Hans Joachim Iwands Predigtmeditation zu 1.Mose 4,1-16 (Kain und Abel) von 1954: „Wenn wir vor der Geschichte von Kain und Abel stehen, dann sollten wir eins wissen: nach der Absicht des Verfassers stehen wir an der Quelle, von welcher der unheimliche Blutstrom durch die Jahrhunderte hindurch fließt, der immer aufs neue durch Brudermord, Krieg, Revolution und todbringenden Haß gespeist wird, jener Strom, an dessen Ufern sich die stolzen Weltreiche erheben.“

Predigtmeditation zu 1.Mose 4,1-16 (13. Sonntag nach Trinitatis)

Von Hans Joachim Iwand

Sed illud Dei praeceptum Cain sicut praevicator accepit. Invalescente quippe invidiae vitio fratrem insidiatus occidit. Talis erat terrenae conditor civitatis. Primus itaque fuit terrenae civitatis conditor fratricida.[1]
Augustin. De civ. Dei lib. 5 cap. 7 u. 5.

I.

Wenn wir vor der Geschichte von Kain und Abel stehen[2], dann sollten wir eins wissen: nach der Absicht des Verfassers[3] stehen wir an der Quelle, von welcher der unheimliche Blutstrom durch die Jahrhunderte hindurch fließt, der immer aufs neue durch Brudermord, Krieg, Revolution und todbringenden Haß gespeist wird, jener Strom, an dessen Ufern sich die stolzen Weltreiche erheben. Hier — das will der Verfasser (J.) mit dieser Geschichte sagen, die er aus guten theo­logischen Gründen unmittelbar auf die Vertreibung der Stammeltern aus dem Paradiese folgen läßt — liegt die Quelle des den Weltstaat formenden und treiben­den Geschehens. Denn Kain ist nach 4,17 der „Ahnherr der Städtebauer“ (v. Rad), obschon dies zunächst in einem gewissen Kontrast zu jenem Fluche steht, der ihn „unstet und flüchtig“ macht. Aber morphologisch gesehen ist dieser Kontrast nur ein scheinbarer. „Statt einer Welt eine Stadt, ein Punkt, in dem sich das ganze Leben weiter Länder sammelt, während der Rest verdorrt; statt eines formvollen, mit der Erde verwachsenen Volkes ein neuer Nomade, ein Parasit, der Großstadt­bewohner, der reine, traditionslose, in formlos fluktuierender Masse auftretende Tatsachenmensch, irreligiös, intelligent, unfruchtbar, mit einer tiefen Abneigung gegen das Bauerntum, als ein ungeheurer Schritt zum Anorganischen, zum Ende — was bedeutet das?“ (O. Spengler). Es hat also sein sachlich gutes Recht in dem geschichtlich-konkreten, wenn auch keineswegs mehr historisch konstatierbaren Nexus der menschheitlichen Entwicklung, wenn unserer Erzählung der Stammbaum der Kainiten angeschlossen ist bis hin zu Tubal-Kain, „dem Vater aller Erz- und Eisenschmiede“, denn „das Schwert entsteht daraus und die blutige Rache“ (J. Wellhausen). Jäh stürzt nun der Weg der Menschheit ins Ungewisse hinab und wenn nicht immer wieder Gottes aufhaltende Geduld (Röm. 3,25; 2. Mose 34,6) da­zwischenträte, würde niemand sich zu retten wissen vor den unerbittlichen Folgen seiner heillosen Taten.

Und das dürfte die erste und entscheidende Aufgabe der Verkündigung sein, diese Wurzel des ganzen, vielverschlungenen, seinem Ende und Gericht zu­treibenden Weltgeschehens jedem einzelnen von uns sichtbar zu machen, sie uns so sichtbar zu machen, daß wir zurückgeführt werden aus der Zerstreutheit in viel­fache Probleme der Politik und Gesellschaft auf dies eine, daß wir aus der Zerfahrenheit heraus den Punkt sichten, an dem das Thema der Weltgeschich­te uns nahekommt: wir nicht mehr in seinen Fängen, sondern es ganz in unserer eigenen Hand! „Denn das ist die Botschaft, die ihr von Anfang an gehört hat, daß wir einander lieben sollen. Nicht wie Kain, der aus dem Bösen war und schlachtete seinen Bruder.“ (1.Joh. 3,11f.). Wir haben es wieder in der Hand, seitdem der Nexus von Schuld und Schicksal aufgelöst, seitdem die böse Folge von Brudermord, ruhe­losem Gewissen und Blutrache durchbrochen wurde, wir können es wenden, weil es gewendet ist, seit Jesus Christus und sein Tod in der Mitte stehen, „dessen Blut besser redet als das Blut Abels“. Der objektive Grund des fortwirkenden Fluches ist hinweggenommen, für die Gemeinde ist der Weg freigegeben, in der Kraft des Liebesgottes das Verhältnis von Mensch zu Mensch neu zu gestalten (neu und doch alt! 1.Joh. 2,7), der Unheilsgeschichte der adamitischen Menschheit in der Kraft des neuen Rons und der mit ihm angebrochenen Heilsgeschichte ent­gegenzutreten. Die Sünde, die zwischen Mensch und Gott trat, hat sich folgerichtig auch zwischen Mensch und Mensch eingenistet. Darum, wenn Gott sie aus der Mitte getan hat, wenn er Frieden gemacht hat zwischen sich und den Menschen, müßte sie nun nicht auch von ihrem sekundären Platz weichen? Müß­te der Mensch, der Gott wiedergefunden hat, nicht nun auch den Bruder wiederfinden? „Die Verantwortung vor Gott ist die Verantwortung für den Bruder“ (W. Vischer).

II.

Das zweite, was die Verkündigung zu beachten haben wird, betrifft die Vor­aussetzung, von der aus die Erzählung theologisch gestaltet ist. Danach ist der Mensch eben nicht von Hause aus der Feind seines Mitmenschen! Er ist vielmehr sein Bruder. Daß er ihm zum Feind geworden ist, stammt nicht aus seinem Innern, seiner Anlage, seiner (Raubtier-)Natur, sondern es handelt sich hier ähnlich wie bei dem Ungehorsam gegen den Schöpfer um einen „Fall“, um etwas letzten Endes Unbegreifliches und Unvorstellbares, das zwischen die Menschen getreten ist; alles, was wir hären, atmet noch das Entsetzen über die geschehene Tat, selbst der, durch dessen Hand sie geschehen ist, vermag nicht zu fassen, was er getan hat (v. 13). Wem freilich die Frage nach dem Ursprung des Menschen mit dem Verweis auf das Tierreich erledigt ist, wem sie gleichbedeutend erscheint mit der nach dem „Typus des erfinderischen Raubtiers“ (O. Spengler, Der Mensch und die Technik) oder mit der Aufgabe, „ein Tier heranzuzüchten, das versprechen darf“ (Nietzsche, Genealogie der Moral), der wird unsere Erzählung nie verstehen. Die Verkündi­gung muß begreifen und begreiflich machen, welche Entscheidung in der Lehre vom Menschen damit fällt, daß hier nicht als „Natur“ entschuldigt oder er­klärt wird, was vor Gott, im Lichte seines warnenden Spruchs, als Werk der Sünde offenbar ist. In unserer Erzählung leuchtet noch das Verhältnis von Mensch und Mensch in jener Nähe und Mitmenschlichkeit (K. Barth) auf, wie es von Gott gemeint ist, ehe es von der Sün­de zerrissen wurde. Darum hängt es so eng mit der Vergebung der Sünde zusammen, wenn gerade hier, in der „sozialen Frage“ (Frey), das neue Leben einsetzt: „wir sind aus dem Tode ins Leben ge­kommen, denn wir lieben die Brüder“ (1.Joh. 3,14).

Was aber von diesem erstmaligen Faktum vergossenen Menschenblutes zu sagen wäre, das gilt nicht weniger von der Tat selbst und ihren Folgen. Kuch hier müssen wir umlernen, „libe­rum arbitrium post peccatum res est de solo titulo“ (Luther)[4]. Kain ist ein Gefangener seiner Tat. Als der von der Sünde Betrogene (Röm.7,11), von ihr Überfallene und Überwältigte steht er vor uns. Die Folgen seiner Tat sind hinter ihm her, ohne daß er Macht hätte, sich von ihnen zu lösen. Der Mitwisser seiner Untat auf Erden ist zwar stumm, aber Gott lebt. Der ein­same, herrische, gewalttätige Mensch, der die Erde für sich allein beansprucht, der das Nebeneinander des anderen, schwächeren, aber Gott wohlgefälligen Mit­menschen nicht ertragen kann, kann sich zwar durch den Mord von dieser lästigen Gegenwart des Bruder Mensch befreien, aber „allein“ ist er darum noch lange nicht. Er ist jetzt nur allein mit der Stimme Gottes, die ihn zu finden weiß, von da aus, aus dieser unheimlichen Nähe und Ferne zugleich, ist die Stimme des Toten um ihn und hinter ihm her. „putas sanguinem fratis tui terra esse tectum, sed profecto non sic tectus et absorptus est, quin de terra clamet ad Deum“ (Luther)[5]. Der Versuch Kains, auszuweichen in das bloße Dasein, in das Nomadenhafte und Unzusammenhängende des Momenthaften, Ungeschichtlichen, gelingt nicht[6]. Die Schuld identifiziert ihn mit seiner Tat, er bleibt fortan der durch seine Tat Ge­zeichnete[7]. So fällt auch im Hinblick auf die Folgen die Illusion, von der wir Menschen im Akt der Übertretung geblendet sind: der schuldig gewordene Mensch erkennt, daß er nicht mehr frei ist (Joh. 8,34). von nun an regiert seine Vergangenheit über seine Zukunft. Freilich fallen Tat und Erkenntnis der Sünde nicht sofort in eins, wo aber Erkenntnis der Sünde aufbricht, die Sünde also nicht mehr „vor der Türe schlummert“, sondern wir ihres wahren Antlitzes gewahr werden, da bedeutet sie Erkenntnis unserer Verlorenheit. Die Tat ist in ihren Folgen unserer Macht entglitten und wir müssen uns hinfort fürchten. „Der Mörder fürchtet überall den Rächer“ (Dillmann). Die Freiheit, in welcher der Verwegene meinte, jenseits von Gut und Böse zu stehen, diese Vermessenheit weicht und macht der Einsicht in das Tragische, macht dem Schmerz des Unabänder­lichen Raum. Daß dies nicht Buße ist im Sinne echter Umkehr zum Glauben, haben die Reformatoren aufs deutlichste herausgestrichen, „ita Cain hoc loco sentit poenam; plus autem de poena quam de culpa dolet, sicut omnes desperati faciunt“ (Luther)[8]. „Vergehung schließt hier wie oft die notwendige Folge, Schuld und Strafe in sich“ (Dillmann). Diese Strafe aber liegt darin, daß nun die Erde das Hegende und Bergende, das Heimatliche für Kain verliert und er „unstet und flüchtig“ wird, wenn Mt. 8,20 der Menschensohn von sich sagt, daß er nicht habe, wo er sein Haupt hinlege, so könnte darin eine Erinnerung liegen an den Kainsfluch, den er getragen, da er das Menschenlos auf sich nahm (Phil. 2,7). Nur wird man auch hier beachten müssen, daß das Schuldbekenntnis im Munde Kains nicht confessio im Sinne des Ps. 51,6 bedeutet. Es ist vielmehr die Konstatierung des Verzweifelten, der sich genötigt sieht, mit dem Unabänderlichen zu rechnen und sein Schicksal im Sinne der Tragik auf sich nimmt. Genau das ist der Unglaube.

III.

Gleich auf den ersten Seiten der Bibel begegnet uns das „Ärgernis“ der freien Gnade Gottes. Die predigt über unseren Text würde nicht recht tun, wenn sie es umginge. Es taucht ja sowieso immer von neuem auf. Es taucht überall da auf, wo wirklich von der Gnade Gottes die Rede ist. „So liegt es nun nicht an jemandes wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen“ (Röm. 9,16). Oder man kann es noch anders ausdrücken: auf den ersten Seiten der Bibel wird ein­deutig herausgestellt, daß es vor Gott „kein Ansehen der Person gibt“ (Röm. 2,11; Eph. 6,9; Apg. 10,34), daß es nicht an unserem Opfer liegt noch an der Haltung, in der wir es darbringen, sondern allein an seinem Erbarmen, wenn Gott uns annimmt. Freilich darf man nun auch umgekehrt Gott nicht wie einen Tyrannen verstehen, der dem einen seine Gunst zuwendet, sie dem anderen entzieht, als ob er Launen und Willkür über sich regieren ließe. Sondern Gott sieht das Herz an. Mit dem nicht angenommenen Opfer, äußerlich vielleicht da­durch kenntlich, daß sein Rauch nicht nach oben stieg — „aber der Zug bleibt ganz unbetont“ (v. Rad) — zeigt Gott Kain an, daß er ihm nicht angenehm ist. Immer wieder ist es der Erst­geborene, der verworfen wird, der, auf dem der besondere Stolz der Mutter ruht. Als wäre damit bereits etwas vorweggenommen von jener großen Umkehrung der Erwählten und Nichterwählten, die sich in Jesus Christus selbst vollzog. Man wird auch beachten müssen, daß Hebr. 11,4 Abel unter den Glaubenszeugen auf­zählt — „im Glauben brachte Abel ein größeres Opfer als Kain“ —, daß es also dem gesamtbiblischen Denken gegenüber falsch wäre, die Menschen Gott gegen­über wie willenlose, determinierte Wesen aufzufassen. Gott ist es nicht, der etwa durch sein Wohlgefallen an Übels Opfer und sein Mißfallen an dem Opfer Kains erst das böse Herz in Kain „schüfe“, wohl aber gibt es eine besondere Situation, bei welcher der Mensch nach der innersten Ausrichtung seines Herzens offenbar wird: eben dann, wenn er Zeuge sein soll, wie Gottes Gnade nicht ihn, sondern den anderen erwählt, der in seinen Augen der Nachgeordnete, wenn nicht der Minder­wertige ist. Darum können die Frommen nicht ohne Murren mitansehen, wie Jesus mit den „Sündern und Zöllnern ißt“ (Lk. 15,2; 5,30). In Abels Erwählung wird — wegen seines Grimms — Kain als der offenbar, der der Gnade Gottes widersteht! Der sich an ihr ärgert! „Denn wo nicht rechter Glaube ist, da siehet ge­wiß das Herz Gott mit scheelen Augen an und denket: ich wollte, daß Gott nicht Gott wäre“ (Luther, zitiert bei W. Vischer, Christuszeugnis, S. 89). Kain steht also an dem nämlichen Ort, wo hernach Esau und Saul, wo die Pharisäer und Schriftgelehrten, wo der Bruder, der im Hause blieb (Lk. 15), und wo schließlich Judas stehen werden. Sie alle sind an diesem ihrem Standort zuschanden ge­worden. Es ist der Standort dessen, der Gott die Zuwendung seines gnadenvollen Angesichts (vgl. 2. Kor. 4,6) nicht anheim gibt, der selbst bestimmen will, wem Gott gnädig sein soll und wem nicht. So bricht jener „pharisäische“ Zug im Menschen auf im Verhältnis zu seinem Bruder und er ist es, der das furchtbare Geschehen des Mordes am Bruder auslöst, „furor pharisaeicus est furor plane diabolicus“ (Luther z. St. vgl. v. Rad, ATD, S. 89). vielleicht ergibt sich von hier aus auch eine passende Deutung jener wahrscheinlich nicht ganz im ursprüng­lichen Sinn erhaltenen V. 6-8. Denn hier wird offensichtlich unterschieden zwischen der Gesinnung Kains, der sein Angesicht nicht mehr erhebt, also mit diesem Gott, der Abel ins Licht seiner Gnade stellt, zerfallen ist, und der „vor der Tür lauernden Sünde“. So wie das höchste Gebot Gott und Mensch umspannt, so muß auch der Zerfall des Menschen mit Gott ihn wehrlos machen für die „lauernde Sünde“, die wie eine schlafende Bestie auf die Gelegenheit wartet, sich, seiner zu bemächtigen. Nur fällt auf, daß unsere Erzählung Gottes Gebot und Warnung nicht mit dem Zeichen der Hoffnungslosigkeit versieht, sondern im Gegenteil, indem es an den Menschen ergeht und ihn an die Sünde und seine Bedrohtheit durch sie erinnert, spricht sie ihn als den Sieger an; die Sünde wird nicht als peccatum regnans, sondern peccatum regnatum von Gottes Gebot ins Auge gefaßt. Der War­nung Gottes wohnt also die Verheißung der Überlegenheit, der Herrschaft des Menschen über die Sünde inne. Daß Bain nicht Erbe und Träger dieser Ver­heißung wird, daß er trotz der Warnung Gottes der Sünde Kaum gibt — das eben macht sie als geschehene größer, als daß sie ihm vergeben werden könnte, hat sich der Mensch erst einmal ganz von Gott abgewandt, dann muß er unterliegen im Kampf mit der Sünde.

IV.

Daß Gott dennoch nicht den Tod des Gottlosen will, sondern daß „er sich be­kehre und lebe“ (Hes. 18,23), genau dies, nicht weniger als dies, bedeutet das Kains­zeichen[9]. Der heimatlos gewordene Kain, von der Erde Gottes (das dürfte wohl mehr sein als bloß die Heimat) hinwegverflucht, herausgeworfen aus seinem Stand als Landmann, bleibt dennoch unter Gottes Schutz. Das Kainszeichen, wohl eine Art Tätowierung, ist ein Zeichen, durch welches der schuldig gewordene Mensch geschützt ist vor der Blutrache, vor dem ins Endlose um sich greifenden Fortgang dieses hier einsetzenden Prozesses. Man wird erst hier ganz deutlich sagen können, was eigentlich dieser Mord bedeutet: hiermit nimmt der Mensch den Tod in seine Hand und wendet ihn als Waffe gegen den Menschen, der Mörder ist darum so furchterregend und seine Tat ist so furchtbar, weil hier der Mensch den Tod eigen­mächtig handhabt. Kain ist der erste Mensch, von dem uns das berichtet wird. Er weiß nicht, daß er damit sich selbst, sei­ne eigene Existenz auf Erden, wurzellos macht und gefährdet. Der von ihm selbst als menschliche Tat in Szene gesetzte Mord bedroht ihn weiterhin auf Schritt und Tritt. Die Erde, Gottes Erde, hat Menschen­blut getrunken, darum ist Unfriede gesetzt zwischen Kain und der Stätte, die ihn eigentlich behüten könnte. In Wahrheit hat er seine Hut verloren, als er es von sich wies, seines Bruders Hüter zu sein. In dem Moment, da der Mensch bei seinem Bruder nicht mehr behütet, sondern bedroht ist, verliert er das Heimatrecht auf Erden. Nicht Gott hat ihn, sondern er selbst hat sich mit dem vergossenen Blut des Bruders um den irdischen Frieden gebracht.

Es ist kaum noch nötig zu sagen, daß hier jene Sehnsucht und Frage aufbricht nach dem Menschen, bei welchem wir behütet sind, durch den und in dem wir als Menschen auch in unserem gesellschaftlichen und politischen Miteinandersein be­hütet sind, also nicht nur im Verhältnis zu uns selbst, sondern in dem zum Bruder! Das NT weiß um diese Hoffnung. Hes. 34,23; Jes. 9,5; 42,5ff.; Jer. 31,31. Und das NT verkündet, daß sie in Jesus von Nazareth erfüllt und die Ge­meinde Träger dieser Erfüllung ist. Es wäre gut, wenn auch wir uns von dieser Verheißung ausrichten ließen, denn wenn ein Thema heute aktuell ist und vor ihm die Mächtigen und die Ohnmächtigen, die Negierenden und die Regierten erzittern, dann ist es das auf den ersten Seiten der Bibel angeschlagene von Kain und Abel. Es ist die hohe Zeit, daß wir begreifen, daß der Mensch nicht der Hüter des Menschen sein kann — es sei denn der eine Mensch, der sich selbst als der gute Hirte bezeichnet, weil er sein Leben gelassen hat für seine Schafe.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Predigtmeditationen, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1963, S. 409-414.


[1] „Indes Kain nahm Gottes Gebot hin wie einer, der es mit der Gegenpartei (d. h. mit der Sünde) hält. Das Laster des Neides gewann die Überhand, er stellte seinem Bruder nach und erschlug ihn. Von der Art war der Gründer des Weltstaates. Der erste Gründer des Weltstaates war also ein Brudermörder.“ Augustin bezieht sich dabei auch auf die Sage von Romulus und Remus, denn „auch hier hat Bruderblut die ersten Mauern gerötet“ (Lucanus, Pharsalia. Schilderung des römischen Bürgerkrieges zur Zeit Caesars).

[2] Die Urvätergeschichten der Genesis haben in letzter Zeit ausgezeichnete Bearbeitungen von seiten der alttestamentlichen Wissenschaft erfahren, Wilhelm Vischer, Christuszeugnis des AT. Ders., Jahwe, der Gott Kains. Hellmuth Frey, Das Buch der Anfänge. Walther Zimmerli, Die biblische Urgeschichte. 1.Buch Moses 1-11 (Prophezei). Gerhard von Rad, Das erste Buch Mose (ATD), vgl. auch Kain und Abel, Frankfurter Hefte, Juli 1954. Immer noch bedeutsam bleibt Hermann Gunkel, Genesis.

[3] „Beim Jahwisten ist Gottes Handeln doch wesentlich anders gesehen (als im alten, vordavidischen Israel) … Er sieht Gottes Hand gleicherweise in den Dingen der großen Geschichte wie in dem stillen Ablauf eines Menschenlebens, in den sakralen Dingen, aber nicht weniger in den profanen … mit einem Wort: das Schwergewicht von Gottes Handeln liegt mit einem Male jenseits der sakralen Institutionen“ (v. Rad, 1.Buch Mose 1-11, S. 20ff. Das theologische Problem des Jahwisten).

[4] Nach dem Sündenfall ist der freie Wille ein leerer Begriff.

[5] Du meinst, das Blut deines Bruders sei mit Erde bedeckt, aber tatsächlich ist es nicht so bedeckt und aufgesogen, daß es nicht von der Erde zu Gott schriee.

[6] Vgl. Macbeth I, 7: Wär’s abgetan, sobald’s getan ist, dann wär’s gut, man tät es eilig; — wenn der Meuchelmord aus seinem Netz aussperren könnt die Folgen und nur Gelingen aus der Tiefe zöge, daß mit dem Stoß, einmal für immer, alles sich abgeschlossen hätte, — hier nur hier — auf dieser Schülerbank der Gegenwart — so setzt ich weg mich übers künft’ge Leben. Vgl. die ganze Stelle.

[7] „Das Kainszeichen ist Brandmarke und Schutzmarke in einem“ (W. Vischer). Der so gezeichnete Mensch ist gerade um seiner Schuld willen Gott verfallen. So steht er gerade als der Schuldige in Gottes Hand — ep’ elpídi par’ elpída.

[8] So empfindet Kain an dieser Stelle die Strafe; aber er empfindet größeren Schmerz um die Strafe als um die Schuld, wie es alle verzweifelten tun.

[9] Eine gute Darstellung der Forschung zum Thema des Kainszeichens bietet Karl A. Keller: „Das Wort OTH als Offenbarungszeichen Gottes“, Basel 1946, S. 69ff. Es ist eine lange und interessante Forschungsgeschichte seit Stades erstem Aufsatz über „Kain und das Kainszeichen“, 1894 (1907 Wiederabdruck in Red. u. Abhandl.), bis hin zu Mowinckel und v. Rad, vgl. dazu vor allem W. Vischer, S. 92. „So ist Kain durch dieses Zeichen als Jahwes Eigentum gestempelt, und man möchte gern seinen Namen mit Ed. Meyer aus dem Arabischen erklären und als Kurzform von quain-el, d. h. Gottessklave verstehen.“ Kain ist nun verdammt, „ein Leben zu leben, das sich abspielt auf der Messers Schneide, zwischen Leben dürfen und Sterben müssen“ (Barth).

Hier der Text als pdf.

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