Hans Joachim Iwand, Predigt über Psalm 46 – Gott ist unsre Zuversicht und Stärke (1943): „Gott bedeutet Frieden! Achtet auf seine Zei­chen. Wenn sich sein Name erhebt, dann ist das Ende all der Leiden gekommen. Wenn die Sonne aufgeht, muß die Nacht weichen. Gott wird richten unter den Heiden und strafen viele Sünder. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen.“

Predigt über Psalm 46 – Gott ist unsre Zuversicht und Stärke

Von Hans Joachim Iwand

Ein Lied der Kinder Korah, von der Jugend, vorzusingen.
Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken, wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfie­len. Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind. Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie fest bleiben; Gott hilft ihr früh am Morgen. Die Heiden müssen verzagen und die Königreiche fallen; das Erdreich muß vergehen, wenn er sich hören läßt. Der Herr Zebaoth ist mit uns; der Gott Jakobs ist unser Schutz. Kom­met her und schauet die Werke des Herrn, der auf Erden solch Zerstören anrichtet, der den Kriegen steuert in aller Welt, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt. Seid stille und erkennt, daß ich Gott bin. Ich will Ehre einlegen unter den Heiden; ich will Ehre einlegen auf Erden. Der Herr Zebaoth ist mit uns; der Gott Jakobs ist unser Schutz.

Wir unterbrechen[1] heute einmal unseren Plan, oder vielmehr, er ist uns unterbrochen durch das, was geschehen ist und darum soll – mitten in unserer Arbeit am Römerbrief – diese Abendfeier stehen, in der Gott in besonderer Weise mit uns und zu uns reden will.

Denn Dinge, die wir ahnten und fürchteten, sind geschehen. Der Krieg hat seine Spuren nun auch in unsere Stadt eingedrückt[2] und den Kampf der Zerstörung und des Todes auf das Le­ben und das Lebenswerk der Men­schen gedrückt. Wir kommen heute nicht zusammen wie sonst – hier sind Menschen, die in einer Nacht arm geworden sind, die heimatlos an frem­den Tischen sitzen, weil alles redlich erarbeitete Gut dahin ist. Wir haben uns selbst neu kennen­gelernt, als der Atem des Todes an den Türen unserer Häuser rüttelte und durch die Keller wehte wie ein unheimlicher Geist. Aber das Schwerste: Es wird manch einer fehlen, der zu uns gehörte, wie jenes liebe junge Mädchen, das am Gründonnerstag bei unserer Abend­mahlsfeier mitsang und nun mit ihren Eltern und anderen im Keller ein Grab gefunden hat. »Wen da dürstet, der komme und nehme das Wasser des Lebens umsonst.« Ihre Seele ist ge­rufen und hat sich geneigt zu trinken von dem Wasser des Lebens. Aber auch wir anderen, diesmal noch Be­wahrten – wie unmittelbar haben wir es anschauen dürfen:

Was sind des Lebens Güter?
Eine Hand
voller Sand,
Kummer der Gemüter.[3]

Wie lernen wir jetzt – könnten wir jetzt lernen -, daß alles, was wir haben, Sinn und Farbe gewinnt, wenn es – der Liebe dienstbar gemacht – andere fröhlich und dankbar macht, wenn es dazu dient, den anderen zu sagen: Du bist nicht allein, hier sind Brüder und Sehwestern, die dich aufnehmen.

Aber, meine Freunde, hinter und unter dem allen geht ein Fragen durch die Herzen, durch viele Herzen, kein gutes, vielleicht auch kein böses Fra­gen, aber es ist da und würgt heraus: Gott – so sagt es – Gott soll das zulassen? Tausende sagen so. Was mag ihr Gott sein, daß sie so gleichsam klagend und anklagend fragen? Sie fragen oft nur so, ohne die Antwort abzuwar­ten, sie halten die Antwort selbst schon in der Hand: Also es ist kein Gott! Wunderbar, wie der Unglaube ein großes zähes Leben hat. Er läßt sich nicht totschlagen, er erhebt sein Haupt aus den Trümmern und sieht uns mit demselben steinernen Antlitz an, mit dem er in den Tagen des Glücks unser Tischgast war. Er stirbt nicht. Wehe uns, wenn wir vor ihm sterben!

Gott – so sagt ihr. Gott ist unsre Zuversicht und Stärke – hören wir hier von einem, der offen­bar auch etwas erlebt hat von der Vergänglichkeit alles Irdischen. Ja, es kommen in der Tat Zeiten, da es über die Welt rauscht, wie die große Flut, da das Meer wütet und wallt; da kein Berg mehr sicher ist, keine der Höhen, auf denen wir uns ansiedelten. Das Geld, die Macht, der Besitz – wer wandelt nicht gern auf den Höhen der Menschheit. Aber wenn die Mächte der Tiefe aufschäumen, sinken alle diese Berge ins Meer. Wenngleich die Welt unterginge – manchmal merkt man das, wie wenig fest der Untergrund ist, auf dem wir leben. »Unter­gang des Abendlandes« rief ein Mann 1918 in die fortschrittsselige Mas­se. Wenngleich die Welt unterginge. Gott – jedenfalls Gott ist gerade die Zuflucht, die Stärke, die Grenze, über die hinweg die Flut uns nicht er­reicht.

Götter werden mit untergehen. Der Gottglaube, den sich der Mensch selbst zurechtmacht, wird genau so sterben wie all die anderen Bilder. Sie hängen ja alle an der stürzenden Wand. Aber der Gott, der hier angebetet wird, steht und fällt nicht mit der Welt. Der Gott, der Glück heißt; der Gott, der Erfolg heißt; der Gott, der das vergottete Ich des Menschen ist – der fällt mit der Welt. Aber der Gott, an den allein zu glauben sich lohnt, der steht, wenn alles fällt. »Wenn ich nur dich habe!« Jawohl, alle, die da fra­gen, haben Recht: Es geht um Gott. Hinter dem Zerbrechen und Zusam­mensinken steht Gott. Wenn das Sichtbare fällt, wird das Nicht­sichtbare frei. Der Unglaube wird uns vorreden, daß wir ins Nichts schauen. Ich aber meine, daß das die Stunde ist, wo Gott alles in allem ist. Siehe, der Unend­lichkeit Abgrund öffnet sich, der Nivellierung scharfe Sense läßt alle, je­den besonders, über die Klinge springen. Siehe, Gott mordet. So springe zu in Gottes Arme!

Gott ist unsre Zuversicht und Stärke. Gott ist noch da, Gott ist wieder da. Merken wir nicht, daß wir dem Tode entgegen gehen, da wir wieder wahr, echt, gläubig sagen werden: Gott? Da der Name Gottes wieder wahr sein wird im Menschenmund, da wir ihn nicht mehr verwech­seln werden mit der Welt. Da die Ewigkeit so hoch über uns stehen wird, daß wir wirklich begreifen: Da ist Gott, da ist Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Mitten in dieser vergehenden Welt wird es geschehen, daß Gottes Stadt bleibt. Es ist, als ob wir den Apostel hörten: »Freuet euch, und aber­mals sage ich: freuet euch!« Ja wirklich, es wird mitten in dieser sich in Qualen windenden Welt eine Burg des Friedens sein, nämlich da, wo Gott ist, wo man merkt: hier ist Gott. Hier stehen wir vor Gott, hier können wir wohnen. »Gott mit uns« – steht über den Toren dieser Stadt. Gott wider uns – ist der Fluch der Verdammten; Gott mit uns – das Loblied der Frommen. Gott mit uns – in aller Not, Gott selbst am Kreuz, Gott selbst seinen Sohn preisgebend, Gott selbst mitleidend – das ist unser Friede.

Gott ist bei ihr drinnen. Solange das ist – und es ist ja immer Gnade – wird die Stadt fest blei­ben. Die Festung in den Zeiten der Not. Die Kirche Gottes wird zur Richtungsangabe, wo wir erfahren: Eine Hilfe in den gro­ßen Nöten, die uns getroffen haben. Hier fließen Gottes Brünn­lein, hier trinken wir Wasser ewigen Lebens. Hier ist Liebe und Erbarmen, Geduld und Sühne. Die Morgenstunde kommt, die Nacht rückt vor. Betet und wa­chet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet. Der Morgen tagt.

Die Heiden müssen verzagen und die Königreiche fallen – alle natürliche Kraft kommt einmal an ihre Grenze. Dann ist es aus. Wie aber – wenn wir schwach sind, sind wir stark, da ist einer neben uns, der trägt uns mit sei­nen Armen durch die Lüfte. Laßt euch nicht mitreißen mit dem Strom des Verzagens, Verzagen ist am Ende des Unglaubens; der Mühlstein den er sich selbst schließlich um den Hals legt. Sie verzagen gerade, weil Gott anfängt zu reden, weil er nicht mehr schweigt. Das Erdreich muß vergehen, wenn er sich hören läßt.

Ja, Gott erhört – aber was? Kommt und sehet die Werke des Herrn, der auf Erden solch Zer­stören anrichtet, der den Kriegen steuert in aller Welt, der Bogen zerbricht und Wagen mit Feuer verbrennt. Denn das eben weiß die Bibel: Gott bedeutet Frieden! Achtet auf seine Zei­chen. Wenn sich sein Name erhebt, dann ist das Ende all der Leiden gekommen. Wenn die Sonne aufgeht, muß die Nacht weichen. Gott wird richten unter den Heiden und strafen viele Sünder. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Das ist die Gottesherrschaft – sie ist nicht da, aber sie bricht herein, überall das, wo wir wie­der Gott anrufen, wo wir ihm die Ehre geben: vor ihm stille werden, wie der Psalmist sagt.

Predigt beim Wochenschlussgottesdienst am 8. Mai 1943 in der St.-Marien-Kirche in Dortmund.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke. Neue Folge, Bd. 5: Predigten und Predigtlehre, Gütersloh: Chr. Kaiser. Gütersloher Verlagshaus 2004, Seiten 40-43.


[1] Unterbrechung einer Predigtreihe in den Wochenendgottesdiensten über den Rö­merbrief, die am 1. Mai begonnen hatte.

[2] Bombenangriff auf Dortmund am 5. Mai, schwere Beschädigungen der Marienkir­che.

[3] Paul Gerhardt, Warum sollt ich mich denn grämen, EKG 297,10.

Hier die Predigt als pdf.

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