Karl Barth, Autobiographische Skizze aus dem Fakultätsalbum Münster (1927): „Ein etwas schwieriger Fall, der in mehr als einer Hinsicht der kollegialen und christlichen Geduld bedürftig ist, werde ich wohl nach meiner Meinung immer bleiben.“

Karl Barth über sich selbst (Münster 1927)

Ich bin Basler und bin geboren am 10. Mai 1886 als ältester Sohn des Fritz Barth und der Anna geb. Sartorius. Mein Vater, vorher 7 Jahre Pfarrer in der aargauischen Gemeinde Reit­nau, war damals Lehrer an der evangelischen Predigerschule in Basel. 1889 habilitierte er sich als Privatdozent an der theologischen Fakultät der Universität Bern, an der er, zum a. o., dann zum o. Professor für Kirchengeschichte und Neues Testament ernannt, 23 Jahre gewirkt hat. So kam es, daß ich meine ganzen Jugendjahre unter den Bernern zugebracht habe, nicht ohne Opposition gegen ein Temperament und eine Geistesrichtung, unter deren lähmender Resi­stenz ich schon meinen Vater nicht selten leiden sah. Was mich damals aufregte, ist mir später ceteris imparibus aus den Erfahrungen Calvins mit derselben Nation verständlicher geworden. Wir wohnten anfänglich an der äußeren Grenze der Stadt, und so gehören viel Wald, Feld und Garten zu meinen frühesten und eindrücklichsten Jugenderinnerungen, daneben die Arkaden, Brunnen und Türme der alten Stadt, die Seen und Täler des Berner Oberlandes, nicht zuletzt die regelmäßigen Reisen nach Basel zu der geliebten Großmutter Sartorius, die jedesmal ein Fest bedeuteten. «In die Schule gehn die Buben, die Soldaten ziehn ins Feld, sorge jeder, daß er werde…» Noch höre ich, wie mich mein Vater mit diesem er­munternden Vers entließ am Vorabend des Tages, da ich die Elementarschule des späteren «Freien Gymnasiums», einer bekannten «christlichen» Privatanstalt, beziehen sollte. Das Rechnen sagte mir von diesem ersten Tag an nicht zu, und meine Handschrift ist nie schön geworden, dagegen wurde ich bald eine Leseratte. Meine grundlegende und oft wiederholte Lektüre galt Niemeyers «Hel­denbuch», einer blutrünstigen Schilderung der Kriege gegen den nicht genug zu verurteilen­den «Buonaparte» aus dem Jahre 1818. Zur Bildung eines Satzes mit Akkusativobjekt aufge­fordert, konnte ich daher schon in zarter Kindheit durch die prompte Antwort: «Napoleon gründete den Rheinbund» meinen Lehrer in starres Erstaunen versetzen. Und mir hat man später vorgeworfen, daß die «Geschichte» in meiner Theologie zu kurz komme! Ausgespro­chen kriegerische Interessen standen wohl bis zu meinem 16. Lebensjahr heimlich und offen im Mittelpunkt meines geistigen Lebens. Das Bleisoldatenspiel war mir und meinen Brüdern eine mit Ausdauer und Sachlichkeit betriebene ernste Beschäftigung. Vier Jahre lang habe ich in einem der in der Schweiz damals und teilweise noch heute bestehenden Kadettenkorps eine ziemlich regelrechte militärische Ausbildung empfangen und brachte es trotz dürftiger Lei­stungen im Scharfschießen zum Grad eines Feldwebels. Daneben betätigte ich mich, durch die Jamben von Schillers Wilhelm Tell und Körners Zriny unheimlich aufgerührt, jahrelang als verdächtig produktiver dramatischer Dichter, während meine Übungen auf der Violine, trotz eifriger Pflege des musikalischen Lebens in unserm Hause, weniger ergiebig waren. Techni­sche Leistungen jeder Art wie z.B. regelrechtes Turnen habe ich auch sonst von jeher neidlos anderen überlassen. Phantastische Unternehmungen im Freien und zu Hause, zu denen ich Freunde und Brüder anzuleiten pflegte, lassen es mir nicht als unwahrscheinlich erscheinen, daß ich mich u. U. auch zum Schauspieler oder dgl. hätte entwickeln können. Die Darbietun­gen und Anforderungen des Unter- und Obergymnasiums habe ich als unvermeidliches Kreuz mehr nebenbei auf mich wirken lassen. Weiter als bis zum Zweiten in meiner Klasse habe ich es nie gebracht, und auch das geschah nur einige wenige Male. Feindseligste Abneigung ge­gen die auf den Berner Gymnasien damals mit Hochdruck gepflegten mathematisch-naturwis­senschaftlichen Disziplinen verfolgt mich gelegentlich noch heute bis in die Träume. Bekla­genswerterweise sind wir dafür in den alten Sprachen nie so ordentlich drangenommen wor­den, wie dies in den deutschen Gymnasien der Fall zu sein pflegt. Von ganzem Herzen bin ich wohl immer nur in der Geschichte und vor allem beim Aufsatzschreiben dabeigewesen, eine Sache, bei der ich wohl in allen Klassen alle Konkurrenten spielend aus dem Felde zu schla­gen in der Lage war. 1901/02 besuchte ich mit großer Freude den Konfirmandenunterricht des durch seine Predigten auch in Deutschland berühmten Pfarrers Robert Aeschbacher. Er war, dem Stil der Jahrhundertwende entsprechend, wohl reichlich apologetisch eingestellt, brachte mir aber das ganze religiöse Problem so nahe, daß ich mir beim Abschluß des Unterrichts klar war über die Notwendigkeit, weiteres über diese Sache in Erfahrung zu bringen. Aus diesem primitiven Grunde habe ich mich damals zum Studium der Theologie entschlossen. Ich wußte nicht, was ich damit auf mich nahm, und weiß nun, da ich diese Sphinx aus der Nähe kenne, nicht, ob ich heute den Mut zu diesem Schritt wieder finden würde. Im Herbst 1904 bestand ich das Maturitätsexamen, strauchelnd über Chemie, Physik und dgl., nur mit Note 2. Eine als Belohnung für die ausgestandene Unbill gedachte Reise nach Frankfurt und Köln führte mich Staunenden zum ersten Male in das weite deutsche Reich hinaus. Dann begann ich, von mei­nem Vater mit freundlichem Ernst geleitet und beraten, in Bern zu studieren. Die gediegene, aber etwas trockene Weisheit der Professoren Lüdemann, Steck und Marti habe ich, ohne vorerst Überblick zu gewinnen, jedenfalls fleißig nachgeschrieben. Mit unvergleichlich viel mehr Anteilnahme, aber gerade darum nicht ohne Ausschau nach neuen eigenen Wegen folgte ich den Vorlesungen und Übungen meines Vaters. Das erste Buch, das mich als Student wirk­lich bewegt hat, war Kants Kritik der Praktischen Vernunft, von der aus ich kurz nachher in Herrmanns Ethik mein erstes theologisches Refugium fand. Viel Zeit, Geld und Kraft ver­brachte ich in dieser Zeit in der Studentenverbindung Zofingia; sie war von der damals erst leise anhebenden Jugendbewegung auch noch nicht aufs Leiseste angekränkelt; meine Le­bensfreunde habe ich später auf ganz anderen Wegen gefunden; doch möchte ich um der fröhlich farbigen Erinnerung willen auch dieser Episode nachträglich nicht gram sein. Nach der im Herbst 1906 abgelegten sog. propädeutischen Prüfung (Philosophie, Religionsge­schichte, Kirchengeschichte, Bibelkunde) nach schweizerischer Übung auslandsreif gewor­den, strebte ich nach Marburg, während mein Vater mich gerne nach Halle oder Greifswald hätte ziehen sehen. Das Resultat war, daß ich nach dem angeblich neutraleren Berlin kam, wo ich aber Seeberg weislich umging, von Holl in meiner Torheit leider keine Notiz nahm, dafür Harnack (und mit nicht weniger Eifer auch Kaftan und Gunkel) mit solcher Begeisterung hörte, daß ich über einer für sein kirchenhistorisches Seminar übernommenen Arbeit fast völlig versäumte, von den mannigfaltigen Anregungen der fremden Großstadt den für meine Allgemeinbildung nötigen Gebrauch zu machen. Nach einem Sommersemester in Bern, das mit «Arbeit» als Präses meiner Verbindung fast völlig drauf­ging, und einem vierwöchigen Vikariat in einer großen Gemeinde des Berner Oberlandes bezog ich im Wintersemester 1907/08, der nun schärfer zugreifenden väterlichen Autorität, nicht dem eigenen Trieb gehor­chend, die Universität Tübingen, hörte mit heftigster Renitenz Schlatter, mit Erstaunen Hae­ring, mit Freude nur den Kirchenrechtler F. Fleiner (jetzt in Zü­rich), erstellte eine umfang­reiche, in Bern erforderliche Examensarbeit über das selbstgewähl­te Thema «Der Descensus Christi ad inferos in den ersten 3 Jahrhunderten», besuchte mehr­fach, aber ohne gründlichere Einsicht Bad Boll und beteiligte mich als Gast der «Königsge­sellschaft» auch hier an allerlei studentischen Allotria. Im Sommer 1908 endlich brachten allerlei Umstände es mit sich, daß ich das um des einen Herrmanns willen so heiß erstrebte Marburg nun doch noch aufsuchen durfte. Ich bekam nun endlich zu hören, was ich damals hören wollte, außer von Herrmann besonders von Heitmüller, während ich mich in Jülichers Art wieder weniger zu finden wußte, stieg im Herbst leidlich wohlgerüstet in das zweite (systematische und praktische) Examen, versah ein zweites Mal, diesmal im Berner Jura, selbständig ein Vikariat und kehrte dann, von Rade mit einer Hilfsredaktorenstelle an seiner «Christl. Welt» freundlich bedacht, für ein wei­teres Jahr an die Ufer der Lahn zurück. Diese 3 Semester in Marburg bilden schlechtweg mei­ne schönste studentische Erinnerung. Ich habe Herrmann mit allen Poren in mich aufgenom­men. Ich meinte mich durch eingehendes Studium von Kant und Schleiermacher endgültig theologisch zu fundamentieren. Ich bekam durch meine Arbeit an der Christi. Welt interessan­testen Kontakt mit der damaligen theologischen und kirchlichen Zeitbewegung. Ich fand vor allem zwei Freunde, die es noch heute sind und die es bleiben werden: Eduard Thurneysen (jetzt in St. Gallen-Bruggen) und Wilhelm Loew (jetzt in Remscheid). Der damals im Mittel­punkt unserer Diskussionen stehende Name Troeltsch bezeichnete die Grenze, diesseits derer ich der damals herrschenden Theologie die Gefolgschaft verweigern zu müssen meinte. Im übrigen fühlte ich mich (wie Z.Th.K. Jahrg. 1909 ausweist!) als ihr entschlossener Anhänger. So kam ich im Herbst 1909 ins praktische Amt, und zwar als pasteur suffragant an die deut­sche reformierte Gemeinde in Genf, die ich infolge von Vakanz der Hauptstelle sofort ein halbes Jahr lang allein zu versehen hatte. Der Genius Loci (ich hatte ausgerechnet in Calvins Auditoire allsonntäglich zu predigen) mag es veranlaßt haben, daß ich mich hier neben dem immer und immer wieder gelesenen Schleiermacher mit starken Eindrücken in Calvins Insti­tutio vertiefte. Ich erlebte aber keine subita conversio, meinte vielmehr idealistisch-romanti­sche und reformatorische Theologie sehr wohl in mir vereinigen zu können. In diesem Sinn habe ich damals eine größere Abhandlung über Glaube und Geschichte drucken lassen, die besser ungedruckt geblieben wäre. In Genf lernte ich Nelly Hoffmann kennen, die 1913 meine Frau geworden ist. Die Absicht, in Marburg den Lic. Theol. zu erwerben, kam aus inneren und äußeren Hemmungen nicht zur Ausführung. Der Betrieb der wissenschaftlichen Theolo­gie begann mir, je länger ich zu predigen und zu unterrichten hatte, «irgendwie» fremd und rätselhaft zu werden. In verstärktem Maße geschah dies, als ich 1911, wie einst mein Vater, in den Aargau kam: in die Bauern- und Arbeitergemeinde Safenwil, in der mir, nicht ohne Ein­fluß der damals auf ihrem Höhepunkt stehenden Verkündigung von Kutter und Ragaz, die soziale Frage und Bewegung brennend wichtig wurden. In dem Klassengegensatz, den ich in meiner Gemeinde konkret vor Augen hatte, bin ich wohl zum ersten Male von der wirklichen Problematik des wirklichen Lebens berührt worden. Dies hatte zur Folge, daß meine Beschäf­tigung mit der Theologie (der 1912 erfolgte Tod meines Vaters mochte das Seine dazu beitra­gen) sich für Jahre auf die allerdings sehr sorgfältige Vorbereitung von Predigt und Unterricht reduzierte, während mein eigentliches Studium sich auf Fabrikgesetzgebung, Versicherungs­wesen, Gewerkschaftskunde und dgl. richtete und mein Gemüt durch heftige, durch meine Stellungnahme auf Seiten der Arbeiter ausgelöste, lokale und kantonale Kämpfe in Anspruch genommen war. Eine Wendung brachte erst der Ausbruch des Weltkriegs. Er bedeutete für mich konkret ein doppeltes Irrewerden: einmal an der Lehre meiner sämtlichen theologischen Meister in Deutschland, die mir durch das, was ich als ihr Versagen gegenüber der Kriegs­ideologie empfand, rettungslos kompromittiert erschien – sodann am Sozialismus, von dem ich gutgläubig genug noch mehr als von der christlichen Kirche erwartet hatte, daß er sich jener Ideologie entziehen werde, und den ich nun zu meinem Entsetzen in allen Ländern das Gegenteil tun sah. In dieser heillosen Verlegenheit ist mir zuerst die prinzipiell an der christli­chen Hoffnung orientierte Botschaft der beiden Blumhardt einleuchtend geworden. Ich ver­danke die Bekanntschaft mit ihr meinem Freund Eduard Thurneysen, der 7 Jahre lang neben mir aargauischer Pfarrer gewesen ist und mit dem ich in dieser Zeit zu unzähligen besorgten Aussprachen zusammengekommen bin. Noch dachte und predigte ich zunächst auf den alten Linien weiter. Noch hielt ich es gerade damals für geboten, nun gerade mich auch äußerlich der sozialdemokratischen Partei anzuschließen. Über den liberal-theologischen und über den religiös-sozialen Problemkreis hinaus begann mir doch der Gedanke des Reiches Gottes in dem biblischen real-jenseitigen Sinn des Begriffs immer dringlicher und damit die allzulange als selbstverständlich behandelte Textgrundlage meiner Predigten, die Bibel, immer proble­matischer zu werden. Immer noch reichlich naiv wurde eines bestimmten Tages im Jahre 1916 zwischen Thurneysen und mir ausgemacht, daß man sich zwecks weiterer Klärung der Lage der wissenschaftlichen Theologie wieder zuzuwenden habe. Hätten wir gewußt, was kam, wir würden wohl auch dazu die Parrhesie nicht gefunden haben. Am folgenden Morgen fand ich mich, umgeben von einem Stoß von Kommentaren etc., vor dem Römerbrief des Apostels Paulus mit der, wie mir schien, ganz neu aufzuwerfenden Frage nach dem, was denn nun eigentlich dastehe. Aus den Notizen, die ich mir darüber zu machen pflegte, ist nachher das bekannte umstrittene Buch geworden. Es stand mehr, als ich selbst merkte, unter starkem Einfluß bengel-oetinger-beck’scher und (auf dem Umweg über Kutter auch schellingscher) Gedanken, die sich nachher für das, was zu sagen war, als nicht tragfähig erwiesen. Ich habe das Buch zunächst wirklich nur für mich selbst und etwa zur privaten Erbauung von Eduard Thurneysen und anderen Mitbekümmerten geschrieben. Von den Weiterungen, die es nach sich ziehen sollte, hatte ich auch 1918 noch keine Ahnung, als ich es mit Hilfe eines befreun­deten Großkaufmanns in einem Berner Verlag erscheinen ließ, wo es durch eine mit Thurn­eysen zusammen herausgegebene kleine Predigtsammlung vorbereitet war. Daß ich Dinge gedacht und ausgesprochen hatte, die ich vor einer größeren Öffentlichkeit zu verantworten haben werde, das begann mir erst klar zu werden, als ich im September 1919, zu einem Vor­trag an der religiös-sozialen Tagung in Tambach (Thür.) aufgefordert, zum ersten Mal der gänzlich veränderten Lage im Deutschland der Nachkriegszeit ansichtig wurde. Hier begeg­nete ich u. a. dem Stelzendorfer Pfarrer Friedrich Gogarten, der auf seinem Dorf auf ganz anderen Wegen in ganz ähnliche Sorgen und Erwägungen wie ich verwickelt worden war. Hier fand ich auf einmal einen Kreis und Ausblick auf weitere Kreise von Menschen, zu deren Unruhe sich meine Versuche verhielten wie Antworten zu Fragen – Antworten, die mir doch gerade in dem nun anhebenden Verkehr mit diesen deutschen Zeitgenossen unter der Hand selber wieder zu Fragen wurden. Die Begrüßung mehr als eines dieser nach Realitäten hungri­gen Geister ließ mich stutzig werden, ließ mich die Frage nach dem biblischen Sinn des «Rei­ches Gottes» ein zweites Mal aufwerten, angeregt durch die posthumen Veröffentlichungen von Overbeck, durch den mit Hilfe meines jüngsten Bruders (Privatdozent der Philosophie in Basel) von Plato her neuverstandenen Kant, durch die jetzt erst in gewisser Auswahl verstan­denen Kierkegaard und Dostojewski — während gleichzeitig gehaltene Serienpredigten über den Epheser- und den 2. Korintherbrief mich weiter in Paulus selbst hineinführten —, dafür unabhängiger von der altwürttembergischen und sonstwie spekulativen Theologie und in jetzt erst klargewordener und ausgesprochener offener Opposition zu Schleiermacher, dessen Un­brauchbarkeit nachher von Emil Brunner im Zusammenhang dargestellt worden ist. Das erste Dokument dieser Wendung ist der Aarauer Konferenzvortrag «Biblische Fragen, Einsichten und Ausblicke» von 1920. Von da an überstürzten sich die Dinge. Der Römerbrief ging an einen den Kairos besser erfassenden Münchener Verleger über, dem ich ihn aber zunächst nach Absatz der ersten Auflage wieder entreißen mußte, um ihn einer völligen Umgestaltung zu unterziehen. Mitten in dieser Arbeit überraschte mich eines Morgens im Februar 1921 die Anfrage des alten Pfarrers Heilmann und später des preußischen Kultusministeriums, ob ich die in Göttingen zu errichtende Honorarprofessur für reformierte Theologie zu übernehmen willens sei. Ich kann jetzt, 6 Jahre später, wohl gestehen, daß ich damals die reformierten Bekenntnisschriften nicht einmal besaß, geschweige denn gelesen hatte, um von allerhand anderen ungeheuerlichen Lücken meines Wissens nicht zu reden. Wenn ich trotzdem nach kürzester Besinnung zusagte, so geschah es aus der unmittelbaren Empfindung, daß nach Lage der Dinge mein Ort bei der deutschen theologischen Jugend sei und nicht anderswo, und in der blinden Zuversicht, daß es mit der Wissenschaft und – mit der Obsorge für meine mun­ter heranwachsende Kinderschar da draußen irgendwie gehen müsse und werde. So übersie­delten wir im Oktober, 14 Tage nachdem die 2. Auflage des Römerbriefs fertig geworden war und unter allerlei stürmischen Ereignissen in meiner Gemeinde, in die ferne Stadt Albrecht Ritschls, wo ich mit einer Sicherheit, die mir heute wieder unbegreiflich ist, alsbald die Bü­cher aufschlug, über deren Inhalt ich nun unversehens und sofort akademische Vorträge zu halten berufen war. Es fand sich zum Glück, daß meine Theologie, wie sie bis dahin gewor­den war, reformierter, calvinischer war, als ich selbst gewußt hatte, so daß ich meiner kon­fessionellen Sonderaufgabe mit Freude und gutem Gewissen nachgehen konnte. Die gewisse Unbestimmtheit meines Lehrauftrags sorgte dafür, daß ich die Aneignung wenigstens der nötigsten Stoffe, die ich, auf diese Zukunft nicht gefaßt, früher versäumt hatte, Schritt für Schritt wenigstens in etwas nachholen konnte. Trost und Ermunterung war es mir, als ich im Februar 1922 von der Kunde überrascht wurde, daß ich von der theologischen Fakultät Mün­ster zum D. Theol. ernannt worden sei. Und für die Dankbarkeit, mit der ich mich von seiten vieler Göttinger Studenten alsbald umgeben sah, war ich ihnen dankbarer, als sie wissen konnten. Aus einer in Göttingen gehaltenen Vorlesung ist 1924 das Buch über 1. Kor. 15 hervorgegangen. Es waren freilich saure Jahre, da ich fortwährend nicht nur gleichzeitig lernen und lehren, sondern mich auch noch als Vertreter einer neuen theologischen Richtung in Form von Vorträgen und öffentlichen Diskussionen nach allen möglichen Richtungen legitimieren bzw. meiner Haut wehren mußte. Und daß der Fremdling aus Neutralien das Deutschland der Nachkriegszeit nun von allen Seiten kennen lernte, dafür sorgte die Infla­tionszeit und die in Göttingen besonders lebhaften Erregungen des Ruhrkampfes. Die Heraus­gabe der Zeitschrift «Zwischen den Zeiten» gemeinsam mit Georg Merz, Thurneysen und Gogarten (seit 1923) schuf neue Möglichkeiten, aber auch neue Sorgen, Verantwortlichkeiten und Angriffsflächen. Aber es war doch so, daß ich aus den Ferien in der Schweiz, wo ich im «Bergli» meines Freundes Rudolf Pestalozzi am Zürichsee eine zweite Heimat habe, immer gerne wieder nach Deutschland und zu den deutschen Menschen zurückkehrte.

Ende des Sommersemesters 1925, als ich eben meinen ersten dreisemestrigen Kurs über Dog­matik hinter mir hatte, erhielt ich die Nachricht, daß wiederum die evangelisch-theologische Fakultät Münster mich zum o. Professor für Dogmatik und NTliche Exegese mit Erfolg vor­geschlagen habe. Wiederum hatte ich, nachdem mich eine gewisse Beengung meiner äußeren Stellung in Göttingen gelegentlich (wenn auch nicht allzusehr) gestört hatte, keinen Grund, dem Ruf des Vertrauens nicht vertrauensvoll zu folgen, und bereue es bis heute nicht, es getan zu haben. Möchte dies auf Gegenseitigkeit beruhen. Ein etwas schwieriger Fall, der in mehr als einer Hinsicht der kollegialen und christlichen Geduld bedürftig ist, werde ich wohl nach meiner Meinung immer bleiben.

Münster, 26. März 1927                                                                                             Karl Barth

Handschriftlich in das Fakultätsalbum der Ev.-Theol. Fakultät in Münster (1927) eingetra­gen, zuerst veröffentlicht in: Ernst Wolf, In memoriam Karl Barth. Rede, gehalten am 4. Juni 1969 bei der Gedenkfeier der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn für ihren einstigen Ehrensenator (Alma Mater. Beiträge zur Geschichte der Universität 31), Bonn 1969, S. 26ff.

Quelle: Bernd Jaspert (Hrsg.), Karl Barth – Rudolf Bultmann Briefwechsel 1922-1966, Zürich: TVZ, 1971, S. 301-310.

Hier der Text als pdf.

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