André Gide, Die Rückkehr des verlorenen Sohnes: „Der verlorene Sohn senkt wieder seine Stirn, die die Mutter sanft strei­chelt. »Was wirst du jetzt tun?« »Ich habe es dir gesagt: mir Müh geben, meinem großen Bruder ähn­lich zu werden; unsere Güter verwal­ten; eine Frau nehmen, wie er.« »Sicher denkst du an jemanden, wenn du das sagst.«“

Die Rückkehr des verlorenen Sohnes

Von André Gide

Übertragen von Rainer Maria Rilke

Insel Verlag Leipzig 1914

Ich habe hier, wie man es bei den alten Altartafeln tat, zu meiner ver­schwiegenen Freude, das Gleichnis gemalt, das unser Herr Jesus Christus uns erzählt hat. Die zwiefältige Ein­gebung habe ich verteilt gelassen und zusammengefaßt, wie sie mich an­trieb; ich suche nicht, den Sieg irgend­eines Gottes über mich zu erweisen – auch keinen meinigen Sieg. Wenn aber der Leser einige Frömmigkeit von mir fordert, es möchte sein, daß er sie gleichwohl in meinem Bilde fände, da ich mich, gleich einem Stif­ter in der Ecke des Gemäldes, darin angebracht habe, auf den Knieen, ein Gegenstück zum verlorenen Sohn, wie er zugleich lächelnd und mit von Tränen triefendem Antlitz.

DER VERLORENE SOHN

Wenn der verlorene Sohn, nach einer langen Abwesenheit und wie am Ende seiner Neigung zu sich selbst, auf dem Grunde dieser Entbehrnis, die ersuch­te, an das Antlitz seines Vaters denkt, an das nicht beengte Zimmer, wo seine Mutter sich über sein Bett beug­te, an den Garten, getränkt von flie­ßendem Wasser, aber umschlossen, und aus dem zu entweichen er immer begierig war, an den sparsamen älte­ren Bruder, den er nie geliebt hat, der aber, abwar­tend, noch den Teil seiner Güter zurückhält, den er, im Ver­schwenden nicht los werden konnte –:

So gesteht sich der Sohn, daß er das Glück nicht gefunden hat, ja, daß er nicht einmal im­stande war, jene Trunkenheit lange auszudehnen, die er an Glückes Statt suchte. Ah, denkt er, wenn mein Vater, erst so gereizt gegen mich, mich tot geglaubt hat, vielleicht, trotz meiner Sünde, war er froh, mich wiederzusehn; ah, zurück­kehrend zu ihm, ganz unterwürfig, die Stirne gesenkt und Asche darauf, wenn ich, mich beugend vor ihm, sagte: »Mein Vater, ich habe gesün­digt wider den Himmel und wider dich«, was würde ich tun, wenn er dann, mit der Hand mich aufhebend, antwortete: »Tritt ein in das Haus, mein Sohn?« – Und schon, andäch­tig, macht der Sohn sich auf. Da die Hü­gel fort sind, und er endlich Rauch von den Dächern des Hauses sieht, ist es Abend. Aber er erwartet die Schat­ten der Nacht, daß sie ein wenig sein Elend verschleiern. Er hört in der Ferne die Stimme seines Vaters; seine Kniee geben nach. Er fällt und be­deckt mit den Händen sein Gesicht, denn er schämt sich für seine Scham, im Bewußtsein, der rechtmäßige Sohn zu sein, trotzdem. Er hat Hun­ger; und hat höchstens in einer Falte seines zerschlissenen Mantels eine Handvoll süßer Eicheln, solche, wie sie ihm zur Nahrung wurden, genau wie den Schweinen, die er hütete. Er erkennt die Vorbereitungen zum Abendessen. Er unterscheidet seine Mutter, wie sie heraustritt auf den Vorplatz … es hält ihn nicht länger, laufend stürzt er den Hügel hinab, tritt in den Hof, angebellt von seinem Hund, der ihn nicht erkennt. Er will zu den Leuten sprechen, die aber ziehn sich mißtrauisch zurück, gehn dem Herrn sagen.

Kein Zweifel, er hat den verlorenen Sohn erwartet, denn er erkennt ihn sofort. Seine Arme öffnen sich; da kniet sich das Kind vor ihm hin und verbirgt mit dem einen Arm seine Stirn und schreit zu ihm und hebt, auf die Verzeihung zu, die rechte Hand empor:

»Mein Vater! Mein Vater, ich habe mich schwer vergangen gegen den Himmel und gegen dich. Ich bin nicht mehr würdig, daß du mich beim Namen nennest; aber wenigstens, als deiner Knechte einen, den letzten, in einem Winkel unseres Hauses, laß mich leben …«

Der Vater hebt ihn auf und faßt ihn fest: »Mein Sohn! Mein Sohn! Sei der Tag gesegnet, da du mir wiederkehrst!« Und seine Freude, aus dem Herzen überfließend, weint. Er hebt das Haupt von der Stirn seines Sohns, der geküßten, und wendet sich an die Leute:

»Bringt das schönste Kleid, tut ihm Schuhe an seine Füße und einen kost­baren Ring an seinen Finger. Sucht in den Ställen das fetteste Kalb aus und tötet es. Richtet ein Freudenfest, denn der Sohn, den ich totgesagt habe, lebt.«

Und wie die Nachricht schon herum­kommt, läuft er. Er will nicht zuge­ben, daß ein anderer sage:

»Mutter, der Sohn, um den wir wein­ten, ist uns wiedergegeben.«

Die allgemeine Freude wird zur Sorge für den ältesten Sohn. Wenn er sich wirklich an den gemeinsamen Tisch setzt, so geschiehts auf die Aufforde­rung des Vaters hin, gedrängt von ihm, fast gezwungen. Er allein unter allen Tischgenossen (denn bis zum Geringsten, alle sind geladen) trägt Zorn zur Schau auf seiner Stirn: Warum für den reuigen Sünder mehr Ehre als für ihn, der nie gesündigt hat? Er hält von geregelter Ordnung mehr als von der Liebe. Sein Erschei­nen beim Fest will nur sagen, daß er dem Bruder Kredit gibt und ihm Freude borgt für einen Abend; auch haben Vater und Mutter ihm verspro­chen, dem Ausbund morgen ins Ge­wissen zu reden, und er selbst ist entschlossen, ihn strenge vorzu­nehmen.

Das Mahl ist zu Ende. Die Leute haben abgeräumt. Und jetzt in der Nacht, in der nicht ein Hauch sich rührt, wird das müde Haus schlafen.

DER VERWEIS DES VATERS

Mein Gott, wie ein Kind knie ich heute vor dir, das Gesicht triefend von Tränen. Ich besänne mich nicht auf dein dringendes Gleichnis und schriebe es nicht hier auf, wenn ich nicht wüßte, wer dein verlorener Sohn war; wenn ich mich nicht sähe in ihm; wenn ich die Worte nicht manchmal in mir hörte und sie heim­lich wiederholte, diese Worte, die du ihn schreien läßt aus der Tiefe seiner großen Not: »Wieviel Tagelöhner meines Vaters haben bei ihm Brot im Überfluß, und ich sterbe vor Hunger!«

Ich stelle mir vor, wie die Umarmung des Vaters ist; an der Wärme einer solchen Liebe löst sich mein Herz. Ich stelle mir die Not vor vorher, ja, ich bin bereit, mir vorzustellen, was es auch sei, ich glaube es; ich fühle es; ich bin es selbst, dessen Herz auf­schlägt, wenn die Hügel fort sind und er die blauen Dächer sieht des Hau­ses, das er verlassen hat. Auf was wart ich denn? Was stürz ich nicht zu der Wohnung hin? Was tret ich nicht ein? Man erwartet mich. Ich sehe schon, wie man das gemästete Kalb zuberei­tet … Halt! Rüstet nicht zu rasch das Fest! Verlorener Sohn, ich denke an dich. Sag mir vorerst, was dir der Vater gesagt hat, am anderen Tag, nach der Feier des Wiedersehens. Ah, wenn auch der älteste Sohn einflü­stert, dürfte ich doch dann und wann deine Stimme hören, Vater, durch seine Worte. »Mein Sohn, warum hast du mich verlassen?«

»Hab ich dich wirklich verlassen? Va­ter, bist du nicht überall? Ich habe nie aufgehört, dich zu lieben.« »Streiten wir nicht um Worte. Ich hatte ein Haus, das dich einschloß. Es war aufge­richtet um deinetwillen. Damit deine Seele darin eine Unter­kunft hätte, eine ihrer würdige Ver­wöhnung, einen Beistand, einen Dienst: haben ganze Geschlechter ge­arbeitet. Du, der Erbe, der Sohn, bist aus dem Hause entwichen, warum?« »Weil das Haus mich einschloß. Das Haus, das bist nicht du, mein Vater.«

»Ich habe es erbaut, für dich erbaut.« »Ah, das hast du nicht gesagt. Das sagt mein Bruder. Du, du hast die ganze Erde erbaut, das Haus und was außer dem Hause ist. Das Haus ha­ben andere gebaut als du; in deinem Namen, ich weiß, aber andere als du.«

»Der Mensch bedarf eines Daches, unter dem er sein Haupt ruhe. Hoch­mütiger! Meinst du, du kannst bei den Winden schlafen?«

»Gehört dazu so viel Hochmut? Är­mere als ich haben das getan.«

»Das sind die Armen. Arm bist du nicht. Niemand kann seinem Reich­tum absagen. Ich habe dich reich ge­macht unter allen.«

»Mein Vater, du weißt wohl, da ich fortging, nahm ich von meinen Reichtümern mit, was sich mitneh­men ließ. Was kümmern mich die Güter, die man nicht mit sich tragen kann?«

»Dieses ganze Vermögen hast du un­sinnig vergeudet.«

»Ich habe dein Gold in Ergötzen um­gewechselt, deine Maßregeln ins Spie­lende, meine Keuschheit in Singen und mein strenges Leben in Sehn­sucht.«

»Dafür also waren deine Eltern haus­hälterisch und strengten sich an, in dir lauter Tugend auszubilden?«

»Ja, daß ich mit um so schönerer Flamme brenne, wenn etwa eine neue Inbrunst mich entzünden kommt.« »Denk an die reine Flamme, die Mo­ses sah im geheiligten Busch; sie strahlte, aber ohne zu verzehren.« »Ich habe die Liebe kennengelernt, die verzehrt.«

»Die Liebe, die ich dich lehren will, ist Erquickung. Da die kurze Zeit um war, was ist dir, verlorener Sohn, ge­blieben?«

»Die Erinnerung an jene Genüsse.« »Und die Leere, die ihnen nachfolgt.« »In dieser Leere hab ich mich dir nah gefühlt, Vater.«

»Mußte das Elend kommen, dich zu mir zurückzutreiben?«

»Ich weiß nicht; ich weiß nicht. In der Dürre der Wüste liebte ich am meisten meinen Durst.«

»Dein Elend ließ dich besser den Preis deiner Reichtümer fühlen.«

»Nein, nicht das. Verstehst du mich nicht, mein Vater? Mein Herz, leer von allem, füllte sich mit Liebe an. Um den Preis aller meiner Güter hatte ich die Inbrunst erkauft.« »Du warst also glücklich fern von mir?«

»Ich fühlte mich dir nicht fern.«

»Was hat dann bewirkt, daß du wiederkamst? Sprich.«

»Ich weiß nicht. Die Trägheit viel­leicht.«

»Die Trägheit, mein Sohn! Was du sagst! Nicht die Liebe?«

»Vater, ich habe es dir gesagt, ich liebte dich niemals mehr als in der Wüste. Aber ich war es müde, mei­nem Unterhalt nachzugehen, jeden Morgen. Man ißt gut in dem Hause.« »Ja, da sorgen die Leute dafür. So ist es also der Hunger, der dich zurück­geführt hat?«

»Vielleicht auch Feigheit, Krank­heit … Auf die Dauer schwächte mich diese Nahrung, die der Zufall mir bot, denn ich nährte mich von wilden Früchten und Heuschrecken und Honig. Im­mer schlechter ertrug ich die Beschwerlichkeiten, die zuerst nur dazu gemacht schienen, mich an­zueifern. Nachts, wenn mich fror, dachte ich an mein Bett bei meinem Vater, wie sorgfältig seine Decken eingesteckt waren. Wenn ich fasten mußte, so fiel mir ein, wie sehr bei meinem Vater immer die Fülle der aufgetragenen Gerichte meinen Hun­ger übertraf. Ich habe nachge­geben.

Ich hatte nicht den Mut, länger zu kämpfen, nicht die Kraft. Und doch …«

»Das gemästete Kalb gestern hat dir also geschmeckt?«

Der verlorene Sohn wirft sich schluchzend hin, das Antlitz an der Erde:

»Mein Vater, mein Vater, der wilde Geschmack der süßen Eicheln bleibt trotzdem in meinem Mund; nichts kann ihn auflösen, daß ich ihn nicht schmecke.«

»Armes Kind!« erwidert der Vater und hebt ihn auf, »ich habe vielleicht hart zu dir gesprochen. Dein Bruder hat es so gewollt; hier macht er das Gesetz. Er hat mir nicht Ruhe gelas­sen, daß ich dir sage: Außerhalb des Hauses ist kein Wohlergehn für dich. Aber hör mich an: Ich, ich habe dich geschaffen; alles was in dir ist, ich weiß es. Ich weiß, was dich trieb auf deinen Wegen, und ich wartete auf dich an ihrem Ausgang. Hättest du mich gerufen – ich war da.«

»Mein Vater, so hätte ich dich wie­derhaben können, ohne umzu­kehren?«

»Wenn du dich schwach gefühlt hast, so hast du gutgetan, umzukehren. Geh jetzt. Geh in die Kammer, die ich dir habe bereiten lassen. Genug für heute; ruh dich aus; morgen kannst du mit deinem Bruder reden.«

DER VERWEIS DES ÄLTEREN BRUDERS

Der verlorene Sohn versucht zuerst, ihn von oben herab zu nehmen.

»Mein großer Bruder«, beginnt er, »wir haben nicht viel Ähnlichkeit miteinander. Wir sind uns gar nicht ähnlich, mein Bruder.«

»Das ist dein Fehler.«

»Weshalb meiner?«

»Weil ich in der Ordnung bin; alles was sich von ihr abhebt, ist Frucht und Same des Hochmuts.«

»Müssen es durchaus Fehler sein, was sich abhebt bei mir?«

»Du solltest gute Eigenschaften nur die nennen, die dich zur Ordnung führen; was den Rest angeht, so mußt du ihn bezwingen.«

»Gerade diese Verstümmelung fürchte ich. Auch das, was du unter­drückt haben willst, kommt vom Vater.«

»Nein, nicht unterdrückt, bezwun­gen, sagte ich.«

»Ich versteh dich schon. Auf diese Weise habe ich eben meine guten Sei­ten bezwungen.«

»Und darum finde ich sie auch jetzt wieder. Du mußt sie in die Höhe treiben. Versteh mich recht: was ich dir da vorschlage, ist keine Herabset­zung, sondern eine Steigerung deiner selbst, zu der die verschiedenartigsten und ununterworfensten Elemente deines Fleisches und deines Geistes in großen Einklängen zusammenwirken sollen, eine Steigerung, in der das Ärgste, was in dir steckt, Nährstoff liefert für das Beste, und das Beste selbst abhängig sein soll von dem …«

»Eine Steigerung ist auch das, was ich suchte und in der Wüste fand – viel­leicht nicht einmal sehr verschieden von der, die du mir vorschlägst.« »Die ich dir, offen gestanden, vor­schreiben möchte.«

»Unser Vater hat nicht mit solcher Härte gesprochen.«

»Ich weiß nicht, was der Vater dir gesagt hat. Etwas Vages. Er drückt sich nicht sehr klar aus; man kann ihm in den Mund legen, was einem beliebt. Ich aber, ich kenne seine Gedanken wohl. Bei den Leuten hier bleibe ich immer der einzige, der sie auszulegen weiß, und wer den Vater verstehen will, hat auf mich zu hören.«

»Ich verstand ihn sehr leicht ohne dich.«

»Das schien dir so. Aber du hast falsch verstanden. Es gibt nicht meh­rere Arten, den Vater zu verstehn; es gibt nicht mehrere Arten, ihn zu hö­ren; es gibt nicht mehrere Arten, ihn zu lieben; auf daß wir Eines seien in seiner Liebe.«

»In seinem Hause.«

»Diese Liebe führt dahin zurück. Das kannst du wohl sehen, da du wieder hier bist. Jetzt sage mir, was hat dich damals hinausgetrieben?«

»Ich fühlte zu stark, daß das Haus nicht das Weltall ist. Ich selbst, ich bin ja nicht völlig in dem, was ich, nach deinem Willen, zu sein habe. Ob ich wollte oder nicht, ich sah andere Kulturen vor mir, andere Länder; und Wege, die man wandern konnte, noch gar nicht vorhandene Wege. Ich begriff das neue Wesen in mir und spürte, wie es dorthin stürzte. Da brach ich aus.«

»Denk, was geworden wäre, wenn ich, wie du, das Haus des Vaters ver­lassen hätte. Die Dienstleute und Räuber hätten unser Hab und Gut geplündert.«

»Was lag mir damals daran. Ich hatte andere Güter im Sinn …«

»Die dir dein Hochmut herrlich ausmalte. Mein Bruder! Die Zuchtlosig­keit liegt hinter uns. Aus welchem Chaos der Mensch hervorgegangen ist, das wirst du erfahren, wenn du es noch nicht weißt. Er ist schlecht dar­aus hervorgegangen; mit dem ganzen Gewicht seiner Einfalt fällt er hinein zurück, wenn ihn der Geist nicht oben hält. Sieh zu, daß du’s lernst, ohne es teuer zu bezahlen: die geord­neten Elemente, aus denen du be­stehst, warten nur auf eine Einwilli­gung deinerseits, auf dein Schwach­werden, um in Anarchie zurückzu­taumeln … Schwerlich wirst du je wissen, welche Zeit es gebraucht hat, bis der Mensch den Menschen fertig­brachte. Jetzt, da eine Norm erreicht ist, halten wir uns daran. ›Halte fest was du hast‹ spricht der Geist zum Engel der Kirche, und er fügt hinzu: ›damit niemand deine Krone nehme‹. Was du hast, das ist deine Krone, die­se Königsgewalt über die anderen und über dich selbst. Deine Krone, der Thronräuber lauert auf sie; er ist über­all. Er streift herum um dich und in dir. Halt fest, mein Bruder, halt fest.« »Ich bin seit zu lange gewohnt, loszu­lassen; ich kann die Hand nicht mehr schließen um mein Gut.«

»Doch, doch. Ich werde dir helfen. Ich habe, während du fort warst, über dein Gut gewacht.«

»Und dann, dieses Wort des Geistes, ich kenne es. Du hast es nicht ganz angeführt.«

»In der Tat, es heißt weiter: Wer überwindet, den will ich machen zum Pfeiler in dem Tempel meines Gottes und soll nicht mehr hinausgehn.‹« »›Und soll nicht mehr hinausgehn.‹ Davor gerade habe ich Angst.« »Wenn es zu seinem Glück ist.« »Oh, ich verstehe wohl. Aber in die­sem Tempel war ich …«

»Und es hat dir nicht gutgetan, drau­ßen zu sein, da du dich entschlossen hast, wieder einzutreten.«

»Ich weiß; ich weiß. Ich bin zurück. Das kann ich nicht leugnen.« »Welches Gut könntest du auch an­derwärts suchen, das du hier nicht in Fülle fändest? Oder besser: hier und nirgends sonst sind alle deine Güter.« »Ich weiß, du hast mir Schätze aufbe­wahrt.«

»Das, was du von deinen Gütern nicht verschleudert hast, das heißt denjenigen Teil, der uns allen gemein­sam zukommt: den Grundbesitz.« »So gehört mir nichts mehr zu eigen?«

»Doch; ein besonderer Anteil an den Schenkungen, den unser Vater dir möglicherweise zuerkennt.«

»Daran allein ist mir gelegen. Es ist mir recht, nichts zu besitzen als dies.« »Hochmütiger! Man wird dich nicht fragen. Unter uns gesagt, dieser An­teil ist Glückssache; ich rate dir, lie­ber darauf zu verzichten. Schon ein­mal hat ein solcher Anteil an persön­lichen Schenkungen dir Unheil ge­bracht. Das sind ja doch die Güter, die du auf der Stelle verschleuderst.«

»Die anderen konnte ich ja nicht mit mir nehmen.«

»So wirst du sie auch unberührt wie­derfinden. Genug für heute. Füg dich in die Ruhe des Hauses.« »Gern, weil ich müde bin.«

»So sei deine Müdigkeit gesegnet. Schlafe jetzt. Morgen wird deine Mutter mit dir reden.«

DIE MUTTER

Sohn, verlorener, der sich im Geiste noch sträubt gegen die Reden des Bruders, laß nun dein Herz sprechen. Wie tut es dir gut, während deine Mutter dasitzt, halb liegend zu ihren Füßen die Stirn zu verstecken an ih­ren Knieen und zu fühlen, wie unter ihrer Hand dein aufgelehnter Nacken nachgibt.

»Warum hast du mich so lange ver­lassen?«

Und da du keine Antwort hast als Tränen:

»Warum jetzt weinen, mein Sohn? Du bist mir wiedergegeben. Ich habe im Warten auf dich alle meine Tränen ausgegossen.«

»Du hast mich noch erwartet?«

»Ich habe nie aufgehört, auf dich zu hoffen. Jeden Abend, vor dem Ein­schlafen, dachte ich: Wenn er diese Nacht kommt, wird er wissen, wie man die Türe öffnet? Und es dauerte, eh ich einschlief. Jeden Morgen, be­vor ich noch ganz wach war, dachte ich: Kommt er nicht heute? Und dann betete ich; ich habe so viel gebe­tet, schließlich mußtest du wohl kommen.«

»Deine Gebete sind schuld an meiner Rückkehr.«

»Lächle nicht über mich, mein Kind.« »O Mutter, ich komme zu dir ganz demütig. Sieh, meine Stirn ist niedri­ger als dein Herz. Keiner meiner ge­strigen Gedanken, der heute nicht nichtig würde. Bei dir begreif ich kaum noch, warum ich aus dem Hause fortgegangen bin.« »Du gehst nicht wieder fort?« »Ich kann nicht mehr fortgehn.« »Was hat dich denn nur da draußen angezogen?«

»Ich will nicht mehr daran denken.

Nichts … Ich selbst.«

»Hast du denn gedacht, du könntest fern von uns glücklich sein?« »Ich suchte nicht das Glück.«

»Was suchtest du?«

»Ich suchte … wer ich war.«

»Oh, Sohn deiner Eltern, Bruder un­ter deinen Brüdern.«

»Ich hatte nichts mit meinen Brüdern gemein. Sprechen wir nicht davon. Hier bin ich wieder.«

»Doch, laß uns noch sprechen: glaube nicht, daß deine Brüder so verschieden sind von dir.«

»Von nun an wird es meine einzige Sorge sein, euch allen zu gleichen.« »Du sagst das, als gäbest du damit alles auf.«

»Nichts macht mehr müde, als das durchzusetzen, worin man anders ist. Diese Reise hat mich am Ende ganz erschöpft.«

»Das ist wahr, du bist förmlich gealtert.« »Ich habe gelitten.«

»Mein armes Kind! Dein Bett war gewiß nicht gemacht jeden Abend, und dein Tisch nicht immer gedeckt für die Mahlzeiten.«

»Ich aß, was ich fand, und das waren oft nur grüne oder verdorbene Früchte, die sich mein Hunger ir­gendwie nahrhaft machte.«

»Hast du wenigstens nur Hunger ge­litten?«

»Die Sonne mitten am Tag, der kalte Wind vom Herzen der Nacht her, die Wüste mit ihrem wechselnden Sand, das Gestrüpp, an dem ich mir die Füße blutig riß – nichts von alledem konnte mich aufhalten, aber – mei­nem Bruder hab ichs nicht gesagt – ich mußte dienen …«

»Warum hast du’s verschwiegen?« »Böse Herren sind mit meinem Stolz fertig geworden; sie mißhandelten meinen Körper und gaben mir kaum satt zu essen. Da dacht ich schließlich: Wenn ich doch einmal dienen soll … Im Traum sah ich das Haus: und kam zurück.«

Der verlorene Sohn senkt wieder seine Stirn, die die Mutter sanft strei­chelt. »Was wirst du jetzt tun?« »Ich habe es dir gesagt: mir Müh geben, meinem großen Bruder ähn­lich zu werden; unsere Güter verwal­ten; eine Frau nehmen, wie er.« »Sicher denkst du an jemanden, wenn du das sagst.«

»Einerlei, wenn du erst eine gewählt hast, so wird sie es auch sein. Tu, wie du’s für meinen Bruder getan hast.« »Ich hätte sie gerne nach deinem Her­zen gewählt.«

»Was liegt daran. Mein Herz hat ja seine Wahl gehabt. Ich entsage einem Stolz, der mich so weit von dir weg­geführt hat. Leite meine Entschlie­ßung. Ich unterwerfe mich, sage ich dir. Auch meine Kinder werden dir genau so unterworfen sein; so wird mir, was ich da unternehme, wenig­stens nicht ganz umsonst scheinen.« »Höre. Es ist schon ein Kind da, des­sen du dich annehmen könntest.« »Was willst du sagen? Von wem sprichst du?«

»Von deinem jüngeren Bruder. Als du fortgingst, war er noch nicht zehn Jahre; du hast ihn kaum wiederer­kannt, und doch er …«

»Sprich zu Ende, Mutter. Welchen Grund hast du jetzt, unruhig zu sein?«

»In ihm hättest du dich eigentlich erkennen müssen, denn er gleicht ganz dem, der du warst, als du weg­gingst.«

»Gleicht mir?«

»Dem, der du warst, sag ich, leider noch nicht dem, der du geworden bist.«

»Und der er werden wird.«

»Man muß ihn dazu machen, so bald als möglich. Sprich mit ihm; auf dich wird er gewiß hören, auf den Verlore­nen. Beschreib ihm die Ermüdung unterwegs. Erspar ihm …«

»Aber was ängstigt dich denn so an meinem Bruder? Vielleicht einfach et­was Verwandtes in seinen Zügen …« »Nein, nein; die Ähnlichkeit zwi­schen euch beiden geht tiefer. An ihm beunruhigt mich jetzt das, was mich zuerst, an dir, nicht genügend beun­ruhigt hat. Er liest zu viel, und das sind nicht immer die guten Bücher, die er bevorzugt.«

»Weiter nichts?«

»Oft klettert er da hinauf auf die höchste Stelle des Gartens, von wo man ins Land sieht, du weißt, über die Mauern fort.«

»Ich kann mich erinnern. Ist das alles?«

»Er ist viel weniger hier bei uns als auf dem Meierhof.«

»So! Was tut er dort?«

»Nichts Schlimmes. Aber er geht nicht zu den Pächtersleuten, sondern zu dem Volk, mit dem wir am wenig­sten zu tun haben mögen, und zu denen, die nicht von hier sind. Einer besonders ist da, von weit her, der ihm Geschichten erzählt.« »Ah, der Schweinehirt.«

»Ja. Du hast ihn gekannt? Um dem zuzuhören, geht dein Bruder jeden Abend in den Schweinestall nach. Erst zum Essen kommt er zurück, ohne Hunger, und die Kleider voller Geruch. Da helfen keine Vorstellun­gen; der Zwang macht ihn nur noch eigensinniger. Manchen Morgen, bei Tagesanbruch, eh einer von uns auf ist, läuft er schon hin und begleitet diesen Schweinehirten bis ans Tor, wenn er seine Herde auf die Weide treibt.«

»Er weiß, weiter hinaus darf er nicht.«

»Du hast das auch gewußt. Eines Ta­ges wird er sich mir fortstehlen. Ich bin sicher. Eines Tages wird er auf und davon gehn …«

»Nein; ich will mit ihm reden, Mut­ter. Mach dir keine Sorgen.«

»Von dir wird er sich viele Dinge sagen lassen, das weiß ich. Hast du bemerkt, wie er dich ansah, den er­sten Abend? Was für ein Zauber ging für ihn von deinen Lumpen aus! Und dann das purpurne Kleid, das dir der Vater umtat. Ich fürchtete, das eine vermischt sich in seinem Geist ein wenig mit dem anderen, und daß das, was ihn da zunächst anzieht, die Lumpen sind. Aber der Gedanke kommt mir einfach wahnsinnig vor; denn wenn du, mein Kind, so viel Elend hättest voraussehen können, nicht wahr, du würdest uns nicht ver­lassen haben?«

»Ich verstehe nicht mehr, wie ich dich habe verlassen können, meine Mutter.«

»Gut, gut. Sag ihm das alles.«

»Alles das werd ich ihm morgen abend sagen. Küß mich jetzt auf die Stirn, wie damals, da ich ein kleines Kind war und du zusahst, wie ich einschlief. Ich bin schläfrig.«

»Geh schlafen. Ich werde beten für euch alle.«

DAS ZWIEGESPRÄCH MIT DEM JÜNGEREN BRUDER

Es ist die Kammer neben der des Verlorenen, nicht gerade klein, mit leeren Wänden. Eine Lampe in der Hand, nähert sich der Verlorene dem Bett, wo sein jüngerer Bruder ruht, das Gesicht gegen die Wand gekehrt. Er beginnt mit leiser Stimme, um das Kind, wenn es schläft, nicht in seinem Schlummer zu stören.

»Ich möchte mit dir sprechen, mein Bruder.«

»Was hindert dich daran?« »Ich glaubte, du schliefst.« »Man braucht nicht zu schlafen, um zu träumen.«

»Du träumtest; wovon denn?«

»Was kümmerts dich. Wenn schon ich meine Träume nicht versteh, so wirst du, glaub ich, kaum imstande sein, sie mir auszulegen.«

»Sie sind also sehr eigen. Wenn du sie mir erzählst, ich wills versuchen.« »Kannst du dir deine Träume wäh­len? Die meinen sind, was ihnen ein­fällt, und haben mehr Freiheit als ich … Was willst du übrigens hier? Was störst du mich in meinem Schlaf?«

»Du schläfst nicht, und ich komme im Guten mit dir sprechen.« »Was hast du mir zu sagen?« »Nichts, wenn du diesen Ton an­schlägst.«

»Dann lebwohl.«

Der Verlorene geht auf die Türe zu, aber er stellt nur die Lampe auf die Erde, die das Zimmer so nur noch schwach erleuchtet.

Dann kommt er zurück, setzt sich auf den Bettrand, im Halbdunkel, und streichelt lange die abgewendete Stirn des Kindes.

»Du antwortest mir schärfer, als ich je deinem Bruder geantwortet habe. Und ich war doch auch voller Wider­spruch gegen ihn.«

Das trotzige Kind hat sich heftig auf­gerichtet.

»Sag: schickt dich unser Bruder?« »Nein, mein Kleiner, nicht er, unsere Mutter.«

»Ah, von selbst wärst du nicht ge­kommen.«

»Aber ich komme dennoch als Freund.«

Halb aufgesetzt in seinem Bett, starrt das Kind den Verlorenen an.

»Wie brächte es einer von den Meini­gen zuwege, mein Freund zu sein?« »Du irrst dich in unserem Bru­der …«

»Sprich mir nicht von ihm. Ich hasse ihn … Von ganzem Herzen ist er mir zuwider. Er ist der Grund, daß ich dir hart geantwortet habe.«

»Aber wie denn?«

»Du wirst das nicht begreifen.« »Trotzdem, sprich …«

Der Verlorene zieht den Bruder an sich und wiegt ihn leise, und das halb­erwachsene Kind hält sich nicht län­ger zurück:

»Am Abend, da du heimkehrtest, war es mir nicht möglich zu schlafen. Die ganze Nacht dachte ich: Ich hatte noch einen Bruder, und ich wußte es nicht … Deshalb hat mir das Herz so stark geklopft, als ich dich herein­kommen sah, in den Hof des Hauses, ruhmbedeckt.«

»Ach! bedeckt mit Lumpen, wie ich war.«

»Ja, ich habe dich gesehen, und doch schon ruhmvoll. Und ich habe gese­hen, was unser Vater tat: er hat an deinen Finger einen Ring gesteckt, einen solchen, wie ihn unser Bruder nicht besitzt. Ich wollte niemanden über dich befragen. Ich wußte nur, daß du von sehr weit kamst, und dein Blick, bei Tisch …«

»Warst du denn dabei?«

»Oh, ich weiß wohl, daß du mich nicht gesehen hast. Während des gan­zen Essens war dein Blick in der Ferne, ohne etwas zu sehen. Auch, daß du am zweiten Abend mit dem Vater gesprochen hast, war gut – aber am dritten …«

»Sprich …«

»Ach, wenn es nur ein liebes Wort gewesen wäre, du hättest wohl kom­men können und es mir sagen.« »Hast du mich denn erwartet?« »Und wie! Glaubst du, ich würde unseren Bruder so hassen, wenn du nicht an jenem Abend so endlos mit ihm gesprochen hättest. Was könnt ihr euch denn zu sagen gehabt haben? Du weißt wohl, wenn du Ähnlichkeit mit mir hast, so kannst du mit ihm nichts gemein haben.«

»Ich hatte schweres Unrecht gegen ihn begangen.«

»Ist es möglich?«

»Wenigstens gegen unseren Vater und unsere Mutter. Du weißt, daß ich aus dem Haus geflohen war.«

»Ja, ich weiß. Es ist lange her, nicht wahr?«

»Ungefähr als ich so alt war wie du.« »So. Und das nennst du dein Unrecht.« »Ja, das war mein Unrecht, meine Sünde.«

»Als du weggingst, fühltest du da, daß du schlecht handeltest?«

»Nein; ich fühlte in mir etwas wie eine Verpflichtung, fortzugehen.« »Und was ist denn seither geschehen, daß aus deiner Wahrheit von damals Irrtum wurde?«

»Ich habe gelitten.«

»Und deshalb sagst du: ich hatte un­recht?«

»Nein, nicht gerade deshalb; aber das hat mich zur Besinnung gebracht.« »Früher also bist du nie zur Besin­nung gekommen?«

»Doch, aber meine schwache Ver­nunft war nachgiebig gegen meine Begierden.«

»Wie später gegen das Leiden. So daß du heute zurückkehrst … über­wunden.«

»Nein, nicht eigentlich; – ergeben.« »Mit einem Wort, du hast darauf ver­zichtet, der zu sein, der du sein wolltest.«

»Der, der ich, meinem Hochmut nach, zu sein glaubte.«

Das Kind verharrt eine Weile schwei­gend, dann schluchzt es auf und schreit:

»Mein Bruder, ich bin der, der du warst, als du weggingst. Oh, sag: War alles Trug auf deinen Wegen? Meine Ahnung von dem da draußen, das anders ist als das hier, ist also nichts als Täuschung? Was ich Neues in mir fühle – Wahnsinn? Sprich: Was hast du denn so völlig Entmutigendes auf deinem Weg getroffen? Was war schuld, daß du umkehrtest?«

»Die Freiheit, die ich suchte, ging mir verloren; einmal in Gefangenschaft, mußte ich dienen.«

»Ich bin hier in Gefangenschaft.«

»Ja, aber schlimmen Herren dienen. Hier dienst du deinen Eltern.« »Ach, dienen ist dienen; hat man nicht wenigstens die Freiheit, sich seine Knechtschaft zu wählen?« »Das hoffte ich. So weit meine Füße mich trugen, wanderte ich, auf der Suche nach meiner Sehnsucht, wie Saul auf der Suche nach seinen Eselin­nen. Aber dort, wo ein Königreich auf ihn wartete, dort hab ich das Elend gefunden. Und dennoch …« »Hast du auch nicht den Weg ver­fehlt?«

»Mein Ich ging vor mir her.« »Bist du sicher? Und doch gibt es andere Königreiche und Länder ohne König, die noch zu entdecken sind.« »Wer hat dir das gesagt?«

»Ich weiß es. Ich fühle es. Ich seh mich schon dort herrschen.« »Hochmütiger!«

»Sieh, da ist das Wort, das dir unser Bruder gesagt hat. Wie kommst du jetzt dazu, es mir zu sagen? Hättest du dir nur diesen Hochmut bewahrt! Du wärst nicht zurückgekehrt.« »Dann hätte ich dich nie gekannt.« »Doch, doch, dort draußen, wohin ich dir nachgekommen wäre, dort wür­dest du mich schon erkannt haben als deinen Bruder. Ja, mir ist doch jetzt zumut, als wärs, um dich wiederzu­finden, daß ich fortgehe.« »Daß du fortgehst?«

»Hast du es nicht begriffen? Ermu­tigst du mich nicht selbst, fortzu­gehen?«

»Ich möchte dir die Rückkehr spa­ren … aber dadurch, daß ich dir den Aufbruch erspare.«

»Nein, nein, sag mir das nicht; nein, das willst du ja gar nicht sagen. Du bist doch auch – nicht wahr? – du bist wie ein Eroberer ausgezogen?« »Darum empfand ich meine Knecht­schaft nur um so härter.«

»Warum hast du dich dann unterwor­fen? Warst du schon müde?«

»Nein, noch nicht; aber ich war im

Zweifel.«

»Was meinst du damit?«

»Im Zweifel an allem, an mir selbst. Ich wollte bleiben, mich irgendwo anschließen. Der Halt, den mir dieser Meister versprach, war eine Versu­chung für mich. Ja, jetzt sehe ich es wohl ein: ich bin schwach gewesen.« Der Verlorene neigt das Haupt und verbirgt den Blick in seinen Händen. »Aber im Anfang?«

»Ich war lange gewandert über die große, noch ungebändigte Erde.« »Die Wüste?«

»Nicht immer war es die Wüste.« »Was hast du da gesucht?« »Ich versteh es selber nicht mehr.« »Steh auf von meinem Bett. Sieh auf den Tisch dort hinter meinem Kissen, bei dem altmodischen Buch.« »Ich seh einen offenen Granatapfel.« »Den hat mir der Schweinehirt ge­bracht neulich abends; drei Tage war er nicht nach Haus gekommen.« »Ja, das ist ein wilder Granatapfel.« »Ich weiß. Er ist von einer Bitterkeit, beinah furchtbar; und doch, ich fühle, wenn ich nur genügend Durst hätte, ich würde hineinbeißen.«

»Ah, so kann ich es dir jetzt sagen: Was ich suchte in der Wüste, war dieser Durst.«

»Ein Durst, den nur diese Frucht löscht, die ohne Süße ist …«

»Nein, aber man liebt diesen Durst um ihretwillen.«

»Weißt du, wo man sie holt?« »Ein kleiner verlassener Garten ist da; man kommt gegen Abend hin. Keine Mauer schließt ihn mehr ab nach der Wüste. Ein Bach floß dort vorbei. Ein paar Früchte, halbreif, hingen an den Zweigen.«

»Was für Früchte?«

»Die gleichen, wie in unserm Garten, nur wild. Es war den ganzen Tag über sehr heiß gewesen.«

»Hör zu. Weißt du, warum ich dich heute abend erwartete? Eh die Nacht um ist, geh ich. Diese Nacht; diese Nacht, sowie sie anfängt zu verblas­sen … Mein Gürtel ist geschnallt, ich habe die Sandalen anbehalten.«

»Was! Du willst tun, was ich nicht konnte?«

»Du hast mir den Weg aufgetan. Der Gedanke an dich wird mir beistehn.« »Ich kann dich nur bewundern. Du dagegen mußt mich vergessen. Was nimmst du mit?«

»Du weißt wohl, ich, als der Jüngere, habe keinen Anteil am Erbe. Ich gehe ohne alles.«

»Besser so.«

»Was siehst du denn nach dem Fenster?«

»Den Garten seh ich, wo unsere To­ten ruhen.«

»Mein Bruder … (und das Kind, das vom Bett aufgestanden ist, schmiegt den Arm um den Hals des Verlore­nen, und es legt dieselbe Zärtlichkeit in diese Gebärde und in seine Stimme) . komm mit mir!«

»Laß mich, laß mich; ich will bleiben und unsere Mutter trösten. Ohne mich wirst du tapferer sein. Es ist Zeit jetzt. Der Himmel bleicht. Geh, ohne Lärm. Komm! Küß mich, mein jun­ger Bruder. Du nimmst alle meine Hoffnungen mit dir. Sei stark. Vergiß uns, vergiß mich. Mögst du nicht wiederkommen. Steig leise hinab.

Ich halte die Lampe.«

»Gib mir wenigstens noch die Hand bis an die Tür.«

»Achtung bei den Stufen auf dem Vorplatz …«

Hier der Text als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s