was von Weibern geborn wird, nicht in euer Gewalt, wilche doch gehören in ein Haus und Stadt. Denn wo nicht Kinder wären und Leibesfrüchte, da würde wi­der Haus noch Stadt bleiben. So denn dieselbigen Gottes Erbe und Lohn (das ist) Gottes Gaben und Geschenk sind, für die ihr doch so fast sorget (und wenn alle Welt mit aller Kraft zu­sammen täte, möcht sie doch nicht machen, dass ein Kind in einichem Leibe eins Weibes empfangen oder geborn würde, sondern es ist alles Gottes Werk alleine): Warum denkt und sorget ihr denn für Gut und Hut, so ihr das nicht habt, für wil­che ihr solch Gut und Hut sucht? So sollt nu ein Haus Vater und Herr billich also sagen: Ich will erbeiten und das Meine tun, aber der die Kinder im Hause und die Leute in der Stadt (die allzumal Leibes Früchte sind) schafft und macht, der wird sie auch nähren und bewahren. Siehe, so würde dem seine Erbeit und jenem sein Wachen nicht saur, und gin­ge fein im Glauben zu.

Das hat auch Christus Matt. 6. (wie fast den ganzen Psalm) gerührt, da er spricht ›Ist der Leib nicht mehr denn die Kleider, und die Seele mehr denn die Speise?‹ [Mt 6,25] als sollt er sa­gen: Sind doch Kinder und Leibesfrüchte nicht in eur Sorge, wie sorget ihr denn für Gut und Hut? Denn wer kann immer mehr sagen, wie das zugehet, dass alle Menschen Kinder aus Weiberfleisch daher kommen? Wer hat solch große Menge Men­schen in das arme Fleisch verborgen und bringts so wunderbarlich eraus? Ohn allein der die Kinder zum Erbe gibt und Leibesfrucht zu Lohn seinen Lieben, wie im Schlafe Gott be­scheret über Nacht, spricht man, und ist je wahrlich wahr. [376]

›Wie die Pfeile in des gewaltigen Hand, also sind die Kinder der Jugend‹. [Ps 127,4]

Er vergleicht die Kinder und Leute den Pfeilen in der Hand eins starken Helden. Derselbige scheußt die Pfeile, wenn und wo er hin will. Also sehen wir auch, wie Gott mit uns um­gehet. Siehe doch drauf, wie seltsam er Mann und Weib zu­sammen paaret, des sich niemand verse­hen möchte, wie kommen sie zu seltsamen Ständen und Wesen, da sie nie nach gerungen ha­ben, dass man Wunder dran siehet, und gemeinig­lich anders hinausgehet, denn es Vater und Mutter und auch ein iglicher selbs bedacht hat, als sollt Gott mit der Tat diesen Vers bekennen und sagen: Ich will aller Menschen Anschläge zunicht machen und mit den Menschenkindern umgehen nach meinem Willen, dass sie in meiner Hand seien wie Pfeile in eins starken Rie­sens. Was hilfts denn viel Sorgen und Anschlahen, wie es mit uns werden soll, so es doch nicht anders wird, denn wie er will? Drum ists das Best, erbeiten und ihn sorgen lassen für das Zukünftige.

Und sonderlich nennet er die Kinder der Jugend, als die noch nicht haushalten noch Wächter in der Stadt sind, die wir meinen ganz und gar unser Klugheit befohlen zu haben. Noch führet er sie im Hause und Stadt wie er will, und richtet mit ihnen aus was er will, dass wir ja sehen sollen, dass er für alle Ding sorget und uns nichts nirgend lassen will denn die Erbeit, damit wir nicht meinen, Gott regiere alleine die jungen Kinder in der Wiegen und lasse die Großen sich ihrer Ver­nunft und freies Willens brauchen. Ja er regiert die Großen (spricht er hie), ja so mächtiglich als die Jungen, sie sind Pfeile in seiner Hand, müssen weben und fahren, wo und wie er will. Es gilt bei ihm gleich Vernunft und Unvernunft, Himmel und Erden, jung und alt, klug und weise.

Ja mit den Klugen und Vernünftigen gehet er wunderlicher um und hat viel mehr mit ihn zu­schaffen, dass er ihr Anschlä­ge und Vernunft zu Narren mache und führe sie anders denn sie furnehmen. Drum laut dieser Vers, dass nicht die Kinder und Früchte des Leibs, wilche er Gottes Erbe und Gabe nen­net, sondern die Kinder der Jugend, die nu groß und vernunftig sind, [377] in der Hand hat wie ein Riese seine Pfeile, so es doch scheinet, als habe er diesel­bigen am wenigsten in der Hand und lasse ihre Vernunft und Witze sie meistern und warte er dieweil der Kinder. Es ist alles zu tun, dass er uns will das Re­giment und Sorge über uns nehmen und wehren, auf dass wir wissen sollen, wie er selbs alleine uns regiere und für uns sor­ge, und uns erbeiten und schaffen unser Ding.

›Wohl dem Mann, der seinen Köcher derselben voll hat, die werden nicht zu schänden, wenn sie mit ihren Feinden reden im Tor‹. [Ps 127,5]

Er wundscht, dass solcher Jugend von Gott geben und erkannt viel seien, denn so stünd es wohl in der Welt. Das ist auch wahr. Soll man allerlei Sachen raten, so muss die Jugend dar­nach gezogen und gehalten werden, die uns nach das Regi­ment und Leben auf Erden soll fuhren. Gleich wie der Riese wohl bestehet und gerüst ist, der seinen Köcher voll Pfeile hat, also ist der Hausherr und die Stadt wohl versehen, die sol­cher Jugend viel hat, von Gott geben. Denn daselbs hält Gott selbs Haus und behütet die Stadt.

Aber solch groß Gnade bleibt nicht ohn Verfolgunge. Denn wo es göttlich zugehet, da muss auch teuflisch Anfechtung sein. Der Unglaub und Geiz der Welt kann solchs nicht leiden, dass man so lehre oder lebe, darum werden solche Hausherrn und Städte nicht an Feinde bleiben, die sie lästern und schän­den. Aber dawider steht hie der Trost, dass sie endlich doch mit Eh­ren bestehen werden und ihre Feinde im Tor (das ist offentlich) zuschanden machen. Er nen­net aber keinen Harnisch noch Waffen, sonder allein das Wort, und spricht ›Sie werden reden mit ihren Feinden im Tor‹, als sollt er sagen: Mit der Lehre werden sie bestehen, dass es recht sei, wie hart auch die Widerwärtigen das anfechten.

Dies will ich eur Liebe, meine heben Freunde in Christo, zur Ermahnung [] geschrieben habe, dass eur Herz mit uns deste fleißiger seien, damit das Euangelion reich und fruchtbar bei uns allen werde in allerlei Verstand und guten Werken. Da wi­der die Frucht des leidigen Unglau­bens, der Geiz, so gewaltiglich ficht. Unser lieber Herr Jesus Christus stärke und helfe uns. Denn so wir noch schwach sind, dass wir für des Bauchs Notdurft nicht können das Sorgen lassen, wie wollen wir das Wüten der Welt, den Tod, Schmach und alles ander Unglück tra­gen? Ja wie wollen wir stehen, wenn nu die falschen Geister an uns kommen, so sich itzt schon regen und anheben? Aber Gott der Vater aller Barmherzigkeit, der sein Wort und Werk bei euch angehaben hat, wollte euer Sinne und Herzen behü­ten in der einfältigen und unver­fälschten Erkenntnis Jesu Christi unsers Heilands, wilchem sei Lob und Dank in Ewigkeit. Amen.

WA 15, 360-378.

Hier der Text als pdf.

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